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"Die Propaganda hat gewirkt"

"Die Propaganda hat gewirkt"
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Als Freerk Valentien 1933 zur Welt kam, gab es die Galerie schon, die er später 45 Jahre lang geführt hat. Valentien ist in der NS-Zeit aufgewachsen und heute Stuttgart-21-Gegner. Der 86-Jährige hat viel zu erzählen – auch von damals, als Oskar Schlemmer im Keller vom Keller malte.

Seine Lebensgeschichte lässt sich von derjenigen der Galerie, die er von 1968 bis 2013 geführt hat, nicht trennen. Und so muss Freerk Valentiens Geschichte, wie die von Laurence Sternes "Tristam Shandy", schon vor seiner Geburt beginnen. Sein Vater Fritz Cornelius Valentien stammte von der Waterkant. Auf der Nordseeinsel Norderney geboren, war er 1924 zu einem Volontariat im damals führenden Kunsthaus Schaller nach Stuttgart gekommen. Nach einem Kunstgeschichtsstudium in Wien stieg er 1929 mit seinem Bruder Tobias in den Kunst- und Kunstbuchhandel ein, während ihr älterer Bruder Otto sich im selben Jahr, ebenfalls in Stuttgart, als Gartenarchitekt selbständig machte.

F. C. Valentien im Nationalsozialismus

Über die Ausstellung zum Kunstmuseum in der NS-Zeit hat Kontext berichtet. Zu den Recherchen des Kurators Kai Artinger schrieb Valentien an Kontext: "Sein Versuch, die Rolle meines Vaters zu 'entzaubern' – wie Sie schreiben –, stört mich nicht im geringsten (oder vielleicht doch ein wenig?). Ich sehe hier einen Übereifer, ähnlich wie im Fall Gurlitt, den man heute anders bewertet als nach dem ersten 'Zugriff' durch die bayerische Staatsanwaltschaft."

Zu diesem Thema war für den 19. Mai im Kunstmuseum eine Podiumsdiskussion mit der Direktorin Ulrike Groos, Artinger und Imke Valentien angekündigt. Sie fällt coronabedingt aus, der neue Termin steht derzeit noch in den Sternen.

Individuelle Besuche sind in der Galerie Valentien derzeit nach Voranmeldung weiterhin möglich.  (dh)

Vom Hahn-und-Kolb-Haus in der unteren Königstraße zog die Galerie wahrscheinlich 1933 in den Königsbau um. Ganz genau weiß Freerk Valentien dies nicht, denn bei der Zerstörung des Königsbaus im Krieg gingen die Geschäftsbücher verloren. Gleich im März 1933 übernahm F. C. Valentien, wie der Vater seinen Namen im Briefkopf abkürzte, Teile einer Ausstellung von Oskar Schlemmer, die im Württembergischen Kunstverein geschlossen worden war. "Am Anfang hat man geglaubt, man muss Charakter zeigen", meint der damals 77-jährige Galerist 1979 in einem Fernsehinterview, "nachher ging das ja nicht mehr."

Für seine Ausstellungen mit modernen Künstlern nahm F. C. Valentien vehemente Kritiken im NS-Kurier und Gestapo-Verhöre in Kauf. "Ist sich Valentien darüber klar, dass er sich im Sinne wirklicher Kunstpflege kein Verdienst erwirbt, wenn er solche Kunst propagiert?", schreibt Carl Albert Drewitz, später Pressereferent von Joseph Goebbels, am 13. September 1933 drohend zu einer Ausstellung. "Die Zeit hat gegen Oskar Schlemmer und ähnliche Experimentierer entschieden, die ihre Versuche als vollendete Kunstwerke anzubieten wagen."

Oettinger ist kein Freund mehr – wegen S 21

Der Sohn sagt dagegen: "Ich war ein begeisterter Nazi-Anhänger. Im Jungvolk mit elf Jahren wollten sie mich an die Napola in Sonthofen schicken, aber meine Eltern haben das irgendwie unterbunden." Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten gab es seit 1933. Ihre Aufgabe war die "Erziehung zu Nationalsozialisten, tüchtig an Leib und Seele für den Dienst an Volk und Staat". Für den Vater hätte das gefährlich werden können. "Andere Jungvolk-Angehörige haben ihre Eltern oft verraten", so Valentien. Aber: "Die Gefahr bestand bei uns nicht, meine Eltern waren viel zu liebevoll mit mir."

