Angeblich sorgen Entscheidungen "von unten" für bedenkliches Gedenken. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 367
Politik

Wüstenfuchs bleibt Wüstenfuchs

Von Oliver Stenzel
Datum: 11.04.2018
Mit großem Pomp hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einen neuen Traditionserlass für die Bundeswehr vorgestellt. Anlass waren Funde von Wehrmachtsdevotionalien in Kasernen. Neu ist fast nichts und Kasernen dürfen immer noch Namen von NS-Helden tragen.

Was ist für die Bundeswehr traditionsstiftend? Fast ein Jahr ist es her, seit im vergangenen Mai der Skandal um den rechtsextremen Soldaten Franco A. und die Funde von Wehrmachtsdevotionalien in Kasernen zeigten, dass die Truppe ein strukturelles Problem mit rechtem Gedankengut hat. In der Folge kam es zu einer heftigen Diskussion über das Traditionsverständnis der Bundeswehr, und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kündigte als Reaktion immer wieder eine Überarbeitung des sogenannten Traditionserlasses von 1982 an. Es entstand so der Eindruck, auf Mängel in diesem seien die rechten Umtriebe zurückzuführen.

Das war schon damals irreführend. Wäre er konsequent angewandt worden, hätte schon der alte Erlass, der auf den damaligen Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) in der Endphase der sozialliberalen Koalition zurück geht, nicht zugelassen, die Wehrmacht in irgendeiner Form als Traditionsträger der Bundeswehr zu betrachten. Das Problem war immer nur seine nie konsequente Durchsetzung.

Von daher ist es auf der einen Seite folgerichtig, auf der anderen angesichts der geweckten Erwartungen aber auch kurios, dass in dem am 28. März vorgestellten neuen Erlass zum Verhältnis der Bundeswehr zur Wehrmacht nichts Neues steht, rein gar nichts. "Der verbrecherische NS-/Nationalsozialismus-Staat kann Tradition nicht begründen. Für die Streitkräfte eines demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig." Das stellte schon das Dokument von 1982 klar.

Immerhin neu: die ganze deutsche Militärgeschichte im Blick

Ausnahmen gäbe es aber – wenn Wehrmachtsangehörige im Widerstand waren oder sich besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr erworben hätten. Ersteres wird immer wieder für Erwin Rommel in Anspruch genommen, nach dem noch zwei Kasernen benannt sind, eine davon im baden-württembergischen Dornstadt. Eindeutige Belege dafür gibt es nach wie vor nicht, im Gegenteil.

Nichts Neues zur Wehrmacht kann auch Jakob Knab aus Kaufbeuren im neuen Erlass finden, der mit seiner "Initiative gegen falsche Glorie" seit Anfang der 1990er für das Kappen alter Traditionslinien zur Wehrmacht engagiert. "Der neue Traditionserlass ist ein von Ursula von der Leyen geschickt inszenierter Schachzug", sagt Knab. Denn durch die parallel erfolgte Umbenennung der Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover in Hauptfeldwebel-Langenstein-Kaserne erhalte nun die "Generation Einsatz" Rückenwind, so Knab. Tobias Langenstein wurde 2011 bei einem Einsatz in Afghanistan getötet

Das ist tatsächlich etwas Neues im Von-der-Leyen-Erlass: Die Bundeswehr wird durch sich selbst traditionsstiftend. Und, damit verbunden, nimmt der neue Erlass erstmals "die gesamte deutsche Militärgeschichte in den Blick", also auch andere Armeen als die der Bundeswehr vorausgehende Wehrmacht, etwa die die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR oder die Armee des Deutschen Kaiserreichs. Und auch aus diesen könne "jenen Teile", sprich Personen, die Traditionswürdigkeit abgesprochen werden, "die unvereinbar mit den Werten unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind". Etwa jener preußische General Otto von Emmich, der im Ersten Weltkrieg für Kriegsverbrechen bei der Eroberung von Lüttich verantwortlich war und daher keiner Kaserne mehr als Namenspate dienen soll.

Das mag ein begrüßenswerter Schritt sein. Doch die Umbenennung erscheint aus mehreren Gründen als publikumswirksame Inszenierung: 2014 noch hatte es von der Leyen ausdrücklich abgelehnt, die Emmich-Cambrai-Kaserne umzubenennen – es lägen keine wissenschaftliche Belege für eine Schuld Emmichs vor, hieß es damals. Dahingestellt sei ohnehin, ob ein Erster-Weltkriegs-General irgendeinem jungen Rekruten noch etwas sage, meint Knab.

