Am 27. 2. 1970 besetzen 20 Patienten und Studenten die Verwaltungsdirektion der Universitätsklinik Heidelberg. Foto: Hans Speck

Ausgabe 291
Zeitgeschehen

Der Patient, das revolutionäre Subjekt

Von Mario Damolin
Datum: 26.10.2016
Das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) hat Anfang der 70er-Jahre das politische Klima in Heidelberg maßgeblich beeinflusst. Wie aus einer Selbsthilfegruppe eine mörderische politische Sekte erwuchs, beschreibt der Medizinhistoriker Christian Pross. Sein Buch "Wir wollten ins Verderben rennen" ist von hoher Aktualität.

Karl Jaspers (1883–1969), Psychiater, Existenzphilosoph und mehr als vierzig Jahre in Heidelberg lebend, sagte einmal über seine Stadt, sie sei ein optimaler Nährboden für Sekten und seltsame Gruppen aller Art. Er sprach 1922 vom "Sich-Wegwerfen an Kreise und Meister". Christian Pross, der ab 1968 in Heidelberg studiert hat und in Berlin lebt, bestätigt in vielen Punkten das von Jaspers beschriebene sektenhafte Phänomen: "Es gibt in der Tat dieses Heidelberger Zirkelwesen, das ist schon ganz alt. Es gab nach dem Krieg diesen Zirkel um die Viktor-von-Weizsäcker-Schüler, den Kütemeyer-Kreis, die hatten alle so etwas Verschwörerisches."

In vierjähriger Forschungsarbeit hat Pross, in seiner "Doppelrolle als Forscher und Zeitzeuge", die Geschichte des SPK aufgearbeitet. "Ich bin damals schon involviert gewesen", erzählt er bei unserem Besuch in Berlin, "und das Buch ist sicherlich auch eine Form der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Biografie. Manchmal erschrecke ich, wenn ich in meinen Tagebüchern von damals lese, was ich da geschrieben habe." Das SPK übte auch auf den jungen Medizinstudenten Pross Ende der 60er-Jahre eine besondere Faszination aus. Die Rebellion an den Universitäten ergriff alle Fakultäten, auch die medizinische Fakultät mit ihren Kliniken, ihre wie Feudalherrscher agierenden Chefärzte und Professoren.

Ausgerechnet an der psychiatrischen Uni-Klinik, unter der Leitung von Walter von Baeyer, entzündete sich eine Auseinandersetzung, die später fatale Folgen haben sollte. Pross beschreibt von Baeyer als herausragende Erscheinung unter den Heidelberger Ordinarien: "Die psychiatrische Uni-Klinik war nach dem Krieg eine der fortschrittlichsten Kliniken dieser Art in Deutschland und sozusagen das Zentrum und die Werkstatt der Psychiatriereform." Dort arbeitete der Arzt Wolfgang Huber von 1961 an, bis er 1966 an die Poliklinik versetzt wurde. Und dort gründete er 1968 das ursprüngliche Patientenkollektiv.

Es war die Zeit der Studentenrevolte, das Infragestellen falscher Autoritäten, alter Nazis in Professorenrang, die Forderung nach Mitsprache und Mitgestaltung, nach radikaler Theorie und Praxis. Pross: "Huber hatte eine bestimmte Gabe zu erkennen, früher als andere, um was es sich bei einem Patienten handelte, obwohl er keine therapeutische Ausbildung hatte. Aber ein Psychiater sollte seine eigenen Autoritätskonflikte und Probleme bearbeitet haben, bevor er in Kontakt mit Patienten tritt. Und da lag das Problem bei Huber. Er hat seine eigenen Konflikte über die Patienten geleitet."

"Huber war in gewissem Maße größenwahnsinnig"

Huber, notiert Pross, ist durch die in die Gruppe strömenden Studenten radikalisiert und politisiert worden. In Heidelberg gab es – im Unterschied zu anderen Universitätsstädten – keine psychotherapeutische Beratungsstelle für Studenten. Es herrschte eine totale Unterversorgung für psychisch angeschlagene, vereinsamte oder durch Drogengebrauch gezeichnete Studenten. Eine solche Beratungsstelle hatte von Baeyer schon vor dem SPK gefordert, war aber vom Rektorat nicht einmal angehört worden. Und in der Poliklinik, wo Huber nun war, entstand fast urwüchsig eine Art Studentenberatung, sozusagen ein Geheimtipp. Aber, so Pross: "Huber war in gewissem Maße größenwahnsinnig, bei dieser Masse von zum Teil schwerkranken Patienten auf die Unterstützung eines professionellen Rahmens und Hilfe von Kollegen zu verzichten."

