Bei Aesculap gehen die Uhren anders. Und weniger arbeiten darf man auch.

Ausgabe 369
Schaubühne

Schöne neue Arbeitswelt

Von Gesa von Leesen
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 25.04.2018
Pünktlich zum ersten Mai wird die Zukunft der Arbeitswelt wieder großes Thema sein. Beim Medizintechnikhersteller Aesculap in Tuttlingen kriegt man schon heute eine Vorstellung davon, wie die aussehen könnte. Beschäftigte können ihre Arbeitszeit reduzieren oder ein Sabbatical nehmen. Die neue Flexibilität hat allerdings ihren Preis.

"Ich gehe auf eine kleine Weltreise." Tatjana Woblaja freut sich sichtlich, als sie das erzählt. Die 25-jährige CNC-Dreherin steht gerade an einer Drehmaschine und misst ein kleines Metallteil. 13,47 Millimeter lang, 5,57 Millimeter Durchmesser – alles richtig gemacht. Das frisch gedrehte Teil wird für eine der diversen medizinischen Fasszangen benötigt, die bei Aesculap in Tuttlingen gefertigt werden. Woblaja ist eine der ersten Beschäftigten, die das Sabbatical in Anspruch nehmen. Vor zwei Jahren haben Unternehmensführung und die Gewerkschaft IG Metall plus Betriebsrat hier einen Zusatztarifvertrag zur Arbeitszeit abgeschlossen. Seitdem können die 3700 Beschäftigten eine Auszeit nehmen und ihre Arbeitszeit wählen: Zwischen 30 und 40 Wochenstunden sind möglich. Das erinnert an den jüngsten Metall-Tarifvertrag vom Februar.

Um ein Jahr frei zu haben und dann wieder in die Firma zurückkehren zu können, hat Woblaja seit Mai vorigen Jahres nur die Hälfte ihres Lohns bekommen. Wenn die junge Facharbeiterin jetzt den Rucksack für Kanada, Australien, Japan schnürt, kommt ein Jahr lang jeden Monat die andere Hälfte ihres Gehalts aufs Konto. "Das ist natürlich super", sagt sie. "Ich brauche ja nicht viel. Ich schlafe in Hostels, da reicht das." Was sagen ihre – ausschließlich männlichen – Kollegen in der Kurzdreherei dazu? "Die glauben, ich käme gar nicht wieder. Klar ist jedenfalls, dass ich einen Ausstand geben muss." Was hätte sie getan, wenn es in der Firma kein Sabbatical gegeben hätte? Woblaja grinst. "Dann hätte ich gekündigt."

Mit 25 Jahren und einer guten Ausbildung lässt sich so etwas leicht sagen. Wer allerdings schon älter ist, eine Familie gegründet und ein Haus gebaut hat, begibt sich nicht so gerne auf den Arbeitsmarkt. Doch auch diese Frauen und Männer sollten die Möglichkeit haben, ihre Arbeitszeit zu variieren. Das befand jedenfalls vor zwei Jahren Ekkehard Rist, 61 Jahre alt, 18 davon Betriebsratsvorsitzender bei Aesculap. Rist ist ein Mensch mit Ideen. Das Modell für die Wahlarbeitszeit zwischen 30 und 40 Stunden hat er maßgeblich mitausgehandelt. "Die Geschäftsführung war anfangs nicht sehr begeistert", erzählt der gelernte Chirurgiemechaniker. Man habe hart verhandeln müssen, am Ende stand das Modell.

Demnach können die Beschäftigten für zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit ändern. Wenn der Vorgesetzte zustimmt, was nach Aussage von Rist fast immer klappt, beginnt stets am 1. Mai die neue Arbeitszeit. "Am Tag der Arbeit. Darauf habe ich bestanden", sagt Rist. Start war im vergangenen Jahr. Aktuell haben von den 3700 Beschäftigten 285 ihre Arbeitszeit geändert. Was den Außenstehenden überrascht: 80 Prozent davon haben sie sogar erhöht.

