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Löhne bei Breuninger

Für die schönen Dinge reicht es nicht

Löhne bei Breuninger: Für die schönen Dinge reicht es nicht
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Neben Gucci und Prada hat Breuninger Sonnenbrillen für 1.200 Euro im Sortiment. Diese Woche stehen bei dem Stuttgarter Nobelkaufhaus mit Milliardenumsatz Betriebsratswahlen an. Ob sich damit etwas an den beeindruckend schlechten Löhnen ändert, die teils mieser sind als bei Aldi?

Bei Breuninger gibt es T-Shirts für über 100 Euro, Handtaschen für 7.000, zum Muttertag legte das Modehaus seiner Kundschaft Grapefruitseife für 15,90 Euro nahe, gleich am Eingang unter der Überschrift "Danke Mama". Die Zielgruppe ist also klar. Hier vergnügt sich am Samstag die Möchtegern-Hautevolee von Stuttgart, lässt sich in der Breuninger Karlspassage an der Sansibar Austern munden oder Büffel-Currywurst mit Trüffel-Pommes für 22,50 Euro. Dazu gerne ein Gläschen Sekt, pardon, natürlich Champagner.

Die meisten, die dort die Ware an den Mann und die Frau bringen, können sich das nicht leisten. Denn die Löhne bei Breuninger sind schlecht, die Gewerkschaft Verdi schätzt, dass sie 20 Prozent unter dem Tarif für den Einzelhandel liegen. Dort verdienen VerkäuferInnen im Schnitt 2.757 Euro brutto, plus Weihnachts- und Urlaubsgeld. Klara Dippert arbeitet bei Breuninger im Verkauf, ist Betriebsrätin und kandidiert erneut, gemeinsam mit elf Kolleginnen und Kollegen auf der Verdi-Liste. Weihnachts- und Urlaubsgeld gibt es nur manchmal bei Breuninger – Slogan: "Die schönen Dinge des Lebens". Stets wird darauf verwiesen, dass der Arbeitgeber das freiwillig zahlt, oder eben auch nicht. Jüngst gab es Weihnachtsgeld und eine Zusage für Urlaubsgeld. Dippert vermutet, dass das mit der anstehenden Betriebsratswahl zusammenhängt. Darüber ärgert sie sich genauso wie über die miese Bezahlung. "Das ist ungerecht."

Als zynisch dürften manche Beschäftigten die Ankündigung vor einigen Monaten empfinden, dass das Nobelkaufhaus den Mindest-Einstiegslohn auf 2.100 Euro brutto angehoben hat. Das entspricht bei durchschnittlich 174 Arbeitsstunden im Monat ziemlich genau 12 Euro pro Stunde. Also dem künftigen Mindestlohn. Vor einer Woche verkündete Aldi Süd, ab Juni mindestens 14 Euro pro Stunde zu zahlen.

Die schlechten Löhne bei Breuninger sind nur ein Thema, das Klara Dippert empört. Im 25-köpfigen Betriebsrat bildet sie mit drei KollegInnen die Gewerkschaftsfraktion. Dass die zehnminütigen Treffen vor Ladenöffnung mittlerweile bezahlte Arbeitszeit sind, schreiben sich die VerdianerInnen auf die Fahne. Und es gibt noch viel zu tun. Die Arbeitszeiten (Zehn-Stunden-Schichten) und der stetige Druck sind belastend. Vor allem für diejenigen, die in unteren Gehaltsgruppen arbeiten. Wobei "Gehaltsgruppe" falsch ist, denn es gibt kein ausgehandeltes und nachvollziehbares Gehaltssystem bei Breuninger. Warum das so ist, warum kein Tarif gezahlt wird und weitere Kontext-Anfragen ließen Geschäftsführung und die Noch-Betriebsratsvorsitzende unbeantwortet.