Huber war in seiner konfrontativen Art den Honoratioren ein Dorn im Auge. Zwanzig Klinikdirektoren unterstützten die im Februar 1970 ausgesprochene Kündigung gegen ihn, die Situation eskalierte. Im Juni 1970 bezeichnet sich Hubers Gruppe erstmals als Sozialistisches Patientenkollektiv, das SPK wurde nun zum Katalysator politischer Machtkämpfe in der Universität, landespolitischer Direktiven, psychiatrisch-fachspezifischer Auseinandersetzungen, Gutachterscharmützeln – und nicht zuletzt zu einem Konfliktzentrum, das die eigene Gruppe zu verschlingen drohte.

Pross beschreibt detailgenau den gesamten Entwicklungsprozess des SPK, seiner Aktivitäten und Theorien im Zuge der langsam ausklingenden Studentenbewegung. Anhand vieler Zeitzeugeninterviews und intensiven Archivstudien gelingt es ihm, ein schillerndes Bild der Stadt zu zeichnen. Heidelberg war zu jener Zeit ein Zentrum der Sekten: maoistische und leninistische Studentengruppen, Psychogruppen aller Art, etwa die Anhänger von Otto Mühls AAO-Kommune; die Pune-Gemeinde der Sanyasin hatte nicht wenige Aktivisten, schließlich die aus dem SPK kommenden Militanten. Die Generalfrage jener Zeit war, wer das revolutionäre Subjekt sei. Die Maoisten und marxistischen Dogmatiker erwählten das Proletariat; manch andere vermuteten die technische Intelligenz (zusammen mit den Arbeitern) als revolutionäres Subjekt; andere suchten in den Psychogruppen danach – und das SPK ernannte kurzerhand die Kranken zum Subjekt der Revolution.

"Aus der Krankheit eine Waffe machen"

17 Monate existierte das SPK, bis es verboten wurde – und diese Zeit, von Februar 1970 bis Juni 1971 – war ein Lauf im Zeitraffer: eine Betroffenengruppe erhebt verständliche und gerechtfertigte Forderungen, radikalisiert sich erstens durch die Ignoranz ihrer Umgebung und zweitens durch eine innere Dynamik der Bedrängung. Pross schildert eindrücklich, wie im SPK die "Pragmatiker", wie er sie nennt, von den Radikalen ausgeschaltet wurden – manchmal durch Fausthiebe; wie sich die Parole "Aus der Krankheit eine Waffe machen" zum Leitmotiv entwickelte – und darunter viele wirklich psychisch Kranke zu leiden hatten. "Die psychisch Kranken wurden von den politisch Radikalen instrumentalisiert", sagt er. Und "Verräter" mussten neutralisiert werden. Im SPK herrschte Angst und Abhängigkeit.

Eine Zeitzeugin aus dem SPK: "Diese politisch Radikalen waren wahrscheinlich gar nicht psychisch krank." Es wurde stundenlang Hegel gelesen, es wurden Schießübungen im Odenwald veranstaltet, "wie Räuber und Gendarm", so ein Teilnehmer. Ein immenser Gruppendruck entwickelte sich, ein "innerer Kreis" dominierte den Rest der Gruppe; Huber war, ob er wollte oder nicht, der Meister, der Guru, bezeichnete sich aber nichtsdestotrotz selbst als Patient, um das Autoritätsgefälle zu seinen Patienten zu mindern. Und wie in den meisten Sekten das Thema sexueller Missbrauch: Huber hatte sexuelle Beziehungen zu mehreren Patientinnen und verstieß somit radikal gegen das therapeutische Abstinenzgebot. 

Aus dem SPK erwuchsen die Terroristen Taufer, Schiller und Jünschke

Unter den politisch Radikalen im SPK waren die späteren Terroristen Lutz Taufer, Margit Schiller und Klaus Jünschke. Sie alle kamen von der Basisgruppe Psychologie an der Mannheimer Universität und beherrschten die Gruppe mit ihren revolutionären Theorien. Ein einziger "Theorie-Wahn", so Pross. Jünschke hat sich als Erster in glaubhafter Weise mit seiner Geschichte und deren Folgen beschäftigt. Taufer lebte nach dem SPK-Verbot noch einige Zeit in der Heidelberger Altstadt, zusammen mit jenen Personen, die 1975 als "Kommando Holger Meins" mit ihm in der deutschen Botschaft in Stockholm ein Blutbad anrichteten.

