Ausgabe 421
Zeitgeschehen

Hausbesetzung ist Weltkultur

Von Rupert Koppold
Datum: 24.04.2019
Enteignungen?! Empörende Nachrichten sind das aus einem Land, in dem Recht und Ordnung und Immobilienspekulation gefährdet sind! Unser Autor holt Engels ins Boot und ein gegeißeltes Rentnerkollektiv namens "Bremer Stadtmusikanten" ins Haus.

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst der Enteignung! Noch versuchen besorgte Kommentatoren, Moderatoren und Leitartikler, es mit schweren Worten zu verscheuchen. Also gut, ja, so konstatieren sie: diese böse Wohnungsnot, schlimm, schlimm. Aber eine Enteignung! Mehr noch: eine "ENTEIGNUNG!" Das hat es ja noch nie gegeben und das geht ja nun gar nicht in unserer bürgerlich-demokratischen, äh, Dings, also, Grund- und Wohnungsordnung. Da steht nämlich drin: Eigentum verpflichtet! Und zwar den Staat, es zu schützen. Und wer was anderes sagt, der ist ein nicht mehr auf dem Boden unserer Grund- und Wohnungsordnung stehender Aufrührer und wahrscheinlich sogar ein Kommunist. 

So wie zum Beispiel dieser Kerl, der seine üblen Ressentiments gegen das freie Unternehmertum als sachliche Analyse verkleidet: "Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert", so hetzt dieser Schreiberling, und fährt fort: "Das Resultat ist, dass die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, dass Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind; denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen."

Meine Güte! Dieser Kerl wiegelt so was von auf, der gehört festgesetzt! Wie heißt er nochmal? Aha, Friedrich Engels. Wie? Der hat das 1872 geschrieben? Hmm. Dann kann man den also nicht mehr verhaften. Aber was ist jetzt das für eine Meldung? Eine Viererbande hat die Besitzer eines alleinstehenden Hauses vertrieben und ist selber eingezogen. Der Vorfall wurde dokumentiert und unter dem Titel "Die Bremer Stadtmusikanten" in der Sammlung Grimms Märchen abgelegt. Verdammt nochmal, das ist ja noch älteren Datums, das ist ja schon 1819 publik geworden! Also auch verjährt. So dass die Tat ungesühnt bleibt und sogar ganz dreist als vorbildhaft weitererzählt wird. 

Vom Politprofessor Iring Fetscher etwa, der die Geschichte 1972 in seinem Buch "Wer hat Dornröschen wachgeküsst?" als Vertreibung von Immobilienspekulanten durch arme Rentner interpretiert und deshalb die tierische Tarnung der Täter als Esel, Hund, Katze und Hahn aufhebt und sie als abgehalfterte Combo vorstellt: Hafenarbeiter, Soldat, Freudenmädchen und Tenor, alle ausgemustert. Dass der ursprüngliche Protokollant die Hausbesitzer als Räuber bezeichnet, sieht dieser seltsame Professor übrigens als eine "moralische Ablehnung" an: "Klar bleibt, dass der Märchenerzähler ihren Besitztitel nicht akzeptiert und den Überfall des Rentnerkollektivs und dessen dauernde Festsetzung in dem besetzten Haus eindeutig billigt." Fehlt nur noch, dass Hausbesetzung demnächst als Weltkultur geadelt wird! Wie bitte?! Die UNESCO hat die Kasseler Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm schon 2005 zum Weltdokumentenerbe erklärt?! Das bedeutet also, dass auch die Bremer Stadtmusikanten und deren Hausbesetzung ... – HILFE!!


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