Viel Druck, wenig Arbeitssicherheit

Ein Beispiel für Druck am Arbeitsplatz: Wenn die VerkäuferInnen sich zu Arbeitsbeginn anmelden, erscheint auf einem kleinen Bildschirm, wieviel Umsatz sie am Vortag geschafft haben und wieviel sie an diesem Tag machen sollen. Provision gibt es nicht für VerkäuferInnen, aber für AbteilungsleiterInnen. Wer sich schon mal gewundert hat, dass VerkäuferInnen in einem Kaufhaus einen Aufkleber auf das Preislabel des verkauften Hemdes oder Kleides peppen – daran erkennt die Kasse, wem der Verkauf zugeschrieben werden kann.

Neben dem Haus in Stuttgart, auch Flagship-Store genannt, gibt es das Breuningerland in Sindelfingen, Breuninger in Ludwigsburg und das Warendienstleistungszentrum (WDZ) in Sachsenheim. Insgesamt 4.500 Beschäftigte in der Region. Im WDZ wird das online-Geschäft abgewickelt. Hier arbeiten laut Dippert Frauen und Männer, die seit Jahren nicht auf die jüngst verkündete Untergrenze von 1.200 Euro kommen. Zudem gibt es immer wieder Ärger wegen der Arbeitsbedingungen. Weil Arbeitstische zu niedrig sind, Sicherheitsschuhe und Dämpfmatten fehlen. Lange Zeit auf Betonboden stehen zu müssen, geht in die Knochen. Dippert fordert: "Arbeits- und Gesundheitsschutz muss endlich eingehalten werden. Das fängt bei kaputten Klimaanlagen an und endet bei fehlenden Elektro-Langgabelameisen, damit die KollegInnen den Rücken schonen können." Alleine im WDZ arbeiten um die 1.500 Frauen und Männer, mal mehr, mal weniger, je nachdem wie viele LeiharbeiterInnen gerade beschäftigt werden.

Die Geschäfte boomen, die Löhne nicht

Klara Dippert ist angespannt, der Wahlkampf strengt an, die Truppe, mit der sie sich engagiert, ist klein, sagt sie,  "aber gut!" Seit 2011 ist sie bei Breuninger, gelernt hat sie Schneiderin, in Rumänien. "Da habe ich für C&A genäht", erinnert sie sich lachend. Noch vor der Revolution in ihrer Heimat haute sie ab. Anfang 1989 war das, alleine, als junge Frau. Dippert kann sich also durchbeißen. Und das will sie mit ihren MitstreiterInnen von Verdi auch bei Breuninger.

Bei der Gewerkschaft sind die schlechten Arbeitsbedingungen bekannt. Seit Jahrzehnten. Doch Verdi kommt bei Breuninger nur schleppend voran. Wenig Mitglieder, wenig Zeit, wechselnde Betreuungssekretäre. Seit wenigen Monaten sind Baran Kiraz und Vinko Vrabec bei Verdi Stuttgart zuständig für den Handel. "Die Nuss kann man nicht von außen knacken. Das muss von innen geschehen", sagt Vrabec. Er ist sicher, die meisten Beschäftigten wüssten gar nicht, wie viel sie mit Tarifvertrag verdienen würden, dass sie Rechte hätten bei der Arbeitszeitgestaltung, dass es Urlaubs- und Weihnachtsgeld geben würde. Also heiße es, die Leute aufzuklären, Mitglieder zu gewinnen, um mal ernsthaft Rabatz mit dem Ziel Tarifvertrag machen zu können. Vrabec meint: "20 Prozent unter Tarif! Das ist doch absurd in so einem Haus."

In vorigen Jahr, also unter Corona, konnte Breuninger laut Firmenchef Holger Blecker zum ersten Mal mehr als eine Milliarde Euro Umsatz verzeichnen. "Einschließlich des stationären Geschäfts wird Breuninger zur Mitte des Jahrzehnts voraussichtlich deutlich mehr als zwei Milliarden Euro umsetzen", verrriet Blecker der "Welt am Sonntag". Etwa zwei Drittel des Umsatzes soll alleine der Online-Verkauf bringen.

