Stempel auf dem Schreibtisch der Utopien-Sammlerin Sigrid Sandmann. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 282
Überm Kesselrand

Utopisten-Stau in Ravensburg

Von Anna Hunger
Datum: 24.08.2016
Die Hamburger Künstlerin Sigrid Sandmann sammelt Ideen und Fantasien für die Zukunft. Am vergangenen Donnerstag war sie im Zentrum für Psychiatrie bei Ravensburg zu Gast. Ein Besuch auf dem "Ehrenamt für soziale Utopien", Sprechzeit: 10 bis 13 Uhr.

Um kurz vor zwölf stehen drei Frauen Schlange vor Raum 0.53 des Zentrums für Psychiatrie (ZfP), Wirtschaftsgebäude, gleich neben der Poststelle. Sie haben Blöcke und Zettel dabei, auf die sie ihre Ideen notiert haben. Schon zum vierten Mal an diesem Donnerstagvormittag gibt's Utopisten-Stau auf dem Gang vor der weißen Tür von Sigrid Sandmann, ein Nachname, der passt wie Po auf Eimer für eine Beamtin, die Träume für eine lebenswertere Zukunft sammelt.

Eine Frau in rotem Rock, bedruckt mit Blumen, kommt zur Tür herein, setzt sich. "Ich bin nicht hier, um eine Utopie abzugeben, sondern weil ich mir wünsche, dass ich eine mitnehmen kann." Die Frau sieht ein wenig traurig aus. Sigrid Sandmann faltet langsam die Hände, stellt die Ellenbogen auf den Tisch, beugt sich vor: "Was wünschen Sie sich denn für eine?" Die Frau seufzt. "Eine schöne. Etwas mit Freiheit." Sandmann sagt: "Wir finden eine für Sie."

56 Jahre alt ist die Hamburger Künstlerin, sitzt ganz in Schwarz hinter ihrem quadratischen Amtstisch, ein rosa Sparschwein steht links, eine pinkfarbene Postkarte mit "Have a great day"-Print wippt rechts auf einem Kartenhalter, dazwischen ein Häuflein Büroklammern, Spitzer, Tacker, ein Anfeuchtkissen für Briefmarken, Stempel zur Bestätigung von "Kunst!", für "erledigt" oder für "weiter so". Sandmanns Tischchen ist eine freundliche Insel in einem sterilen Raum mit Nadelfilz am Boden und leerem Flipchart in der Ecke.

Die Frau im Rock klagt, wie sehr sie gefangen ist in ihrer Welt. Im engen Korsett von Arbeitszeiten, Vorschriften, Terminen, Uhrzeiten, einfach in den Mühlen des Alltags, die Fantasie und Kreativität zerreiben. Ihr Rücken ist rund, die Finger kneten in dieser typischen Haltung, in der die meisten Menschen auf Ämtern sitzen, gebeugt vor dem Staat, meist als Bittsteller. Auch das gehört zur Performance von Sandmanns Kunstwerks. Diese Amts-Haltung aufzuweichen, aus einem gebeugten Rücken einen geraden zu machen, wenn Körper und Geist erkennen, dass dieses Amt nicht Grenzen fremder Leben verwaltet, sondern Wünsche und Träume bearbeitet.

Privates für die Öffentlichkeit

Sandmann hat Siebdruckerin gelernt, dann an der Kunsthochschule Kassel studiert. Seitdem arbeitet sie als freie Künstlerin, oft mit Schrift, Projektionen, Licht. Sie hat Worte und Texte von Professoren und Studierenden auf die Gebäude der Ruhr-Universität projiziert, um den unzählbaren Gedanken eines solchen Wissensorts die Unigebäude als Körper zu leihen. Sie hat ein Hochhaus in Eindhoven auf eine ähnliche Weise zum "Sprechenden Antlitz" gemacht und einem der zwölf historischen Grindelhäuser in Hamburg-Eimsbüttel zum 50. Geburtstag ein riesiges Transparent über die gesamte Fassade, vom Flach- bis zum Vordach, spendiert: dicht bedruckt mit Interviewauszügen über persönliche Geschichten und Erlebnisse der Bewohner.