Noch 2010 antwortete Taufer, der 1992 öffentlich der Gewalt abschwor, in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen auf die Frage nach den Gründen der mörderischen Attacke in Stockholm: "Es reicht mir nicht, einfach zu sagen: hätten wir das nicht gemacht. Das reicht mir nicht. Es gab gewichtige Gründe zu handeln, etwas zu tun. Und ich finde diese Gründe auch heute noch notwendig für ein Handeln. Ich würde aber heute anders handeln [...] Ich finde es heute nach wie vor richtig, dass wir stark beunruhigt waren darüber, dass es in diesem Land nach Auschwitz noch immer etwas gab, wo man nicht ausschließen konnte, irgendwie ist das noch nicht Vergangenheit. Leider muss man heute diese Befürchtung wieder stärker haben."

Erst im Jahr 2012 bekannte sich der Exterrorist ohne Wenn und Aber zu seiner Mitschuld am Tod von Menschen und der "Zerstörung der Hoffnung auf eine menschlichere Welt". Doch zu den theoretischen Amokläufen in seiner SPK-Zeit, der Theorie eines Klassenkampfes gegen die "Ärzteherrschaft", der versuchten Instrumentalisierung psychisch Kranker als "revolutionäre Subjekte" finden sich in Pross' Buch von Taufer nur matte und abwiegelnde Allgemeinheiten: "Infolge der Ideologisierung durch den Druck von außen (sei) die menschliche Zuwendung und Aufmerksamkeit zu den Ängsten, Nöten und Problemen der Einzelnen zu kurz gekommen." Viele in Heidelberg empfanden damals schon allein die seltsamen Theorien und die Sprache des SPK als Instrumente des Terrors, ebenso das hermetische Auftreten des "Heidelberger Komitees gegen Folter an politischen Gefangenen in der BRD" – unter den Studenten als "Folterkomitee" ironisiert. Diese Gruppe war für Taufer und seinesgleichen das Sprungbrett in die RAF – nicht das SPK.

Die Fragen von damals stehen wieder auf der Tagesordnung

So geht in der Chronologie SPK–"Folterkomitee"–RAF bei ihren Protagonisten gerne die Ausgangsposition verloren. Pross aber lässt sich davon nicht beirren. Im psychiatrischen Feld sieht er auch heute viele Probleme. Vielerorts sind die Ansätze sozialer Psychiatrie mehr und mehr am Verschwinden, obwohl es immer noch beispielhafte Kliniken gibt, die sich um die Menschen kümmern. Etwa die lange (und früher zu Recht) verteufelte Psychiatrie-Klinik in Wiesloch, heute "Psychiatrisches Zentrum Nordbaden". Die "biologische Psychiatrie", das heißt die generelle Verabreichung von Psychopharmaka, schreitet wieder voran. Und um die Ecke lauert die bewährte "Verwahr-Psychiatrie".

Christian Pross hat mit seinem Buch eine außerordentlich lesenswerte Geschichte über die Entwicklung einer ehemaligen Betroffenengruppe, die sich zur politischen Sekte auswuchs, geschrieben. Angenehm vor allen Dingen sein Bemühen, weder in Glorifizierung noch in Verteufelung zu enden. Er sieht in seinem Buch, das von der Reemtsma-Stiftung gefördert wurde, nicht nur eine historische Thematik, für ihn steht das alles auch heute auf der Tagesordnung: "Die Fragen, die das frühe SPK aufgeworfen hat, nämlich die Rechte gerade der psychisch Kranken zu achten, nicht unnötig Zwang anzuwenden, nicht unnötig ihre Freiheit einzuschränken, ist auch heute ein hochaktuelles Thema und muss immer wieder neu bearbeitet und erkämpft werden."

 

Info:

Christian Pross (unter Mitarbeit von Sonja Schweitzer und Julia Wagner): Wir wollten ins Verderben rennen. Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg; Psychiatrie Verlag 2016, 504 Seiten, 39,95 Euro.