Valentien, der die Galerie 2013 seiner Tochter Imke überlassen hat, empfängt Besucher in der Schönleinstraße, weiter oben an der Gänsheide, wo er auf zwei Etagen weiterhin auch selbst Kunst ausstellt. Seine 86 Lebensjahre möchte man dem Galeristen nicht abnehmen, so wach, interessiert und energisch spricht er über die Kunst, seine Galerie, die nationalsozialistische Zeit, in der er aufgewachsen ist, aber auch vom heutigen Stuttgart. Mit Günther Oettinger hat er früher Tennis gespielt. Ein netter Kerl, meint er. Doch die Freundschaft hat er ihm schriftlich gekündigt: wegen Stuttgart 21. Valentien ist ein entschiedener Gegner des Projekts. Seiner Meinung nach macht Stuttgart noch einmal denselben Fehler wie in der Nachkriegszeit: Es opfert seine Substanz für den Verkehr.

Gleich im Eingang der Ausstellungsräume in der Schönleinstraße hängt zwischen einem Lokomotivführer und einer Krankenschwester von Volker Böhringer, beide 1936 entstanden, ein wilhelminischer Polizeibeamter mit Pickelhaube von Franz Lenk. Böhringer musste zu jener Zeit als Student die Akademie verlassen. Er malte heimlich, in eigenen Worten "härter als Otto Dix", eine Welt des Verfalls, von den Behörden wurde ihm auch noch in der Nachkriegszeit übel mitgespielt. Lenk dagegen, der mit dem Polizisten seinen eigenen Vater porträtierte, war Mitglied im Präsidialrat der Reichskulturkammer – um Schlimmeres zu verhindern, meint Valentien.

Seiner Familie, die im Herdweg wohnte, drohte damals Gefahr von ganz anderer Seite. In der Straßenbahn Linie 7 traf der Vater manchmal Hugo Borst, den früheren kaufmännischen Direktor des Unternehmens Bosch. "Dann hat der laut über die Nazis geschimpft" – wie Freerk Valentien selbst miterlebt hat. "Borst hat so laut gesprochen, weil er schlecht gehört hat. Der stand mit seinem großen Messinghörrohr da und hat losgelegt!" Seinem Vater sei dies ziemlich unangenehm gewesen. "Er hat sich eher still verhalten, aus Selbsterhaltungsgründen. Hugo Borst war natürlich eine Persönlichkeit, die war unangreifbar."

Aus sechs Wochen wurden 50 Jahre

"Die Propaganda hat auf die Jugendlichen gewirkt", meint Valentien heute. Nach dem Krieg fiel es ihm aber nicht schwer, die Nazi-Ideologie wieder abzulegen. Seine Hitlerjugend-Uniform hat er sofort verbrannt, aus Angst vor den Amerikanern. Diese Periode war für ihn eine "herrliche Zeit". Seine Großmutter versorgte die Familie mit selbst angebauten Lebensmitteln. Er stromerte durch die Ruinenlandschaft und fotografierte.

Weniger gefiel ihm, dass die Eltern ihn in die Waldorfschule auf der Uhlandshöhe steckten: "Dagegen habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt. Ich war hinterher aber sehr froh." Denn er hatte gute Lehrer, die während des Kriegs im Untergrund gewirkt hatten und aus Überzeugung und Idealismus an der Waldorfschule lehrten. Dies war wohl auch der Grund für die Entscheidung der Eltern, die selbst keine Anthroposophen waren.

Von der Ausstellungstätigkeit seines Vaters bekam er nicht viel mit. "Wenn Hitler im offenen Mercedes durch die Königstraße fuhr, oder nach dem Krieg Queen Elisabeth, stand ich im Schaufenster und habe hinausgesehen." Sonst war er kaum in der Galerie, die sein Vater im zerstörten Königsbau zunächst provisorisch als Holzbaracke wieder aufbaute. Er weiß vieles nicht so genau, was ihn heute brennend interessieren würde: etwa warum seinem Vater der Einsatz als Sanitätssoldat an der Ostfront erspart blieb, wo er eine Überlebenschance von wenigen Wochen gehabt hätte, und er stattdessen am Amt für Preisüberwachung im Lazarett Raitelsberg eine ruhige Kugel schieben konnte.

Valentien studierte dann Kunstgeschichte in Freiburg. Er konzentrierte sich aber ganz auf die mittelalterliche und byzantinische Kunst und schrieb seine Doktorarbeit über die romanischen Goldschmiedearbeiten im Kloster Comburg bei Schwäbisch Hall. Anschließend wollte er eine Stelle am Liebighaus, dem Frankfurter Skulpturenmuseum antreten. Doch es kam anders.

"Mein Vater, listig wie er war, sagte eines Tages, er müsse sechs Wochen verreisen. Ob ich ihn solange vertreten könne. Er hatte ein großes Packpapier über den Schreibtisch gelegt und verkündete, was darunter läge, würde er nach seiner Rückkehr erledigen." Valentien wurde neugierig. Und aus den sechs Wochen sind fünfzig Jahre geworden. Fünf Jahre, nachdem er vertretungsweise eingesprungen war, übernahm er die Galerie. Sein Vater hatte ein kleines Haus bei Malaga in Südspanien erworben, wo er seinen Lebensabend verbringen wollte. In den Ferien war er jedoch immer da und machte im Königsbau Vertretung.

