Christoph Hoyer fotografiert Lastenräder, denen er während seines Rad-Sabbaticals begegnet. Hier eines auf der Fähre von Dänemark nach Norwegen. Zur Fotostrecke geht es mit Klick aufs Bild.

Ein Blümchentransporter ...

... und ein Rad mit Sitzgelegenheit im Isländischen Reykjavik.

In Edmonton, Kanada, steht eines an der Laterne ...

... und eines vor der Deutschen Botschaft.

"Popcycle" im kanadischen Revelstoke.

Ein Retro-Klassiker ...

... und ein Tret-Bus in Toronto.

In Vancouver gibt es sogar Piano-Bikes.

Ausgabe 331
Überm Kesselrand

Mit Lastenrädern bis ans Meer

Von Anna Hunger
Fotos: Christoph Hoyer
Datum: 02.08.2017
Lastenräder erobern weltweit die Innenstädte. Weil sie nicht in Staus steckenbleiben, keine Abgase produzieren und flexibel sind. Und man kann mit dem umweltfreundlichen Gefährt sogar in den Urlaub fahren. Wie Carsten Hendricks und Martina Schmitt, die gerade von einem dreiwöchigen Sommerurlaub-Road-Trip zurück sind. Ein Beitrag zum Autogipfel.

Herrliche Berglandschaften, extravagante Wege über alte Eisenbahnbrücken, durch Schluchten und über Berge, ein softes Dahingleiten durch die italienische Sommerluft... hach, wie wunderbar. Einziges Geräusch: der Fahrtwind, ja gut, und die Tochter, die vorne im Lastenrad-Aufsatz sitzt und "Schneller! Mama, Papa schneller!" ruft.

Carsten Hendricks schaltet das Urlaubsvideo auf seinem Smartphone aus. Er sitzt mit seiner Frau Martina Schmitt vor dem "Kantinchen", ihrem Laden in der Stuttgarter Alexanderstraße, erster Arbeitstag nach dem Sommerurlaub. Hendricks zeigt noch ein paar Fotos von blauem Himmel und strahlender Sonne und seiner Familie, die da mit zwei Lastenrädern drei Wochen durch Italien geradelt ist. Seines besetzt mit der Tochter, sechs, und dem Sohn, drei, das seiner Frau mit Gepäck beladen. "War toll", sagen beide unisono und hängen noch kurz verblassenden Urlaubserinnerungen nach.

Bis Salzburg sind sie mit dem Zug gefahren, dann den Alpe-Adria-Radweg durch Österreich und Italien bis nach Grado am Meer. Immer zwei Stunden am Stück, dann Pause für die Kinder, am Abend ging es in eine Pension oder auf den Zeltplatz. "Wir waren sowas wie eine Sensation", erzählt Schmitt, "überall wurden wir angeschaut", denn Lastenräder sind doch noch exotische Verkehrsteilnehmer. Vor allem in Italien. "Einmal wurden wir sogar von Carabinieri persönlich über einen Bahnübergang gebracht, die kamen extra für uns", erzählt Hendricks und grinst.

Ab und zu ist die Familie ein Stückchen mit dem Zug gefahren. Und da offenbarte sich denn auch das einzige, aber doch große Manko: Ohne Aufzug ist so ein bepacktes Rad – Leergewicht 30 Kilo – kaum auf einen Bahnsteig zu kriegen. Und Aufzüge, das ist auch hierzulande so, sind eher für Normalfahrräder ausgelegt. "So ein Lastenrad wiegt beladen an die 100 Kilo", sagt Schmitt. "Tragen ist da halt nicht, auch nicht zu zweit", sagt ihr Mann. Irgendeine Lösung erzählen die beiden, habe es dann aber doch immer gegeben. "Und wenn wir die Räder hochkant in den Aufzug geschoben haben."

Im Laden spielt die sechsjährige Tochter mit ihrem Stofftier Mister Elch, zieht ihm kichernd die Gummi-Beine lang. Gleich geht's zur Kita. Klar, mit dem Lastenrad. Vor gut eineinhalb Jahren hat das Paar sein Auto verkauft und die schon lange schlummernde Idee, stattdessen ein Lastenrad anzuschaffen, wahrgemacht. "Unser Auto hätte zum TÜV gemusst, und da dachten wir, jetzt oder nie." Und? "Bisher hat es keiner von uns vermisst", sagt Schmitt und sieht dabei absolut sicher aus. Hendricks fügt hinzu: "Im Gegenteil, ich dachte ab dem ersten Tag: Hey, wie großartig ist das denn? Kein Auto mehr!"