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17 Kommentare verfügbar

  • Sophie
    am 09.11.2016
    Herr Damolin beginnt seinen Artikel mit einem Zitat von Karl Jaspers, ein Zitat aus dem Jahre 1922, also gut 50 Jahre vor dem SPK und somit schon rein zeitlich ohne jeden Bezug zum SPK. Aber Herr Damolin meint anscheinend, einen Philosophen und Psychiater bemühen zu müssen, um seine Hetze gegen das SPK zu verstärken.
    Dafür ist Karl Jaspers nun aber gänzlich ungeeignet.
    Wer sich mit Karl Jaspers befasst hat, weiß, dass ihm die heuchlerische und verlogene und ab 1933 auch offen verbrecherische Praxis der Professoren und Dozenten der Universität Heidelberg zutiefst zuwider war, diese Professoren und andere Akademiker, die willig bei der sog. Säuberung der Universität von Juden mitgemacht haben, Professoren, die an der Verbrennung von Büchern teilgenommen und ihre Stellung dazu missbraucht haben, ihre Studenten aufzustacheln und in mordlustige Schlägertrupps zu verwandeln. Karl Jaspers selbst wurde 1937 mit einem Lehr- und Publikationsverbot aus der Universität verbannt.
    Nichts war Karl Jaspers mehr verhasst, als nach dem Ende des Krieges mitansehen zu müssen, dass nun genau dieselben Herren sich gegenseitig Persilscheine ausstellten und dadurch die neuen Posten an der Universität besetzen konnten. Nach 1945 war selbstverständlich keiner mehr von denen jemals Nazi gewesen.
    Karl Jaspers hat dies tief erschüttert, so tief, dass er 1948 seinen wiedererlangten Lehrstuhl aufgab, Heidelberg und der Universität den Rücken kehrte und einen Ruf nach Basel annahm.
    Karl Jaspers würde sicher nicht zu denjenigen gehört haben, die zusammen mit dem ehemaligen NS-Heerespsychiater und damaligen Chef der Heidelberger psychiatrischen Klinik, Prof.Dr.med. von Baeyer, voller Besitzerstolz über “unser SPK” publizierten, über dessen 500 Patienten von Baeyer und die Seinen 1970/71 in einer beispiellosen HEILshygienischen Ausrottungsaktion hergefallen sind. Karl Jaspers hätte es da, dess’ kann jeder sicher sein, hätte er damals noch gelebt, mit seinem Philosophenkollegen Jean-Paul Sartre gehalten, der sich kompromisslos FÜR das Sozialistische Patientenkollektiv eingesetzt hat und der die Ärzte, sogar ohne ihre "politische Schuld" (Karl Jaspers) auch nur erwähnenswert zu finden, als Urheber der “härtesten Repression” aus “Kultur” und Gesellschaft verwies (vgl. J.-P. Sartre in: SPK – Aus der Krankheit eine Waffe machen).
    “Wenn ich mein Leben nicht eingesetzt habe zur Verhinderung der Ermordung anderer, sondern dabeigestanden bin, fühle ich mich auf eine Weise schuldig, die juristisch, politisch und moralisch nicht angemessen begreiflich ist. Dass ich noch lebe, wenn solches geschehen ist, legt sich als untilgbare Schuld auf mich.”
    Karl JASPERS in “Die Schuldfrage”, Heidelberg 1946.

    Zum Glück lässt sich die Leserschaft heutzutage nicht mehr alles andrehen, denn nur Papier ist ein geduldiger Patient.
  • Barbara Kannenmacher
    am 04.11.2016
    Vor allem aus meiner eigenen Krankheitsbetroffenheit und aufgrund meiner intensiven Beschäftigung mit den Texten von SPK/Patientenfront seit Jahren möchte ich auf Folgendes hinweisen:
    Jean-Paul Sartre, Werner Heisenberg und viele andere haben das SPK unterstützt und sie haben das SPK aufgefordert, unter allen Umständen mit seiner Arbeit weiterzumachen, trotz Verfolgung und Verfemung. Das SPK hat diese Forderung erfüllt und hat tatsächlich weitergemacht, in bruchloser Kontinuität bis heute als SPK/Patientenfront. Und man kann ja wohl kaum sagen, dass das Problem Krankheit seit 1970/71 kleiner geworden sei, ganz im Gegenteil. Ich halte das SPK/Patientenfront für einen sehr, sehr wichtigen Ansatz zur Lösung der heutigen Weltprobleme. Wie das? Nun, wer krank ist, hat nur noch eine wichtige Beziehung, nämlich die zu seiner Krankheit. Dies mag als unsozialer Egoismus erscheinen. Das SPK hat es nun geschafft, diesen in jeder Krankheit angelegten gemeinschaftsfeindlichen Egoismus in ein kollektives WIR zu verwandeln, in dem die Krankheit des anderen genauso wichtig ist, wie die eigene (Patienten-KOLLEKTIV). Also eine Verbindbarkeit und Verbundenheit über KRANKHEIT, die es sonst nicht gibt. Im Hinblick auf den krankmachenden Bürgerkrieg (innergesellschaftlich und weltweit), der immer noch mehr Krankheit produziert, und niemand weiß, wie Einigkeit geschaffen werden soll, also im Hinblick auf diese 5-nach-Zwölf-Weltlage meine ich, dass wir alle Heutigen das SPK/Patientenfront bitter nötig haben. Wir alle sollten schleunigst aus den Erfahrungen des SPK/Patientenfront lernen: Herstellung der Menschen-Gattung statt genozidaler Endlösung. Die ORIGINAL-Schriften des SPK/Patientenfront zu lesen, kann ein Anfang sein.
  • Dieter Kief
    am 03.11.2016
    Oh, Mario Damolin - vielen Dank für die ausführliche Rezension!

