Das E-Auto gefällt ihm schon, jetzt will Hermann bei dreckigen Dieseln nachhelfen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 338
Wirtschaft

Autotester Hermann

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 20.09.2017
Verkehrsminister Winfried Hermann will Autos testen. Das sei kein Wahlkampf-Gag, beteuern die Experten in seinem Ministerium. Vielmehr werde schon seit Anfang Juli daran getüftelt. Auf dem Tisch liegt jetzt die Idee eines Tests für Hardware-Nachrüstungen für Euro-5-Diesel.

Was hatten sich die deutschen Hersteller nicht alles ausgedacht, nur um eins klarzumachen: Die Betrugs-Diesel sind nicht nachrüstbar. Von massenhaft drohenden Stilllegungen war die Rede und davon, dass die manipulierte Software, von der nicht weniger als elf Millionen Fahrzeuge weltweit betroffen sind, absolut nicht verändert werden kann. Dass für technische Umbauten der Platz fehlt, das Geld und ohnehin keine Lösungen auf den Markt sind. Selbst das Stichwort "Katalysator" half den Bossen nicht auf die Sprünge, um sich, womöglich schamrot, an die Achtziger Jahre zu erinnern. Damals warb selbst die Regierung Helmut Kohl massiv für das Aus aller Autos ohne Abgas-Entgiftung ab 2000. Volkswagen, Daimler, Audi oder BMW mussten zum Jagen getragen werden – durch Toyota, Mazda und so weiter.

Diesmal darf sich Baden-Württembergs grün-schwarze Landesregierung zugutehalten, Dynamik in die Debatte gebracht zu haben: Indem sie einen gerichtlichen Vergleich akzeptierte, der im Sommer 2016 eine Emissionsreduzierung von 20 Prozent am Stuttgarter Neckartor vom 1.1.2018 verlangt. Inzwischen will die CDU am liebsten nicht mehr daran erinnert werden, dass sie seinerzeit zugestimmt hat. Die Grünen drängten und drängen weiter, Hermann selber lud die Technikvorstände der renommierten Marken in sein Haus. Software-Nachrüstungen wurden so plötzlich doch möglich, längst wird von Euro 5 auf Euro 6 umprogrammiert. Eine Entwicklung allerdings, mit der sich der Verkehrsminister nicht abfinden will.

Nachrüstung nicht möglich? Hermann will das Gegenteil beweisen

Zumal auch anderenorts längst über weitere Schritte nachgedacht wird: Sogar im Bundesverkehrsministerium soll ein fertiges Konzept vorliegen, das Hersteller verpflichtet, zumindest verbindlich zu prüfen, ob die nachträgliche Ausstattung mit einem System zur Einspritzung von Harnstoff (AdBlue) möglich ist. Auf diese Weise könnte der Schadstoffausstoß von Dieselmotoren vor allem aus den Jahren 2011 bis 2015 deutlich gesenkt werden. Das Licht der Welt haben diese Pläne nicht (mehr) vor der Bundestagswahl erblickt. Im Hause Hermann ist das bundesweit bisher einmalige Vorhaben dagegen auf den Weg gebracht. "Namhafte Betriebe" der Nachrüstungsbranche hätten sich angeboten, sagt der Grüne. Das sei "eine kleine, aber feine Branche". Einschlägige Entwickler erzählen, wie sie Klinken putzen waren bei den Premiummarken, wie aber alle ablehnten, im Glauben mit der Schmalspurlösung durch den Skandal zu kommen.

Bisher gibt es in ganz Deutschland für Hardware-Systeme zur NOx-Reduktion kein zugelassenes und damit kein am Markt verfügbares technisches Verfahren. Vor einem Jahr wurde ein einziger VW Passat umgebaut. Das Fahrzeug hat eine Typengenehmigung bekommen. Darüber hinaus wollte sich niemand konkret versuchen an der Nachrüstung von älteren Dieselfahrzeugen. "Generell tönte die Automobilindustrie, Hardwarenachrüstungen sind aus bautechnischen Gründen nicht möglich", so der Minister, der genau das widerlegen möchte.

Und zwar nicht im Labor, sondern im realen Straßenbetrieb und mit mehreren Euro-5-Modellen: von der gängigen Mittelklasse über den Transporter bis zum Omnibus – "Wir legen Wert auf eine genaue Überprüfung der Technik", so Hermann, "nicht nur der Machbarkeit, sondern auch, dass die Nachrüstungen verlässlich funktioniert". Damit die Ausgangslage nicht in Vergessenheit gerät, kann jeder Interessierte anklicken, was bisherige Nachrüstungen und Kontrollen ergeben haben. Auf der Website des Verkehrsministeriums werden vorsorglich sämtliche Tests vorgehalten, gerade die von so unverdächtigen Auftraggebern wie "Auto Motor Sport". Von knapp 40 Fahrzeugen der Euro-6-Norm bringen nur 14 die verlangten 80 Gramm NoX pro Kilometer, die meisten davon jedoch nur auf der Rolle und nicht auf der Straße. Besonders gut schneiden zwei Mercedes mit den neuen OM-654-Motoren ab, die noch nicht wirklich ein Massenprodukt sind, oder der BMW 318d. Im Kleingedruckten versteckt sich, für wie viele der Tests die Bedingungen besonders schonend gewählt wurden.

