Um den Krater zu sehen, muss man in die Luft gehen, wie unser Fotograf. Luftbild: Manfred Grohe

Um den Krater zu sehen, muss man in die Luft gehen, wie unser Fotograf. Luftbild: Manfred Grohe

Ausgabe 421
Gesellschaft

Mondlandschaft auf Expansionskurs

Von Jürgen Lessat
Datum: 24.04.2019
Streit um den Plettenberg: Der Schutz von Flora und Fauna steht gegen den Abbau von Kalkstein durch den Zementkonzern Holcim. Die Stadt Balingen kämpft für den Erhalt ihres Hausbergs, unterstützt von Natur- und Umweltschützern.

Der Plettenberg, der sich rund 80 Kilometer südwestlich von Stuttgart erhebt, ist einer der Charakterberge der Schwäbischen Alb. Unter den Balinger Bergen ist er mit einer Höhe von knapp 1002 Metern gar der Höchste. Nicht nur die Kulisse zeichnet den Hausberg der Gemeinde Hausen am Tann aus. Er gilt als Refugium für Flora und Fauna. Auf seiner Hochfläche gibt es noch Wacholderheiden, Silber- und Golddisteln und auch die Vogelwelt fühlt sich wohl. 47 verschiedene Arten haben Ornithologen gezählt, darunter 19 streng geschützte von der roten Liste. Zudem lassen sich auf dem Berg viele seltene Schmetterlingsarten beobachten. Nicht zuletzt ist er ein Erholungsgebiet für Menschen, durch das sich zahlreiche Wanderwege ziehen.

Was nur Ortskundige wissen, weil von der im Tal vorbeiführenden Bundesstraße 27 aus nicht zu erkennen: Der Plettenberg gleicht einem hohlen Zahn. Aus der Vogelperspektive lässt sich das riesige Loch überblicken, das mitten in seiner Hochfläche gähnt. Zur Mondlandschaft ausgehöhlt hat den Berg seit Beginn des 20. Jahrhunderts die lokale Zementindustrie, die hier den Rohstoff Kalkstein heraussprengt, und über eine 2,3 Kilometer lange Lorenseilbahn ins 1800 Einwohner zählende Dotternhausen transportiert. Genauer gesagt ins Zementwerk des Baustoffkonzerns Holcim, dessen Öfen, Kamine und Silos auf der westlichen Seite der B 27 stehen.

Der rund 60 Hektar große Steinbruch, dessen drei Abbausohlen bis 60 Meter tief in den Berg reichen, soll weiter wachsen, um den Rohstoff-Hunger des Zementwerks noch bis weit in die Mitte des Jahrhunderts zu stillen. Das Unternehmen des schweizerischen Baustoffkonzerns LafargeHolcim hat im vergangenen Sommer beim Balinger Landratsamt die Süderweiterung des Abbaugebiets um rund 8,8 Hektar beantragt. Seither ist die Welt auf der Zollernalb in Aufruhr.

Bürger und Naturschützer gegen Behörden und Baustoffkonzern

Immer wieder berichtete die Lokalpresse seither von überschrittenen Abbaugrenzen, einer erfundenen Erweiterungsgenehmigung, interpretierbaren Verträgen, falschen Darstellungen und unvollständigen Artenerhebungen in Sachen Steinbruch. Ungereimtheiten fördern auch die aktuellen Kontext-Recherchen zutage, etwa zur tatsächlichen Größe der Steinbrucherweiterung (siehe unten) und dem Vorkommen schützenswerter Arten. Der Streit zwischen Bürgern, Naturschützern und Lokalpolitikern auf der einen und Behörden und Baustoffkonzern auf der anderen Seite, darüber, was auf dem Plettenberg erlaubt und tatsächlich gemacht wird, dürfte weiter eskalieren.

Denn Sprengungen und Schaufelbagger knabbern inzwischen an den nordöstlichen Hangkulissen, die den Anwohnern am Fuß des Bergs bisher den Anblick trister Steinbruchwände ersparten. Und in Zeiten von Schülerdemos für mehr Klimaschutz treibt die Menschen auch der behördlich sanktionierte hohe Schadstoffausstoß des Zementwerks um (Kontext berichtete). Landrat Günther-Martin Pauli (CDU) wird sich deshalb entscheiden müssen zwischen industriefreundlichem "Weiter So" und einer mittelfristigen Steinbruchstilllegung, die ökologischen Belangen den Vorrang einräumt.