    Heidelberg war aber nicht nur ein gutes Pflaster für Sekten sondern auch ein gutes Pflaster für "erfahrene" (J. Hendrix) Sekten-Opponenten: Vorneweg Ax Genrich, Mani Neumeier und Uli Trepte, die die stärkste Rhein-Neckar-Maschine aller Zeiten entwickelt haben, um in den Fußstapfen Woddy Guthries Dogmatiker zu killen - - - - - GURU-GURU!
  • Schwabe
    am 01.11.2016
    Eine Partei für die Mehrheitsbevölkerung (lohnabhängig Beschäftigte) ist nicht zuletzt deshalb notwendig:

    Zerstörte Ordnung am Arbeitsmarkt (1): Privatisierungen und Liberalisierungen seit den 1980ern
    Ein Blick auf Frankreich, Griechenland, Italien oder die jüngsten Brüsseler Papiere zeigt: Europa ist drauf und dran, mit noch mehr Liberalisierung und Flexibilisierung seine Ordnung am Arbeitsmarkt zu zerstören. In manchen Ländern lässt sich mit Fug und Recht von den letzten Resten sprechen, die derzeit kaputtgemacht werden. Nicht zu Unrecht wird – von Befürwortern und Gegnern dieser Politik – die rot-grüne „Agenda 2010“ als Beispiel und Vorbild dieser Politik angeführt. Die Wurzeln neoliberalen Denkens und Handelns in der deutschen Arbeitsmarktpolitik sind aber älter. In dieser kleinen Artikelreihe gibt Patrick Schreiner[*] einen Überblick über 35 Jahre Neoliberalismus in Deutschland. Teil 1 widmet sich insbesondere den Privatisierungen und Liberalisierungen seit den 1980er Jahren – ein Thema, das heute viel zu oft vergessen wird, wenn von Sozialabbau und Prekarisierung die Rede ist.
    Ganzer Artikel:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=35018#more-35018
  • Stefan Haffner
    am 31.10.2016
    Die „Buchbesprechung“ Herrn Damolins ist nicht nur polemisch (@Schwabe), sondern äußerst tendenziös. Man sollte daher seine Zeilen mit der Überschrift: „Politischer Kommentar (in eigener Sache)“ versehen.
    Wie bereits aus anderen Artikeln ersichtlich, scheinen Menschen, die das ihnen auferlegte „Schicksal“ (= Klassenschicksal, = Verelendung, Einsamkeit, Wertlosigkeit, Kleinkrieg der Leute untereinander) nicht mehr einfach hinnehmen wollen, sondern sich gemeinsam gegen die herrschenden Verhältnisse wehren, bei Herrn Damolin Abwehr und einen gewissen Ekel auszu-lösen. Das be-trifft insbesondere Kranke, wie mir scheint.

    Man kann auch eine starke Trotzhaltung erkennen, Zusammenhänge richtig zu erfassen, wenn sie ihm nicht passen. Zum Beispiel: Im SPK gab es KEINE Therapie, auch keine Arzt-Patient-Verhältnisse. Somit auch kein therapeutisches Abstinenzgebot. Was es gab: Arbeitskreise über die sexuelle Misere (heute dringlicher denn je!), es wurde theoretisch UND praktisch an deren Lösung gearbeitet. Nichts geschah im Geheimen, alles unterlag der Patien-tenkontrolle durch die anderen Patienten.
    Auch eine Frau Dr. Dalia Kasubek (geb. Michel) hat das damals so erlebt, siehe ihre Überlegun-gen dazu im Buch. Und auch sie muss sich fragen lassen: Wer hat sie wertfrei als Kranke wahrgenommen und aufgenommen statt weggestoßen?! Wo konnte sie ihre Depressionen und Angstzustände überwinden? Wo wäre sie denn heute ohne die befreienden Praktiken des SPK?! Unter Umständen wäre sie wieder Patientin in der sog. Drehtürpsychiatrie, die es damals schon gab und weiterhin gibt.

