Ausgabe 434
Zeitgeschehen

Worte als Taten

Von Rainer Jedlitschka
Datum: 24.07.2019
Er gehörte zu den Star-Journalisten des "Dritten Reichs". Und machte nach dem Krieg weiter Karriere: 16 Jahre lang war Giselher Wirsing Chefredakteur von "Christ und Welt". Kontext veröffentlicht exklusiv vorab ein Kapitel aus dem zehnten und letzten Band der Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" über NS-Belastete aus dem heutigen Baden-Württemberg.

Giselher Wirsing gehörte ohne Zweifel zu den echten Begabungen des politischen Journalismus. (…) Aus dem Kreis um die Zeitschrift "Die Tat" und der Gedankenwelt der sogenannten "Konservativen Revolution" der Weimarer Republik kommend, machte er nach Hitlers Machtergreifung schnell Karriere. So war er bis 1941 politischer Redakteur und Hauptschriftleiter der "Münchner Neuesten Nachrichten", gab von 1939 bis 1944 die Zeitschrift "Das XX. Jahrhundert" heraus. 1942 ging er als Kriegsberichterstatter zur Wehrmacht und war von 1943 an Chefredakteur der vom Oberkommando der Wehrmacht herausgegebenen Auslandsillustrierten "Signal". (…) Wirsings Karriere ist einerseits durch eine enorme Schnelligkeit und Zielstrebigkeit gekennzeichnet, was von seiner oft gerühmten außerordentlichen Begabung und seinem Ehrgeiz zeugt. Andererseits ist diese auch bedingt durch eine sehr weitgehende Anpassungsbereitschaft an unterschiedliche politische Systeme und seinem willfährigen Bestreben, "immer auf der Seite der Sieger" zu stehen, wie es Armin Mohler (1920-2003) in einem wenig schmeichelhaften Nachruf ausdrückte. (…)

Herkunft und Werdegang

Hans Karl Theodor Wirsing wurde am 15. April 1907 als zweites Kind des Chemikers und Fabrikbesitzers Dr. Friedrich Wirsing und dessen Frau Pauline, geborene Kraus, in Schweinfurt geboren. Den Vornamen Giselher führte er erst ab den späten 1920er Jahren. (…) Der begabte Schüler erbrachte durchwegs nur sehr gute und gute Leistungen und zeichnete sich besonders in Fleiß, Betragen und Lesen aus. Seine wendige Intelligenz und sein Ehrgeiz sollten ihn sein ganzes Leben begleiten und in verschiedensten Lebenslagen ihre Dienste leisten. (…)

Giselher Wirsing, geboren am 15. April 1907 in Schweinfurt, gestorben am 23. September 1975 in Stuttgart. Dr. rer. pol., Journalist und Publizist. Ab 1929 Mitarbeiter der Zeitschrift "Die Tat", ab 1933 deren Mitherausgeber. Von 1939 bis 1944 Herausgeber der "Tat"-Nachfolgezeitschrift "Das XX. Jahrhundert". Ab 1933 bei den "Münchner Neuesten Nachrichten" (MNN) und von 1938 an deren Chefredakteur. 1938 Aufnahme in die SS als Hauptsturmführer, später Sturmbannführer, 1940 Eintritt in die NSDAP. 1943 Schriftleiter von "Signal". 1954 bis 1970 Chefredakteur von "Christ und Welt". (red)

Die Veröffentlichung seiner Dissertation (1932) unter dem Titel "Zwischeneuropa und die deutsche Zukunft" in der Reihe der "Tat"-Schriften bei Eugen Diederichs (1867-1930) machte Wirsing schlagartig bekannt. Er entwickelte darin die Vorstellung eines unter deutscher Führung stehenden mitteleuropäischen Großraumes. Unter "Zwischeneuropa" verstand er den Bereich zwischen Deutschland und der Sowjetunion, also die baltischen Staaten, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien. In diesen südosteuropäischen Ländern sah er einen agrarisch geprägten, ökonomisch bedeutsamen Raum, der als Grundlage für die Abkehr des ständisch-autoritär erneuerten Großdeutschlands vom "materialistischen Westen" dienen sollte. (…)

