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Nette Fotos für ein tolles Image

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Regionale Versorgung ist super und prima fürs Klima. Damit wirbt jetzt auch eine Kampagne des Ministeriums für Ländlichen Raum. Aber: Was genau hat das mit der exportorientierten Massenproduktion in Megaställen zu tun, wie sie im Ländle gang und gäbe ist?

Erst jammerten die Landwirte, weil wegen Corona drohte, dass keine billigen Erntehelfer aus Bulgarien und Rumänien kommen. Lebensmittel müssten vernichtet werden, die Lebensmittelversorgung sei bedroht, lauteten die lautstark geäußerten Befürchtungen. Vor einer Woche aber stellte sich der baden-württembergische Landwirtschaftsminister vor die Presse und erklärte, die Landwirte seien Profiteure von Corona. Ja, was denn nun?

Sie profitieren. Erstens, weil Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) auftragsgemäß auf die Jammerei des Bauernverbandes reagierte und per Sonderdekret dafür sorgte, dass 80.000 Erntehelfer kommen dürfen. Selbstverständlich unter Sicherheitsauflagen. Da hat ja jemand nochmal Glück gehabt.

Und zweitens: Die Hofläden werden gestürmt. Regionale Vermarkter machen gerade gute Geschäfte. Regionale Versorgung ist ein Lieblingsthema von Peter Hauk (CDU), Baden-Württembergs Minister für Ländlichen Raum. So gibt es schon lange eine Website und App namens "Von daheim", mit der man Hofläden in seiner Nähe finden kann. Nun hat Hauk eine Idee gehabt, wie er sein Thema – die großartige baden-württembergische Landwirtschaft – in Coronazeiten pushen kann. Für 300.000 Euro gibt es die Kampagne "Wir versorgen unser Land". Auf Fotos werden in den nächsten Wochen Landwirte und Genossenschaften vorgestellt, die die Vielfalt der 40.500 landwirtschaftlichen Betriebe im Südwesten repräsentieren sollen.

Gemeinsam mit mehreren Partnern wie dem Landesbauernverband, dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband und den Maschinenringen will Hauk "gezielt die Menschen hervorheben, die täglich für unsere vielfältigen Lebensmittel ackern und damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten", heißt es in einer Pressemitteilung. Unterstützt wird er von Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, des baden-württembergischen Bauernverbandes, des europäischen Bauernverbandes, außerdem Mitglied im Aufsichtsrat der Südzucker AG und der BayWa AG, Eigentümer eines Hofes mit 340 Hektar Ackerbaufläche plus 22 Hektar Weinberge bei Heilbronn und einstmals für die CDU Gemeinde- und Kreisrat in seiner Heimat.

Rukwied freut sich laut Pressemitteilung über die Kampagne und lässt sich zitieren: "Wir Landwirte erfahren gerade momentan viel Zuspruch und Wertschätzung für unsere Arbeit. Das honorieren die Bürgerinnen und Bürger verstärkt mit ihrem Einkauf in den Hofläden, den Automaten oder Verkaufsständen." In ähnliche Hörner stoßen die Vertreter der anderen mitmachenden Verbände, viel ist die Rede von den wichtigen Familienbetrieben, den kleinen Höfen und der regionalen Vermarktung. Wer will da schon widersprechen?

Kampagne und Wirklichkeit

Naja, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) ist nicht ganz überzeugt von der Kampagne. "Wir sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt Frieder Thomas, Geschäftsführer in Baden-Württemberg. Die bundesweite Arbeitsgemeinschaft ist ein Zusammenschluss von konventionell und ökologisch arbeitenden Bauern, die seit 40 Jahren kritisch auf die wachstumsorientierte Landwirtschaftspolitik schauen und selbst andere Wege einschlagen. "Natürlich finden wir regionale Vermarktung richtig", erklärt Thomas, und er fände es gut, dass Hauk dies unterstützt. "Aber durch eine völlig andere Agrarpolitik haben wir die dafür notwendigen Strukturen kaum mehr." Seit Jahrzehnten setze die Landwirtschaftspolitik vor allem auf Wachstum und Export. Wer viel Land hat, bekommt mehr Geld von der EU. Thomas kommentiert: "Die Bauern produzieren so viele Erdbeeren, so viel Milch, so viel Schweinefleisch – das ist für den Export. Man importiert Futtermittel aus Übersee, verkauft das Schweinefleisch nach China, und am Ende behalten wir nur die Scheiße und haben Nitrat im Wasser."

