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Tandemie

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Das Zweipersonenrad scheint ideal, in coronösen Zeiten Sport zu treiben, ohne Kontaktverbote zu verletzen. Dabei geriert sich das Tandem als gemeinschaftlich-solidarisch-progressiv. Doch ein kritischer Blick entlarvt es als reaktionäres Zwei-Klassen-Gefährt. Ein Pamphlet zum 1. Mai.

Allzu leicht sitzt man dieser irrlichternden Konstruktion auf. Viel zu viele halten sie für harmlos. Für unbedenklich. Und selbst den sich progressiv wähnenden Teilen des Menschengeschlechts mag die Tandemfahrt zunächst als emanzipatorischer Akt erscheinen. "Kommt, lasst uns die Kräfte bündeln und dem gemeinsamen Ziel beschleunigt entgegensausen!" – mit solcherlei Verheißungen würde das Vehikel, sofern es denn sprechen könnte, ganze Heerscharen nichtsahnender Pedalritter – und vor allem Pedalknechte! – ködern. Der Weg als Ziel und die Reise als Gemeinschaftswerk: Was für eine wunderbare Vorstellung.

Doch, ach!, eine Vorstellung nur. An der mich ausgerechnet mein eigener Vater zweifeln und verzweifeln ließ.

Er saß, wie er freimütig einräumt, schon mal auf einem Tandem – vorne nämlich. Und er erinnert sich auch noch genau, wie anstrengend es war, den Lenker zu bedienen. An seine Besatzung aber, das ist die bittere Realität, erinnert er sich nicht mehr. Wer auch immer sich auf den hinteren Plätzen die Seele aus dem Leib gestrampelt haben mag, ist der Vergessenheit anheimgefallen. Und wieder einmal bewahrheitet sich: Der einfache Arbeiter, der sich unter großer Anstrengung in einem Prozess verausgabt, auf dessen Ziel und Verlauf er kaum Einfluss hat, ist im Vergleich zu seinen Vorgesetzten einen Scheißdreck wert.

Anti-egalitär und demokratiefeindlich

Manchen mag die Fundamentalkritik am Tandem übertrieben vorkommen, wo es doch so unschuldig wirkt, ja, beinahe ulkig. Sobald aber der Schleier fällt, ist das Tandem als das anti-egalitärste Gefährt überhaupt entlarvt: In privilegierter Position lenkt das Mehrpersonenrad ein autoritärer (Fahrzeug-)Führer und gaukelt den Hinterbänklern Möglichkeiten der Einflussnahme vor. Sie dürfen eventuell Unmut über die Kurswahl artikulieren oder vielleicht Empfehlungen vorbringen, wo es als nächstes hingehen könnte. Sobald es aber ans Entscheiden geht, an die Steuerung der gemeinsamen Geschicke, marginalisiert dieses tendenziell demokratiefeindliche Vehikel die Mitgestaltungsmöglichkeiten einer lenkerlosen Strampelklasse.

Während ein gelegentliches Entgegenkommen der Obrigkeit grundsätzlich denkbar ist – um die Untertanen vom Aufstand abzuhalten –, ergibt sich die abgrundtief auseinanderklaffende Ungleichheit zwischen Fahrzeugführer und Pedalknecht notwendigerweise aus den systemischen Voraussetzungen des Tandems: Wenn auch die Anzahl der Sitzplätze variieren mag, so gibt es doch immer nur einen einzigen Lenker. Ist diese Stelle an der Spitze vakant, gestaltet sich die Fahrt schlechterdings als unmöglich.

Daher mag der Protest, der Strampelstreik der Hinterbänkler, vielleicht von Zeit zu Zeit Erfolge erzielen – zumal er ein jedes Mal verdeutlicht, wie abhängig die Vorgesetzten zum Erreichen ihrer Ziele von den Tretanstrengungen des Kollektivs sind. Doch um wirklich gleichwertige Positionen zu erkämpfen, bleibt letztlich nur ein Mittel: der Umstieg auf ein neuartiges Gefährt. Der Zeitpunkt könnte besser kaum sein: Die Megamaschine steht so still wie schon lange nicht mehr und der Tag der Arbeiter ist da. Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren, außer ihrer Kette.


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5 Kommentare verfügbar

  • Burk Hardy
    am 02.05.2020
    Antworten
    Liebe Minh,

    meine Sichtweise auf das Tandem ist eine andere, nicht minder politische. Ich habe viele Jahrzehnte auf dem Buckel und habe dem entsprechend viele Tandems fahren gesehen. Was mir immer wieder sehr unangenehm auffiel: IMMER saß der Mann vorne, und die fast immer kleinere Frau durfte…
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