Im April 1930 wird Wirsing Mitarbeiter der Zeitschrift "Die Tat", von Eugen Diederichs als "wissenschaftliche Ergänzung" den "Praktikern" seiner Zeitschrift zur Seite gestellt. (…) Dabei wandte sie sich von ihrer Programmatik her vornehmlich an die nationalistische Intelligenz, propagierte den "Kampf gegen Versailles und Weimar" und zählte zu den einflussreichsten Kampforganen einer autoritären Neuordnung von Politik und Wirtschaft. Allerdings hatte sie nur bedingte Ausstrahlung auf die organisierten Massenbewegungen und ist zu Recht als ein "Selbstverständigungsorgan der Bildungseliten" charakterisiert worden. (…)

Star-Journalist im "Dritten Reich" – Opportunismus und späte Zweifel

Auf Druck der neuen Machthaber (…) folgte Wirsing (als "Tat"-Herausgeber, Anm. d. Red.) nach, der sein neues Konzept im Herbst 1933 vorstellte: "Die Tat wird sich in Zukunft neben zusammenfassenden Frontberichten über das nationalsozialistische Aufbauwerk um die Klärung der gesamtdeutschen Lebensfragen bemühen, die unser Volk heute bewegen." (…) Gleichzeitig arbeitete er von 1938 bis 1941 als Hauptschriftleiter der auflagenstarken und renommierten "Münchner Neuesten Nachrichten", wo er bereits seit 1933, vom Reichsführer SS Heinrich Himmler protegiert, das Ressort Innenpolitik geleitet hatte. (…)

Wirsing stand nach eigenen Angaben seit Herbst 1932 "in einem freien Mitarbeiterverhältnis zur SS" und war spätestens ab Mai 1936 "ehrenamtlicher" Mitarbeiter des SS-Sicherheitsdienstes SD. Am 11. September 1938 trat er dann auch offiziell der SS bei. Als "Führer im SD-Gruppenamt" hatte er den Rang eines SS-Hauptsturmführers inne. In einem Empfehlungsschreiben für diesen Posten stand: "Dr. Wirsing hat sich im Laufe der Zusammenarbeit mit dem SD als williger, fleißiger und außerordentlich wertvoller Mitarbeiter erwiesen." 1940 wurde er zum SS-Sturmbannführer befördert. Die Ernennung zum SS-Sturmbannführer hing wahrscheinlich mit der bevorstehenden Berufung zum Chefredakteur der MNN zusammen. (…)

Bekannt wurde Wirsing u.a. durch seine antisemitischen und antibritischen Propagandaschriften "Engländer, Juden und Araber in Palästina" (1938) und "Hundert Familien beherrschen das Empire" (1940). 1942 erschien sein 460 Seiten starker Bestseller "Der maßlose Kontinent – Roosevelts Kampf um die Weltherrschaft", eine detaillierte Untersuchung der imperialen Ambitionen Amerikas unter Roosevelt. Wirsing schrieb, Roosevelt verfolge eine Außenpolitik, die Amerikas Handelsinteressen auf Kosten anderer Nationen fördere, während Roosevelt selbst sich nur zu leicht von den jüdischen Beratern lenken lasse, die seine Regierung beherrschten. (…)

Anfang 1942 meldete sich Wirsing zur Wehrmacht und kam als Kriegsberichter zu den Propagandakompanien. Er wurde dem an der Ostfront operierenden 56. Panzerkorps zugeteilt. Ende des Jahres erkrankte er schwer an Gelbsucht und kehrte daher nach Berlin zurück. Seine Erfahrungen konnte er bei seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Propagandaillustrierten "Signal" weiter einsetzen, deren Schriftleitung er nach der deutschen Niederlage von Stalingrad erhielt. In der Spätphase des "Dritten Reiches" kamen Wirsing zunehmend Zweifel, ob die Sache gut ausgehen würde, wie sie sich etwa in seinem Buch "Das Zeitalter des Ikaros" (1944) niederschlugen. "Wir Europäer stehen genau an der Stelle, wo ungeahnter Aufstieg steil nach oben führt, der Abgrund aber jäh und unerbittlich in die Tiefe zieht. Uns, des Ikaros Nachfahren und Jünger." (…)

