KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Von Kolumbien nach Baden-Württemberg

Kohle immer nur für die einen

Von Kolumbien nach Baden-Württemberg: Kohle immer nur für die einen
|

Datum:

Die EnBW bezieht nach wie vor Kohle aus dem weltweit größten und seit Jahren umstrittenen Monster-Tagebau El Cerrejón. Verfeuert wird auch in Karlsruhe und Altbach. Die Leidtragenden sind die Indigenen in Kolumbien.

Deutschland verbrennt immer noch Kohle, damit Wohnungen warm werden, damit genug Strom fließt, damit die Industrie produzieren kann. 2038 soll es nach den bisherigen Ausstiegsplänen damit vorbei sein. Aber wenn Katherina Reiche, die aktuelle CDU-Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, weiter so an der Refossilisierung arbeitet, wird noch länger Kohle geliefert – und in die entsprechenden Kassen fließen. Ein beträchtlicher Teil der verbrannten Steinkohle kommt aus Kolumbien, aus dem riesigen Tagebaumonster El Cerrejón. Die Kohlebagger fressen sich durch die Provinz La Guajíra im Nordosten Kolumbiens. Dort lebt das Volk der Wayúu und leidet. Umweltzerstörung, Vertreibungen, Wassermangel, Unterernährung, Menschenrechtsverletzungen – das wird seit vielen Jahren den El Cerrejón-Verantwortlichen vorgeworfen. Und weil sich das Energieunternehmen EnBW ebenfalls immer noch Kohle von dort nach Baden-Württemberg liefern lässt, richtet sich die Kritik der Gesellschaft für bedrohte Völker auch an den hiesigen Energiekonzern und dessen Eigner, das Land Baden-Württemberg.

Die Wayúu leben auf der Halbinsel La Guajira, durch die die Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela verläuft. Insgesamt leben in Kolumbien rund 270.000 Wayúu, sie sind das größte indigene Volk Kolumbiens. Die meisten Wayúu haben ihre Siedlungsgebiete auf der Halbinsel und geraten dort zwischen alle möglichen Fronten. Bewaffnete Gruppen versuchen, immer größere Gebiete zu kontrollieren, denn die Gegend gilt als wichtig für den Drogenhandel nach Venezuela und in die Karibik. Salz wird dort auch abgebaut – und eben Steinkohle. Der Tagebau hat sich immer weiter in Richtung der Wayúu-Gebiete vorangefressen. Folgen wie Wassermangel, daraus resultierender Ernährungsmangel und entsprechende Krankheiten werden mit dem Steinkohleabbau in Verbindung gebracht. Deswegen wehren sich die Wayúu gegen El Cerrejón.

Steinkohle ist für die Wirtschaft Kolumbiens extrem wichtig. Der südamerikanische Staat gilt als drittwichtigster Steinkohle-Lieferant weltweit und ist auch einer der Hauptlieferanten für europäische Staaten. Der Export bringt dringend benötigte Devisen ins Land. Nach Schätzungen der International Energy Agency (IEA) hat Kolumbien im vergangenen Jahr mehr als 50 Millionen Tonnen Kohle exportiert, nach Deutschland gingen nach Erhebungen des Statistischen Bundesamts knapp 4,9 Millionen Tonnen. Bis 2021 waren die Importe kontinuierlich auf knapp 1,8 Millionen Tonnen zurückgegangen, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine aber wieder sprunghaft angestiegen. Ein Großteil der kolumbianischen Steinkohle stammt aus dem Tagebau El Cerrejón.

Land zerstört, Menschen vertrieben

El Cerrejón gilt als eine der größten offenen Kohleminen der Welt, wenn nicht als die größte. Sie hat sich auf einer Fläche von etwa 78.000 Hektar durch die Halbinsel La Guajira gefressen. Das entspricht in etwa der Fläche Hamburgs. Das hat für das Land und die Menschen dort gravierende Folgen. Flüsse wurden umgeleitet, die Luft wird durch Staub verschmutzt, der Wasserverbrauch im Tagebau ist gewaltig mit Folgen für das Grundwasser. Das wiederum macht Viehzucht und Landwirtschaft – wichtig für die Wayúu – immer schwieriger. Immer wieder ist in den vergangenen Jahren über Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Kohleabbau berichtet worden. Zahlreiche örtliche, nationale und internationale Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Auswirkungen, fordern eine Schließung der Mine und eine Renaturierung der riesigen Fläche. El Cerrejón gehört dem Schweizer Rohstoffunternehmen Glencore. 

