Ausgabe 102
Debatte

Gebrochenes Wort gilt

Von Bruno Bienzle
Datum: 13.03.2013
Stuttgart 21 wird gebaut. Zum wievielten Mal eigentlich wurde das jetzt beschlossen? Endgültig ist dabei schon immer gar nichts, wie unser Blick in die Projekt-Historie zeigt.

Anstoßen auf eine tiefergelegte Zukunft: v. l. n. r. der Stuttgarter OB Manfred Rommel, Verkehrsminister Hermann Schaufler, Bahnchef Heinz Dürr, Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, Ministerpräsident Erwin Teufel 1995. Foto: Martin Storz

Der Aufsichtsrat hat gesprochen, die politischen Paten applaudieren, die Profiteure sind zufrieden. Wir bauen, egal, was es kostet, welche Risiken lauern, was Rechnungshof und Gerichte noch einwenden. Nun also Augen zu und durch beim angeblich bestgeplanten und bestkalkulierten Projekt aller Zeiten der Bahn AG? Die Hoffnung auf ein Ende mit Schrecken bei Stuttgart 21 erneut – und womöglich endgültig – zerstoben? Doch gemach: Die Geschichte dieses Projekts lässt äußerste Zurückhaltung mit Prognosen angeraten sein. 

Gewiss, wenn der oberste Kassenwart der Nation plötzlich Milliarden kleinredet, wenn die Kanzlerin einen Bahnhof zur Schicksalsfrage der Nation hochstilisiert, will das was heißen. Warum hätten bei so viel Protektion von höchster Stelle der Exekutive jene plötzlich klein beigeben und der Wahrheit die Ehre geben sollen, die über Jahre Fakten ignoriert, Risiken weggewischt haben? Mehrmals drohte dem Vorhaben der Offenbarungseid, als Planungs- und Verfahrensmängel zutage traten, Prämissen nicht erfüllt, Prüfsteine verfehlt, Etappenziele in Form erforderlicher Genehmigungen verpasst wurden. Doch was geschah? Die Defizite wurden bestritten, die Dementiermühlen in Gang gesetzt, bestenfalls Nachbesserungen in Aussicht gestellt.

Aus Schotter Nuggets machen

So auch diesmal. Mit dem Beschluss des Aufsichtsrats der Bahn im Rücken warfen sich die Zahlenspieler in die Brust: Bahnchef Grube, eben noch auf Tauchstation, kündigte flugs Klagen gegen die Projektpartner Land und Stadt an, Verkehrsminister Ramsauer gar drohte mit höheren Bahnpreisen, sollten die Gegner nicht schnurstracks zu Kreuze kriechen. Und die politischen Hilfstrupps, vom CDU-Landesvorsitzenden Strobl bis zum Hinterbänkler im Stuttgarter Gemeinderat, bliesen die Backen auf, als hätten sie nie etwas vom viel beschworenen Kostendeckel gehört und diesen vor der Volksabstimmung als K.-o.-Kriterium akzeptiert. 

Wie das? Die Befürworter fühlen sich in ihrer Wagenburg offenkundig sicher, hatte sich doch von Anfang an eine offenbar zu allem entschlossene Allianz der Goldschürfer gefunden, die Stuttgart 21 als Monopoly 21 begriff, bei dem die Verwandlung von Gleisflächen in teuren Baugrund – also von Schotter in pure Nuggets – satte Profite versprach. Da waren und sind die Immobilienentwickler, die eine Bonanza witterten, die Banker, die all das zu finanzieren gedachten, und die Politiker, die – wenn nicht auf ein Denkmal – so doch auf den Popanz eines vermeintlichen Alleinstellungsmerkmals spekulierten. Und schließlich die (örtlichen) Medien, die alles daransetzten, um am großen Reibach zu partizipieren. Die journalistische Prinzipien aufgaben und sich selbst Denkverbote auferlegten, indem sie der schlichten These folgten: Was gut ist für Stadt, Region, (Bundes-)Land, ist gut für uns.