Nach Norbert Frei und Johannes Schmitz lässt sich Wirsing trotz seiner schnellen Karriere nach 1933 und seiner Mitgliedschaft in SS und SD nicht zu der Gruppe der überzeugten Nationalsozialisten zählen. Vielmehr hätte Wirsing eine so weitgehende Anpassungsbereitschaft gezeigt, um an der Macht des Regimes teilzuhaben und seinem Selbstbild als politischem Berater gerecht werden zu können. Die großen Schnittmengen zwischen Wirsings Weltbild und der nationalsozialistischen Ideologie erlaubten es ihm, auch ohne "Freiraum zwischen den Zeilen" schreiben zu können, "was er meinte". Wirsings Zielvorstellung war ein unter deutscher Herrschaft erneuertes Mitteleuropa. In seiner Publizistik kämpfte er gegen den "Westen", gegen die britischen und amerikanischen "Plutokratien", die für die Zerstörung einer kulturellen Identität verantwortlich seien. (…) Bewusst ambivalent gehaltene Publikationen wie sein Bosch-Aufsatz (…) sollten es ihm ermöglichen, sich im Fall einer Niederlage Deutschlands mit den Siegern arrangieren zu können. Auch schuf er sich ein Beziehungsnetz, das ihm nach 1945 half, seine Karriere weiterzuführen, z.B. mit Hilfe des guten Leumunds Klaus Mehnerts.

Internierung und Spruchkammerverfahren

Am 1. Juni 1945 um elf Uhr wurde Giselher Wirsing in Bad Tölz durch das Counter Intelligence Corps (CIC) verhaftet. Aufgrund seiner SS-Mitgliedschaft fiel er in den "automatischen Arrest". Es sollte beinahe drei Jahre dauern, bis er Mitte April 1948 wieder aus der Internierungshaft durch Amerikaner und Briten entlassen wurde. (…) Wirsing pflegte auch während der Internierungszeit sein Selbstverständnis als Ratgeber der Mächtigen und konnte keine persönliche Belastung erkennen. Entrüstet schrieb er seinem Freund Mehnert im Sommer 1947: "Es ist ja so abgeschmackt und grotesk mich durch das obwaltende automatische System zum ‚Nazi’ stempeln zu wollen, nachdem jeder weiss, dass ich es nicht war und auch nicht mit den Wölfen heulte. Dass die Leute mich bis zu einem gewissen Grad respektierten und mir bis in den Krieg hinein einen gewissen Spielraum ließen, war ja wohl gerade die Folge davon, dass man in mir so etwas wie eine Autorität sah, die man gewähren ließ." (…)

Aufschlussreich für Wirsings Sicht der Dinge ist bereits sein Meldebogen vom August 1947. Hinter der Frage, in welche Gruppe des Befreiungsgesetzes er sich selbst eingliedere, vermerkte er zunächst "IV" (Mitläufer), strich dies aber später und korrigierte es nach "V" (entlastet). Eine Belastung durch seine Tätigkeit während der Zeit des "Dritten Reiches" konnte er nicht erkennen. Um seine formale Belastung zu relativieren, bemerkte er am Ende des Formulars: "Ich habe in der SS nachweislich keinerlei Tätigkeit ausgeübt, nie Dienst getan und erhielt den SS-Rang als reinen Titel". Der öffentliche Kläger führte hingegen in seinem Plädoyer aus, dass Wirsing als leitender Schriftsteller und Journalist in die Gruppe der Aktivisten falle. Eine Widerlegung der präsumtiven Belastung nach Gruppe II sei ihm trotz der vorgelegten Erklärungen und Zeugenaussagen nicht gelungen. Sarkastisch resümierte er, dass Wirsing, der habe beweisen wollen, ein Gegner des Regimes gewesen zu sein, "viel geschwommen sei und wo er gegen den Strom geschwommen sei, habe er getaucht."