Manchmal ist sie auch mit ihrem "Wortfindungsamt" unterwegs. Einem kleinen Bauwagen, knallig pink leuchtend, in dem die Leute Worte abgeben können. Es kämen viele Menschen zu ihr, die sich abgehängt fühlen von der Politik, die fühlen, dass sie nicht mehr gehört werden, sagt Sandmann. Das Kunst-Projekt wird manchmal zum Therapiegespräch. Vor allem, wenn sie in Stadtvierteln Station macht, die als schwach gelten oder als arm. Einmal hatte sie in einem solchen Winkel von Hamburg den pinken Bauwagen des "Wortfindungsamts" aufgestellt, und es kamen viele Kinder. "Alle ohne Eltern, alleine, weil sie gehört hatten, man bekommt bei mir was geschenkt." Es war das eigene Lieblingswort, auf einem Schild zum Aufhängen an selbst gewählten Orten im öffentlichen Raum. "Lieblingsspielplatz" wünschte sich ein Zehnjähriger und hängte es an einen Zaun hinter Schaukeln und einem Klettergerüst.

Was bedeutet "Ehre" im Ehrenamt?

"Als die Flüchtlinge ins Land kamen, war das Ehrenamt das Wort der Stunde", sagt Sandmann. Sie hat mit Menschen in der Flüchtlingshilfe gesprochen, die sagten, sie hätten viel mehr Hartz-IV-Empfänger erwartet, die helfen würden, die hätten doch nichts zu tun. "Hartz IV bedeutet Abschuss in die Armut", sagt Sandmann. "Diese Menschen müssen sich zuerst selbst helfen." Die eigene Würde wiederfinden kommt vor der Ehre eines unbezahlten Amtes. Und so kam es, dass sich Sandmann mit dem Wort "Ehrenamt" befasste. Was bedeutet Ehrenamt in einer Gesellschaft, in der Arbeit immer schlechter bezahlt wird? Was wäre ein Ehrenamt, wenn es bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, und wer würde sich dann engagieren? Und so schaffte sie sich selbst ein Ehrenamt an. Das "Temporäre Ehrenamt für die Erforschung sozialer Utopien".

Das hat in der vergangenen Woche Station gemacht in der Ravensburger Räuberhöhle, einer Kneipe, die mit ihrem Anarcho-Habitus schon fast selbst eine Utopie im sonst eher biederen Oberschwaben ist. Am Donnerstag war sie auf Außentermin in der Psychiatrie ganz in der Nähe, um auch die Wünsche und Gedanken der Menschen aufzunehmen, die noch weniger Chance haben auf eine öffentliche Wahrnehmung.

"Wir sollten uns jeden Tag für etwas Neues öffnen", sagt die Frau in Rot, das wäre ihr Wunsch gegen die Stagnation, die Langeweile und die Grauheit im Hamsterrad. Sandmann notiert die Utopie zu Dutzenden anderen, die sie schon gesammelt hat, mit gelbem Kugelschreiber in ein kleines Heft. Aus den Wünschen wird sie Schlagworte und Phrasen machen, kurze Sätze, die sie in handtellergroßen, gedruckten Buchstaben in der Räuberhöhle an die Wände klebt. "Stationäre Suppenküche in Ravensburg an 365 Tagen" steht dort schon schwarz auf ockergelbem Anstrich, und "Jeder Mensch hat das Recht, seine eigene Lebenswirklichkeit zu schaffen". In einer Nische am Fenster steht "Gemeinwohl" über einem Bistrotisch, "Reflexion" auf einer Sitzlehne, an einer Glasscheibe "Selbstbestimmtes Leben ohne Faulheitsvorurteile". Sigrid Sandmann befreit Gedanken aus der Enge des Gedachtwerdens und lässt sie in die Welt hinaus.

Eigentlich war Sigrid Sandmann auf viel mehr Phantasmen eingerichtet. Auf Zukunfts-Ideen, wilde Spinnereien, eben alles, was das weite Feld der Utopie so zulässt. "Aber offenbar sind die Utopien von heute viel konkretere, politischere." Einer brachte den Wunsch vorbei, dass es in zwanzig Jahren nur noch einen Arbeitsmarkt gibt und keinen ersten und zweiten. Eine wünschte sich, dass der Leistungszwang verschwindet. Dass Kinder lernen, sich selbst wertzuschätzen, anstatt von Anbeginn auf ein Leistungssystem getrimmt zu werden. Ein Patient wünscht sich, dass das Heute eines Menschen irgendwann einmal wichtiger ist als seine Vergangenheit, dass es kein Stigma ist, einmal Patient gewesen zu sein. Was, wenn er eine Wohnung findet und der Vermieter dahinterkommt?

Die Angst ist immer präsent

Es geht viel um Angst in ihren Gesprächen. Auch an anderen Orten, nicht nur in dieser Psychiatrie. Einmal, erzählt die Künstlerin, kam ein Mann herein, setzte sich und sagte: "Ich habe keine Utopien mehr, ich habe keine Perspektive." Ein anderer brachte einem Gesetzestext mit: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen", Artikel 14, Grundgesetz. "Das steht so im Gesetzbuch. Aber es ist dennoch eine Utopie", sagt Sandmann. "Ist das nicht traurig?"