1975 erwarb Valentien die Villa Kopp von Paul Bonatz auf der Gänsheide, um dort im Garten, der dafür statisch ertüchtigt wurde, Skulpturen auszustellen. Einige davon sind heute aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Es fing an mit Alfred Hrdlicka. Drei seiner Bronzefiguren, den "Marsyas", einen "Sterbenden" und eine "Hommage à Sonny Liston" – den amerikanischen Schwergewichtsboxer – stellte die Galerie zum Internationalen Künstlerkongress 1979 vor dem Kleinen Schlossplatz auf. Nach und nach erwarb die Stadt die Skulpturen, die heute – aktuell nicht zu sehen wegen der Sanierung – vor der Stauffenberg-Gedenkstätte am Alten Schloss stehen: ein Platz, den Valentien ebenso gut findet.

1980 ergab sich die einmalige Chance, eine Ausstellung des berühmten Bildhauers Aristide Maillol nach Stuttgart zu holen. Valentien war mit Dina Vierny, früher Maillols Modell und nun seine Nachlassverwalterin, in Kontakt gekommen. Zur Gründung des Musée Maillol in Paris brauchte sie noch Geld. So kam es zur Ausstellung in Valentiens Skulpturengarten, und die Stadt Stuttgart gelangte in den Besitz der Bronze "Die Nacht", die vor einiger Zeit aus Angst vor Metalldieben von ihrem früheren Standort beim Kunstgebäude ins Kunstmuseum verfrachtet wurde. Später in den 1980er Jahren zog die Galerie ganz auf die Gänsheide.

Ein 700 Kilo schweres Bild

Eine besondere Geschichte verbindet sich mit dem letzten Wandbild von Oskar Schlemmer. Der Verleger Dieter Keller hatte den Künstler 1933 in der Galerie Valentien kennengelernt. 1940 beauftragte er ihn, im Keller seines Privathauses im Stadtteil Dachswald eine Wand zu bemalen. Schlemmer war damals gezwungen, sich mit Gelegenheitsarbeiten wie Tarnanstrichen über Wasser halten. Im Robert-Bosch-Krankenhaus hatte er eben erst einen konventionellen Vier-Jahreszeiten-Zyklus beendet: ein Auftrag, um zu überleben, mehr nicht. Bei Keller konnte er ein letztes Mal seine eigenen Vorstellungen verwirklichen.

"Die Familie", so heißt das Werk, besteht aus abstrahierten Figuren vor geometrischen Grundformen in reinen Farben und bezieht sich auf seinen Auftraggeber, der gerade eingezogen werden sollte, während seine Frau hochschwanger war. Valentien hat im Keller des Hauses, wo sich das Bild befand, die Bombennächte zugebracht. Seine Familie hatte gleich nebenan von Hugo Borst den Knappenhof gemietet, der jedoch keinen Luftschutzkeller besaß. Nur das Haus Keller hat den Krieg überlebt. Die Nachbesitzer versteckten das Bild hinter einem Vorhang. Später in den 1990er Jahren wollte der nächste Käufer das Haus ganz abreißen, das eigentlich samt Bild unter Denkmalschutz stand.

Valentien setzte alle Hebel in Bewegung, um das Bild zu retten. Fünf Jahre hat ein Schweizer Restaurator unter seiner Aufsicht am Ausbau gearbeitet. Dann musste das 700 Kilogramm schwere Stück in die Schweiz ausgelagert werden, da der Schlemmer-Enkel Raman darauf bestand, ohne das Haus sei das Bild nichts wert. Erst als 70 Jahre nach Schlemmers Tod das Urheberrecht auslief und die Staatsgalerie eine große Ausstellung vorbereitete, gelang es dem Galeristen, das Museum zu überzeugen, sich mit Hilfe vieler Spender des Werks anzunehmen.

Wie sieht einer, der seine komplette Kindheit bis zum zwölften Lebensjahr im Nationalsozialismus zugebracht hat, heutige rechte Tendenzen? "Das regt mich wahnsinnig auf!", gibt Valentien wie aus der Pistole geschossen zurück. "Nachdem man das Dritte Reich erlebt hat: Das ist nicht auszuhalten. Auch in Italien, Salvini: Wenn ich im Grab läge, würde ich mich dauernd rumdrehen." Er sieht aber auch andere Kräfte am Werk, die ihm Mut machen, und nennt Greta Thunberg.


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