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Frauenrechte in Mexiko

Staat mit patriarchaler DNA

Frauenrechte in Mexiko: Staat mit patriarchaler DNA
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In Mexiko regiert seit über einem Jahr erstmals eine Präsidentin. Doch das Land kommt trotz Fortschritten auf dem Papier bei der Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen nur schleppend voran. Ein Gespräch mit der Frauenrechtsexpertin Geru Aparicio Aviña.

Frau Aparicio Aviña, seit über einem Jahr regiert Claudia Sheinbaum als erstes weibliches Staatsoberhaupt in der Geschichte Mexikos das Land. Bei ihrer Rede zur Amtseinführung sprach sie davon, dass nun die "Zeit für Frauen" gekommen sei. Ist das so?

Das ist der Leitsatz von Claudia Sheinbaum, seit sie damals [2018, Anm. d. Red.] zur Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt gewählt wurde. Zur selben Zeit, als der damalige Präsident Andrés Manuel López Obrador [beide Morena-Partei] ins Amt gewählt wurde. Für die Feministinnen, für uns Menschenrechtsverteidigerinnen in Mexiko war das ein sehr wichtiger Meilenstein. Dementsprechend war der Weg hin zu einer weiblichen Präsidentin, der damals geebnet wurde, so wichtig. Dass Mexiko nun ein weibliches Staatsoberhaupt hat, ist ein Aufruf an alle Mädchen und Frauen im ganzen Land und in ganz Lateinamerika souveräner zu werden und sich selbst als Trägerinnen von Menschenrechten wahrzunehmen.

Geru Aparicio Aviña, 55, geboren in Mexiko-Stadt und wohnhaft in Uruguay, hat Frauenrechte und deren Notwendigkeit in Lateinamerika in Theorie und Praxis erforscht. Als Psychologin mit Schwerpunkt auf Menschenrechten und "Victimología", der Erforschung der Opferseite, hat sie unter anderem bei der Erstellung von Rechtsgutachten mitgewirkt. Seit fast 30 Jahren stellt Aparicio ihr Leben in den Dienst für Frauen und Mädchen Mexikos und Lateinamerikas. Derzeit beschäftigt sie sich vorrangig mit Menschenrechten aus feministischer Perspektive. Sie war forschend und beratend für Behörden und Instanzen der mexikanischen Regierung, der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft sowie des uruguayischen Innenministeriums tätig.  (mos)

Welche Schritte und Maßnahmen wurden denn konkret unternommen, um die Gewalt an Frauen einzudämmen und Frauen in Mexiko ein sichereres Leben zu garantieren?

Claudia Sheinbaum selbst hat vor Kurzem sexuelle Belästigung erfahren. Bei einem politischen Event auf der Straße. Wenn selbst die Präsidentin unseres Landes Opfer wird, was können die Frauen und Mädchen erwarten? Die geschlechtsspezifische Kluft zwischen Männern und Frauen in Mexiko ist sehr tief und historisch gewachsen. Wir gehen davon aus, dass es rund 120 Jahre dauern wird, bis die Unterschiede zwischen Männern und Frauen ausgeglichen sind – und substantielle Gleichheit zwischen den Geschlechtern herrscht. Ein zentraler Aspekt, den die Präsidentin Sheinbaum in Angriff genommen hat, war die Transformation des Nationalen Fraueninstituts (Inmujeres). Sie hat dieses autonome Institut auf der Ebene des Kabinetts angesiedelt. Die substantielle Gleichheit zwischen den Geschlechtern steht nun auch erstmals in der Verfassung. 

Ein wichtiger, symbolischer Schritt. 

Es ist jetzt eine eigene Regierungsbehörde, eine Bundesbehörde. Durch die föderale Struktur Mexikos besteht nun die Verpflichtung, dass jeder Bundesstaat seine eigene Frauenbehörde hat – und mit den anderen Ministerien zusammenarbeitet.

Fernab von Symbolpolitik sinkt das Budget für Maßnahmen zur Beseitigung der Gewalt an Frauen. So klagt etwa die Nichtregierungsorganisation "Red Nacional de Refugios" (Nationales Netzwerk der Frauenhäuser) über Einschnitte. Es herrscht Unklarheit in Bezug auf die Verteilung der finanziellen Ressourcen, etwa im "Anexo 13" (13. Anhang) – der von der Regierung eigentlich für Programme zur Förderung der Gleichheit vorgesehen ist.

Das ist komplex. Im 13. Anhang erscheinen viele Sozialprogramme. Auch Stipendien. Wir sehen, dass sozialen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Vereinigungen, den NGOs, zunehmend der Geldhahn zugedreht wird. Ich verstehe die Wut der Mitstreiterinnen. Dass nicht klar wird, welchen Betrag der Staat wie verteilt.

Fakt ist, dass die Regierung Sozialprogramme etwa für ältere Menschen besser ausstattet und bei Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen eingespart wird. Zudem gibt es in Mexiko und Lateinamerika zwar sehr viele Gesetze und Regeln, die Frauen eigentlich schützen sollen. Aber sie kommen nicht zu Anwendung. 