Und Breuninger setzt weiter auf Wachstum: Im Oktober 2021 wurde ein online-Shop in Polen angekündigt. Damit liefere Breuninger "die schönen Dinge des Lebens erstmals ins nicht-deutschsprachige Ausland". In Österreich und der Schweiz gibt es Breuninger bereits, in Ludwigsburg haben die Erweiterungspläne zwar gerade einen Dämpfer erfahren, doch insgesamt sieht die Firma, die auch mit Immobiliengeschäften gute Umsätze macht, sich auf einem erfolgversprechenden Weg. "Breuninger verfolgt ambitionierte Wachstumsziele und plant mit seinem kuratierten Angebot an Premium, Luxury und Designer-Brands einen stetigen Ausbau des eigenen Online-Bereichs in Europa. Die Expansion des Unternehmens in weitere Märkte wird derzeit intensiv geprüft", heißt es in einer Pressemitteilung. "Schön, dass Breuninger erfolgreich ist", sagt Dippert. "Noch schöner wäre es, sie würden Mitarbeiter nicht mit 2.100 Euro abspeisen."

Verdi will endlich was reißen

Auch Vrabec findet, dass die Beschäftigten an diesen bereits erwirtschafteten und geplanten Erfolgen teilhaben sollten. Er will künftig systematischer mit den Breuninger-VerdianerInnen zusammen arbeiten, Vernetzung und Austausch seien nötig, um Themen wie Löhne und Arbeitszeit anzugehen. "Das funktioniert", ist sich der 52-Jährige sicher. Bis vor wenigen Monaten war er selbst noch im Handel tätig. In Rosenheim bei Media Saturn hat er 27 Jahre lang gearbeitet, war zum Schluss Bereichsleiter und Betriebsratsvorsitzender. "Ich weiß, wie das ist, als Betriebsrat mit der Gewerkschaft zusammen zu arbeiten." Und er weiß, dass der Handel ein schwieriges Feld ist. Die Strukturen haben sich geändert, die Firmen teilen die Läden auf, es gibt immer weniger Beschäftigte. Umso wichtiger ist ein Laden wie Breuninger mit seinen 4.500 Beschäftigten, um tarifpolitisch etwas zu bewegen.

Klara Dippert will dabei mitmachen. Jetzt fiebert sie mit ihrem Team auf den Wahltermin hin. Sechs Listen treten an. Die von Verdi sowie fünf unabhängige. Dippert hofft, dass diesmal ein Gremium gewählt wird, "das für die Belegschaft da ist und der Kuschelkurs mit der Geschäftsleitung ein Ende hat". Denn das sei zuletzt der Fall gewesen.

Da wundert es kaum, dass es seit drei Jahren keine Betriebsversammlung mehr gab. Nicht mal vor der jetzigen Wahl, ohne großartige Corona-Auflagen, wo sich die Betriebsrats-KandidatInnen hätten vorstellen können. Das war zwar geplant, wurde aber zwei Tage vorher wegen plötzlicher Krankheit der Vorsitzenden abgesagt. In anderen Betrieben hätte dann der oder die StellvertreterIn übernommen, zumal das Betriebsverfassungsgesetz vier Betriebsversammlungen pro Jahr vorsieht. Aber bei Breuninger ticken die Uhren nun mal anders. Dort gab es zuletzt mehrere Informationsveranstaltungen von der Geschäftsleitung. Praktischerweise hat die Gewerkschaft dann kein Recht, dabei zu sein. Und Raum für Diskussionen muss es auch nicht geben. Aber es hat ja auch niemand behauptet, "die schönen Dinge des Lebens" hätten irgendetwas mit guter Arbeit zu tun.


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13 Kommentare verfügbar

  • Andrea K.
    vor 5 Tagen
    Antworten
    Von den Arbeitsbedingungen bei Breuninger verstehe ich nichts - aber der zum Vergleich herangezogene Aldi hatte sehr schlechte Presse, da es für die übertariflichen Stundenlöhne meist 20-Stunden-Verträge gibt. So ist der Arbeitgeber flexibel, kann Ausfälle durch Jonglieren und ohne zusätzliche…
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