    Worte wie „alte Nazis im Professorenrang“ bleiben für Herrn Damolin zudem sehr abstrakt. Zur Konkretisierung: Mag sich jeder und jede vorstellen, einen Persilschein-waschechten Nazi als Vorgesetzten oder Kollegen zu haben. – Wie sieht da der Arbeitsalltag aus, an einer Universitäts-klinik, mit bekannten Nazis wie Hans-Joachim Rauch oder Wilhelm Wendt, die beide an der Euthanasie-Aktion T4, d.h. der massenhaften Ermordung von Patienten, beteiligt waren? Welche Entscheidungen treffen sie? Wer oder was wird gefördert, welche Patienten werden behandelt, welche nicht? WER selektiert – wieder einmal?!
    Vergessen wir auch den „Landesvater“ in diesen Jahren nicht: Nazi-Marinerichter Filbinger, der 1945 noch kurz vor der Kapitulation Todesurteile gegen Deserteure betrieb und später sagte: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“, der Vorgesetzte des damaligen Kultusministers Hahn, der die Patienten offen als „Wildwuchs, … der schnellstens beseitigt werden muss“ bezeichnet hat.

    Was für jeden Leser und jede Leserin noch einmal wichtig werden kann:
    Das SPK wurde nie verboten.
    Es gibt das SPK noch, in Kontinuität, als Patientenfront/Sozialistisches Patientenkollektiv, PF/SPK(H), wie auch Herr Pross in seinem Buch schreibt, in der Nachfolge des SPK seit 1973, also seit 43 Jahren (!). Deren Veröffentlichungen umfassen inzwischen viele hundert Texte in allen Weltsprachen, zu finden im Internet unter: www.spkpfh.de
    (Im Speziellen zum Thema: „SPK indeed – what the SPK really did and said“, engl., 2007, im Internet unter www.spkpfh.de/Long_Letter.htm)

    Was mir im übrigen beim Lesen noch einmal sehr deutlich aufgefallen ist: Wie schaffte Herr Huber dieses politische Meisterstück, ALLE Klinikdirektoren gegen sich aufzubringen? Chirurgen, Psychiater, Internisten, Dermatologen – Ärzte also, die sich untereinander sonst spinnefeind sind und aufeinander herab blicken. Es muss um etwas sehr Grundsätzliches gegangen sein, nämlich um einen Angriff auf das Ärztliche überhaupt: Ärzte können gegen Krankheit nichts ausrichten, da sie sich weigern, am Grundsätzlichen anzusetzen. Daher: Entzug jeglichen Vertrauens zu Ärzten, stattdessen Patienten gemeinsam und untereinander, im Vertrauen auf die Krankheit, un-ab-häng-ig von den Ärzten. DAS hat eingeschlagen.

    @ Herbert M., „Kranke können nicht kämpfen…“:
    Ich muss Sie also in diesem Punkt korrigieren. Das können sie sehr wohl! Und überhaupt: Wer außer den Kranken, den Verelendeten, den Ausgeschlossenen, hat denn den Willen und Antrieb zum Kampf? Die Gesunden etwa, die Anpassungsfähigen, die Reibungslosen?
    Zu erinnern auch: Auf zeitgenössischen Abbildungen des Sturms auf die Bastille 1789 sieht man an vorderster Front die Zerlumpten mit ihren Krücken, so auch bei der Russischen Revolution.
    Frantz Fanon hat in seinem Klassiker „Die Verdammten dieser Erde“ beschrieben, wie sich im algerischen Befreiungskampf auch die Krankheit der Kämpfenden geändert hat. So verschwanden z.B. Depressionen und Rückenleiden. Demnach haben also gerade Kranke ein ganz materielles Interesse bis in den Körper hinein, für ihre Bedürfnisse zu kämpfen.