Uns? Gut zuvorderst für den Geschäftsbetrieb Pressehaus Stuttgart mit seinen Untergliederungen. Die "Stuttgarter Zeitung" und die StZ Werbevermarktung, laut Jürgen Dannenmann, bis 2007 Multi-Geschäftsführer unter dem Dach der Südwestdeutschen Medien-Holding (SWMH), die "Lokomotive des Hauses", für die Schwesterzeitung "Stuttgarter Nachrichten", für das Medien-System-Haus (MSH) oder für Stuttgart Internet Regional (SIR), Letztere beide Dienstleister mit allerlei Geschäftsbeziehungen zu Stadt (Produktion und Druck "Amtsblatt") und Regionalverband (Betreuung Internetportal). Ein Projekt dieser Dimension würde Werbebedarf, Geschäftsbesorgungsaufträge und Sonderveröffentlichungen en masse nach sich ziehen. 

Im Pressehaus in Möhringen verständigten sich Geschäftsführung und Redaktionsleitungen auf die simple Formel: Wir sind dafür. Wie bei früherer Gelegenheit profilierte sich der damalige StN-Chefredakteur Jürgen Offenbach als publizistische Vorhut und Herold. Der Mann, der sich als Ruheständler mit seinem Einmannbüro "Offenbach Kommunikation" laut Eigenwerbung als "Lotse im magischen Dreieck Wirtschaft, Politik und Medien" versteht und als "Premiumkunden" Namen wie Stihl, Breuninger oder Fischer-Dübel vorweist, pries schon früh die Vorzüge der vom damaligen Bahnchef Heinz Dürr propagierten Idee, nicht nur der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg eine "neue City" zu bescheren, sondern die zugleich als Blaupause für an die 20 Tiefbahnhof-Projekte in München, Frankfurt, Leipzig und weiteren Städten der Republik dienen sollte. 

Dass solches nirgendwo sonst ernsthaft erwogen, sondern bereits in der Vorprüfung verworfen wurde, konnte weder Dürr noch Offenbach ins Grübeln bringen. Bis heutigen Tages, ausweislich der von Befürwortern aufgegebenen Unterstützeranzeigen. So weit das den Feuerbacher Industrie-Erben Dürr (Dürr AG) betrifft, ist irgendwie ein gewisses Verständnis aufzubringen, hat der vormalige Abwickler der Industrie-Ikone AEG doch beim Versuch, die staatseigene Bürgerbahn börsenfähig zu machen, kaum Akzente gesetzt, sieht man von der Einführung des Schönes-Wochenende-Tickets ab. Seine Zurückhaltung gegenüber der Jury, die seinerzeit der Jungdesignerin und Dürr-Tochter Nicole den ersten Preis im Wettbewerb um die neue Dienstkleidung des ICE-Personals zuerkannte, dürfte eher zur Fußnote gereichen. 

Publizistische Vorleistung für Unsinn aller Art

Doch zurück zum Pressehaus: Wann immer eine Chance winkte, sich als "Motor der Region" zu profilieren, ging Offenbach, Kapitän der "Fregatte" StN, in die Vollen und brachte den "Tanker" StZ (O-Ton Dannenmann) in Zugzwang. Diesmal sollte die publizistische Vorleistung von Erfolg gekrönt sein. Anders als bei OB Schusters Olympiabewerbung oder zuvor bei der Vision "Schwäbischer Louvre", die sich als Flops entpuppten. Letztere Idee hatte der Immobilienspekulant und selbst ernannte Musicalkönig Rolf Deyhle entwickelt. Auf der Suche nach einem repräsentativen Rahmen für seine zeitweilig dem Finanzministerium als Pfand für eine Bürgschaft des Landes angediente Kunstsammlung hatte er dafür in der ihm eigenen Bescheidenheit das komplette Neue Schloss ins Auge gefasst.