Petra Müller ist eine der baden-württembergischen Landesvorsitzenden der AbL, wo der Vorstand von alters her stets weiblich und männlich besetzt ist. Die Heumilchbäuerin aus Bad Waldsee hat 50 Kühe, die im Sommer nur auf der Weide sind und im Winter den Stall täglich verlassen müssen. Kann man von 50 Heumilchkühen leben? Müller lacht. "Ja, das geht. Wir sind ein Demeter-Hof. Ich kenne auch Landwirte, die leben von 30 Kühen. Es muss nicht Masse sein." Sondern Qualität. Womit Müller nicht sagen will, konventionell hergestellte Produkte seien schlecht. "Die sind sicher." Das unterstreicht auch das Landwirtschaftsministerium und schreibt: "Die Qualität der in Baden-Württemberg erzeugten Produkte ist hoch. Das belegen Kontrollen der Lebensmittelüberwachung."

Allerdings sagen sichere Lebensmittel nichts über die Art und Weise ihrer Produktion aus. Müller sagt dazu: "Werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt? Wie werden die Tiere gehalten? Da gibt es auch bei Direktvermarktern Unterschiede." Für die Kampagne des Ministeriums war eine umweltfreundliche Produktionsweise allerdings kein Kriterium, um mitmachen zu dürfen. "Für uns gibt es die eine Landwirtschaft in Baden-Württemberg", schreibt es auf Nachfrage gleichmacherisch und betont noch einmal die Vorteile regionaler Vermarktung, wie kurze Wege, also Klimaschutz. Für die AbL-Vorsitzende Müller ist das zu wenig: "Ich gönne ja den paar Direktvermarktern diese Kampagne. Aber man könnte viel mehr machen. Auf bessere Produktion achten, die auch der Artenvielfalt zugute kommt, die Tiere gut behandelt, die tatsächlich auf regionale Kreisläufe setzt und nicht auf weltweiten Export und Masse."

Bilder von Großviehställen sind nicht so hübsch

Corona könnte ein Anlass sein, intensiver über die industrielle Landwirtschaft beziehungsweise Alternativen nachzudenken. "Die Debatte darüber läuft ja schon", sagt AbL-Geschäftsführer Thomas. "Sowohl in der EU als auch hier in Baden-Württemberg." Corona käme jetzt noch obendrauf auf Themen wie Nitrat im Grundwasser oder Klima. Womit wieder die Themen angesprochen sind, denen die Bauern ihr im Großen und Ganzen eher schlechtes Image verdanken. "Daran sind sie selber schuld", findet Müller.

Vielleicht ist das ja der eigentliche Grund für die Kampagne "Wir versorgen unser Land": Schöne Fotos von naturverbundenen Landwirten und idyllischen Hofläden sind angenehmer als Bilder von Monokulturen und Großviehställen, wie zum Beispiel dem in Ostrach, wo derzeit vier Landwirte gemeinsam einen Stall für 1.000 Kühe bauen. Ob dort in Zukunft Milch direkt vermarktet wird? Eher unwahrscheinlich, schließlich soll mit derartigen Großställen ja Masse produziert und abgesetzt werden. Fotos von dieser Großkuhstall-Baustelle werden wahrscheinlich nicht in der Kampagne des Ministeriums für Ländlichen Raum auftauchen. Lieber ländliche Idylle als Debatten über Agrarpolitik und Produktionsbedingungen.

Apropos Produktionsbedingungen: Benötigen eigentlich auch Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Erntehelfer aus Osteuropa? AbL-Geschäftsführer Thomas verneint: "So sind unsere Leute nicht ausgerichtet. Wer von uns Erntehelfer benötigt, achtet auch auf soziale Standards."

Schon wieder so ein unangenehmer Aspekt der Agrarwirtschaft: Menschen aus anderen Ländern, die für schlechte Löhne den Spargel aus der Erde buddeln und Erdbeeren pflücken. Dass nicht alle Groß-Gemüsebauern soziale, geschweige denn Gesundheitsschutz-Standards einhalten, zeigte jüngst die ARD-Sendung "Panorama". Dort wurde berichtetet über Erntehelfer aus Rumänien, die zu dritt im Container wohnen, denen auf dem Arbeitgeber-Hof überteuerte Lebensmittel angeboten werden und die mit 70 Kollegen in einem Transporter zur Arbeit gefahren werden. Landwirte, die so mit den Menschen umgehen, sparen Geld und verschaffen sich einen Wettbewerbsvorteil. Auf Kosten der angeheuerten Helfer.


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4 Kommentare verfügbar

  • Klaus-Ulrich Blumenstock
    am 04.05.2020
    Antworten
    "Die Bauern produzieren so viele Erdbeeren, so viel Milch, so viel Schweinefleisch – das ist für den Export. Man importiert Futtermittel aus Übersee, verkauft das Schweinefleisch nach China, und am Ende behalten wir nur die Scheiße und haben Nitrat im Wasser."
    Treffender lässt sich die…
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