Zum Beispiel Daniela Maier und Steffi Wolschendorf. Die beiden Frauen arbeiten in der Logistik. Maier, 57, ist seit 27 Jahren Springerin. Je nach Bedarf bearbeitet sie Reklamationen, kommissioniert, stellt also Warenpakete zusammen, oder sie hilft beim Labeling aus. Der gelernten Tierpflegerin gefällt ihr Job. So sehr, dass sie mehr arbeiten will? Sie lacht. "Ich bin auf 40 Stunden gegangen, weil ich als Springerin sowieso immer viel zu tun habe. Aufs Flexi-Konto dürfen ja nicht mehr als 150 Stunden laufen, und da wurde es bei 35 Stunden bei mir oft eng. Also bin ich hochgegangen und das Mehr an Geld nehme ich auch gerne mit." An ihrem Arbeitstag habe sich nicht viel geändert, doch dafür ändere sich bald Grundlegendes in ihrem Leben. Maier: "In einem Jahr gehe ich in Altersteilzeit."

Mit dem vollen Flexi-Konto begründet auch Wolschendorf ihre neue Arbeitszeit, die nun 39 Stunden beträgt. Ihr Hauptjob ist es, die Logos der Kunden auf kleine Metallcontainer zu lasern. Dafür ruft die 55-Jährige am PC das Logo auf, stellt den Container in den großen Laserdrucker und drückt einen Knopf. "Bei großen Logos kann das bis zu zwölf Minuten dauern, in der Zeit gehe ich zu den Kolleginnen und helfe beim Kommissionieren." Wolschendorf kam 1989 aus Gera nach Tuttlingen, kurz vor dem Mauerfall, wie sie erzählt. Gelernt hat sie "Facharbeiter für Lagerwirtschaft", Logistik passt also. Sie mag ihren Job und die Firma: "Ich bin hier super aufgenommen worden, nach drei Tagen hatte ich das Gefühl, schon immer hier zu arbeiten. Hier möchte ich bis zur Rente bleiben."

Zu den wenigen, die ihre Arbeitszeit reduziert haben, gehört Kai Hässler. Er ist von 35 auf 30 Stunden gegangen. Als ITler installiert er Betriebssysteme und Applikationen. Vor zehn Jahren arbeiteten in seiner Abteilung sechs oder sieben Leute, erzählt Hässler. Dann habe Aesculap seine IT weltweit zentralisiert, das bedeutete, die Abteilung musste stetig mehr Rechner betreuen – aktuell seien es 30 000. Am Schluss seien aber nur noch drei Kollegen in der Abteilung gewesen. Jedes Jahr habe es geheißen, es werde personell besser, erinnert sich Hässler. "Wurde es aber nicht." Mehr Arbeit, weniger Leute – das hinterließ Spuren. "Ich hatte Schlafprobleme und musste mir überlegen, was ich mache." Mit seiner Reduzierung auf 30 Stunden habe er "auch ein Zeichen setzen" wollen, damit sich personell etwas bewege. Das habe allerdings gedauert, sagt Hässler. "Erst jetzt kommt ein Kollege in Malaysia ins Team." Seine Schlafstörungen hätten sich jedenfalls gebessert, die zusätzliche Zeit nutze er für sein Hobby Heimwerken. "Ich habe ein Haus, einen Garten, zwei Katzen und eine Frau." Und weil das Haus abbezahlt sei, könne er sich den Luxus leisten, auf ein paar hundert Euro zu verzichten. "Das kann nicht jeder."