Bei einem abendlichen Tête-à-tête in Deyhles damaligem Domizil Totenbachmühle (die später zwangsversteigert wurde) konnte der von den StN zum "Milliardär" ernannte Unternehmer seinen Besucher Offenbach so sehr für seinen Plan entflammen, dass dieser dem eigenen Blatt eine Artikelserie mit der Parole "Kunst oder Beamte?" verordnete, die in einer Leserbefragung mit ebendieser suggestiven Fragestellung gipfelte. Doch trotz Flankenschutz der Landespolitiker Oettinger (damals CDU-Fraktionschef) und Döring (Wirtschaftsminister) endete die Aktion als Schlag ins Wasser. Der vom Land mit einem Wertgutachten vertraulich beauftragte Kunstsachverständige Freerk Valentien hatte den Marktwert der vom Sammler selbst mit "500 Millionen Mark oder mehr" taxierten Sammlung deutlich tiefer eingeschätzt. So fiel es Finanzminister Mayer-Vorfelder leicht, angesichts der Kosten für die Auslagerung zweier Ministerien und unumgänglicher Eingriffe in das hochrangige Baudenkmal den populistischen Vorstoß als Schnapsidee abzuwehren. 

Da eröffnete das als Gelddruckmaschine ausgegebene Projekt eines futuristischen Bahnknotens im Untergrund bei oberirdischem Flächenzuwachs mit Milliardenwert ganz andere Perspektiven und versprach Beifall vonseiten all jener, die Stadtentwicklung mit Wachstum, Geschossflächen und Kubikmetern umbauten Raumes gleichsetzen. Landesregierung, nahezu der komplette Landtag, Oberbürgermeister und die Mehrheit des Gemeinderats, Industrie- und Handelskammer, die Bauwirtschaft sowieso formierten sich, von den Multiplikatoren und den hiesigen Medien auf die Jahrhundertchance eingestimmt, zur großen Koalition der Befürworter. Die Chancen für Stadt und Land nahmen schier unermessliche Dimensionen an, Risiken wurden gering veranschlagt, später rundweg bestritten. Und die StZ zog nach.

Unmut am Baustellenzaun. Foto: Joachim E. Röttgers

Dass der Untergrund tatsächlich unkalkulierbare Risiken barg, dass der wegen der Mineralwasser führenden Schichten nur notdürftig zu verbuddelnde Querbahnhof, eine Art Maulwurfshügel mit acht Meter über Grund ragenden Glupschaugen, nur um den Preis einer Zerstörung des in Jahrhunderten gewachsenen und in Generationen stets nur behutsam veränderten Mittleren Schlossgartens zu haben sein würde, dämmerte erst spät, aber nicht weniger nachdrücklich. Die sich abzeichnende weitgehende Zerstörung des Baudenkmals Hauptbahnhof tat ein Übriges.

Und als den ersten schöngerechneten Kalkulationen Korrekturen folgten, die Kosten um den Preis der Sicherheit und Funktionalität des Bauwerks senken sollten, indem Wände von Tunnelröhren abgespeckt, Brandschutz für disponibel erklärt und der Ingenhoven-Entwurf um zwei auf acht Durchgangsgleise gekappt wurde, rechneten anerkannte Experten vor, dass die Leistungsfähigkeit des Milliardengrabs nicht etwa steigt, sondern abnimmt. Fast schon achselzuckend nahm die nun rasch wachsende Zahl der Skeptiker und Gegner das späte Eingeständnis der Bahnplaner auf, wonach die neue Trasse von Wendlingen nach Ulm, ihrerseits wegen vieler Tunnelkilometer für den Güterverkehr ausfällt. 

Durchhalteparolen und markige Worte statt Transparenz

Was also blieb von den Vorzügen der Magistrale Paris–Bratislava, später in "Das neue Herz Europas" umgetauft? Hiobsbotschaften, Mängelrügen bis hin zur Auflistung der 121 Risiken, mit denen sich Projektleiter Hany Azer im Frühjahr 2011 Knall auf Fall verabschiedete. Und schwieg, weil er sich sonst um seine Versorgungsbezüge geredet hätte. Ein Signal für den Bahnvorstand, nun endlich mit dem Versprechen größtmöglicher Transparenz ernst zu machen? Mitnichten. Schmallippig wurde ein Nachfolger aufs Planungsgleis gesetzt, und weiter ging's mit der bekannten Taktik: dementieren, abwimmeln, irgendwann ein Scheibchen Korrektur nachschieben. Und immer wieder Durchhalteparolen und markige Worte.

