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Verkehrswende in Äthiopien

Vorreiter für E-Mobilität?

Verkehrswende in Äthiopien: Vorreiter für E-Mobilität?
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Als erstes Land weltweit hat Äthiopien den Import treibstoffgetriebener Autos bereits 2024 verboten – während Baden-Württemberg das Verbrenner-Aus der EU immer weiter verdrängt. Für Äthiopien geht es bei der Verkehrswende auch um wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeit, etwa angesichts des Irankrieges.

"Der Gurt", sagt Amanuel freundlich, aber ungeduldig, kaum dass sein Fahrgast den Beifahrersitz berührt. Das Auto spiegelt die Ungeduld des Taxifahrers mit einem Hinweis auf unangeschnallte Passagiere im modernen Display. Erst als das Problem behoben ist, geht die Fahrt los. Amanuel, der seinen vollen Namen lieber nicht preisgeben möchte, schlängelt sich gekonnt durch den dichten Berufsverkehr von Addis Abeba. Vorbei an der Straßenbahnlinie und zahlreichen Baustellen, die Äthiopiens Hauptstadt innerhalb kürzester Zeit wieder ein ganz anderes Erscheinungsbild geben werden.

"Die Stadt verändert sich wahnsinnig schnell", kommentiert Amanuel mit einem stolzen Unterton. Der Äthiopier ist Anfang 30, sportlich schlank und hat ein Architekturstudium abgeschlossen. Aber als Architekt bekommt er zurzeit keinen Job – also fährt er Taxi. Wie viel er damit verdient, will er nicht sagen. Durchschnittlich sind es in dem Beruf umgerechnet um die 150 Euro im Monat. Freizeit gönnt Amanuel sich jedenfalls nur selten. Er fährt ein modernes Elektroauto der chinesischen Marke BYD. Anders als viele andere Taxifahrer in Addis Abeba hat der junge Mann das Auto nicht von einem Taxiunternehmen gestellt bekommen, sondern selbst gekauft. Der äthiopische Staat hat ihn dabei mit einer Prämie unterstützt.

2024 hat Äthiopien als erstes Land weltweit den Import treibstoffgetriebener Autos verboten. Die Regierung unter Premierminister Abiy Ahmed begründet die Entscheidung mit einer "großen Vision" für das Land und dem Ziel einer "grünen und resilienten Wirtschaft". Ein erstaunlicher Schritt, waren doch bis dahin kaum elektronische Fahrzeuge auf den Straßen des Landes unterwegs. Auch die Ladeinfrastruktur war schlicht inexistent. Inzwischen stehen die ersten Ladesäulen in Addis Abeba, wenngleich es noch wenige sind. Für Taxifahrer Amanuel ist das kein Problem. Er lädt sein Auto bei sich zu Hause.

E-Autos sparen Zeit 

Der Anblick von E-Autos ist in der Hauptstadt mit ihren über sechs Millionen Einwohner:innen jedenfalls zum Alltag geworden. Für die Fahrer:innen hat der Umstieg auf die moderne Technologie entscheidende Vorteile. Sie sparen insbesondere Zeit, denn an Tankstellen stehen im ganzen Land aufgrund von Engpässen fast immer lange Warteschlangen. 

Außerdem ist Treibstoff sehr teuer – nicht nur für die Endverbraucher:innen. Das war einer der Gründe dafür, dass Äthiopien die Verkehrswende eingeläutet hat: Treibstoff-Importe sind auch heute noch eine der größten Ausgabequellen überhaupt für das ostafrikanische Land, das chronisch unter Schulden und zu wenig verfügbarer Fremdwährung leidet. Außerdem bedeuten die Importe für den Binnenstaat eine wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeit. Denn seit der Unabhängigkeit Eritreas in den 1990er-Jahren ist Äthiopien auf die Häfen der Nachbarländer angewiesen. Warentransporte erfolgen insbesondere durch oft überladene, alte Lkw, die wiederum viel Sprit verbrauchen.

