So leicht fällt die Einordnung nicht immer. Foto: Martin Abegglen/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Ausgabe 282
Gesellschaft

Links oder rechts?

Von Annette Ohme-Reinicke
Datum: 24.08.2016
Man blickt ja kaum mehr durch: Ein Bürger oder eine Bürgerin demonstriert montags gegen Stuttgart 21, anderntags gegen den Bildungsplan und dann gegen TTIP. Sind das jetzt rechte Linke oder linke Rechte? Eine Orientierungshilfe.

Armin Nassehi, Soziologe und Herausgeber des "Kursbuchs", in dem sich seit den 60er-Jahren ein "Kurs" der Linken finden sollte, stellt dazu fest, die Linke würde heute "links reden und rechts leben". Links und rechts seien "keine Alternativen" mehr, die Gesellschaft sei zu komplex und müsse ganz neu beschrieben werden.

Das Querfront-Konzept der Rechten will die Aufhebung der Unterscheidung: Die Idee ist, dass sich Linke und Rechte gegen den Kapitalismus, insbesondere gegen das US-amerikanische Finanzkapital zusammenschließen sollten. Seit einigen Jahren versuchen diese rechten Gruppen, Linke zu integrieren und in einer nationalistischen Ausrichtung zusammenzufassen.

Die Linke sitzt in der nationalen Falle

Für Rainer Forst, Philosoph an der Uni Frankfurt, verharrt die Linke in einer "nationalen Schockstarre". Während die Erzählung der westlichen Gesellschaften vom Selbstverständnis der Gerechtigkeit und des Fortschritts geprägt sei, hätten insbesondere die Flüchtlinge, die jetzt nach Europa kommen, das "große Aber" in unserer Gegenwart sichtbar werden lassen. Dieses "große Aber" sei eine "Form der globalen Apartheid", die nun ins Bewusstsein dringe. Die Linke, so Forsts Kritik, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Anstatt die eigene Politik "transnational" auszurichten, sei ihr die "Sprache der Gerechtigkeit abhandengekommen" und sie sitze in der "nationalen Falle".

Auch der Soziologe Oliver Nachtwey stellt die Links-rechts-Unterscheidung nicht in Frage. In seinem eben erschienenen und sehr empfehlenswerten Buch "Die Abstiegsgesellschaft" benutzt er zudem den Klassenbegriff ganz selbstverständlich. Gerade die Klasse der Lohnabhängigen sei heute so groß wie lange nicht mehr. Er spricht von einer "Krise der linken Imagination: Was fehlt, sind plausible Visionen und mobilisierende Utopien".

Wie lassen sich linke und rechte Bewegungen heute unterscheiden? Hier einige idealtypische Merkmale:

Kommunikation: Akklamation versus Diskussion. Rechte lehnen es ab, ihre Aktivitäten zu begründen, sie geben in der Regel keine Interviews. Die eigene Sprachlosigkeit wird damit erklärt, dass man ohnehin immer Opfer der "Lügenpresse" sei. Statt kontrovers zu diskutieren, praktizieren rechte Bewegungen vornehmlich ein Ja-nein-Abstimmungsverhalten, Akklamation.

Die Kommunikation der Linken zeichnet sich aus durch Diskussionen, Streit, Aushandeln und die Verpflichtung zur Begründung. Leitend ist dabei die Frage, was das Beste für das Gemeinwesen ist.

Meinungsbildung: Propaganda versus Urteilsbildung. Rechte organisieren durch Propaganda anhand von Feindbildern. Dabei werden Versprechen gemacht, die nicht gehalten werden können. Etwa: Wenn keine Ausländer in Deutschland leben, haben die Deutschen mehr Arbeitsplätze. Oder: Nach einem Ausstieg aus der Europäischen Union geht es den Engländern besser. "Die Propaganda betrügt um das, was sie verspricht" (Max Horkheimer).

Linke bilden Meinungen und selbstständiges Urteilen auf der Grundlage gemeinsamer Debatten und Beratungen. Es geht nicht um personalisierte Feindbilder oder darum, Personengruppen als Feindbilder zu stilisieren, vielmehr werden Verhältnisse thematisiert, um sie verändern zu können.

