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Stachel im Fleisch

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Die Angst der Profis um ihren Arbeitsplatz: Was eine elitäre Minderheit der Behindertensportler alles tut, um zu siegen! Ein paar böse Anmerkungen zu den Paralympics.

Die Superhelden sind wieder bei der Arbeit! Diesmal laufen, rollen, reiten, schwimmen, fechten, werfen und schießen sie in Rio de Janeiro. Und wieder können wir am Fernseher siebzig Stunden lang live dabei sein. Schon vor vier Jahren hat der TV-Sender Channel 4 den Slogan "Meet the Superhumans" in die Welt gesetzt und für die in London ausgetragenen Paralympics geworben, eine den Olympischen Spielen nachempfundene Großveranstaltung des Behindertensports.

Das Plakat dazu zeigte acht geheimnisvoll ausgeleuchtete Athletinnen und Athleten im britischen Nationaltrikot und in stählerner Pathos-Pose. Mit ernstem Blick signalisieren sie Einsatzbereitschaft, und ihre Fahrräder, Beinprothesen oder Rollstühle im Hightech-Design sehen weniger aus wie Hilfsmittel für Behinderte, sondern wie maßgeschneiderte Superhelden-Accessoires, fast so wie das Batmobil für Batman.

Der Rennrollstuhl des deutschen Rio-Teilnehmers Marc Schuh, wie viele seiner Kollegen ein Profisportler, ist aus Carbon, Titan und Aluminium gefertigt, kann per Armschub auf fast vierzig Stundenkilometer beschleunigt werden und kostet etwa 10 000 Euro. Alle zwei bis drei Jahre muss er ersetzt werden, so der Athlet auf seiner Webseite. Auch die Radsportlerin Denise Schindler ist ein Star der Szene. Auf ihrer Internetseite empfiehlt sie sich als Motivationscoach ("Komfortzone verlassen!"), und bezeichnet sich als "Killerbiene". Und der wie Schindler unterschenkelamputierte Weitspringer und Weltrekordler Markus Rehm steht auf einem Plakat im Nationaltrikot da als stolzer deutscher Superheld und spricht: "Die einzige Behinderung im Leben ist die falsche Einstellung."

Feigenblatt zur Verdeckung von Integrationsdefiziten

Schindler und Rehm sind sogenannte Allianz-Markenbotschafter. Der Konzern ist einer der Hauptsponsoren des deutschen Behinderten-Leistungssports. Viele dieser Athleten seien Vorbilder, sagt der Allianz-Sprecher Manfred Boschatzke, und zwar "sportlich wie menschlich. Sie sind inspirierend, sympathisch, starke Charaktere. Inklusion braucht solche Vorbilder, um in der Gesellschaft anzukommen." Uneingeschränkt als Vorbilder werden die Paralympics-Athleten auch von den meisten Medien verkauft. Auf den TV-Schirmen sind in diesen Tagen immer wieder begeisterte – oder sich begeistert gebende – Moderatoren zu sehen, die von "unglaublichen Leistungen" künden und das Mitjubeln des Zuschauers einfordern. Der "Guardian" hat bei den Paralympics 2012 einen "Führer für Journalisten" zitiert, demzufolge die Berichterstattung über die Athleten sich auf "Leistung, sportliche Ambition, Training, Wettkampf und die Emotionen bei Sieg und Niederlage" konzentrieren sollte – und nicht auf deren Behinderung oder deren Umfeld.

Inzwischen sind die deutschen Medaillenprämien der Paralympics an jene der Olympischen Spiele angepasst worden, für Gold gibt es von der Deutschen Sporthilfe 20 000 Euro. Dass vierte Plätze, anders als bei Olympischen Spielen, unprämiert bleiben, wird weiter bemängelt. Der "Spiegel" hat sich gerade in einem Artikel zum Sprachrohr des Behinderten-Spitzensports gemacht, er führt sogar rückschauend Klage darüber, dass der Rollstuhlbasketballer André Bienek im Jahr 2007 in Castrop-Rauxel keine regelmäßigen Hallenzeiten zum Training bekam. "Erst nach zwei Jahren konnte er seinen Sport so ausüben, wie es nötig war." Eine in jedem Sinn anspruchsvolle Formulierung, bei der die Nachfrage erlaubt sein muss: nötig für wen?

Ist eine Gesellschaft wirklich verpflichtet, den Hochleistungssport – und nur um den geht es hier! – von Behinderten zu fördern? Das wäre wohl nur der Fall, wenn die Paralympics tatsächlich die allgemeine Inklusion von Behinderten vorantrieben. Anlässlich der Londoner Spiele 2012 hat die deutsche Behinderten-Internetzeitung "Rolling Planet" die Vor- und Nachteile der Paralympics aufgelistet. Zu den Vorteilen zählt: "Weil bei dem geballten Medieninteresse immer etwas hängen bleibt – nicht nur zugunsten des deutschen Behindertensports, sondern, entgegen aller Unkenrufe, auch für andere Menschen mit Behinderung." Und zu den Nachteilen: "Weil wir vor dem steilen Berg niemanden mehr fragen können, ob er uns hinaufschiebt." Die Antwort könnte nämlich lauten: "Fauler Sack, guck dir doch mal die Paralympics-Sportler an, die schaffen das ja auch."