Wäre der Bahnchef der "ehrbare hanseatische Kaufmann", als der er sich beim Amtsantritt einzuschleimen beliebte, dann hätte er jetzt beim überfälligen Eingeständnis fehlender Milliarden nicht nur die volle Hose ein Stückle runtergelassen, sondern sich für sein Schmierenspiel entschuldigt – bei Gegnern, die er bei jeder Gelegenheit abkanzelte, und bei Unterstützern, deren Blauäugigkeit er systematisch missbraucht hat. Doch Grube blieb sich und seiner Auftraggeberin Merkel treu. Zum Dank wird in Berlin erwogen, den Bahnvorstand von Haftungsrisiken freizustellen. Der Finanzminister erklärte derweil ungerührt, was zuvor allenthalben bestritten worden war: nämlich, dass es sich bei Stuttgart 21 um ein politisches Projekt handle.

Die Kanzlerin selbst hatte die verräterische Devise ausgegeben: keine Ausstiegsdebatte vor dem Wahltag am 22. September. Es geht ihr um nicht weniger als um die "Zukunftsfähigkeit Deutschlands". Die sei gefährdet, wenn Stuttgart 21 scheitert, das sie als "Vorzeigeprojekt einer modernen, leistungsfähigen Industrienation" sieht. Und was ist dann wohl der Hauptstadtflughafen in Berlin? Vorerst keine nationale Katastrophe, weil dort zwei Sündenböcke mit rotem Parteibuch am Pranger stehen?

Doch zurück nach Stuttgart: War der Finanzierungsvertrag von 2009 ein Muster ohne Wert? Die Prämissen der Volksabstimmung völlig unverbindlich? Was sind die Aussagen zum Kostendeckel noch wert? Was die Bekräftigungen der Bahnchefs zu Kostentreue, Transparenz, Leistungsfähigkeit? Welche Relevanz haben Prüfvermerke des Bundesrechnungshofs? Dass die Kanzlerin selbst von der Bahn wiederholt belastbare Zahlen verlangt hat, ihren Pressesprecher erklären ließ, sie verbitte sich weitere Kostenüberraschungen? Offenkundig Beruhigungspillen fürs Volk. Alles null und nichtig, disponibel je nach politischer Interessenlage. Wohin das führt, zeigt die Entwicklung in Italien unter Berlusconi. 

Wir lernen daraus: Wenn nationale Interessen (und die Glaubwürdigkeit einer Kanzlerin, die Schuldenmachern in der EU die Leviten liest) auf dem Spiel stehen, sind Lügen, Ausflüchte und Nebelkerzen erlaubt. Die Lehre, die sich daraus ableitet, liegt auf der Hand. Aussagen zu Stuttgart 21, vom örtlichen Projektsprecher über den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg bis hinauf zur Chefin der Deutschland AG, stehen fortan unter Generalvorbehalt: 

ES GILT DAS GEBROCHENE WORT. 

So aber lassen mündige Bürger nicht mit sich umspringen. Deshalb gilt jetzt erst recht: Protest, ja Widerstand ist oberste Bürgerpflicht. Ihr könnt uns belügen. Aber ihr könnt nicht von uns verlangen, dass wir eure Lügen glauben. Und am Ende auch noch dafür bezahlen. Obrigkeitsstaat und politische Willkür waren gestern. Heute gilt: Wir sind das Volk, und ihr seid unsere Vertreter, aber mit geliehener, widerruflicher Legitimation.

 

Bruno Bienzle, 70, ist gebürtiger Stuttgarter und kennt die Stadt wie wenige andere. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2007 war er ein Vierteljahrhundert lang Chef des Lokalteils der "Stuttgarter Nachrichten".