Das hat mit den soziokulturellen Mustern der Misogynie, also des Frauenhasses, zu tun. Nicht nur in Mexiko, nicht nur in Lateinamerika, überall wird Frauen eine geringe Stellung zugeschrieben, eine den Männern untergeordnete Position. Zwar wird es langsam bessser. Aber der Staat hat eine patriarchale DNA. Deshalb leben wir trotz rechtlicher Rahmenbedingungen und entsprechender Gesetze weiterhin in dieser Realität. 1975 fand die erste Weltfrauenkonferenz in Mexiko-Stadt statt. Das heißt: 50 Jahre lang wurde an politischen Maßnahmen gearbeitet, damit Frauen als Trägerinnen ihrer Menschenrechte wahrgenommen werden und diese ausüben können. Es wurde jedoch nicht daran gearbeitet, die kulturellen Muster zu überdenken. Was es bedeutet, Mann oder Frau zu sein. Die Herausforderung, die diese Aufgabe mit sich bringt, sehen wir gerade – etwa am weltweiten antifeministischen Backlash.

In Deutschland hat die rechtsextreme AfD bei der letzten Wahl vor allem junge männliche Wähler für sich gewinnen können.

So wie Milei in Argentinien. 

Und reichweitenstarke Influencer wie Andrew Tate propagieren öffentlich Hass und Gewalt gegen Frauen und damit Verhaltensweisen, die die 50er-Jahre schon fast progressiv erscheinen lassen.

Manchmal bekomme ich gesagt: Das sei halt ein kontroverses Thema, es gehe eben um verschiedene Meinungen. Nein – es geht nicht um Meinungen. Es geht um Menschenrechte. Fundamentale Menschenrechte. Eine strukturelle Analyse lässt keinen Zweifel zu: Frauen erleben konstant Formen der Gewalt. Ob auf der Arbeit, als Mädchen in der Schule mit Mitschülern und Lehrern oder durch Belästigung auf der Straße.

Mehr als zehn Frauen werden jeden Tag in Mexiko ermordet. Warum tötet ein Mann seine Ehefrau, Ex-Partnerin oder Freundin?

Es ist schrecklich, das so sagen zu müssen, aber in erster Linie: Weil er es kann. Denn macht ein Mann in Mexiko sowas, weiß er, dass er in der Regel nichts zu befürchten hat. 

Straflosigkeit ist neben dem machismo also ein relevanter Faktor.

Genau. Auf einer weiteren, zweiten Ebene werden Femizide, also Frauenmorde, begangen, weil die Frau als Eigentum, als Objekt betrachtet wird. Als etwas, das wegwerfbar ist. Es gibt viele Mythen und Erzählungen in der mexikanischen und generell in der lateinamerikanischen Kultur, die das aufzeigen. Das fängt schon bei den Blicken an. Etwa dem pornografischen Blick über die Körper der Frauen und Mädchen.

In Mexiko ist in Paarbeziehungen das Kontrollieren der Chatnachrichten des Partners oder der Partnerin geläufig. Ist das eine Form der Gewalt?

Natürlich, das ist Gewalt. Partner, mit denen ich zusammen war, haben das getan. Ich kann sagen: Was soll das? Und mich dann dazu entscheiden, diese Beziehung abzubrechen. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch Unabhängigkeit: finanziell und emotional. In diesem historischen Moment, den wir gerade erleben, wissen wir, dass alle Frauen hier in Mexiko Gewalt durch ihre Partner erleben oder erlebt haben. Der Unterschied liegt darin, wie sie auf diese Gewalt reagieren werden. Je mehr Ressourcen sie für ihre Unabhängigkeit haben, desto weniger Auswirkungen wird diese Gewalt auf sie haben. 

Wie gelingt es, einen Wandel der Männer, der Männlichkeit herbeizuführen?

Es muss früh gehandelt werden. Bereits ab dem Kindergarten und der Grundschule und durch die Schulbücher. Hier ist das Bildungsministerium gefragt. Auch das Gesundheitsministerium: Mentale Gesundheit ist ein Thema, das von klein auf angegangen werden. Doch bereits heute ist eines anders als früher: Frauen erkennen die Formen der Gewalt, denen sie von Kindesbeinen an ausgesetzt sind, durch die Social-Media-Plattformen. Das hilft beim Sichtbarmachen der Gewalt, und es hilft auch, um sich dagegen zu wehren. Wir sehen hier in Mexiko auch jedes Jahr mehr Frauen auf der Straße bei den Demos für Frauenrechte. So können Frauen von Opfern zu Verteidigerinnen ihrer Menschenrechte werden.

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1 Kommentar verfügbar

  • Wolfgang Weiss
    at
    Reply
    Claudia Sheinbaum ist für mich mit eine der spannendsten und interessantesten Politikerinnen, von daher sehr interessanter Artikel .
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