Zehn Jahre nach dem Völkermord an den Jesid:innen kehrt die Angst zurück. Nicht als abstrakte Erinnerung, sondern als reale politische Möglichkeit. In Syrien sitzen derzeit rund 25.000 Kämpfer und Anhänger der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in Gefängnissen und Lagern fest. Etwa 6.000 von ihnen sind irakische Staatsbürger. Ihr mögliches Entkommen oder ihre Freilassung wäre keine regionale Randnotiz, sondern eine sicherheitspolitische Zäsur für Syrien, für den Irak und für religiöse Minderheiten, die den IS-Terror bereits erfahren und überlebt haben.
Der IS ist militärisch geschlagen, ideologisch jedoch keineswegs überwunden. Seine sunnitisch-dschihadistische Weltanschauung betrachtet Jesiden, Christen, Alawiten und andere religiöse Minderheiten weiterhin als "Ungläubige" – und damit als legitime Ziele. Der Genozid von 2014, als IS-Truppen Tausende Jesid:innen im Nordirak ermordeten und verschleppten, war kein historischer Ausnahmezustand, sondern die konsequente Umsetzung dieser Ideologie. Wer heute von "Vergangenheit" spricht, verkennt die Gegenwart.
Die Sicherheitsarchitektur in Syrien erodiert. Internationale Schutzmechanismen werden zurückgefahren, Machtverhältnisse verschieben sich, neue militärische Akteure gewinnen an Einfluss. Besonders brisant ist die Lage der IS-Gefängnisse. Ein Zusammenbruch dieser Strukturen würde vor allem den Irak unmittelbar destabilisieren – denn Tausende der Inhaftierten stammen aus irakischen Städten und Regionen, darunter Mossul und die Ninive-Ebene.
Gerade dort, in Mossul und Sinjar (Şengal), also in den historischen Siedlungsgebieten der Jesiden, verschärft sich die Lage erneut. Teile dieser Regionen werden inzwischen von pro-iranischen schiitischen Milizen der Hashd al-Shabi kontrolliert. Sie stehen in einem gewaltsamen Konkurrenzverhältnis zu sunnitischen Akteuren, ehemaligen IS-Netzwerken und regionalen Machtinteressen. Diese Konflikte destabilisieren Irak und Syrien weiter – und machen Jesiden erneut zu Zielscheiben.
Die USA lassen die Kurden fallen
Hinzu kommt eine politische Entwicklung, die für Minderheiten besonders zerstörerisch wirkt: Die USA ziehen sich faktisch vom Schutz der Kurden zurück und unterstützen zunehmend die sogenannte syrische Interimsregierung unter Ahmed al-Scharaa. Für Kurden, Jesiden und andere Minderheiten wird damit ein jahrzehntelanges, ohnehin fragiles Sicherheitsversprechen aufgekündigt.
Ahmad al-Scharaa ist keine unbelastete politische Figur. Seine Vergangenheit ist eng mit der dschihadistischen Gruppe HTS (Hayat Tahrir al-Sham) verbunden, einer Organisation, die aus dem Al-Qaida-Milieu hervorgegangen ist und an zahlreichen Massakern, Vertreibungen und schweren Menschenrechtsverbrechen beteiligt war, auch gegen Jesiden und andere Minderheiten. Dass ausgerechnet ein solcher Akteur heute international aufgewertet und als Stabilitätsfaktor behandelt wird, ist für die Betroffenen kaum erträglich.




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Der Artikel ist wichtig. Das Wegschauen der Bundesregierung von der Entwicklung insbesondere in Nord-Ost-Syrien in den yesidischen und kurdischen Gebieten durch die Änderung der Machtposition der Milizen Sharaas gefährdet von Neuem diese Volksgruppen in Syrien. Frieden und Rechtssicherheit gibt es…
Kommentare anzeigenErnst-Friedrich Harmsen
8 hours ago