 


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4 Kommentare verfügbar

  • adabei
    am 15.03.2013
    Herzlichen Dank für diesen Beitrag, der so etwas wie die Quintessenz der mafiösen Mechanismen einer selbstherrlichen Amigo-Seilschaft ist, für die so etwas wie Transparenz ein Fremdwort ist.
    Dennoch kann ich nicht umhin, Wasser in den Wein zu kippen: Wirft es nicht ein bezeichnendes Licht auf unsere Medienkultur, wenn sich ein Bruno Bienzle oder ein Jürgen Bartle erst dann dezidiert zu äußern wagen, wenn sie – befreit vom Joch der Festanstellung bei den Stuttgarter Lokalzeitungen – im sicheren Hafen des Ruhestands geankert haben. Wie sehr, fragt man sich, müssen sie einst ihren Dienst bei der SWMH mit geballter Faust in der Tasche verrichtet haben! Das soll nun wirklich keine Kritik sein, vielmehr die Mechanismen der Abhängigkeiten aufzeigen, denen offenbar auch Politiker wie Geißler oder Blüm unterliegen, die erst im Alter, wenn sie keine politische Verantwortung mehr tragen, plötzlich linke Kapitalismuskritik äußern.
  • pfackelmann
    am 14.03.2013
    Kosteninflation, Juchtenkäfer, brutale Polizei, weniger Gleise, Wassereinbrüche - das sind doch alles nur Sandmännchen-Tricks.
    Die Deutsche Bahn hat ihr Gleisbett verkauft; wenn man diese Chuzpe geschluckt hat, ist das Ganze ein Immobiliengeschäft. Als Folge dessen müssen die Gleise woanders hin. Diese Folgekosten eines Grundstücksgeschäfts soll der Steuerzahler tragen.
    Merkt das keiner oder soll das keiner merken?

    Peter Fackelmann
  • Kai Hansen
    am 14.03.2013
    Herzlichen Dank für den wunderbaren und tiefgehenden Artikel im immer wichtiger werdenden "Kontext". Immer ist es der Geist, der obsiegt und durch seine Regsamkeit letztlich triumphieren wird über die Schwernisse und Unsäglichkeiten, die sich vom Lebendigen entfernt haben. Und das schreibe ich Dir, in vollem Bewußtsein der Doppelsinnigkeit und mit beherzter Zuneigung.

    Zum Inhaltlichen:
    Ich bin glücklich darüber, daß Du es so meisterlich vermagst, das vermeintlich Komplexe durch präzise Hinweise auf den Nenner zu bringen. Wie Du das sprachlich ansteuerst, setzt die Tradition von Egon Erwin Kisch, Alfred Kerr, dem frühen Augstein fort. - Es geht um das Land und das Leben hier, nicht um Schnittchen und Eitelkeiten.

    Über den Slogan des Medien-Un-Ruheständler von den StN Jürgen Offenbach, den man sich doch als einen demokratischen Verantwortungsträger denken sollte, kommt der wesentliche Mißstand auf den Punkt:
    Wir haben es zu tun mit einer kalten Drogenabhängigkeit der sogenannten "Lotsen", die sich selbst gerne Eliten nennen. Und die Leit-Medien spielen eine zentrale Rolle dabei: Sie definieren sich über die Sicherung ihrer Einnahmequellen - und als Preis dafür stützen sie und transportieren die immer hübsch moderate Zerrüttung unserer Gewaltenteilung, ohne die jede Rechtsstaatlichkeit vor die Hunde geht.

    Wenn sich ein ehem. Chefredakteur als "Lotse im magischen Dreieck Wirtschaft, Politik und Medien" geriert, verrät er den herrschenden Ungeist - und kann sich sicher sein, daß das Seinesgleichen ganz richtig finden. Aber das ist es nicht.
    Und weil über die Scheußlichkeiten bei S21 von Dir trefflich Bezug genommen wurde, erweitere ich nachfolgend die Bühne hin zur Commedia del arte, zur Ironie und Satire, zum Narrentum der Italiener.
    Denn wir erleben gerade das Aufkommen einer ganz neuen Bewegung in Europa, einer neuen Form des politischen Selbstverständnisses.

    Wunderbar das Interview mit dem inzwischen 87 jährigen Dario Fo in der ZEIT zu diesem Thema (ohne link) und der Artikel von Petra Reski im Tagesspiegel zu Beppe Grillo. (siehe http://www.tagesspiegel.de/kultur/ex-komiker-beppe-grillo-der-mann-dem-das-lachen-verging/7869708.html ).