Gleichheit: Homogenität versus gleiche Berechtigung der Verschiedenen. Die Vorstellung von Gleichheit gibt es auch innerhalb der Rechten. Diese Gleichheit entsteht allerdings durch Anpassung und Unterordnung. Da sich Rechte nur untereinander als Gleiche ansehen, ist ihre Gleichheitsvorstellung keine universelle. Sie kommt zustande durch Abgrenzung von anderen und gilt nur für bestimmte Gruppen. Etwa für die Gruppe der Blonden oder die Gruppe der Deutschen oder die der Nicht-Moslems. Innerhalb rechter Bewegungen werden Hierarchien gepflegt und Führer von Geführten verehrt. Das Verbindende sind oft "Treue" und Ergebenheit sowie die Unterordnung der Einzelnen unter die Heilsversprechen der Anführer.

Die Gleichheitsvorstellung der Linken geht davon aus, dass alle Menschen zwar verschieden, aber mit gleichen Rechten ausgestattet, also gleichberechtigt sind. Wir sind alle ungleich, haben aber die gleichen universellen Rechte und sind in dieser Berechtigung gleich. Chancengleichheit etwa kann es gar nicht geben, aber es ist möglich, Bildungsgerechtigkeit herzustellen.

Wir-Verhältnis: Freund-Feind-Unterscheidung versus Pluralität. Das "Wir" der Rechten entsteht in einer Masse vereinzelter Einzelner, deren wirkliches Merkmal Bindungslosigkeit ist. Ihr "Wir" konstituiert sich aus lauter einzelnen "Ich" und ist auf eine Freund-Feind-Konstruktion angewiesen. Wurden früher vor allem die Juden zum Feindbild gemacht, sind es heute die Moslems. Das Wahlprogramm der AfD hält noch mehr bereit: Etwa alleinerziehende Frauen oder eingewanderte Türken, von denen sich die Rechten bedroht und als deren potenzielle Opfer sie sich sehen.

Das Wir-Verhältnis der Linken basiert auf Heterogenität und Pluralität. Es handelt sich um ein diskursives Wir, man ist miteinander im Gespräch und erkennt den anderen als Verschiedenen an. Deshalb ist er auch kein Fremder, sondern eben ein anderer. Hannah Arendt fasst die Bildung dieses Wir im Begriff des gemeinsamen politischen Handelns verschiedener Menschen; nur darin kann Neues, wirkliche Veränderung, entstehen. Dieses Wir untersteht keinem äußeren Zweck, deshalb ist eine der höchsten Formen linker Sozialität die Freundschaft.

Wie kommt das Rechte in die Linke?

Bei diesen idealtypischen Unterscheidungen denken sicher viele ganz zu Recht: Schön wär's! Merkmale der Rechten finden sich doch auch bei den Linken, etwa Feindbilder, Opferhaltungen oder Heilserwartungen. Und damit stellt sich die Frage: Wie kommt das Rechte in die Linke? Oder: Warum werden Linke rechts, wie Horst Mahler, Bernd Rabehl oder der einstige Maoist Wolfgang Gedeon, der bei der AfD zu finden ist?

Die immer noch grundlegenden Untersuchungen dazu stammen vom Institut für Sozialforschung der Frankfurter Schule. Erich Fromm untersuchte in den 1920er-Jahren Arbeiter und Angestellte und zeigte, dass "häufig die Anhänger der Linksparteien eine seelische Haltung aufwiesen, die keineswegs der konstruierten idealtypischen entsprach, ja ihr gerade entgegengesetzt war". Als zweifellos wichtigstes Ergebnis sei der geringe Prozentsatz von Linken festzuhalten, "die mit der sozialistischen Linie sowohl im Denken als auch im Fühlen übereinstimmten" – gerade einmal 15 Prozent.