Gemeinsam mit Nachrüstern soll objektiv getestet werden

Das will Hermann bei den Testfahrten in seinem Auftrag mit der sogenannten Endrohrmessung vermeiden. Außerdem soll sich, wenn nötig, die Spreu vom Weizen trennen. Beim nachträglichen Einbau von Katalysatoren, vor allem aber von Diesel-Russfiltern, sei viel schiefgelaufen und "viel Schund" im Angebot gewesen. In den kommenden Wochen wird gemeinsam mit den Nachrüstern umgebaut, objektiv getestet und wieder rückgebaut. Erfüllen sich die Erwartungen, sind die großen Autohersteller am Zug. Norbert Haug, Mercedes-Urgestein und dort früher Motorsport-Chef, brachte schon im Frühsommer 1500 Euro ins Spiel, die eine Hardware-Nachrüstung etwa kosten könnte: ein Vielfaches der Software-Variante. Auch ein Nachrüster, TwinTec hat Zahlen für die Modernisierung von 1,37 Millionen Euro-4- und Euro-5-Fahrzeugen errechnet und kommt auf gut 2,7 Millionen Euro.

Summen, die immer aktueller werden. Denn inzwischen ist Allgemeingut, dass allein die Software-Variante nicht reichen wird, um EU oder Gerichte zu beeindrucken oder die hochbelasteten Innenstädte tatsächlich zu entgiften. Zusammengefunden haben ungewöhnliche Allianzen: Noch-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) macht Druck, die Präsidentin des Bundesumweltamts Maria Krautzberger oder der Chef des ADAC-Technikzentrum Reinhard Kolke. Überhaupt steht ausgerechnet die Autofahrer-Lobby an der Spitze der Bewegung. Überprüft wurde nach dem seit September verbindlichen WLTC-Labortestverfahren, ergänzt um, wie es heißt, "realitätsnahe Komponenten", etwa einen Kaltstart oder eine zügige Autobahnfahrt. Von 38 Diesel-Fahrzeugen konnten überhaupt nur zwei gefallen.

Sogar über die Finanzierung der notwendigen Umbauten an Euro-5-Modellen hat sich der Landesverkehrsminister bereits Gedanken gemacht. Einerseits sieht der Grüne die Autohersteller in der Pflicht, zügig entsprechende Lösungen anzubieten. Denn die Branche wolle zwar Neuwagen verkaufen, "viele Leute sind aber gar nicht in der Lage, einen Kauf so mir nichts dir nichts zu stemmen." Möglich sei es, eine Hardware-Nachrüstungsprämie zu zahlen. Etwa aus jenem – in der Vorstellung des Grünen – noch einmal aufgestockten Topf, der inzwischen mit einer Milliarde Euro gefüllt ist zur Entlastung besonders betroffener und von Fahrverboten bedrohter Kommunen. Stuttgart hätte da auf jeden Fall eine erkleckliche Summe sicher.


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5 Kommentare verfügbar

  • David Werner
    am 22.09.2017
    "Von knapp 40 Fahrzeugen der Euro-6-Norm bringen nur 14 die verlangten 80 Gramm NoX pro Kilometer ...." . Damit wäre der NoX-Ausstoß von der Größenordnung her gleich des CO2-Ausstoßes ...
  • Charlotte Rath
    am 22.09.2017
    "Das Argument, Autos könnten nicht mit wirksamen SCR-Systemen nachgerüstet werden, trägt zumindest für deutsche Hersteller überhaupt nicht", sagt Rainhard Kolke, ADAC-Technikchef. Die deutschen Hersteller hätten seit mindestens sechs Jahren für die meisten Dieselmodelle SCR-Systeme angeboten, also Abgasreinigungsanlagen, die mittels Harnstoff (im Handel unter dem Namen Adblue) sehr effektiv Stickoxide filtern. … http://www.sueddeutsche.de/auto/abgasskandal-hardware-umruestungen-fuer-diesel-funktionieren-doch-1.3676488
    Verkehrsminister Hermann macht einen Super-Job, während sich CDU-Verbraucherschutzminister Haug schon wieder als Total-Ausfall erweist (wie beim Thema Glyphosat).
    • M. Stocker
      am 26.09.2017
      Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist das schon. Man kann nur hoffen, dass die Nachrüster nicht direkt von der Automobilindustrie abhängig sind. Sonst könnten die Innovationsverweigerer der Autokonzern-Geschäftsführer die Nachrüster nämlich einfach erpressen, von der Nachrüstung die Finger zu lassen. Vielleicht schlägt ja auch die gängige Methode, eine Fabrik aus ein paar Schreibtischen zusammenzuschustern (siehe Borgward) und das Haftungsrisiko mit quasi eigentumslosen 100000€-GmbHs zu minimieren endlich einmal gegen die Autokonzerne selbst zurück.
  • Andreas Budinger
    am 20.09.2017
    Muss wohl eher Milliarden heißen...
  • Horst Ruch
    am 20.09.2017
    ....dabei wäre es für die überbezahlten Vorstände ein Klax aus ihrem Portmonee die lächerliche Summe von ca. 2,5 Mio zur Nachrüstung bereitzustellen .

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