    Deutlich wird: Die Dreistigkeit unserer unerträglich ignoranten "Lotsen" ist nur zu entlarven mit einer neuen Kombination von guter Informiertheit, Erinnerung und Langmut. Wir brauchen die Kunst der sprachlichen Spitzen und der Zusammenschau - und wir brauchen Spaßmacher: Humor und wohl verstandenes Narrentum ist wichtig, nicht nur bierernst und verkrampfte Wut. Was sich in der Bevölkerung wehren will gegen die Dominanz, gegen den Zwang eines in allen Lebensbereichen „Staat“ machenden und triebgesteuerten Kapitalismus - das ist nicht mit kant'scher 'reiner Vernunft' zu schlagen. Fakten werden in den Wind geschlagen.

    Wir sind längst wieder von der geistigen Grundhaltung her dort, wo der Leninismus-Stalinismus sich hinverirrt hatte: "Die Partei hat immer Recht", Dein Platz ist dort, wo die Partei Dich hinstellt". Das heißt heute: „Profit hat immer Recht“, Dein Platz ist dort, wo Geld winkt.“ Und die herrschende Kultur ist die Kultur der Herrschenden.

    Dario Fo betont die Jahrhunderte alte Erfahrung der Italiener mit korrupten Machthabern. Die Ironie, der (oft auch volkstümlich derbe und unkorrekte) Humor dient ihnen als Ventil, aber auch als aufdeckende Form, um zum Ausdruck zu bringen, wenn es reicht.

    Und Dario Fo macht eine wichtige Unterscheidung: Zwischen Populismus und Demagogie. Populismus bedeutet eine Politik, die durch „Nähe zum Volk“, die Unzufriedenheit, Ressentiments, Ängste und aktuelle Konflikte instrumentalisiert, indem sie einfache Lösungen verspricht.
    Demagogie dagegen bedeutet Volksverführung mittels sprachlich legitimierendem Wertemißbrauch, legitimierender Diskriminierung und Entrechtung. Letzteres findet sich gerade bei den Grubes, Ramsauers, Merkels, Schmiedels, und denen, die Du zitierst in deinem Artikel.

    Ich meine, Du dienst einem neuen Wind im aufklärerischen Journalismus, im Unterschied zu diesem Herbeischreiben von noch dem letzten einschmeichlerischen Fortschritts-Hohlheiten und moderaten Gott-erhalte uns die Führer und Vorsitzenden-Geschreibe.

    Wenn Journalisten (und eben auch Wissenschaftler) dumm widerkäuen oder gläubig nachbeten oder lügen für Geld, dann wird’s haarig. Zu dem empfehle ich - wegen dem, was man mal Denken nannte, Margarethe Trothas Film „Hannah Arendt“.

    Im Artikel von Frau Reski ist immerhin einiges interessant und scheint zukünftig. Dort im quirligen Süden beklagt offenbar die „etablierte“ Presse-für-alle das Entstehen einer "Bewegung aus dem Nichts". Das läßt doch aufhorchen, denn was ist denn gegenüber zu diesem „Nichts“ das "Etwas"? Bei was wird das "Etwas" denn, wie aus dem Nichts überrascht?

    Wir werden Zeugen einer Heidenangst vor Kontrollverlust und vor dem Verlust der Deutungshoheit.
    Man hat Angst vor einer „von einer Handvoll Investigativ-Journalisten gegründete Zeitung „Il Fatto Quotidiano“, die den ewig-alternativlosen, ihr „Etwas“ erhalten-wollenden „moderaten“ Aufrechterhaltern mit investigativem Journalismus entgegenschreibt. Du erkennst die Parallele und ich rufe: Bravo, da capo. Bei uns heißt nämlich das Ding neuerdings "Kontext" - und erscheint samstags in der TAZ, wofür es sich schon lohnt diese zu abonnieren.

    Die Kreise, die uns so auf den Zeiger gehen und das Land kaputtmachen, dieses elitäre "Etwas", mit was beschäftigt es sich außer mit sich selbst? Mit den eigenen Profiten für den eigenen Sack. Ihr Dienst an der Allgemeinheit heißt Zerrüttung und bedeutet das Gegenteil von Freiheit und Anerkennung, es erzeugt Raubbau, Diskriminierung und Werteverluste.