Früher bezog Äthiopien seinen Treibstoff aus dem benachbarten Sudan. Angesichts der anhaltenden Instabilität dort wandte sich die äthiopische Regierung aber bereits vor Jahren an die Golfstaaten. So haben jüngst der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus zu Versorgungslücken und einem Preisanstieg von rund 26 Prozent für Benzin geführt. Zudem hat Äthiopien mit Schmugglern zu kämpfen, die Millionen von Litern von importiertem Treibstoff abkappen. Die Warteschlangen an den Tankstellen sind durch all diese Herausforderungen nur länger geworden.

Die äthiopische Regierung ruft die Bevölkerung dazu auf, wenn möglich zu Fuß zu gehen, priorisiert "wichtige Transporte" und öffentliche Verkehrsmittel bei der Treibstoffversorgung – und will die Verkehrswende umso schneller vorantreiben. Erst vergangene Woche hat die französische Regierung infolge der Treibstoffkrise ebenfalls angekündigt, mehr auf Elektromobilität zu setzen, um Abhängigkeiten entgegenzuwirken. In Deutschland setzt die regierende Koalition aus CDU und SPD dagegen auf Vergünstigungen und steuerliche Nachlässe für Autofahrer:innen. 

Strom aus Erneuerbaren gibt es im Überfluss

Ausgerechnet Baden-Württemberg bremst die Verkehrswende gezielt aus: So war die grün-schwarze Regierung von Winfried Kretschmann maßgeblich daran beteiligt, das ursprünglich geplante Verbrennerverbot ab 2035 zu kippen. Auch in den Koalitionsverhandlungen der neuen Landesregierung zeichnete sich in der Verkehrsplanung eine Nähe zur Automobilindustrie ab. Als Argument wurden dabei die rund 235.000 Arbeitsplätze in Baden-Württemberg vorgehalten, wenngleich die Produktionszahlen von reinen Verbrennern zurückgehen und E-Autos zunehmend gefragt sind. Im neuen Koalitionsvertrag wird zwar von "alternativen klimafreundlichen Antriebskonzepten" gesprochen, das Jahr 2035 findet allerdings keine Erwähnung.

Dass Äthiopien in Sachen E-Mobilität so gezielt vorausgeht, liegt auch an den großen Wasserkraftwerken im Land. Denn günstigen erneuerbaren Strom produziert Äthiopien im Überfluss, erklärt Wirtschaftsexperte Samson Berhan. "Die Verkehrswende hat auch mit diesem Stromüberfluss zu tun", führt Berhan aus. Seit der Einweihung des größten Staudammes Afrikas an der Grenze zum Sudan hat Äthiopien seine Energieproduktion verdoppelt. "Der Überfluss muss hierzulande genutzt oder exportiert werden. Unsere Nachbarn haben für die Menge aber keine Kapazitäten", so Berhan. Stattdessen soll also die Elektromobilität für Abhilfe sorgen.

Klar ist aber auch, dass davon nur ein Bruchteil der Bevölkerung profitiert. Nur die wenigsten Menschen in Äthiopien können sich ein neues Auto leisten. Das lohnt sich auch fast nur in den Großstädten, wo die Infrastruktur sehr gut ist und viele Menschen auf weiten Strecken pendeln müssen. Selbst in Addis Abeba sind die meisten Arbeiter:innen auf kollektive Verkehrsmittel angewiesen. Die öffentlichen und privaten Busse sind meist überfüllt, auch in den modernen Straßenbahnen ist oft kaum Platz zum Stehen.

An den Bushaltestellen stehen die Menschen insbesondere zu Stoßzeiten geduldig in langen Schlangen. Sie warten auf die öffentlichen Busse oder die günstigeren privaten Kollektiv-Taxen: alte Kleintransporter, die als Busse fungieren. Der äthiopischen Regierung sind gerade diese Taxen ein Dorn im Auge. Manche dieser Fahrzeuge seien 50 bis 60 Jahre alt, sagt Dhenge Boru, Staatsminister für Transport. "Wir haben keine nationalen Richtlinien, um sie von den Straßen zu verbannen", so Boru. "Seit Kurzem bereiten wir Vorschriften für diese sehr alten Taxen und auch Lastwagen vor."

