CNC-Dreherin Tatjana Woblaja dreht an ihrer Arbeitszeit. Foto: Joachim E. Röttgers

CNC-Dreherin Tatjana Woblaja dreht an ihrer Arbeitszeit. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 404
Gesellschaft

Zeit ist wichtiger als Geld

Von Gesa von Leesen
Datum: 26.12.2018
Arbeitszeit ist wieder ein heiß diskutiertes Thema in den Gewerkschaften. Aus gutem Grund. Denn Befragungen von Beschäftigten haben ergeben, dass die Arbeitsverdichtung zunimmt: mehr Arbeit in der gleichen Zeit.

Bei Aesculap, einem großen Medizintechnikhersteller in Tuttlingen, können die 3700 Beschäftigten Arbeitszeit schon heute ansparen für ein Sabbatjahr. Sie können auch die Arbeitszeit senken oder erhöhen. Ist Zeit wichtiger als Geld? Das Thema stellt sich immer mehr. 2017 hat die Zahl der Überstunden Rekordwerte erreicht: 2,1 Milliarden Stunden Mehrarbeit leisteten die Beschäftigten in Deutschland, die Hälfte davon unbezahlt. Gleichzeitig zeigen die Statistiken der Krankenkassen, dass die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen ständig anwachsen.

Soldat in Afghanistan mit Kindern

Schöne neue Arbeitswelt

Ausgabe 369, 25.04.2018
Von Gesa von Leesen

Pünktlich zum ersten Mai wird die Zukunft der Arbeitswelt wieder großes Thema sein. Beim Medizintechnikhersteller Aesculap in Tuttlingen kriegt man schon heute eine Vorstellung davon, wie die aussehen könnte.

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Denn es hat weniger mit Selbstbestimmung zu tun, dass so viele zu viel arbeiten. Grund ist vielmehr, dass mehr Arbeit anfällt und Mehrarbeit von den Chefetagen angewiesen wird. In dieses Kräfteverhältnis hat die IG Metall in diesem Jahr eine Bresche geschlagen. In der Tarifauseinandersetzung forderte sie nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Zeit. Und zwa mehr selbstbestimmte Zeit. In diesem Jahr konnten die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie erstmals wählen: Wollen sie im kommenden Jahr eine Einmalzahlung in Höhe von 27,5 Prozent eines Monatsgehalts oder lieber acht zusätzliche freie Tage für Pflege oder Kinder?

Zudem besteht die Möglichkeit, in "verkürzte Vollzeit" zu gehen, also maximal zwei Jahre lang die Wochenarbeitszeit von 35 auf 28 Stunden zu verkürzen. Im November gab die IG Metall bekannt, wie viele Beschäftigte die neuen Möglichkeiten beantragt haben. Es sind fast 200.000 Frauen und Männer, die lieber Freizeit haben statt Geld. Vor allem Schichtarbeiterinnen und -arbeiter beantragten die acht freien Tage. Ein Hinweis, dass die Belastung hier besonders groß ist.

Auch im jüngsten Tarifabschluss der Eisenbahnergewerkschaft EVG mit der Deutschen Bahn AG wurde das 2016 abgeschlossene Wahlmodell ausgeweitet, wonach Beschäftigte zwischen Lohnerhöhung, Arbeitszeitverkürzung und mehr Urlaub wählen können.

Wie Arbeitgeber mit den neuen Tarifverträgen umgehen werden, muss sich noch zeigen. In Firmen wie Aesculap hat man damit bereits Erfahrung.


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