"Deckmantel der Basisdemokratie"

Und wenn schon Kasernennamen als Ausweis eines Traditionsverständnisses dienen sollen, dann stünde als weit dringendere Aufgabe an, sich mit den immer noch nach NS-Kriegshelden benannten Quartieren zu beschäftigen. Etwa der Lent-Kaserne im niedersächsischen Rotenburg, als deren Namenspate der Jagdflieger Helmut Lent dient, der sich überaus eifrig in den Dienst der NS-Propaganda stellte. Der Streit um diese gleicht einer schon viele Jahre andauernden Posse (Kontext berichtete), Knab nennt es "einen Skandal". Von der Leyen will eine Umbenennung, doch nach aktuellem Stand soll an dem Namen nicht gerüttelt werden. Die immer wieder gleiche Begründung: Die "bewährten Verfahren", dass Namensgebungen "von unten", in einem Meinungsbildungsprozess in der Kaserne vor Ort angestoßen werden sollen.

Für Knab ist das "reine Augenwischerei", in Wirklichkeit sei es, auch bei der neuen Langenstein-Kaserne, stets so: Die Entscheidung erfolge im Ministerium, "dann wird von oben getriggert, wie das Personal vor Ort von unten zu entscheiden habe." Knab sieht hier auch die "eingebaute Schwachstelle der neuen Traditionsrichtlinien": Dass es beim Prinzip von unten nach oben geblieben sei. "Damit wurde unter dem durchsichtigen Deckmantel der Basisdemokratie ein Schlupfloch des militärischen Kämpferkultes erhalten." Bedenkliche Traditionsnamen könnten so mit vermeintlichem Mehrheitsvotum "unbefleckt" über die Runden gerettet werden.

Immerhin hat von der Leyen im vergangenen Jahr Lent schon explizit als "nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr" bezeichnet. Zum "Wüstenfuchs" Rommel ist eine entsprechende Aussage noch nicht überliefert, und Knab macht sich hier auch keine großen Hoffnungen. Er habe kürzlich mit einem Mitarbeiter des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam gesprochen, der ihm erklärt habe: "Wir werden Rommel bis zum Ende der Zeiten verteidigen." Das Hauptargument in der Bundeswehr sei, dass man sich "vor unseren Kameraden in der Nato lächerlich machen" würde, "wenn wir Rommel aufgeben."

Kasernennamen sind das eine, der allgemeine Umgang mit rechtem Gedankengut bei der Bundeswehr das andere. Dass sich hier, genau wie in anderen Fragen wie dem Umgang mit dem neuen Status als Berufsarmee, nichts tue, hat der Historiker Hannes Heer schon im vergangenen Jahr in Kontext beklagt. Dass die Bundeswehr mit Rechtsextremisten wie Franco A. ebenso wie jenen, die ihn verteidigen, ein strukturelles Problem habe, davor warnt auch der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette schon länger. "Als Zivilist muss man sich bewusst machen, dass im militärischen Milieu alles ein Stück weit nach rechts versetzt ist. Was im Militär als konservativ angesehen wird, ist aus Sicht der Zivilgesellschaft rechtsradikal. Wenn man das begriffen hat, kann man manche Vorgänge in der Bundeswehr besser verstehen", sagte er Anfang Januar in einem Interview mit der "Badischen Zeitung".


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5 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 15.04.2018
    Hm . Ich vermisse im Artikel Kritik und das Parallelen ziehen zwischen der "neuen Verteidigungspolitik" , embedded in NATO und EU -Einsätzen weltweit , und der nationalsozialistischen Tradition des "Auslandseinsatzes" , z.B. des "Präventivkriegs" gegen Rußland (das mußte ja auch damals schon alles medial verkauft werden).
    Keine Aktualität , trotz drohenden Gewittern , zum Thema gewählt.