Auf den Arbeiten von Fromm bauen Adornos und Horkheimers Studien zum autoritären Charakter auf. Sie suchten nach Erklärungen dafür, warum Menschen antidemokratisch, ressentimentgeladen und potenziell faschistisch werden können. Der autoritäre Charakter, der sich insgeheim ohnmächtig und verlassen fühlt, ist prädestiniert für die freiwillige Unterordnung unter repressive politische Ideologien, egal ob sie von links oder von rechts vorgetragen werden. Ein Kennzeichen des Autoritarismus ist es, die eigenen Aggressionen nicht gegen Herrschaft zu wenden, sondern auf andere zu projizieren. Die eigenen, als abwegig erscheinenden Wünsche werden verdrängt und auf andere Personen übertragen, um diese Personen dann verurteilen zu können.

Die hier nur angedeuteten Charaktermerkmale finden sich auch bei Leuten, die sich links verstehen. Insbesondere hierarchisch organisierte K-Gruppen scheinen dafür prädestiniert, weil hier das Angebot besteht, avantgardistisch zu denen zu gehören, die wissen, was das Beste für alle anderen ist und, im Parteiauftrag handelnd, zu den zukünftigen Siegern der Geschichte zu zählen. Der rechte Linke kommt zu den Linken, weil er zu diesen Siegern gehören will. Wird er enttäuscht in den Heilserwartungen, die versprochen waren und an die er geglaubt hatte, sieht er sich als betrogenes Opfer und wendet sich – unfähig zu Selbstreflexion und -kritik – den neuen potenziellen Siegern zu. Die Biografien der Mahlers und Gedeons belegen das und zeigen, dass diese Leute dann "die Seiten" wechselten, wenn die sozialen Bewegungen schwächer wurden, an deren "Sieg" sie geglaubt hatten. So wie ein Fußballfan, der sich immer der Gewinnermannschaft zuwendet.

Warum tendieren soziale Bewegungen nach links oder rechts?

Wann soziale Bewegungen auftauchen und wie sie sich entwickeln, lässt sich nicht vorhersehen. Ihre Dynamik ist keineswegs rational. Was sich allerdings retrospektiv, empirisch belegen lässt, ist: Linke, emanzipatorisch orientierte soziale Bewegungen treten in Zeiten (realen oder gefühlten) ökonomischen Aufschwungs auf, rechte Bewegungen in Zeiten des Abschwungs.

So erkennt der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty den Grund für das Entstehen linker Bewegungen darin, dass die "Abnahme des Drucks auf das Leben eine Umstrukturierung des sozialen Raumes ermöglicht: Die Horizonte sind nicht mehr eingeengt auf die unmittelbaren Bedürfnisse, es entsteht ein Spielraum, Raum für einen neuen Lebensentwurf".

Die gegenteilige Entwicklung, nämlich die Folgen eines Schwindens jenes Raums für neue Lebensentwürfe, skizziert Nachtwey, wenn er die aktuellen Auswirkungen neoliberaler Politik beschreibt. Er benutzt den Begriff der "regressiven Modernisierung" und belegt, wie sich sowohl die materielle Situation in der Gesellschaft schleichend, aber kontinuierlich verschlechtert, als auch die Furcht vor dem Abstieg wächst. Spaltungen in der Gesellschaft, Exklusion und Prekarisierung nehmen zu.

In dieser Regression schwimmt die Linke heute gewissermaßen mit. Ihr sei, so Nachtwey, eine optimistische Perspektive abhanden gekommen, die Gewissheit, dass es besser werden könne. Die Linke blickte immer "erwartungsfroh und hoffnungsvoll nach vorn. Man war davon überzeugt, dass die Zukunft besser sein werde, für einen selbst und für die eigenen Kinder." Diese Hoffnung sei nun gebrochen, größtenteils aufgegeben, die Linke im Grunde zu einer konservativen "Nachhut" geworden.

Das erinnert an Nassehis Diagnose, wonach Linke heute "links reden und rechts handeln" würden. Nur ist dies kein historisch neues Phänomen oder gar ein neues Kennzeichen "der Linken". Es ist vielmehr eine Reaktion auf jene regressive Modernisierung und zeigt, wie sehr die Linke selbst in der neoliberalen Ideologie verfangen ist.