Dabei dampfen Zementklinker-Schlote im Zollernalbkreis schon seit mehreren Generationen. 1939 wurde die Zementfabrik Rudolf Rohrbach in Dotternhausen gegründet, mit dem Plettenberg und den Ölschiefervorkommen des Albvorlandes als Rohstofflieferanten. Im gleichen Jahr wurde der Plettenberg unter Landschaftsschutz gestellt, der aber bereits mit Ausnahmemöglichkeiten für den Steinbruch versehen wurde, wie das Naturschutzbüro Zollernalb, dem Zusammenschluss örtlicher Naturschützer, in einer ausführlichen Dokumentation schreibt. Damit wurde damals der Widerstreit zwischen Naturschutz und wirtschaftlichem Interesse geregelt. "Der Steinbruch durfte von Anfang an nur betrieben werden, wenn bestimmte Auflagen zugunsten des Landschaftsschutzes eingehalten wurden. Diese rechtliche Konstruktion – Landschaftsschutzgebiet mit Befreiungen für den Steinbruch – wurde bis vor wenige Jahre weitergeführt", so Büro-Sprecher Herbert Fuchs.

"Lange Zeit hatte der Landschaftsschutz Vorrang auf dem Plettenberg", bestätigt auch Norbert Majer, Vorstand des Verein für Natur- und Umweltschutz Zollernalb (NUZ), in dem Bürgerinitiativen aus den umliegenden Ortschaften vereinigt sind. Doch dann tauchte plötzlich eine angeblich bereits 1986 erteilte Abbaugenehmigung im Behördendschungel auf, auf deren Basis die Regionalversammlung die Heidehochflächen des Plettenbergs vom Landschaftsschutz- in ein Rohstoffsicherungsgebiet umwandelte – in dem Naturschutzbelange kaum noch relevant sind. "Wenn Holcim behauptet, es liege ein Verwaltungsakt mit Abbaugenehmigung vor, dann ist das vorsätzliche Täuschung", empört sich Majer.

Naturschützer sprechen von geschönten Gutachten

"Diese Genehmigung gibt es nicht, sie ist ein Fake", sagt auch Naturschützer Fuchs. Nicht für das Regierungspräsidium Tübingen als zuständige Naturschutzbehörde. Ende 2017 hob es den Landschaftsschutz für den bestehenden Bruch und das geplante "Vorranggebiet Gesteinsabbau" auf – was Holcim den Antrag auf Süderweiterung des Steinbruchs letztlich ermöglichte.

Eine Erweiterung darf es aber nicht geben, verlangen Natur- und Umweltschützer. "Es gibt einen heftigen Naturschutzkonflikt", verweist Fuchs auf das Vorkommen von geschützten Vogelarten. So brüte sogar die Heidelerche wieder auf dem Plettenberg, von der nur noch wenige Brutpaare im Südwesten nachgewiesen sind. "In den Antragsunterlagen von Holcim sind alle Eingriffe und Konfliktpotenziale geschönt dargestellt", kritisiert Fuchs. So seien im entsprechenden Gutachten streng geschützte Vogelarten offenbar "übersehen" worden.

Der Steinbruch-Betreiber widerspricht. "Der Artenschutz liegt Holcim am Herzen", entgegnet Werkssprecherin Sabine Schädle auf Nachfrage. Aktuell sei man dabei, das Thema Heidelerche mit Experten, darunter auch der NABU, intensiv zu prüfen und zu erörtern. "Wir legen großen Wert darauf, eine Lösung im Interesse aller zu finden", betont Schädle.

"Es geht nicht um 8,8 Hektar, sondern um gut 16 Hektar Erweiterung", nennt NUZ-Sprecher Majer eine weitere Ungereimtheit. Denn zusätzlich zur eigentlichen Süderweiterung, um deren Größe man monatelang gerungen habe, wolle Holcim auch eine Rekultivierungsfläche von 7,53 Hektar dem Abbau widmen. Warum diese nicht von Anfang an der Süderweiterung hinzugerechnet ist, ließ die Genehmigungsbehörde auf frühere Anfragen der Lokalpresse offen. "Die Fläche befindet sich zwischen der genehmigten Abbaufläche und der beantragten Süderweiterung", erklärte das Landratsamt dem "Zollernalbkurier" nur.

In der behördlichen Bekanntmachung des Holcim-Antrags war dagegen noch kryptisch von einer "Umwandlung einer genehmigten Rekultivierungsfläche in eine Abbaufläche, die zur Vorbereitung der Rekultivierung bereits teilweise abgebaut wurde" die Rede. Holcim wiederum betont auf Kontext-Nachfrage, dass man sich an Recht und Gesetz halte: "Die Fläche, die hier als "Rekultivierungsfläche" angesprochen ist, ist keine Fläche, auf der bereits rekultiviert worden ist und sie liegt innerhalb des aktuell genehmigten Abbaubereichs", teilt das Zementwerk mit.