    Anstatt dessen , wie so oft, das ( gewiss sind Mängel , Namen und Zustände zu kritisieren etc. , aber aktuell ist Syrien/Mali/Rußland ) herumstochern in diesem olle Kamellen-Thema. Das man die USA, Saudi-Arabien und indirekt Al-Quadia unterstützt scheint nicht der Rede wert .
    Sollen die "Auslandeinsätze"durch die gleichzeitige Vergangenheitsbewältigung vielleicht
    medial verdrängt bzw. auf ein heheres Roß gesetzt werden ? "Demokratie- Armee"/gute Auslandseinsätze , Nazis , böse Auslandseinsätze ?
    Heute wie damals sind Armeen zum Töten da , am liebsten wieder im Ausland. Auch die deutsche . Und dann wieder "Pseudo - Vergangenheitsbewältigung" statt Kritik an der Übernahme der NS-Tradition des Auslandskrieges heute (incl. Verschleuderung von Steuergeldern).
    Und wer glaubt die seelige Uschi hätte bei einem Budget von 30 Mrd. Euro kein Flugzeug , z.B. vor einiger Zeit nach Kurdistan , zur Verfügung gehabt ..... .. ? Na dann gute Nacht deutscher Zipfelmützen-Michel.
    Bedarf wird immer herbeigeredet durch PR-Kampagnen und öffentlichem Gejammer.
    Egal ob Bundeswehr, S 21 , oder Fachkräftemangel.
    Ist doch nichts Neues . Oder soll man das immer wieder darauf hereinfallen ?
  • Tönne Janssen
    am 14.04.2018
    Ich komm aus einer Marinestadt. Der anerkannte Held dort war Hans Langsdorff. Der Kommandant der Graf Spee, der sein Schiff versenkte. Dessen Besatzung überlebte als eine der wenigen den Krieg. Es gab überall Leute in der Stadt, die auf der Graf Spee gedient hatten, und ihm sehr über seinen Tod hinweg verbunden waren.
  • Rolf Steiner
    am 12.04.2018
    Zitat Wette: "Was im Militär als konservativ angesehen wird, ist aus Sicht der Zivilgesellschaft rechtsradikal." - Angesichts von derzeit 431 bekannten Fällen bei Bundeswehrsoldaten wegen des Verdachts auf rechtsextremistische Handlungen oder Äußerungen kann jede/r erkennen, dass wir traurigerweise auch in der Bundeswehr eine Brutstätte des Rechtsextremismus vorfinden können, wenn wirklich überzeugend gesucht werden würde. Eine Reihe von AfD-Abgeordneten bzw. braunen "Leitfiguren" stammen aus der Bundeswehr. Auch der Vorsitzende Junge aus dem Landesverband Rheinland-Pfalz, dessen Immunität zwischenzeitlich - und zu Recht - aufgehoben wurde. Die Ermittlungen drehen sich um mögliche frühere Verstöße des inzwischen pensionierten Oberstleutnants gegen das Soldatengesetz.

    Auch ist der nazionalistische Rechten-"Vordenker" und Höcke-Freund Götz Kubitschek nicht zu Unrecht aus der Bundeswehr geworfen worden. Doch dies blieb nur eine der üblichen Alibi-Veranstaltungen gegen die Spitze des uniformierten und immer wieder ekennbaren braunen Eisbergs. Verbleiben durften haufenweise solche, die hinter den Kulissen die braunen Werbetrommeln rührten. Vom General und Obristen abwärts bis zum vertrottelten Hauptgefreiten, der als "Kanonenfutter" stets willkommen ist. Auch im Reservistenverband tummeln sich fleißig solche obskuren Gestalten.

    Und nicht zu vergesssen: Jenen verkommenen Oberleutnant Marco A., der sich als Flüchtling ausgab und befreundeten anderen Neonazis von ihm vorgetäuschte "Argumente" für ihren verwahrlosten Rassismus und ihren Flüchtlingshass liefern wollte. Solche Leute wie dieser A.. wollen keine Demokratie, auch wenn sie es 1000mal zu beteuern versuchen. Auch die "Reform" des Grafen Baudissin, so ehrwert dieser handelte, änderte nicht im Geringsten die bis heute mehr als fragwürdige Haltung der "Traditionalisten". Der "Widerstand" gegen den m ü n d i g e n und r e s p e k t i e r t e n "Bürger in Uniform" kommt von Stockkonservativen der CDU und CSU genauso wie von der AfD.
  • David Sohn
    am 12.04.2018
    Hauptsache Flintenuschi hat das Bild von Helmut Schmidt entfernen lassen. Ist eigentlich unfassbar was wir mit immerhin ca 40 Milliarden Budget mittlerweile für einen verlotterten Laden namens Bundeswehr haben. Und um was kümmert Frau sich? Jeder Mann wäre für solch schlechte Leistung schon längst gefeuert worden. Aber bei der KruschtKo dürfen noch die unfähigsten mitmachen. Haupsache Uschi ist in der Selbstdarstellung gut. Das ist die einzige Konstante bei allen ihren Posten.
  • Waldemar Grytz
    am 11.04.2018
    Während der zwar folgenreichen aber doch kurzen NS-Herrschaft hat es immer wieder Militärs gegeben, die mit der Reichsführung in Konflikt gerieten. Die wenigsten wird man aber deswegen als demokratische Vorbilder bezeichnen können. Ihr militärisches Wissen erwarben sie bis 1918 in Kolonialkriegen oder bei Überfällen auf Nachbarstaaten. Nach 1918 waren viele dabei, wenn es galt die alte Ordnung wieder herzustellen oder demokratische Politiker zu ermorden (siehe Schwarze Reichswehr, Freicorps).
    Zu Rommels Biografie gehört aber ein wenig beachtetes Detail:
    Sein Tagebuchführer im Stab der Heeresgruppe B war 1944 Emil Gemeinder, den er aus dem 1. WK kannte. Gemeinder ein enger Freund des kommunistischen Schrifstellers und Arztes Friedrich Wolf aus jugendbewegten Zeiten, hatte nach Wolfs Flucht aus Stuttgart 1933 dessen Familie kurzfristig aufgenommen.
    Nach Angaben von Manfred Rommel von 2005 sind die Tagebücher von 1944 von den US-Streitkräften mitgenommen worden. Ob sie erhalten sind und wo sei ihm nicht bekannt.

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