Kein Sprit mehr, keine 600 Euro im Jahr für Anwohnerparken, keine sauteuren Parkgebühren und vor allem: keine verschwendete halbe Stunde Staustehen auf dem Heimweg – von der Alexanderstraße zum Berliner Platz, eigentlich kein weiter Weg.

Jetzt machen sie alles mit dem Rad, elektrisch unterstützt, weil das hügelige Stuttgart sonst doch sehr Kräfte zehrend wäre. Einkaufen, Kinder in die Kita, Termine, was auch immer. "Klingt blöd, aber wir unternehmen viel mehr als früher", sagt Martina Schmitt. "Wenn ich heute mit den Kindern los will, dann überlege ich nicht mehr: Oh, wie stressig, da muss ich dann einen Parkplatz suchen, ich steh ewig im Stau, ach, ich lass es doch lieber. Ne, ich fahr' halt einfach los in die Wilhelma." Manchmal, sagt Carsten Hendricks, fahre er auch nur so durch die Gegend, "weil's einfach auch Spaß macht, durch die Stadt zu sausen." Und wenn sie im Laden mal eine größere Lieferung fahren müssen, etwa bei einem bestellten Catering, dann greifen sie auf Carsharing zurück. Klappt bestens.

Und – quod erat demonstrandum – sogar Urlaub geht mit dem Lastenrad. Es war nicht einmal eine richtig bewusste Entscheidung, mit den Rädern loszuziehen, erzählen die beiden. "Nach einer Weile denkt man einfach gar nicht mehr in der Kategorie Auto. Nur noch in Rad und Bahn."


Mehr zum Thema Lastenrad – was sie noch können und wo man sie mieten kann – im Kontext-Artikel "Pedalkraftmeier".


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1 Kommentar verfügbar

  • Schwa be
    am 08.08.2017
    Ein guter Artikel wie ich finde und da ich mich sehr gut einfühlen kann freue ich mich mit über die neu gewonnene Freiheit bzw. über das neue Lebensgefühl der Familie Schmitt/Hendricks.
    Ich habe mich vor ca. 8 Jahren dazu entschlossen kein Autobesitzer mehr zu sein - nicht nur aus Kostengründen oder Parkplatz Problemen. Insbesondere aus Mensch- und Umweltschutzgründen. Da ich jedoch außerhalb des Ballungszentrums wohne und damit täglich größere Entfernungen zurück legen muss sind bei mir die Herausforderung etwas anders gelagert.
    Das tägliche angewiesen sein auf den öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehr außerhalb von Ballungszentren in Deutschland ist mittlerweile eine nur schwer zu ertragende bzw. schwer belastende Herausforderung. Nicht nur wegen der vielen negativen Begleitumstände (mangelnde Sauberkeit, mangelnde Kontrolle der bahn zur Einhaltung ihrer selbst aufgestellten Verhaltensregeln insbesondere in S-bahnen zu allen Tages- und Nachtzeiten) seit der Privatisierung der Bahn (Unterwerfung der Profitlogik) und der meisten Busunternehmen, hauptsächlich wegen der permanenten Unpünktlichkeit und den scheinbar schon zur Normalität gehörenden Zugausfällen. Ein normales Alltagsleben ist somit nicht mehr zufriedenstellend planbar.
    Aus diesen Gründen wäre es aus meiner Sicht auch ein sinnvoller "Beitrag zum Autogipfel" anstatt Oden über die S-Bahn zu schreiben, diese kritisch zu betrachten. Denn ohne einen landes- und/oder bundesweiten Ausbau (nicht Rückbau wie bei S21) des öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehrs mit Taktfahrplänen ist m.E. kein sinnvolles und nachhaltiges (Mensch und Umweltgerechtes) Mobilitätskonzept machbar.
    Grundsätzlich etwas mehr Mut stünde Euch m.E. gut liebe Kontext (und bringt vielleicht auch neue Unterstützer).

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