KONTEXT:Wochenzeitung
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Alle paar Monate kursieren Meldungen, wonach die digitale Dauerberieselung das menschliche Konzentrationsvermögen stark beeinträchtige. Der "Focus" behauptete einmal, wer eine Botschaft verbreiten wolle, "findet ein Publikum mit einem Aufmerksamkeitsfenster von 8 Sekunden vor". Dass sogar ein Goldfisch länger am Ball bleibe, ist ein Gerücht, das in diesem Zusammenhang gerne verbreitet wird. Einen empirischen Beleg dafür gibt es nicht. Wer tiefer in die Lektüre einsteigt erfährt, dass die meisten Erwachsenen sich durchaus noch eine Stunde am Stück konzentrieren können – und das reicht ja wohl locker für einen Kontext-Artikel, vielleicht sogar zwei. 

Kleiner Scherz. Und trotzdem haben wir in der Redaktion sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass die Württembergische Landesbibliothek aktuell einen Kurs zum Thema "Lange Texte lesen lernen" anbietet. Der Leitende Bibliotheksdirektor Rupert Schaab nimmt das selbst in die Hand und betont (in einem langen Kontext-Artikel), das Lesen langer Texte sei für den Aufbau von Zusammenhangswissen und damit "für Besonnenheit und informierte Entscheidungen unerlässlich". Ach, wie schön das grad wär' – mehr besonnene Entscheidungen … 

"Heutige Kommunikationswelten werden von Algorithmen konfiguriert", sagt auch Christine Fischer, Intendantin des Stuttgarter Eclat-Festivals für Neue Musik. "In der Bubble bekommst du keine Gegenargumente mehr. Dafür haben wir etwas anzubieten: Die Musik, die wir vorstellen, kann keine Vorerfahrung abrufen." Sie rät im Gespräch mit Kontext dazu, sich mehr mit dem Fremdem zu beschäftigen und "Schönheit auch in Dingen zu entdecken, die man nicht erwartet".

Und Schönheit ist aktuell besonders wichtig, angesichts so vieler hässlicher Entwicklungen – darunter jene im Land mit der größten Militärmacht des Planeten, das gerade die Vorstufen zum Staatsterror durchläuft. Aber auch woanders sind die Entwicklungen alles andere als schön. "Die USA ziehen sich faktisch vom Schutz der Kurden zurück und unterstützen zunehmend die sogenannte syrische Interimsregierung unter Ahmed al-Scharaa", schreibt der Psychotherapeut und Traumaexperte Jan Ilhan Kizilhan in einem Gastbeitrag. "Für Kurden, Jesiden und andere Minderheiten wird damit ein jahrzehntelanges, ohnehin fragiles Sicherheitsversprechen aufgekündigt."

Nicht nur lesen, auch mal reden

Die allgemeinen Erosionstendenzen machen sich auch hierzulande bemerkbar. "Wie retten wir unsere Demokratie?" Unter dieser Fragestellung diskutiert am 3. Februar ein Podium im Württembergischen Kunstverein. Mit dabei sind die Philosophin Dagmar Comtesse, der Sozialwissenschaftler Edgar Wunder, der Professor für Politikwissenschaft Hans-Joachim Lauth und der Stuttgarter Stadtrat Hannes Rockenbauch (SÖS). Die Moderation übernimmt die langjährige Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer. 

Zwei Tage später, am 5. Februar, finden sich Kandidatinnen und Kandidaten zur Landtagswahl in Baden-Württemberg im Esslinger Komma zum "Wahlopoly" des DGB Baden-Württemberg ein, moderiert von Kontext-Redakteurin Gesa von Leesen. Die AfD darf nicht mitspielen, und das ist auch gut so. 

Daneben wollen wir noch auf eine weitere Veranstaltung hinweisen: In der Glockenkelter der Allmende Stetten referiert am 11. Februar die frühere Richterin Julia Goll zur Polizei-Affäre Baden-Württemberg. Goll ist seit 2021 Landtagsabgeordnete der FDP, war Obfrau ihrer Partei im Untersuchungsausschuss des Landtags, der überprüft hat, wie die Beförderungspraxis bei der baden-württembergischen Polizei abläuft. Ihre Eindrücke hat Goll vor knapp zwei Monaten gegenüber Kontext beschrieben. Über die Polizeiführung und das Innenministerium sagt sie: "Wir haben einen Umgang mit der Wahrheit erlebt, der einfach nicht zu akzeptieren ist."

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