Tiger im Sundarbans-Nationalpark. Foto: Dibyendu Ash/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Tiger im Sundarbans-Nationalpark. Foto: Dibyendu Ash/Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Ausgabe 331
Wirtschaft

Welterbe zerstören mit Stuttgarter Hilfe

Von Jürgen Lessat
Datum: 02.08.2017
Die Stuttgarter Unternehmensgruppe Fichtner ist weltweit an Projekten beteiligt, die Menschen zu besseren Lebensbedingungen verhelfen. In Bangladesch aber helfen die Ingenieure beim Bau eines gigantischen Kohlekraftwerks – das den größten Mangrovenwald der Erde zerstört, so Umweltschützer.

Auf den ersten Blick scheint die Stuttgarter Fichtner-Gruppe die Welt retten zu wollen. Ingenieure der Planungs- und Beratungsfirma helfen, das verseuchte Flusssystem der ecuadorianischen Hauptstadt Quito zu entgiften. Ihre Fachleute unterstützen den Bau einer Meerwasserentsalzungsanlage, die Bewohnern des Gaza-Streifens sauberes Trinkwasser liefern soll. Und im Süden Marokkos überwachten Fichtner-Mitarbeiter die Installation des Solarwärmekraftwerks Noor, das König Mohammed VI. am 4. Februar 2016 feierlich in Betrieb nahm. Die 160-Megawatt-Anlage liefert dank Wärmespeicher auch nach Sonnenuntergang umweltfreundlich Strom. Für die Folgeprojekte Noor 2 und 3 wurden die Stuttgarter Experten ebenfalls als "Independent Engineer" engagiert.

Erst im April hatte Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) Firmenchef Georg Fichtner die Wirtschaftsmedaille des Landes verliehen. Für herausragende unternehmerische Leistungen und zum Dank für besondere Verdienste um die baden-württembergische Wirtschaft, wie sie in ihrer Laudatio betonte: "Mit seinem Geschick auf internationalem Terrain und seiner ruhigen und besonnenen Art hat er sich für die Wirtschaft in der Region und weit darüber hinaus stark gemacht", lobte sie den Unternehmer, der von 2013 bis 2016 auch Präsident der IHK Region Stuttgart war.

"Wir sorgen weltweit für den reibungslosen Ablauf von anspruchsvollen und komplexen Projekten. Unsere Ingenieure und Berater arbeiten disziplinenübergreifend in derzeit über 100 verschiedenen Ländern weltweit", heißt es stolz im Onlineportal des Unternehmens, das rund um den Globus über 1500 Mitarbeiter beschäftigt, davon allein 500 am Stammsitz in Stuttgart. Doch die ansehnliche Referenzliste im Internet führt nicht nur Projekte auf, die unsere Lebensgrundlagen erhalten. Die Gruppe ist auch am Bau von Kohlekraftwerken beteiligt, aus deren Schornsteinen Unmengen giftiger Abgase quellen. Und die nicht zuletzt als Einheizer des Weltklimas gelten. Bei einem aktuellen Kraftwerksprojekt könnte die schwäbische Ingenieurskunst besonders verheerende Folgen haben.

Nach Kontext-Recherchen ist Fichtner auch beim Bau des umstrittenen Kohlekraftwerks Rampal in Bangladesch engagiert: Die Stuttgarter Firma übernimmt, wie indische und bangladeschische Zeitungen bereits 2015 und 2016 berichteten, unter anderem die Aufsicht über Planung und Bau der Anlage. Deren 1320-Megawatt-Blöcke sollen in nur vierzehn Kilometern Entfernung von den berühmten Sundarbans entstehen, den größten und artenreichsten Mangrovenwäldern der Welt. Diese wurden 1997 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Seit Bekanntwerden der Projektpläne vor sieben Jahren laufen Anwohner und Umweltschützer Sturm gegen das Kohlekraftwerk, ein Gemeinschaftsprojekt der staatlichen indischen Thermal Power Corporation (NTPC) und des staatlichen bangladeschischen Power Development Board. Sie gründeten dafür die Projektgesellschaft Bangladesh-India Friendship Power Company Limited (BIFPCL).