Paralympioniken haben Inklusion längst abgeschafft

Die behinderten "Superathleten", so schreibt Willibald Weichert schon 2010 in der "Zeit", seien "eine winzig kleine Gruppe innerhalb der großen Schar deutscher Behinderter", eine "leistungsfähige Elite" und damit "absolut nicht repräsentativ für die Mehrheit der Jüngeren, zumeist Mehrfachbehinderten". Die "herausgehobene politische Förderung dieses Elitesports", so Weichert weiter, " könnte man auch als Feigenblatt zur Verdeckung der Integrationsdefizite in unserer Gesellschaft verstehen". Die Mehrheit der Behinderten sei "unter ökonomischen und Wettbewerbsbedingungen nicht gesellschaftsrelevant leistungsfähig". Für viele sei auch die Distanzerfahrung ("Das kann ich nie erreichen") größer als die Vorbildwirkung. Weicherts Fazit: "Paralympics als beispielhaft für die Akzeptanz von Behinderung in dieser Gesellschaft zu nehmen ist eine Lüge."

Die behinderten Elitesportler haben die Inklusion längst geschafft. Es ist sozusagen die Inklusion innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft, die immer, überall und von jedem Leistung verlangt. Fast scheint es so, als dürfe es keinen leistungsarmen oder gar -freien Bereich mehr geben, in dem rücksichtsvolles Miteinander mehr zählt, als Bester und Erster zu sein. Diesen oft sehr anspruchsvollen Elitesportlern geht es jedenfalls nicht ums Teilnehmen, sondern ums Siegen, ihre Verbissenheit ist mindestens so groß wie die der Olympioniken. Stolz hat Marc Woods, ehemaliger Behindertensportler und zwölfmaliger Goldmedaillengewinner, als Sprecher der Londoner Spiele gesagt: "Wer den Siegeswillen bei den Paralympics infrage stellt, sollte sich einmal eine Runde Rollstuhl-Rugby ansehen oder 'Mörderball', wie es manchmal auch genannt wird. Bei diesem äußerst aggressiven Spiel brechen sich manche Teilnehmer oft gleich mehrere Knochen."

Nein, am Siegeswillen wird nicht gezweifelt. Die Ideologie, dass alle mit allen Mitteln versuchen müssen, sich durchzusetzen, hat auch die Paralympics erfasst. Die Freude am Sport, an der Bewegung, am Spiel scheint sich mehr und mehr zu verflüchtigen. Stattdessen schleichen sich Neid und Eifersucht ein. Seit Langem etwa bekämpfen sich die deutschen Leichtathletik-Stars Wojtek Czyz und Heinrich Popow nicht nur im Stadion, sondern auch verbal. Czyz hat dem 100-Meter-Sieger Popow in London vorgeworfen, mit einem Hightech-Kniegelenk zu laufen, das anderen vorenthalten werde. Popow hat dies bestritten ("Wenn man nicht verlieren kann, muss man eben irgendeine Scheiße labern!"), wirft nun in Rio aber seinerseits Amerikanern und Brasilianern vor, sich mit zu langen Laufprothesen Vorteile zu verschaffen. "Das ist Affentheater, das hat nichts mit Leistungssport zu tun." Eine Aussage, in der die Angst des Profisportlers um seinen Arbeitsplatz zu spüren ist.

Die Diskussion um die Länge der Prothesen gehört in den Bereich "Techno-Doping". Das teurere und bessere Material kann zum Sieg führen. Auch deshalb werden prothesentragende deutsche Leichtathleten im Medaillenspiegel immer vor denen aus Kambodscha liegen, obwohl es dort, wegen der immer noch explodierenden Landminen, viel mehr Beinamputierte gibt. Die Athleten werden übrigens in einem komplizierten System nach dem Grad ihrer Behinderung in Klassen eingeteilt, es gibt in Rio beispielsweise nicht nur ein Männerfinale über 100-Meter, sondern gleich sechzehn!

Beschissen wird bei der Klassifizierung der Behinderung

Was dazu führt, dass weniger Konkurrenz als bei den Olympischen Spielen da ist: Wie viele Menschen betreiben schon Dressurreiten in jener Schadensklasse, in die Unterarmamputierte eingestuft werden? Es führt auch dazu, dass mehr Medaillen als bei Olympischen Spielen vergeben werden. Und dazu, dass oft dieselben gewinnen, dass etwa die 63-jährige Marianne Buggenhagen bei fünf Paralympics neun Goldmedaillen im Diskus- und Speerwerfen und Kugelstoßen gewonnen hat – und in Rio auf ihre zehnte hofft.