Das System ist immer noch nicht aus den Angeln gehoben

Die Erzählung der Linken über sich selbst ginge etwa so: Als "archimedischer Punkt", von dem aus sich das System aus den Angeln heben ließe, wurde die Arbeiterbewegung gesehen. Denn im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen links und rechts stehe der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital. Er habe in Gestalt der Arbeiterklasse seine höchste Zuspitzung und in der Übernahme einiger Staatsapparate durch sozialistische Parteien seine größte Überwindung erfahren. 

Die Studentenbewegung und die außerparlamentarische Opposition der 1960er- und 1970er-Jahre wiederum seien gewissermaßen als intellektueller Arm dieses Gegensatzes zu sehen. Studentische Betriebskampfgruppen und Flugblattverteiler mühten sich redlich, der Arbeiterklasse zu Bewusstsein zu verhelfen. Zwar tauchten Arbeiter und Bauern in Gestalt badischer Winzer, die sich gegen das AKW Wyhl zur Wehr setzten, noch einmal als Verbündete auf. Aber für einen großen Teil der Linken stellt sich mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten die Frage, was denn eine Linke überhaupt noch ausmacht. Diese Erzählung der Linken hat tatsächlich ihr Ende gefunden, viele der thematisierten Probleme aber sind geblieben.

Drängende Fragen, die sich heute stellen, sind: Wie können die Mechanismen der Individualisierung und Deprivation aufgedeckt werden, anstatt in identitäre Volksgemeinschaft und Opfermentalität umzuschlagen? Was lässt sich gegen die durch den Neoliberalismus erzeugte Verarmung und Verelendung tun, die mit einer gigantischen Konzentration von Reichtum einhergeht? Wie ist eine Gesellschaft der Angst zu transformieren in eine Gesellschaft, die sich politisch handelnd selbst gestaltet?

Aber nicht nur diese Themen liegen als Probleme auf dem Tisch. Ebenfalls vorhanden und wirkmächtig sind Erfahrungen von Freiheit. Sie finden sich seit etwa 2000 Jahren in Begriffen und Bezeichnungen gespeichert, die wir ganz selbstverständlich benutzen, während sie ihres emanzipatorischen Bedeutungsgehalts zunehmend beraubt sind und oft missbraucht werden: Wörter wie "das Politische", "Demokratie" oder "Zivilgesellschaft" erinnern an solche Lebensformen, während der die Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass sie selbst es sein können, die ihr Zusammenleben regeln, und es keine Unterteilung in Herrscher und Beherrschte gibt.

Dies mag als utopisch zurückgewiesen werden. Doch zu einer aktuellen Gewissheit wird immer mehr, dass das Beharren auf einem Wachstumsmodell, welches seine eigenen Grundlagen permanent ausbeutet und untergräbt, illusorisch ist und obendrein autoritative, menschenfeindliche Aufbegehren rechter Bewegungen erzeugt.

"Die Linke" jedenfalls ist keine Menge, die man einmal herstellt, und schon gar keine Partei, in die man eintreten kann, und dann ist man links. Eine emanzipatorische Linke – genau genommen gibt es keine andere – zeigt sich vor allem als eine Lebensform, die von der Frage geleitet wird, wie die Welt als eine für alle Menschen gemeinsam zu bewohnende, als Gemeinwesen, gestaltet werden kann.

Annette Ohme-Reinicke, Jahrgang 1961, ist Dozentin am Institut für Philosophie der Uni Stuttgart. Ihr Schwerpunkt sind soziale Bewegungen. Sie gehört zu den GründerInnen des Stuttgarter Hannah-Arendt-Instituts.