Doch zahlreiche Menschen sind auf diese Transportmittel angewiesen, um täglich von ihren Wohnungen außerhalb der Stadt zur Arbeit zu pendeln. Einige von ihnen erzählen, dass sie mehrere verschiedene solcher Taxen nehmen müssen und stundenlang unterwegs sind – jeden Arbeitstag aufs Neue. Auch die öffentlichen Busse hat die Regierung im Blick. Laut dem Staatsminister sollen sie von Treibstoff auf Erdgas und Flüssigerdgas umgestellt werden. Wie gut das funktioniert und welche Auswirkungen das für die Fahrgäste hat, muss sich erst noch zeigen.

Die Armen sind mit Eseln unterwegs

Außerhalb von Addis Abeba sind öffentliche Verkehrsmittel selten oder in manchen Gegenden schlichtweg inexistent. In Jimma, einer der größten Städte im Westen Äthiopiens, besteht das innerstädtische Verkehrschaos vor allem aus Tuk Tuks und Verbrenner-Autos. Dazwischen suchen sich immer wieder auch Esel mit Kutschen oder Gepäck auf dem Rücken ihren Weg. Für die ärmere Bevölkerung sind die Tiere noch das erschwinglichste Transportmittel.

Auch hier in Jimma und im ländlichen Raum im Umfeld sind die Warteschlangen an den Tankstellen von Weitem zu erkennen. Zahlreiche neue Tankstellen werden gerade gebaut. Elektrisch betriebene Fahrzeuge sind dagegen die absolute Ausnahme. Das wäre auch kaum sinnvoll, denn eine offizielle Ladeinfrastruktur gibt es nicht. Anders als in der Hauptstadt ist zu Hause aufladen in der Provinz für die wenigsten eine Option: Weniger als die Hälfte der ländlichen Bevölkerung Äthiopiens ist überhaupt ans Stromnetz angeschlossen, Stromausfälle sind an der Tagesordnung. An vielen Häusern sorgen kleine Solarzellen für gerade ausreichend Strom, um im Inneren Licht anzuschalten.

In den Städten entstehen unterdessen landesweit in hohem Tempo neue Fuß- und Radwege in einheitlichem Stil, immer mit hellen Straßenlampen ausgestattet. Fahrräder sind allerdings bisher selten zu sehen – auch das soll sich laut Transport-Staatsminister Boru bald ändern. Ob Fahrräder, Roller oder Autos: Noch ist Äthiopien für die meisten Transportmittel auf Importe angewiesen.

Lokalen und internationalen Produktionsbetrieben, die sich in Äthiopien niederlassen, verspricht die äthiopische Regierung Unterstützung – etwa durch steuerliche Nachlässe. Erste Betriebe wie der E-Motorrad-Produzent Dodai haben sich in Außenbezirken von Addis Abeba angesiedelt. Dodai-Geschäftsführer Yuma Sasaki gibt zu, dass die Nachfrage bisher auf sich warten lässt. In der Lagerhalle des Betriebs warten Hunderte von elektrischen Motorrädern und Rollern auf potenzielle Käufer:innen. Die Produktionskapazität von 50 Zweirädern pro Tag nutzt das Unternehmen deshalb bisher nicht aus.

Staatsminister Dhenge Boru bleibt zuversichtlich: "Wir arbeiten daran, Äthiopien zu einem Produktionszentrum und einem Beispielmodell für den ganzen Kontinent zu verwandeln." Es sind viele Baustellen, die die Regierung im Bereich der Transportinfrastruktur geöffnet hat. Viele davon sind aus einer Not heraus entstanden. Das provoziert reichlich Kritik – macht das Land aber zeitgleich zu einem möglichen Vorreiter für zukunftsfähige Mobilität.


Transparenzhinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Recherchereise mit journalists.network e.V. entstanden.

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