    Diese Eliten instrumentieren die vorhandenden Organe, die drei Gewalten und auch die vierte Gewalt für ihre Zwecke.

    Das beschreibst Du - und das soll bitte schön hübsch verdeckt und mit einem mafiösen "...aber das darf man nicht laut sagen" und unter einem Deckmantel der moderaten Höflichkeit (Geißler bei der Schlichtung: "Aber die Lügenpack-Rufe, das muß aufhören. Das gehört sich nicht. Das ist respektlos").

    Was daraus werden kann, machen uns die Italiener vor. Wer denkt, die kennen nur Cattenaggio-Verteidigung, der täuscht sich. Aus dem Land der Zitronen und Narren wird geschildert, wie sich bei einem "ersten Vaffanculo-Day (Haut-ab-ihr-Ärsche-Tag) 2007", .... neeeein, was ist dass denn?, da spricht, völlig unverständlich die italienische Comedia del Arte, das versteht kein Deutscher, .... wie sich da "50 000 Italiener versammelt, um die Parteien per Petition dazu aufzufordern, vorbestraften Parlamentariern das Mandat zu entziehen." – Das gibt es bei uns nicht. Bei uns wird kein Parlamentarier bestraft. … Und die Massen-Presse ruft uns zu: „Seht, ihr Schafe, die Gefahr des Populismus“. Diese Clowns.

    Und auch das Folgende hat mit Deinen Erwähnungen in deinem Artikel zu tun, denn Du machst hier gerade Pionier-Arbeit und es entsteht mehr und mehr unbequeme Bewegung, "aus dem Nichts": ... "Sehr viel später rangen sich dann die italienischen Zeitungen ein paar Zeilen über diese Kuriosität ab. „Repubblica“-Herausgeber Eugenio Scalfari schauderte und schrieb: „Hinter dem Grillismus sehe ich widerwärtigste Law and Order; ich sehe dahinter die Diktatur“, der „Espresso“ fühlte sich an Mussolini erinnert. Der „Corriere della Sera“ bezeichnete Grillo als „Person mit brutaler Gier“ …
    Das ist stark. Man beachte die Sprache, das Diskriminierende. Sowohl die die Finanzkrise verantworten, wie die S21 verantworten, wie die den Reichstag angezündet haben rufen "Haltet den Dieb" und "da hab ich dich du Schuft". Denn es ist von den Stilmitteln her wie bei den Nazis.
    Die schlimmsten und die getroffenen Hunde klagen über die gerissenen Schafe, behaupten, diese würden bellen und diese hunde bewerfen ihre Gegner mit ihrem eigenen Kot, hoffend das sich der taube Teil des Volkes ekelt – aber vor den Beworfenen.

    Den Italienern mag man zurufen: Schickt uns von Eurer volkstümlichen Power, schickt uns Humor, sendet uns Inbrunst und den Mut, so unkorrekt, so konsequent, so laut zu werden wie Ihr. Ja, … das ist zum Fürchten …. Dass wir das noch nicht haben bei uns im sauberen Deutschland. Immer müssen die Italiener mehr Sonne haben als wir. Aber wir haben ja Schreiber, wie Dich, welche die Dinge zusammenbringen, die zusammen gehören. Und das ist mehr als ein Anfang.

    Sei herzlich gegrüßt Kai Hansen
  • heinzi
    am 13.03.2013
    Sehr geehrter Herr Bienzle! Vielen Dank für den Blick in die Entwicklung von S 21, es ist schon ein Elend wieviel Trickserei, Verschleierung, Unwahrheiten zu dem derzeitigen Zustand in Sachen S 21 geführt haben. Als jahrzehntelanger Leser der Stuttgarter Zeitung ärgert mich am meisten die offensichtliche Parteilichkeit der - Verlags- und Inhabergelenkten - Führung der Stz.

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Ausgabe 428 / Knallharte Regeln! / Peter Grohmann / vor 1 Tag 36 Minuten
Lieber Jörg Taus, danke.











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