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7 Kommentare verfügbar

  • Heinrich Triebstein
    am 09.09.2016
    Karikatur aus dem Frankreich der 1960er Jahre: Marx links, Jesus rechts. Beide mit Boxhandschuhen. In der Mitte zwischen ihnen der Hutträger: "Haut Euch!" Wenn zwei sich streiten, freut sich ein Dritter.
    Joseph Stiglitz benennt 2011 das Eine Prozent. Occupy, großmäulig: Also sind wir die 99 Prozent. Glashartes Programm? Fehlanzeige.
    Antonio Negri und Michael Hardt in "Demokratie!" unterteilen die 99 Prozent in vier Rollen: Die Verschuldeten, die Vernetzten, die Verwahrten, die Vertretenen. Daraus folgt: der Konflikt ist zwischen Oben und Unten auszutragen. Gemeinsame Basis von uns hier unten: Die jeweiligen Verfassungen, im deutschen Fall das Grundgesetz insbesondere die Artikel 1, 2, 3, 14, 15, 20 und 20a sowie der Artikel 22 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948: Recht auf soziale Sicherheit.
    Gegen Pegida und Co. standen - außer in Dresden - durchweg mehr Leute auf der Straße als die -gidas auf die Beine brachten. Diese Mehrheit fängt an zu sagen, WOFÜR sie ist.
    Vater Robert (Keynesianer) und Sohn Edward (Philosoph) Skidelsky nennen in ihrem Buch "Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens" sieben Basisgüter, zu denen Menschen weltweit Zugang haben müssen: Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Persönlichkeit ("vor allem die Fähigkeit, einen Lebensplan zu entwerfen und umzusetzen, der die eigenen Vorlieben, das eigene Temperament und die eigene Vorstellung, was gut ist, widerspiegelt"), Harmonie mit der Natur, Freundschaft, Muße.
    Steigende Zahlen von gewaltfrei Teilnehmenden werden den Gewählten Lichter aufstecken. Zum Beispiel werden sie sich für das interessieren, was nach der Phase der Demonstration passieren soll.
    Patrizia Nanz und Claus Leggewie schlagen eine Vierte Gewalt vor, die neben Legislative, Exekutive und Judikative tritt: die Konsultative. Sie findet sich in Zukunftsräten (berufen nach dem Zufallsprinzip, Teilnehmende im Alter von 14 bis silbergrau) zusammen, die Fragen bearbeiten, die von Politik und Wirtschaft nicht oder unzureichend behandelt werden. Beratungsergebnisse werden der L und/oder E zugeleitet. Im Falle der Ablehnung durch die 1. und die 2. Gewalt sind ausführliche Begründungen fällig.
    Die deutsche Zivilgesellschaft hat der großen Koalition der kleinen Themen in der Flüchtlingsfrage aus der Patsche geholfen. In ihr steckt mehr, als sich der Alltagsverstand der Gewählten bisher träumen lässt.
    Kurt Marti: "Der Großen Mutter folgte der Große Vater, diesem der Große Bruder. Dabei sehnen wir uns nach kleinen Schwestern."
    Papst Franziskus spricht von Geschwisterlichkeit. Jeremy Rifkin spricht von Biosphärenbewusstsein: Wir Menschen sind Teil der Natur, nicht Herrscher über die Natur.
  • Dr. Klaus+Kunkel
    am 29.08.2016
    Es ist zunächst gewiss hilfreich, zu vereinbaren, was "links" ist.
    Vorschlag: Links ist, wer durch sein Handeln versucht dazu beizutragen, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden respektive zu beseitigen.
    Das gilt für Individuen und Organisationen gleichermaßen und schließt eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten ein.

    Damit wird deutlich, wer oder was nicht links ist:
    · Die SPD, spätestens seit der Verabschiedung des Godesberger Programms; da ändern auch ein paar aufrechte "Verirrte" nichts daran.
    · Die Partei "Die Linke" mit ihrer homöostatisch sozialdemokratischen Kapitalismuskritik und ihren die nationalistisch-populistische Karte spielenden Vorturnerinnen Wagenknecht und Lafontaine. Sie kann sich mit ihrer "Ossis-sind-keine-Deutsche-zweiter-Klasse"-Rhetorik einen guten Teil der jüngsten AfD Wahlerfolge ans Rever heften.
    · Die meisten sozialen Bewegungen mit ihrer Heterogenität, z.B Anti-AKW. Friedensbewegung, lokale soziale Bewegungen wie gegen Stuttgart 21, auch wenn linke Personen oder Organisationen häufig in führenden Funktionen tätig sind.
    · Die weitgehend unter SPD-Kuratel stehenden DGB Gewerkschaften mit ihrer "Alle in einem Boot" Ideologie.
    · Die Kriegsbewilligerpartei Bündnis90/Die Grünen.