Lokalpolitiker wollen nicht hinter geschlossenen Werkstoren verhandeln

Längst brodelt es auch in der Lokalpolitik, jüngst kam es sogar zum Eklat. Im Zuge des Anhörungsverfahrens hatten sich der Balinger Gemeinderat und Oberbürgermeister Helmut Reitemann (CDU) zwar parteiübergreifend offen für die Süderweiterung gezeigt, die Zustimmung aber an Bedingungen geknüpft: den Erhalt der Ostkulisse des Steinbruchs und – wohl durch die Fridays-for-Future-Demos gedrängt – den Einbau eines SCR-Katalysators im Zementwerk zur Abgasreinigung, um Klima und Bürger besser als bislang zu schützen. Holcim reagierte darauf mit einer Gesprächseinladung an die Lokalpolitiker, allerdings hinter geschlossenen Werkstüren. Ein Angebot, dass die Balinger empört ablehnten. Holcim wiederum sah sich außerstande, im Gemeinderat öffentlich Stellung zu beziehen – angeblich wegen einer anstehenden Werksbesichtigung. Bereits mehrere Male habe man Holcim genau diesen Wunsch signalisiert, kritisiert OB Reitemann. Das Unternehmen habe die Balinger indes stets abblitzen lassen und stattdessen auf die öffentliche Anhörung verwiesen, die auf den 7. Mai in Dotternhausen angesetzt ist.

Holcim widerspricht. Man stehe und bleibe im Dialog. Und man präsentiere seine Projekte gerne auch außerhalb des Werks. Die Thematik sei allerdings so komplex, dass man es als schwierig betrachte, es in der sehr begrenzten Zeit einer öffentlichen Gemeinderatssitzung umfassend zu vermitteln. "Hier vor Ort, im Zementwerk ist vieles am besten zu veranschaulichen und zu erklären. Eine Werksführung trägt am meisten zur Wissensbildung bei", so Werksleiter Dieter Schillo auf Kontext-Anfrage. Deshalb habe man der Stadt Balingen und ihrem OB in den vergangenen zwei Jahren mehrfach angeboten, zu Holcim zu kommen. "Wir werden die Chance nutzen, in einer der nächsten Gemeinderatssitzungen offen über die aktuell diskutierten Themen zu diskutieren", verspricht Schillo.

Für Bewegung im Kampf um den Balinger Hausberg sorgte jüngst der Landesnaturschutzverband (LNV). Der Dachverband von 32 Naturschutzverbänden mit mehr als 540 000 Mitgliedern beantragte die Ausweisung des Plettenbergs als Naturschutzgebiet. Die hohe ökologische Wertigkeit erfordere diesen Schritt, so der LNV-Vorsitzende Gerhard Bronner. Bisher sind rund 36 Hektar Steilhänge im Süden des Berges als Naturschutzgebiet "Plettenkeller" ausgewiesen. Nach Vorschlag des LNV kämen 80 Hektar dazu, die neben weiteren Steilhängen auch die noch vorhandenen Hochflächen im Norden und Süden umfassen. "Wir möchten, dass unser Antrag unabhängig vom laufenden Genehmigungsverfahren des Steinbruches bearbeitet wird", betont Bronner. "Deshalb haben wir die Erweiterungsfläche aus dem beantragten Schutzgebiet weggelassen. Es geht um den Rest." Kommt es zu einer Unterschutzstellung, wären künftige Steinbrucherweiterungen nicht mehr möglich. Holcim müsste sich dann früher als geplant um Ersatzstandorte für die Gesteinsgewinnung in der Region bemühen.

Erörterung der Holcim-Pläne auf unbestimmte Zeit verschoben

Ob die noch unberührten Heidehochflächen nicht besser unter Naturschutz zu stellen wären, wollte schon im vergangenen Jahr auch Balingens OB Reitemann vom zuständigen Tübinger Regierungspräsidium erfahren. Die Antwort fiel ernüchternd aus: "Die Naturschutzbedeutung wird aufgrund der künftigen geringeren Flächendimension (wg. Ausweitung des Steinbruchs, Anm. die Redaktion) abnehmen", deshalb habe eine Schutzgebietsausweisung "fachlich keine hohe Priorität". Hinzu käme, dass die fragliche Fläche bereits als Vorranggebiet für Rohstoffsicherung ausgewiesen sei. Zudem ließen andere Aufgaben und personelle Veränderungen selbst "mittelfristig für ein Naturschutzgebietsverfahren keinen Raum".

"Man fühlt sich machtlos, weil alles im Sinne des zweitgrößten Zementherstellers der Welt läuft. Für die Süderweiterung muss eine anständige Planung auf den Tisch", so Naturschützer Fuchs. Eine Forderung, der das Landratsamt in der vergangenen Woche überraschend gefolgt ist: Die auf 7. Mai terminierte öffentliche Erörterung der Holcim-Pläne wurde kurzfristig auf unbestimmte Zeit verschoben, offenbar wegen fehlerhaften und unvollständigen Antragsunterlagen. Bis zum Jahresende wird es wohl nichts mit den Erweiterungsplänen von Holcim.


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