    Stefan Haffner

    PS.: Ich habe damals zwar nicht in Heidelberg gewohnt, aber mich ständig über das SPK auf dem Laufenden gehalten. In den 70ern hatte ich dann mehrere Jahre einen Arbeitskollegen, der im SPK war und mit dem ich viel darüber gesprochen habe.
  • Schwabe
    am 31.10.2016
    @ Gela, 29.10.2016 10:09
    Doch Gela, ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Gruppe, die sich sozialistisch nennt, eine ungute Entwicklung nimmt?
    Doch um meinen Vorwurf der Polemik (Unsachlichkeit) zu vermeiden, hätte Mario Damolin genau das erkennen müssen, was Sie scheinbar erkennen (und was auch meine Meinung ist) - nämlich das diese Gruppe sich nur sozialistisch nennt und es nicht wirklich war bzw. deren Ansatz vielleicht gut gemeint war, jedoch viel zu kurz greift.
    Genau so soll und wird nämlich sehr oft ein falsches, gewalttätiges und diktatorisches Bild vom Sozialismus gezeichnet bzw. erhalten (wenn auch evtl. unabsichtlich).

    Unter Sozialisten besteht der "subjektive Faktor" hin zu einer Systemänderung/einem gesellschaftlichen Wandel (Überwindung des Kapitalismus) nicht in einer kleinen Gruppe kranker/wehrloser Menschen, sondern in der Bewusstseinsbildung der Lohnabhängig Beschäftigten Bevölkerungsmehrheit (Menschen die frei vom Besitz der Produktionsmittel sind), ein eigenes, von der herrschenden Klasse unabhängiges politisches Programm ihrer Interessen zu finden. Also, wenn man so will, die Bildung einer Arbeitnehmerpartei - ähnlich der Gründungs-SPD vor dem 1. Weltkrieg, der SAP (Sozialistische Arbeiterpartei). In der heutigen Partei "Die Linke" steckt m.E. dazu - zumindest Ansatzweise - ein gewisses Potential.

