Tatort Flüchtlingsheim: Christian Schmidt, Kreisvorsitzender der NPD Pankow, spricht am Tatort mit einem Polizisten. Foto: Christian Mang

Tatort Flüchtlingsheim: Christian Schmidt, Kreisvorsitzender der NPD Pankow, spricht am Tatort mit einem Polizisten. Foto: Christian Mang

Ausgabe 284
Überm Kesselrand

Berlin, deine Nazis

Von Elena Wolf
Datum: 07.09.2016
Berlin ist hip, crazy, alternativ, links oder mindestens grün. Multikulti und Vielfalt sind die Aushängeschilder der Stadt. Im Randbezirk Berlin-Buch dominieren Rechtsradikale selbstbewusst das Stadtbild. Nach dem Brand in einem Flüchtlingsheim im August ist der NPD-Kreisvorsitzende sogar für ein Schwätzchen mit der Polizei vor Ort.

Wer in Berlin lebt, ist "links" oder zumindest "grün". Das vermitteln jedenfalls der hippe Spirit und viele belauschte, multilinguale Tischgespräche in den Kiezkneipen. Doch "links" sein ist mittlerweile ein sehr dehnbarer Begriff und dient oft als blutleeres Lifestyle-Accessoire. Die neuste Umfrage BerlinTREND von Infratest dimap zeigt, dass die Hauptstadt genauso gespalten in ihrer Haltung gegenüber Geflüchteten ist wie der Rest von Europa. 52 Prozent der BerlinerInnen fühlen sich durch Flüchtlinge bereichert. 51 Prozent haben Sorge, dass die Zahl der Straftaten zunimmt. Es scheint, als würde sich immer nur die Hälfte der Befragten in der Öffentlichkeit bewegen, die für den Multikulti-Spirit der Stadt sorgen. Immerhin haben nur drei Prozent der BerlinerInnen Verständnis für Leute, die mit Gewalt gegen Flüchtlingsheime vorgehen. So – neben anderen Angriffen – geschehen im Pankower Ortsteil Buch Anfang August.

In der Nacht vom 8. auf den 9. August haben Unbekannte dort, im letzten, nördlichen Zipfel von Berlin, einen Brandsatz ins "Refugium Buch" geworfen. Bis auf leichte Rauchgasvergiftungen bei sechs BewohnerInnen wurde niemand verletzt. Doch wer auch immer für das Feuer verantwortlich war, könnte gewusst haben, dass sich im ausgewählten Container die Hauptstromversorgung befindet. Rund 170 BewohnerInnen des Containerdorfs mussten vorübergehend neu untergebracht werden. Der Staatsschutz ermittelt noch – bis jetzt erfolglos. 

Dass das Heim in Berlin-Buch brennt, war nur eine Frage der Zeit. Seit bekannt wurde, dass die Unterkunft im April 2015 entstehen soll, haben sich die Rechten im Dorf in Stellung gebracht. Von denen gibt es dort viele. Sehr viele. Schnell etabliert sich die Facebook-Gruppe "Kein Asylanten-Container Dorf in Buch" mit rund 3400 Likes. Wer aus dem Kern Berlins mit der S 2 Richtung Bernau fährt und am Bahnhof Buch aussteigt, erlebt auch Multikulti – aber im schlechtesten Sinne: NPD-Wahlplakate, so weit das Auge reicht. An vielen Laternenmasten hängen nicht selten drei auf einmal. Das Dorfidyll täuscht nicht darüber hinweg, dass hier Rechtsextreme für Stimmung sorgen.

Schon bevor die ersten Geflüchteten 2015 ins Heim einziehen, kommt es zu gewalttätigen Attacken von NPD-AnhängerInnen auf das Sicherheitspersonal, das die Baustelle bewacht. NPD-Demos mit Reichskriegsflaggen und ausländerfeindlichen Parolen sollten den Einzug der Geflüchteten verhindern. Bis heute gleicht die Unterkunft einem Hochsicherheitstrakt mit Personalschleusen und hohen Zäunen zum Schutz der BewohnerInnen vor rechtem Terror.

Verkohlt: Flüchtlingswohnheim in Pankow. Fotos: Kontext
Verkohlt: Flüchtlingswohnheim in Pankow. Fotos: Kontext

Doch die NPD will in keiner Verbindung zum Brandanschlag auf das bunte Containerdorf stehen. Das soll eine Tatortbegehung eines bekannten Neonazis klarmachen. Christian Schmidt ist Kreisvorsitzender der Pankower NPD, Ende zwanzig und gilt als Hauptdrahtzieher hinter den Protesten gegen die Geflüchteten-Einrichtung.