    Linkssein ist darüber hinaus unvereinbar mit Rassismus, Nationalismus, Chauvinismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Repression.

    WIr haben es also heute mit einer marginalisierten Linken zu tun, die sich nie von dem Aderlass während des Hitlerfaschismus erholt hat, und der der brachiale Antikommunismus der Nachkriegsjahre bis heute mit seinen Partei-, Publikations- und Berufsverboten den Rest gegeben hat. Damit verschwanden auch die so wichtigen Kultur-, Bildungs-, Sport- und Freizeiteinrichtungen der Arbeiterbewegung (eine der letzten erfreulichen, noch munteren Einrichtungen sind die "Naturfreunde").
    Nicht zuletzt haben der sogenannte real existierende Sozialismus und der chinesische Staatskapitalismus mit all ihren Schrecken und Entgleisungen das ihre beigesteuert.

    Vor diesem Hintergrund ist es m.E. nebensächlich zu untersuchen, wie das bzw. ob das Rechte ins Linke kommt. Es ist auch nicht zielführend, dies an der vermeintlichen Charakterstruktur einiger ehemaliger K-Gruppenmitglieder festzumachen.
    Zum einen gibt es keine Hinweise darauf, dass die anderen tausenden ehemaligen K-Gruppenmitglieder überwiegend in rechte Organisationen abgewandert sind, zum anderen ist Horst Mahler ein denkbar schlechtes Beispiel. Er wurde in einer tiefbraunen, nazistischen Akademikerfamilie sozialisiert und folgerichtig schlagender Verbindungsstudent.
    Warum ein solcher Mensch via SPD beim SDS landet, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht hat es da mit den Mädels besser geklappt, vielleicht war es ein spätpubertärer Versuch, sich von seinem Elternhaus zu lösen, vielleicht reizte ihn das potentielle Anwaltsklientel. Dass sich ein solcher Typ irgendwann wieder ganz rechtsaussen findet, ist nicht all zu überraschend.

    Den Begriff "autoritärer Charakter" so wenig unterfüttert zu verwenden, erscheint mir problematisch. Als eine Ausprägung des "Sozialen Charakters" fasst Fromm darunter ein Muster/ Cluster von sozialen Einstellungen zusammen, die das Sozialverhalten entsprechend beeinflussen. Das ist aber deutlich von dem (fragwürdigen) in der differenziellen (Persönlichkeits)psychologie und der Umgangssprache verwendeten Charakterbegriff zu unterscheiden.
    Dass in der Weimarer Republik ein großer Teil der Anhänger linker Gruppierungen als autoritäre Charaktere beschrieben werden konnten, ist nicht sehr verwunderlich. Sie wurden unter den gleichen, zumindest ähnlichen familiären, gesellschaftlichen, militärischen und Produktionsbedingungen sozialisiert wie die Anhänger deutschnationaler oder nazistischer Gruppen.
    Deshalb waren ja die Kultur- und Bildungseinrichtungen der Arbeiterbewegung so wichtig und diese Sozialisation war leider auch eine der Wurzeln, die die stalinistischen Exzesse ermöglichte.

    In Anbetracht der objektiven aktuellen Schwäche der Linken und kaum vorhandener Strukturen erscheint es schwierig, bei den dick und fett gemästeten Gegenspielern, die noch nie einen direkteren Zugriff auf staatliches Handeln hatten, die mit ihrer Medienmacht in konzertierten Aktionen die sogenannte öffentliche Meinung in jede ihnen genehme Richtung steuern können, eine linke Utopie in den derzeit virulenten sozialen Bewegungen zu entwickeln und ein Stück weit zu leben.
    Es muss aber alles unternommen werden, dass das ätzende rechte Gift von AfD, Pegida, Identitären, Reichsdeutschen und Konsorten diese Bewegungen nicht paralysiert und zersetzt, die Zivilgesellschaft noch weiter spaltet und Andersdenkende, Andersgläubige und Anderslebende nicht in Angst und Schrecken versetzt werden.
  • Sascha Munk
    am 26.08.2016
    Linke sind Optimisten, sie möchten die Welt verbessern. Rechte sind Realisten und wollen Schlimmeres verhindern...
  • Uwe R.
    am 25.08.2016
    "Eine emanzipatorische Linke" ist ein weisser Schimmel. Linke sind entweder emanzipatorisch oder nicht links.