All das hört sich sehr gut an, hat aber seinen Preis: Die Aesculap-Beschäftigten müssen unbezahlte Überstunden leisten. 120 Stunden pro Jahr pro Vollzeitstelle. Ältere und Schichtarbeiter müssen 90 Stunden bringen, Teilzeitler anteilig. Im Zusatztarifvertrag nennt sich das "Standortsicherungsstunden". Rechnet man eher zurückhaltend mit jährlich 90 unbezahlten Überstunden im Schnitt pro Mitarbeiter, macht das 330 000 Gratisstunden im Jahr beziehungsweise rund 180 Vollzeitstellen. Bei einem angenommenen (und eher niedrigen) Durchschnittslohn von 3 300 Euro brutto sind das mehr als 7,2 Millionen Euro, die Aesculap jedes Jahr spart.

Die Aesculap AG ist eine Tochter der B. Braun Melsungen AG. B. Braun beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit knapp 62 000 Menschen. 2017 betrug der Umsatz 6,78 Milliarden Euro (4,9 Prozent mehr als im Vorjahr). Aesculap machte 2017 einen Umsatz von 1,78 Milliarden Euro (plus 3,6 Prozent). Für 2018 erwartet die B.-Braun-Geschäftsführung ein Wachstum von fünf bis sieben Prozent.

"Das schmerzt einen Gewerkschafter natürlich", sagt Georg Faigle von der IG Metall Albstadt, die für Aesculap zuständig ist. "Da muss man enorm aufpassen, dass man nicht über den Tisch gezogen wird und die Gegenseite genügend gibt." Das sei am Ende bei Aesculap gelungen. Denn die Geschäftsführung hat Investitionen über 120 Millionen Euro zugesagt. Bereits fertig ist die neue Kantine – hell und großzügig in der alten Schmiede. Auch die Kunden-Zukunftswelt steht und boomt.

Begonnen hatte das mit den Gratis-Stunden bereits 1999. Damals ging es um den Standort für die neue Benchmarkfabrik für Implantate. Tuttlingen stand in Konkurrenz mit fünf anderen europäischen Standorten. "Uns war damals klar: Wenn diese neue Fabrik nicht kommt, sind auf mittlere Sicht die Implantatefertigung und das Marketing hier weg", sagt Betriebsratschef Rist. Der überzeugte Gewerkschafter ist nicht angetan von den Gratis-Stunden. "Aber wir haben seit dem ersten Standortsicherungsvertrag 2000 keine betriebsbedingten Kündigungen mehr und kaum noch Verlagerungen. Die Logistik wurde erweitert und damit bleibt auch der technische Service hier." Und schließlich habe die IG Metall zugestimmt. "Sonst hätten wir das nicht gemacht."

Rist ist stolz darauf, dass auch das Aesculap-Wahlarbeitszeitmodell Vorbild für die jüngste Forderung der IG Metall nach kurzer Vollzeit war. Im Februar hatten sich die baden-württembergische IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall nicht nur auf 4,3 Prozent mehr Lohn geeinigt, sondern auch auf eine Regelung, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden verkürzen können. Wie man bei Aesculap den Tarifabschluss umsetzen wird, ist noch nicht ganz klar. Rist: "Da steht ja auch drin, dass Firmen, die schon so ein Arbeitszeitmodell haben, das nicht ändern müssen. Aber die Lohnerhöhung bekommen wir natürlich."

Georg Faigle ist jetzt schon gespannt, wie es Ende 2020 weitergeht. Denn dann läuft der jetzige Zusatztarifvertrag aus. Der Gewerkschaftssekretär schätzt den Betrieb Aesculap nicht nur, weil er der größte Arbeitgeber in der Region ist. Die Geschäftsführung sei zugänglich, nicht ideologisch verbohrt und offen für moderne Ideen. "Auch weil sie wissen, dass sie Fachleuten etwas bieten müssen, wenn sie die auf die schwäbische Alb locken wollen." Dennoch müsse das mit den unbezahlten Stunden besser werden. Aesculap sei schließlich ein ertragsstarkes Unternehmen. "Das ist hier keine Armutsveranstaltung."


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