Dennoch reihte ihn die Spruchkammer Wirsing am 27. April 1948 aufgrund seines "Eintreten[s] für Verfolgte des Hitlerregimes" in die Gruppe IV der "Mitläufer" ein. Der öffentliche Kläger legte gegen diesen "absolut widersinnigen Spruch", einen "Mann vom Format des Giselher Wirsing" als "Mitläufer" einzustufen, entrüstet Berufung ein. Wirsing müsse in die Kategorie der "Hauptschuldigen" eingereiht werden. Auch der Journalist Ernst Müller-Meiningen jr. (1908-2006) griff das Urteil scharf an: "Wirsing und tausend andere sind nun eben einmal nicht mitgelaufen". Im Zuge der laufenden Spruchkammerverfahren finde mittlerweile eine "Verniedlichung der gesamten NS-Elite zu ‚Mitläufern‘" statt. (…) 1950 (stufte ihn die Berufungskammer, Anm. d. Red.) endgültig als "Mitläufer" ein und belegte ihn mit 500 DM "Sühne". (…) Die Berufungskammer sah es u.a. als entlastend an, dass Wirsing, der "wohl zu keiner Zeit ein überzeugter Nationalsozialist" gewesen sei, die Rassenlehre der Nazis abgelehnt habe. Auch habe er Verfolgten wie etwa dem jüdischen Mitarbeiter Dr. Jaffe geholfen.

Wirsings Spruchkammerverfahren stellt ein Musterbeispiel für die Fragwürdigkeit der "Entnazifizierung" jener späten Phase dar. Belastete konnten auf gesellschaftliche Solidarität gegen die als Abrechnung und Bestrafung denunzierten alliierten Maßnahmen zählen und zudem ab Sommer 1947 auf das neue globalpolitische Klima des aufkommenden "Kalten Krieges".

"Schritt aus dem Nichts" – Neuanfang in der Bundesrepublik

(…) 1954 wurde Wirsing auf Vermittlung und in der Nachfolge Klaus Mehnerts Chefredakteur der Wochenzeitung "Christ und Welt", an deren Gründung 1948 er bereits beteiligt gewesen war und in der er zunächst anonym publiziert hatte. Prägende Figur bei der Gründung war Oberkirchenrat Eugen Gerstenmaier (1906-1986), damals Leiter des Evangelischen Hilfswerks und später Bundestagspräsident. Unter Wirsings Führung wurde "Christ und Welt" die auflagenstärkste westdeutsche Wochenzeitung. Es erscheint aus heutiger Sicht nur schwer nachzuvollziehen, dass ein derart belasteter Journalist Chefredakteur einer christlichen Zeitung werden konnte. Der Journalist Klaus Harpprecht (1927-2016) erklärte später lakonisch die Notwendigkeit einer zweiten Chance auch für durch ihre Vergangenheit belastete Journalisten: "Wirsing war ein Mann mit schlimmer Vergangenheit, ja, aber er war auch hochintelligent – und diese Eigenschaft ist damals wie heute selten. Und so stand es ja um die Publizistik der frühen Bundesrepublik: Hätte man in jenen Jahren eine Zeitung machen wollen mit Redakteuren, die alle eine weiße Weste hatten, wären die Seiten wohl ziemlich leer gewesen."

Personelle Enthüllungen blieben in den 1950er und 1960er Jahren überwiegend folgenlos. So konnte auch Wirsing, obwohl seine Belastung als SS- und SD-Mitglied immer wieder diskutiert wurde, bis 1970 Chefredakteur von "Christ und Welt" bleiben. Norbert Frei und Johannes Schmitz fassen die dahinter stehende Mentalität treffend zusammen: "Die inzwischen weitverbreitete Überzeugung, die demokratische Zuverlässigkeit bereits genügend unter Beweis gestellt zu haben, untermischt auch mit zunehmender moralischer Dickfelligkeit, machte das Feld frei für einen alles einebnenden Pragmatismus." (…)

1970 übergab Wirsing die Chefredaktion an den halb so alten Frank-Ulrich Planitz und verabschiedete sich von seinen Lesern. Er wolle sich von den Aufgaben der Leitung einer Zeitung entlasten, um sich wieder mehr auf das konzentrieren zu können, was ihm wesentlich sei, "die Darstellung der grossen weltpolitischen Zusammenhänge und der geistigen Strömungen unserer Epoche." (…) Am 23. September 1975 starb Wirsing im Alter von 68 Jahren in Stuttgart.