Gerade bei der Klassifizierung wird auch beschissen. Wer als weniger leistungsstark eingestuft wird, als er tatsächlich ist, startet in einer niedereren Klasse und hat Vorteile gegenüber der Konkurrenz. Der Kampf um diese Abstufungen vergiftet die Atmosphäre, die Athleten verdächtigen sich gegenseitig, erklären die Regeln für unfair, beschimpfen die Kampfrichter. Der Physiotherapeut Jürgen Schmid, der Sportler auf die Schwere ihrer Beeinträchtigungen prüft, hat im "Spiegel" erklärt: "Wir testen hart, aber wer uns wirklich ein Handicap vorspielen will, schafft das."

Besonders problematisch, so heißt es, seien die Einstufungen bei den Sehbehinderten, bei denen maximal zehn Prozent Sehschärfe erlaubt sind. Das sei schwer zu überprüfen, es werde deshalb oft simuliert. Zum größten Skandal bei den Paralympics aber kam es im Jahr 2000 in Sydney in der Klasse der geistig Behinderten, die in einem Test(!) zeigen müssen, dass ihr IQ unter siebzig liegt. Der Reporter Carlos Ribagorda hatte sich in das spanische Gewinnerteam im Basketball eingeschlichen und aufgedeckt, dass außer ihm auch fast alle anderen Spieler nicht geistig behindert waren, sich also bei der Klassifizierung bloß "dumm" gestellt hatten.

Und das ganz "normale" Doping, also das mit leistungssteigernden Substanzen und Spritzen? Kommt auch häufig vor. Der deutsche Skilangläufer Thomas Oelsner etwa musste 2002 in Salt Lake City seine Goldmedaillen zurückgeben, weil in seinem Urin Anabolika gefunden wurden. Diesmal aber soll alles anders werden. Das russische Team wurde wegen Staatsdoping von den Paralympics ausgeschlossen, die anderen 4300 Athleten seien alle sauber, verkündete Philipp Craven, Präsident des International Paralympic-Committee (IPC).

Weiß er wirklich nicht, zu welchen Auswüchsen der Leistungsdruck führt, zu welchen Maßnahmen die Athleten bereit sind? "Nur wer den Schmerz besiegt, hat eine Chance auf den Sieg", sagt Martin Schulz, der im Paratriathlon von Rio Gold gewonnen hat. Und ähnlich sagen es auch die anderen Athleten, unter ihnen viele Leistungssportler, die nach einem Unfall zum Behindertensport wechselten.

Zugeschnürter Hoden ist leistungsfördernd

Den Schmerz besiegen, das kann im Extremfall bedeuten, dass ein an der Wirbelsäule verletzter Rollstuhlfahrer sich für den Wettkampf auf einen spitzen Gegenstand setzt – buchstäblich ein Stachel im Fleisch! –, sodass sein Körper Stresssignale sendet. Dies führt wiederum zu einer Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz, die für Querschnittsgelähmte sonst nicht zu erreichen wäre, und zu einer bis zu 25-prozentigen Leistungssteigerung. Die Praktik, über die unter anderem die BBC berichtet hat, heißt "Boosting". Zu ihr gehört auch das Zuschnüren der Hoden, das Abklemmen des Katheters und sogar das Brechen eines Zehs.

Das alles ist natürlich verboten, es wird auch selten darüber geredet, aber angewendet wird es wohl recht oft. Ein Experte schätzt den Anteil der in Frage kommenden Athleten auf dreißig Prozent. Der Vorteil von "Boosting": Es ist schwer nachzuweisen. Der Nachteil: Es kann zum Schlaganfall oder zum Herzstillstand führen.

Sport ist gesund? Der Behinderten-Spitzensport in vielen Bereichen sicher nicht. Selbst wenn alles "sauber" zugeht, also ohne Simulation, Doping oder "Boosting", sind die Beanspruchungen des Körpers oft zu hoch. Lassen wir diesen Text nüchtern ausklingen mit Zitaten aus Peter Kapustins Arbeit zum "Leistungsaspekt im Behindertensport", die er 2006 in "Spektrum Freizeit" veröffentlicht hat. "Bei körperlich behinderten Leistungssportlern", so Kapustin, "ist zu beachten, dass die veränderte Statik ihres Körpers und die Bewegungsdynamik zu sehr einseitigen Belastungen führen können, die wiederum Überbelastungen der Gelenke, der Wirbelsäule mit den entsprechenden Bändern, Sehnen und Muskeln zur Folge haben können ..."

Kapustins Fazit: "Gesundheits-, Breiten- und Freizeitsport eröffnen mehr Möglichkeiten zum Integrationssport, das heißt, zum Miteinander von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Behinderung."


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6 Kommentare verfügbar

  • Roger Hahn
    am 18.09.2016
    Antworten
    Also ich bin dafür, die Paralympics um zwei Disziplinen zu erweitern. 1. „Raus aus den Werkstätten!“ Denn nur 0,2 Prozent der Beschäftigten in den so genannten Werkstätten für Menschen mit Behinderung gelingt der Übertritt in den allgemeinen Arbeitsmarkt. 2. „Eine Schule für Alle“. Wem - trotz…
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