Bangladesch sollte besser auf erneuerbare Energieträger wie Sonne und Wind setzen und den Bau stoppen, fordern unisono dutzende regionale wie internationale Umweltschutzgruppen, darunter auch Greenpeace, Robin Wood und das Kampagnennetzwerk Avaaz. Sie befürchten, dass der Bau der Kohlemeiler große Teile der Mangrovenwälder zerstört, die das dicht besiedelte Binnenland bislang als natürlicher Wellenbrecher vor Taifunen und Tsunamis schützen.

Mangrovenwald in den Sundarbans. Foto: privat
Mangrovenwald in den Sundarbans. Foto: privat

Mit den Mangroven verschwänden auch Heimat und Rückzugsorte vieler seltener Tierarten. Jährlich werde das Kraftwerk bis zu 500 Schiffsladungen Kohle verfeuern, wobei die Frachter eine 65 Kilometer lange Passage durch eine einzigartige Inselwelt zurücklegen müssen. Havarien und Öllecks seien programmiert. Aus den Kesseln des Kraftwerks werden täglich 220 Tonnen an giftigen Abgasen in die Luft geblasen, rechnen die Umweltschützer vor. Dazu gewaltige Mengen Kohlendioxid, die den Klimawandel weiter beschleunigen, unter dem Bangladesch schon heute durch den steigenden Meeresspiegel leidet. Zudem erwärme und vergifte der Kraftwerksbetrieb das Wasser der Flüsse, was Fische und Flussdelfine in Gefahr bringe, sagen Ökologen. Lokalen Fischern drohe die einzige Einkommensquelle zu versiegen.

UNESCO-Studie bestätigt Gefahr für Ökosystem

Lokale Nichtregierungsorganisationen (NGOs) kritisieren zudem, dass betroffene Bürger und Organisationen nicht angemessen in Entscheidungsprozesse einbezogen wurden. So habe die Regierung den Bau des Kraftwerks beschlossen, bevor Umweltgutachten erstellt waren. Sie befürchten, dass der Kraftwerksbetreiber einheimische Anwohner vertreiben und kaum entschädigen werde.

Studien bestätigen, dass die ökologischen Kosten des Rampal-Kraftwerks seinen wirtschaftlichen Nutzen übersteigen werden. Im Oktober 2016 veröffentlichte die UNESCO einen Untersuchungsbericht, der die Folgen des Projekts für die Sundarbans skizziert. Demnach könnten Luftverschmutzung, giftige Abwässer, die Kohletransporte, das Ausbaggern der Schiffsrouten sowie die begleitende Industrialisierung das Ökosystem nachhaltig schädigen. Die Untersuchung war vom Welterbe-Komitee während seiner Sitzung 2015 in Bonn beauftragt worden.

Kritiker des Projekts leben gefährlich

Bangladeschs Regierung zeigte sich davon unbeeindruckt. Premierministerin Sheich Hasina Wajed betonte umgehend, dass Bau und Betrieb des Kraftwerks keine negativen Auswirkungen auf den Mangrovenwald haben werden. Wer in Bangladesch anderer Meinung ist, lebt inzwischen gefährlich. Demonstranten, die friedlich gegen das Projekt protestieren, werden von Ordnungskräften brutal niedergeknüppelt. "Die Polizisten gehen härter vor denn je. Es ist, als wollten sie uns so brutal verprügeln, bis wir das Märchen glauben, das die Regierung uns erzählen will: dass Bangladesch ein Kohlekraftwerk braucht – 14 Kilometer von den Mangrovenwäldern entfernt", schildert Anu Muhammad, Wirtschaftsprofessor an der Jahangirnagar-Universität in der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka, gegenüber Greenpeace. Der prominente Sprecher der Umweltbewegung "Save the Sundarbans" selbst bekam Todesdrohungen per SMS. Einschüchtern lässt er sich nicht. "Ich werde niemals ja zum Kraftwerk sagen", erklärt Muhammad.