Schatten der Vergangenheit

Nach dem Untergang des "Dritten Reiches" war es um den ehemaligen Starautor Wirsing in der Öffentlichkeit zunächst ruhig geworden. Nachdem aber bereits Wirsings Spruchkammerverfahren einige Aufmerksamkeit in den Medien gefunden hatte, musste sich Wirsing auch nach erfolgter Entnazifizierung bis zu seinem Tod immer wieder mit öffentlicher Kritik aufgrund seiner Rolle während des "Dritten Reiches" auseinandersetzen. Dafür sollen hier nur zwei Beispiele genannt werden.

Zum einen die sich von 1952 bis 1967 hinziehende Auseinandersetzung mit dem "Spiegel", der immer wieder kritische, zuweilen polemische Artikel zur Person Wirsings publizierte. (…) Zum anderen der Streit um Wirsing im Bayerischen Rundfunk im Sommer 1955. Er hatte an der Fernseh-Sendung "Internationaler Frühschoppen" unter Werner Höfer (1913-1997) teilgenommen. In einer daraufhin einberufenen Sitzung des Rundfunkrates bezeichnete der DGB-Landesvorsitzende Max Wönner (1896-1960) Wirsing als "Ausbund an Charakterlosigkeit". Wer sich "so geirrt" habe wie Wirsing, so der Beauftragte der bayerischen Bischöfe, Pfarrer Dr. Max Rössler (1911-1992), sollte so viel Takt haben, heute zu schweigen. (…)

Wirsing sah sich bei allen Vorwürfen und Angriffen auf seine Person zu Unrecht an den Pranger gestellt. Er versuchte, sein Verhalten während des "Dritten Reiches" zu verteidigen mit dem Verweis auf die allgemeine situative Bedingtheit publizistischer Arbeit. (…) "In Deutschland wird nämlich das Merkwürdige von einem politischen Denker verlangt, dass er in völlig gewandelten Situationen noch immer einen Standpunkt vertreten soll, der zu einer ganz anderen Zeitlage passte. Das ist unsere neue Nationaldummheit geworden". (…)

Resümee: Die Schuld des Schreibens und des Schweigens

(…) Eine angemessene Beurteilung von Journalisten und Publizisten, die im "Dritten Reich" schrieben und nach 1945 weiterarbeiteten, ist dennoch nicht leicht. Es ist sehr einfach, sie mit Zitatsammlungen aus früheren Zeiten anzugreifen oder ihnen zumindest Kurzsichtigkeit nachzuweisen. (…) Selbstverständlich können Publizisten, die ohne Unterbrechung schrieben und redigierten, nicht auf "Innere Emigration" pochen, mit der Auslese skandal-trächtiger Zitate wird man ihnen aber auch nicht gerecht. Denn im Brennpunkt der Journalisten stellt sich die gesamte Gesellschaft in ihrer Verstrickung dar. Damit weitet sich der Blick vom Einzelfall auf die Gruppe der belasteten Journalisten insgesamt, die nach 1945 weiterschrieben und verantwortungsvolle Positionen in der Nachkriegspresse besetzen konnten. Die "Stunde Null" ist eine Legende. Die Bundesrepublik bekam zwar nach dem Ende des "Dritten Reiches" eine freie Presse, aber weder ein neues Publikum noch ganz viele neue Journalisten.

(…) Keineswegs war die Integration eine von vornherein ausgemachte Sache. Auch dürfen die politischen Säuberungen nach dem Krieg nicht unterschätzt werden. Die anschließende Polarisierung der Welt durch den Kalten Krieg hat den ehemaligen NS-Eliten eine unerwartete politische Amnestie beschert. Dass die Bundesrepublik Deutschland trotz dieser Belastung ein demokratischer Rechtsstaat wurde, ist eine beachtliche Leistung. Eine Erfolgsgeschichte im Umgang mit der Vergangenheit (…) wird die deutsche Nachkriegsentwicklung deshalb aber keineswegs.