    Darüber hinaus denke ich nicht das Sie leugnen können, dass sich die aktuelle bürgerliche (kapitalistisch/neoliberale) Politik radikalisiert (Angriffskriege mit Lügen gegenüber der westlichen Bevölkerung legitimiert, Griechenland, Privatisierungswahn der Daseinsvorsorge, etc.).
  • Melanie
    am 30.10.2016
    Zu Herbert M.
    Sie werfen dem Rezensenten eines Buches, das Sie nicht gelesen haben, eine "trübe Besprechung vor, der übliche Versuch '68 zu entsorgen". Können Sie das vielleicht näher erläutern, oder ist das nur ein trübe Wortmeldung aus dem Reich des geistlosen Geschwätzes?
  • Herbert M.
    am 30.10.2016
    zu Melanie: Ich meinte das Buch über das SPK, habe übrigens noch eins: Dokumentation Teil III. (Sorry für Missverständnis, hätte aber aus dem Zusammenhang...)
    Man sollte vielleicht daran erinnern, von wem damals die Gewalt (zuerst) ausging.
    Und auch noch ein schönen Spruch: Wenn die Theorie nicht mit den Tatschen übereinstimmt, umso schlimmer für die Tatsachen. (Aus dem Gedächtnis zitert.)
    Und das ist politisch zu verstehen nicht naturwissenschaftlich. Die Gruft hat eine Aufschrift: Vernunft. Das Todesdatum ist aber nur noch schwer zu entziffern, muss wohl vor Ihrer Zeit gewesen sein.
  • Gela
    am 29.10.2016
    Ach, Schwabe! Es ist Ihnen wohl nicht vorstellbar, daß eine Gruppe, die sich sozialistisch nennt, eine ungute Entwicklung nimmt? Und Kritik daran ist neoliberale Ideologie? So, wie unsere Gesellschaft lange nicht wahrhaben wollte, daß in christlichen Einrichtungen massive Gewalt ausgeübt wurde? Es gibt ein skandinavisches Sprichwort: " Wenn Seekarte und Wirklichkeit nicht übereinstimmen, dann gilt die Wirklichkeit"!
  • Melanie
    am 29.10.2016
    @Schwabe und@ Herbert M.
    Ich stimme Gela zu: Sie, Schwabe, scheinen den Artikel überhaupt nicht gelesen zu haben und faseln etwas vom Kapitalismus. Und Herbert M. hat das Buch "damals" gelesen - obwohl es erst gerade herauskommt. Seltsam. Aus welchen Gruften kommen Sie beide eigentlich herausgekrochen?
  • Schwabe
    am 28.10.2016
    aus Gela`s Kommentar
    "Pross schildert eindrücklich, wie im SPK die "Pragmatiker", wie er sie nennt, von den Radikalen ausgeschaltet wurden...". Radikale - meines Erachtens eindeutig ein real existierendes Phänomen der neoliberalen Ideologie (resultierend aus dem Kapitalismus).
  • Herbert M.
    am 27.10.2016
    Ich habe das Buch damals mit großem Interesse gelesen. Natürlich gab es große Fehler; Kranke können nicht kämpfen, aber es bleibt eine offene Frage, wie in dieser eindimensionalen Gesellschaft noch subversives Bewusstsein entstehen kann? Solche Arbeiter(ver)führer wie der Porsche-Hück schaffen es zwar dicke Bretter durchzuhauen, aber die vor ihrem Kopf…
    Diese trübe Besprechung ist der übliche Versuch '68 zu entsorgen. Niemand von diesen guten Bürgern hat das Recht, auch nur die gescheiterten Versuche der Emanzipation des Menschen zu verurteilen. Noch der deformierteste Vertreter des sozialistischen Patientenkollektivs erscheint mir sympathischer als die gewendeten Grünen und kleinbürgerlichen sozialdemokratischen Netzwerker an ihrer Karriere. Wer mehr Leichen im Keller hat, und das bestehende Unrecht verlängern hilft, ist offensichtlich.
  • Gela
    am 27.10.2016
    @ Schwabe: Ich habe den Eindruck ,Sie haben den guten Bericht von Mario Damolin über das Buch von Christian Pross über die verhängnisvolle Entwicklung des SPK gar nicht richtig gelesen, sondern von vornherein durch eine ideologische Brille wahrgenommen.
    Pross schreibt - nach Damolin- am Anfang und am Ende ganz deutlich, dass die Rechte psychisch Kranker beachtet werden müssen und dass dieses Anliegen auch der Ausgangspunkt für die Entstehung des SPK war. Aber er schildert auch, wie psychisch Kranke instrumentalisiert wurden:
    " eine Betroffenengruppe erhebt verständliche und gerechtfertigte Forderungen, radikalisiert sich erstens durch die Ignoranz ihrer Umgebung und zweitens durch eine innere Dynamik der Bedrängung. Pross schildert eindrücklich, wie im SPK die "Pragmatiker", wie er sie nennt, von den Radikalen ausgeschaltet wurden – manchmal durch Fausthiebe; wie sich die Parole "Aus der Krankheit eine Waffe machen" zum Leitmotiv entwickelte –.. .... Im SPK herrschte Angst und Abhängigkeit." Es entwickelte sich eine typisch sektirerische Eigenddynamik der Gruppe, in der die Kranken ( auch sexuell) mißbraucht wurden.
    Nirgends - weder bei Damolins eigenen Worten noch bei dem Bericht über Pross wird bestritten, daß psychisch Kranke mehr Rechte und Achtung brauchen - aber eben nicht als "revolutionäres Subjekt", sondern als eine Gruppe von benachteiligten Menschen.
  • Melanie
    am 27.10.2016
    Super Antwort - Schwabe!! Echt intelligent, etwa so: Warum ist Schwabe ein mehr als unterirdischer, fragwürdiger Leserbriefschreiber? Antwort: Weil Schwabe ein mehr als unterirdischer, fragwürdiger Leserbriefschreiber ist. Klasse.
  • Schwabe
    am 27.10.2016
    @Badener
    Ganz einfach, weil m.E. den gesamten Artikel lang ("Der Patient, das revolutionäre Subjekt") beim Leser nicht der Eindruck entsteht den Mario Damolin dem Buch von Christian Pross in seinem letzten Absatz zuschreibt.
    Vielleicht habe ich meinen letzten Halbsatz etwas unglücklich formuliert. Deshalb korrigiere ich: "... scheinbar ganz im Gegensatz zu Mario Damolin (?) dem aus meiner Sicht mehr als fragwürdigen Autor dieses polemischen Artikels.
  • Badener
    am 26.10.2016
    Schwabe: Das verstehe ich nicht. Warum unterirdisch?
  • Schwabe
    am 26.10.2016
    "Christian Pross hat mit seinem Buch eine außerordentlich lesenswerte Geschichte über die Entwicklung einer ehemaligen Betroffenengruppe, die sich zur politischen Sekte auswuchs, geschrieben. Angenehm vor allen Dingen sein Bemühen, weder in Glorifizierung noch in Verteufelung zu enden." - scheinbar ganz im Gegensatz zu Mario Damolin (?) dem aus meiner Sicht mehr als unterirdischen Autor dieses fragwürdigen und polemischen Artikels.

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