Protest gegen das geplante Kraftwerk in Bangladesch. Foto: privat
Protest gegen das geplante Kraftwerk in Bangladesch. Foto: privat

Trotz weltweiter Proteste scheint das Projekt nicht aufzuhalten zu sein. Vorarbeiten auf der Baustelle sind bereits angelaufen. Den Rampal-Gegnern bleibt eine letzte Hoffnung: "Der größte Kreditgeber, die indische Exim-Bank, hat Bedenken geäußert, dass Rampal zu schlecht fürs Image sein könnte", sagt Muhammad. Die staatliche Bank will das Kohlekraftwerk bislang mit 1,6 Milliarden Dollar finanzieren. Mit Unterschriftsammlungen fordern Kritiker die Bank auf, kein Geld für Rampal zu geben.

Auch deutsche Banken sind beteiligt

Bisher hat die Bank einen Teil des notwendigen Kapitals über die Ausgabe von Anleihen eingesammelt. Zu den Käufern zählen neben indischen und amerikanischen Investoren auch namhafte europäische Fonds, Versicherungen und Geldhäuser. Nach Recherchen des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) kaufte allein die Deutsche Bank Exim-Anleihen im Wert von 67,2 Millionen US-Dollar, der Münchner Allianz-Konzern investierte 33,4 Millionen Dollar. Zu den 25 größten Anleihegläubigern der Exim-Bank zählt auch die genossenschaftliche DZ-Bank aus Frankfurt, die knapp 16 Millionen US-Dollar gab.

Firmenchef Georg Fichtner. Foto: Achim Zweygarth/Lichtgut
Firmenchef Georg Fichtner. Foto: Achim Zweygarth/Lichtgut

Aus Sicht der Umweltschützer verletzten die deutschen Geldgeber damit ihre eigenen Ethik-Grundsätze. So verspricht etwa die Deutsche Bank in ihrer aktuellen Nachhaltigkeitsstrategie, "negative Auswirkungen unserer Geschäftstätigkeit auf Umwelt und Gesellschaft so gering wie möglich zu halten." Mittlerweile haben über eine Million Menschen eine Petition auf Avaaz unterzeichnet, die JPMorgan Chase, Deutsche Bank, Crédit Agricole, Allianz und nicht zuletzt die Exim Bank of India auffordern, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Ungeachtet dessen sucht die Projektgesellschaft BIFPCL nach weiteren Geldgebern. Medienberichten zufolge haben zuletzt bedeutende internationale Investoren wie der Norwegische Pensionsfund jedoch wegen der potenziellen Umweltgefahren abgewunken.

Und was macht die Stuttgarter Fichtner-Gruppe? Auf Kontext-Anfrage, wie man zu den befürchteten Umwelt- und Klimaschäden durch das geplante Kohlekraftwerk Rampal stehe, antwortet Georg Fichtner ausweichend. "Wir können grundsätzlich keine Aussagen zu den von uns bearbeiteten Projekten machen und müssen Sie deshalb an den Projektträger Bangladesh-India Friendship Power Company (Pvt.) LTD. verweisen", teilt er per Mail mit.

Zuhause setzt der Unternehmenschef derweil auf saubere Sachen. Am 19. September etwa lädt er zu den Fichtner-Talks. Während der exklusiven Gesprächsrunde in der denkmalgeschützten Villa Levi auf dem Stuttgarter Killesberg sollen sich Manager von Stadtwerken und Privatunternehmen über die hiesige Energiewende austauschen. Als prominenter Redner wird der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) über erneuerbare Energien referieren.


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