Wie ist die Person Giselher Wirsings nun abschließend zu beurteilen? Mit seiner Unterstützung des Regimes als Journalist und Publizist hat er in jedem Fall Schuld auf sich geladen, und diese später nicht kritisch reflektiert. Zwar kann es nicht Aufgabe des Historikers sein, sich zum Richter über ein Leben aufzuschwingen. Ebenso wenig zielführend ist es jedoch auch, jenen "kostenlosen Bekennermut" an den Tag zu legen, der sich, so Norbert Frei, der historischen Reflexion gerne in den Weg stellt: "Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte". In der Tat kann man das nicht wissen. Doch das heißt ja nicht, dass wir nicht wüssten, wie wir uns hätten verhalten sollen.


Der Text ist stark gekürzt. Wer dieses und 27 weitere Kapitel über NS-Belastete aus der Region Stuttgart in voller Länge lesen möchte, kann Band zehn der Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" unter www.ns-belastete.de oder im Buchhandel bestellen.

Der Band wird am kommenden Sonntag, 28. Juli im Stadtmuseum Hornmoldhaus (Hauptstraße 57) in Bietigheim vorgestellt. Dabei referieren Christian Hofmann und Wolfgang Proske über den Nationalsozialismus in Bietigheim: Wilhelm Holzwarth und die DLW. Beginn ist um 17 Uhr.


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4 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 28.07.2019
    Eine typische Karriere eines Schreibtischtäters, die nach 45 - nach kurzer Unterbrechung - weiterging. Zum Thema empfielt sich Lutz Hachmeisters "Der Gegeberforscher - Die Karriere des SS Führers Franz Alfred Six" - selbiger machte nach 45 Karriere als Public Relations Manager. Auch "Wir Schreibmaschinenetäter" über die Karriere der NS-Journalisten von Otto Köhler bietet da tiefe Einblicke in die "Anpassungsfähigkeit" und die Verdrängungsleistung deutscher Publizisten.
    • Philippe Ressing
      am 28.07.2019
      Hachmeisters Buch heißt natürlich "Der Gegnerforscher"
  • waldemar-grytz@gmx.de
    am 26.07.2019
    Wirsing ist ein weiteres Beispiel für die Kontinuitäten in der Nachkriegsgeschichte. Warum soll es im Journalismus anders gewesen sein, als bei der Justiz, der Polizei, Außenministerium usw. usf.?
    Was die Beziehungsnetze betrifft: Wirsings Freund Mehnert betrieb von 1941 bis 1945 im Auftrag des deutschen Auswärtigen Amtes Auslandspropaganda für die Politik Nazideutschlands. Hawaii soll er kurz vor den Angriff der Japaner auf Pearl Harbour noch rechtzeitig verlassen haben. Wirsings Nachfolger bei Christ und Welt, Ulrich Frank (aus Unterplanitz bei Zwickau)*, hatte mit Mehnert dann als späterer Chef der DVA in Stuttgart über viele Jahre einen erfolgreichen Autor im Stall.
    Das von Gerstenmaier geleitete Evangelische Hilfswerk leistete nach 1945 nicht nur selbstlose Hilfe für Flüchtlinge. Es setzte sich auch für Internierte ein. Das waren ehemalige Nationalsozialisten höherer Funktion, mutmaßliche Kriegsverbrecher und KZ-Personal. Zu den Hilfsmaßnahmen gehörte Prozesskostenhilfe für die Anklagen vor den Spruchkammern im Rahmen der Entnazifizierung. Im Januar 1948 setzte es sich in einer Denkschrift auch für die Internierten ein, die als mutmaßliche Kriegsverbrecher in die Länder der Kriegsgegner ausgeliefert werden sollten.
  • Steiner
    am 25.07.2019
    Leute wie der Widerstandskämpfer Eugen Gerstenmaier haben diesen ehemaligen SS-Offizier Wirsing gedeckt und protegiert. Für mich bleibt er ein gewissenloser Schreibtisch-Täter.

    Wundern wir uns nicht, wenn ein CDU-BW-Vorsitzender Oettinger den verstorbenen MP Filbinger als Widerstandskämpfer bezeichnete. Die Ohrfeige, die eine mutige Beate Klarsfeld dem ehem. Kanzler Kiesinger am 7. November 1968 verabreichte, galt nicht nur diesem allein: Sondern allen gewissenlosen Karrieristen und unanständigen Leugnern ihrer Verstrickungen im verbrecherischen Nazi-Reich.

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