Glencore wiederum gilt als eine der weltweit größten Unternehmensgruppen im Bereich Rohstoffhandel und Bergwerksbetrieb. Nach Angaben des Unternehmenssprechers wurden in El Cerrejón im vergangenen Jahr 16,8 Millionen Tonnen Steinkohle abgebaut. Rund 13.000 Menschen sind dort beschäftigt, sowohl Angestellte als auch auftragnehmende Subunternehmer. Die Abbaurechte von Glencore für El Cerrejón laufen bis Februar 2034, dann fällt die Mine an den kolumbianischen Staat zurück. Im Nachhaltigkeitsbericht der Unternehmensgruppe für das vergangene Jahr ist El Cerrejón ein eigener Abschnitt gewidmet. Darin wird unter anderem ein Community-Team erwähnt, dem auch Angehörige der Wayúu angehören. "Sie tragen dazu bei, dass der Minenbetrieb die kulturellen Überzeugungen und Traditionen der Wayúu respektiert", heißt es in dem Bericht. Schon 2016 waren die Minenbetreiber vom kolumbianischen Verfassungsgericht dazu verpflichtet worden, gemeinsam mit den Wayúu und anderen dort lebenden Gemeinschaften "Projekte zur Minderung und Kompensation von Umwelt-, Sozial- und Kulturauswirkungen zu entwickeln". Ergebnis: "Bis Ende 2025 hatte Cerrejón mit den meisten Gemeinschaften im Umfeld des Betriebs Vereinbarungen getroffen." Diese beinhalten demnach "Projekte zur Einkommensschaffung, Initiativen zur Stärkung der Kultur sowie der Bau von Infrastruktur zum allgemeinen Nutzen der Gemeinschaft". Das Unternehmen setze sich für eine verantwortungsvolle Übergabe der Bergbauanlagen, der Infrastruktur und der Betriebsflächen nach Auslaufen der Abbaurechte ein, teilt der Sprecher mit. "Zu diesen Maßnahmen gehören: die schrittweise Rekultivierung der vom Bergbau betroffenen Flächen; die Ausweisung von Schutzgebieten zur Erhaltung der biologischen Vielfalt; sowie die Entwicklung sozialer Initiativen, die zur Schaffung widerstandsfähiger Gemeinschaften beitragen."

Die Landesregierung soll Verantwortung übernehmen

Die EnBW (Energie Baden-Württemberg AG) hat im vergangenen Jahr 1,9 Millionen Tonnen Kohle aus Kolumbien bezogen. Aktuell werden damit nach Unternehmensangaben noch drei Steinkohlekraftwerke betrieben: das Rheinhafen-Dampfkraftwerk Karlsruhe, Block 8 (RDK8), Block 2 des Heizkraftwerks Altbach (HKW 2) und ein Kraftwerk in Rostock, an dem die EnBW beteiligt ist. Dazu kommen einige Blöcke in der Netzreserve wie Block 7 in Heilbronn. "Nach aktuellem Stand plant die EnBW einen Kohleausstieg bis 2028, sofern die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen dies ermöglichen", teilt eine EnBW-Sprecherin mit. "Wir stehen seit vielen Jahren in einem engen und kontinuierlichen Austausch mit den Kohleunternehmen im Norden Kolumbiens, ebenso wie mit der dortigen Zivilgesellschaft", so die Sprecherin weiter. Die EnBW richte ihr Handeln "konsequent an den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte aus". Und: "Zusätzlich finden regelmäßig Reisen der EnBW in die Produktionsländer statt, um uns nicht nur mit unseren Produzenten, sondern auch mit weiteren Stakeholdern aus der Zivilgesellschaft, mit Regierungsvertreter:innen sowie mit Länder- und Menschenrechtsexpert:innen auszutauschen."

Der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ist das aber nicht genug. In einer Erklärung zur EnBW-Hauptversammlung Anfang Mai hat die Menschenrechtsorganisation die EnBW aufgefordert, "endlich Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen im Cerrejón-Tagebau zu übernehmen". Der GfbV-Referent für indigene Völker, Jan Königshausen: "EnBW privatisiert die Gewinne und überlässt die sozialen und ökologischen Kosten den Menschen im Globalen Süden. Gerade für das grün regierte Baden-Württemberg (...) ist dieses Verhalten eine Schande." Er kennt die Folgen dieses Wirtschaftens und zählt auf: Zerstörung der Wasserversorgung tausender Menschen, Zwangsumsiedlung zahlreicher Gemeinschaften ohne angemessene Entschädigungen, Wayúu-Kinder sterben an Unterernährung und kontaminiertem Wasser. Zudem seien Morde an Menschenrechtsverteidigern, Einschüchterungen und die Missachtung indigener Konsultationsrechte dokumentiert. "Als größter Anteilseigner trägt das Land Baden-Württemberg eine direkte Mitverantwortung für diese Geschäftspraktiken." 

Auch zur Glencore-Hauptversammlung Ende Mai meldete sich die GfbV und erklärte: "Glencore zerstört in La Guajira die Lebensgrundlage der dort lebenden Menschen und streicht damit Millionengewinne ein. Die sozialen und ökologischen Kosten des Kohleabbaus trägt allein die lokale Bevölkerung."

Mit Blick auf die Energiewende warnt der GfbV-Referent vor der Fortsetzung kolonialer Muster: "Der Ausstieg aus fossilen Energien muss gemeinsam mit indigenen Vertretern gestaltet werden. Die Klimakrise trifft ihre Gebiete schon jetzt besonders hart und gefährdet ihre Lebensweisen. Nun bedrohen Infrastrukturprojekte und Energieprojekte ihre Territorien zusätzlich. Dazu gehören der Bau von Windkraftparks und Staudämmen, der Abbau von Lithium und Finanzinstrumente wie der Kohlenstoffmarkt. Eine Klimapolitik, die Biodiversität zerstört und indigene Rechte verletzt, kann nicht nachhaltig sein."

Vor Ort in La Guajira engagieren sich einige Gruppen und Gruppierungen für die Rechte der Wayúu, beispielsweise das "Movimiento Feminista de Niñas y Mujeres Wayuu". Leider waren von dort bis Redaktionsschluss keine Statements zur aktuellen Situation zu bekommen.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!