    Naturrechte gehen auf Gott zurück und sind nicht die Grundlage für Linke. Denn die Geschichte zeigt, dass Rechte stets erkämpft und verteidigt werden mussten.

    Es gibt auch keinen linken "caritativen" Internationalismus. Den findet man eher in der katholischen Soziallehre.

    Die christliche Lehre ist diejenige vom Teilen, was mithin die Aufgabe und Übergabe des selbst- und miterarbeiteten und einen daran erkämpften angemessenen Anteil an Wohlstand an irgendwie Bedürftige oder zu solchen erklärten [wie jetzt die sog. Flüchtlinge] bedeutet. Das ist eben nicht links.

    Links sein war und ist nicht paternalistisch, wie das von den aus dem Bildungsbürgertum stammenden K-Grupplern der 1960-80er bekannt ist, denn das führte zu den die Bürger autoritär bevormundenden und massregelnden Grünen.

    Die Chancengleichheit war das Projekt der ab 1960 zur Volkspartei mutierten SPD, die damit den Arbeitnehmern eine Anpassung an eine Meritokratie und einen sozioökonomischen Aufstieg ermöglichen wollte. Vom Ansatz war das aus sozialistisch-sozialdemokratischer Sicht bereits rückschrittlich, bestätigte und verfestigte es doch bestehende Verhältnisse.

    Der französische Philosoph Didier Eribon beschreibt in einem Artikel für die Blätter für deutsche und internationale Politik "Wie aus Linken Rechte werden", warum Arbeiter und Angestellte den Front National wählen: sie wurden und werden von den Salonsozialisten um Hollande verachtet und verraten.

    Das trifft mehr noch auf die Agenda-2010-SPD zu. Deshalb wählen Arbeiter und Angestellte die AfD: aus reiner Notwehr. Weil man sie zusätzlich auch noch schmäht, beschämt und verhöhnt, indem man ihnen erklärt, sie müssen durch vorwiegend muslimische Migranten kulturell bereichert werden, auch und insbesondere durch jene, die illegal die Grenzen übertreten und unseren Rechtsstaat mit Füssen treten.

    Eine soziologisch-sozialpsychologisch-individualpsychologische Verortung von Linkssein führt übrigens zu nichts, oder zumindest in die Irre.
  • Barolo
    am 25.08.2016
    Herr Muth, Ich wollte die Unterscheidung wäre so einfach wie Sie schreiben.
    Eine deutlich nach links gerückte Merkel-CDU bereitet uns auf einen Krieg vor.
    Das ganze von einer eher "Linken" US Regierung forciert und einer willigen Nato vorangetrieben.
    Der "Rechte" Trump signalisiert eher Gespräche mit Putin und weniger US-Kriegseinsatz sondern mehr Konzentration auf inside USA.

    Auch einige der Kategorien der Autorin halte ich für fragwürdig.
    Ein Volk das kein Wir kennt, ist auch keines. Das gilt nicht nur für unsere Mir san mir Bayern sondern eben weltweit.
    Und da gehört per definition eben nicht jeder Reigschmeckte dazu.
    Denken Sie an die Kuhstallgemeinschaft des Professor Wolffsohn, zu der auch die im Kuhstall gehoerende Katze gehoert, die trotzdem keine Kuh ist!
  • Reinhard Muth
    am 25.08.2016
    Für mich gibt es zwei einfache Beschreibungen, nach denen sich linkes und rechtes Verhalten unterscheiden lassen. Rechte grenzen aus, Linke integrieren und Rechte bereiten den Krieg vor, Linke den Frieden.
  • Fritz
    am 24.08.2016
    Es scheint als müsse immer noch jeder Mensch in die "passende" Gesinnungsschublade gepackt werden.

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