Antifa-AktivistInnen verfolgen seine Aktivitäten seit Jahren. Neben seiner aktiven Mitgliedschaft in der NPD ist er bis heute regelmäßig an Aktionen militanter Neonazitruppen beteiligt. Schmidt trägt maßgeblich dazu bei, dass Buch ein Zentrum neonazistischer Aktivitäten ist. Anfang 2014 wird er von seinem Arbeitgeber Rewe deshalb entlassen.

Als JournalistInnen, FotografInnen und eine Handvoll interessierter AnwohnerInnen am Tag nach dem Brandanschlag am Zaun stehen, kommt Schmidt mit seinem Hund und einem Kameraden plötzlich um die Ecke. Cappy, kurze Hose, tätowiertes Bein. Der andere mit Sonnenbrille. Zwei Fotografen erschrecken, werden unruhig. Hektisch schießen sie ein paar Bilder von den NPD-Männern am Refugium. Dann zischen sie, wie im Zeitraffer, mit dem Auto ab, obwohl sie eigentlich in einem Bucher Café ihre Fotos bearbeiten wollten. "Mit dem Schmidt ist nicht zu spaßen", sagt einer der beiden. Der andere nickt und weiß von weiteren Zusammentreffen auf Demos, dass "der auch mal gerne zuschlägt". Erst recht, wenn einer mit Kamera um den Hals rumlaufe.

Als Schmidt mit seinem Hund zu einem Polizisten am Zaun läuft, der das Gebäude sichert, herrscht eine seltsame Mischung aus Schockstarre und Sensationslust bei den restlichen Zaungästen. "Ein Molotow sieht anders aus, wenn er einschlägt", fachsimpelt der NPDler mit dem Polizisten – so, dass es alle Umstehenden hören können. Dann schießt der Neonazi mit seinem Handy ein paar Fotos von den anwesenden Pressemenschen und schlendernd davon. "Hätten sie's mal richtig angezündet", schreit ein Mann aus dem heruntergelassenen Fahrerfenster, als er vorbeifährt.

Kurz darauf landet eines der von Schmidt gemachten Bildern auf der Facebook-Seite der NPD Pankow mit den Hashtags "Kommischweine" und "Lügenpresse". Der Verfasser des Kommentars fragt sich, welche Lügen sich die "Pressegeier" jetzt wohl wieder über "die nationale Opposition" einfallen lassen werde, "Kinder fressen hatte wir noch nicht".

Impression vom Rand der hippen Hauptstadt.
Impression vom Rand der hippen Hauptstadt.

Mit am Zaun steht Elke Breitenbach von der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie und eine Kollegin beobachten Schmidt mit zusammengekniffenen Augen. Kennen das Nazitreiben in Breitenbachs Wahlkreis Pankow genau. Ein paar Tage später wird Breitenbach zusammen mit SPD, Grünen, den Piraten und zahlreichen DorfbewohnerInnen eine Demo in Buch veranstalten, um den Rechten nicht das Feld zu überlassen und sich mit den Geflüchteten zu solidarisieren. Denn mit der Ausbreitung der Rechten hat sich auch antifaschistischer Widerstand formiert. 

"Seit die Unterkunft im Entstehen ist, gab's hier Widerstand von rechten Gruppen, die sich als 'besorgte Bürger' tarnen", erzählt Breitenbach. Das ginge sogar so weit, dass ausländerfeindliche DorfbewohnerInnen gefordert hätten, den Eingang der Unterkunft auf die andere Seite zu verlegen. Damit sich Anwohner- und HeimbewohnerInnen nicht dieselbe Straße teilen müssten. Ein bautechnisches Statement wie ein Mittelfinger. Breitenbach fixiert Schmidt und seinen Kameraden mit Sonnenbrille so lange, bis sie verschwinden. Erst dann steigt sie auf ihr Motorrad und braust davon. Doch Schmidts Kameraden kommen wieder.

Noch am Nachmittag nach dem Brand hängen mehrere NPDler direkt am Refugium Buch noch mehr Wahlplakate mit der Parole "Deutschland uns Deutschen" auf. Manche werden von HeimbewohnerInnen wieder abgerissen, was auf der NPD-Facebookseite empört als Angriff gegen die Demokratie verstanden wird. "Ist es inzwischen schon eine Provokation wenn wir unser gutes Recht wahrnehmen Plakate im Wahlkampf aufzuhängen?", heißt es in einem Post der Pankower Rechtsradikalen. Längst sei doch bekannt, dass die "Asylanten" den Brand selbst gelegt hätten.

Auf dem Weg zurück zur S-Bahn-Haltestelle führt der Weg durch die Bucher Einkaufspromenade. Vorbei an freundlichen Wurstwaren-Verkäuferinnen, die aus einem mobilen Wagen dicke Schweineschwarten verkaufen. Ein Kind lutscht zufrieden an seinem Erdbeereis, und zwei ältere Damen freuen sich in einem Café über das schöne Wetter. Migrationshintergrund hat in dieser Szene nur die Sachertorte.


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