Vor allem Linke kommen zu ihren Aktionen. Dabei würde sich Sandmann auch ein paar Rechte wünschen, um die Pole der Gesellschaft zu zeigen und die Schnittmengen, die es selbst in den größten Streitigkeiten gibt. "Ich würde auch gerne mit Leuten von der AfD sprechen, aber die kommen nicht."

"Jeder Mensch ist auf seinem eigenen Satelliten gefangen", sagt die Frau, die im Blumenrock vor Sandmanns kleinem Amtstischchen sitzt. "Es fehlt die Verbindung untereinander. Es bleibt keine Zeit, keine Muße, um neue Ideen zu finden und Neues zu entdecken oder sich einmal auszutauschen, wie die Welt auch anders laufen könnte."

"Was soll ich aufschreiben?", fragt Sandmann, "Freiräume für Austausch?" – "Ja", sagt die Frau, das klingt gut." – "Oder vielleicht 'Aufruf für einen regelmäßigen Ausbruch aus dem Alltag'?" Plötzlich klopft es. Wegen Mittagessen, sagt einer von denen, die Sandmann und ihre Performance eingeladen haben. Man müsse wieder zur Arbeit, und die Kantine würde gleich schließen, man sei ein wenig in Eile deshalb, ob sie vielleicht demnächst schließen könnte?

Die Frau in Rot seufzt resigniert. Das Hamsterrad des getakteten, modernen Alltags spart selbst das utopische Amt nicht aus. Sigrid Sandmann schreibt "Fantastischer Freiraum" in ihr Buch.


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3 Kommentare verfügbar

  • Lothar Michael Muth
    am 31.08.2016
    Möglichkeiten der Utopie heute

    "Man braucht nur irgendwann einmal bei sogenannten wohlgesinnten Menschen von der Möglichkeit der Abschaffung des Todes zu sprechen. Da wird man sofort der Reaktion begegnen: Ja, wenn der Tod abgeschafft würde, wenn die Menschen nicht mehr sterben würden, das wäre das Allerschlimmste und das Allerentsetzlichste. Ich würde sagen, genau diese Reaktionsform ist das, was eigentlich dem utopischen Bewusstsein am allermeisten entgegensteht. Das, was noch über die Identifikation der Menschen mit bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen hinausgeht, worin sich die verlängern, ist die Identifikation mit dem Tod. Und utopisches Bewußtsein meint ein Bewußtsein, für das die Möglichkeit, daß die Menschen nicht mehr sterben müssen, nicht etwas schreckliches hat, sondern im Gegenteil das ist, was man eigentlich will. (...) Ich glaube allerdings, daß ohne dieses Moment, also ohne die Vorstellung eines fessellosen, vom Tod befreiten Lebens, der Gedanke der Utopie überhaupt gar nicht gedacht werden kann."

    (Theodor W. Adorno im Radiogespräch mit Ernst Bloch von 1964 "Möglichkeiten der Utopie heute", das als Audiobook zusammen mit anderen Vorträgen von Bloch auf CD-Rom erhältlich ist. (Aktuell auch wieder auf YouTube verfügbar, in vier Clips aufgeteilt.) Die Textfassung ist abgedruckt im Buch "Gespräche mit Ernst Bloch", Herausgegeben von Rainer Traub/Harald Wieser, Suhrkamp, 1975.)

    Bloch stimmte Adorno im wesentlichen zu und ergänzte, daß für die Abschaffung des Todes traditionell die Medizin und die Theologie zuständig seien: "Das Christentum siegte in den ersten Jahrhunderten mit dem Ruf "Ich bin die Auferstehung und das Leben!" Es siegte nicht mit der Bergpredigt und nicht mit der Eschatologie sondern mit diesem siegte es." Der Tod stelle die härteste Gegenutopie dar - eine Formulierung aus seinem Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung" - die Realität des Todes habe bisher keine Geschichte.

    Adorno schränkte dann allerdings ein, daß es wohl nicht auf die wissenschaftliche Überwindung des Todes ankäme, ließ aber im weiteren Verlauf des Gesprächs völlig unklar, was dann damit genau gemeint sein könnte. Stattdessen unterstrich er nachdrücklich die Schwere des Problems, die Schwere des Todes, woraus sich vor allem das Verbot ableite, utopische Gesellschaftsentwürfe positiv und konkret auszumalen, weil solche immer nur naiven Zukunftsszenarien eben dieser Schwere der menschlichen Sterblichkeit nicht gerecht würden. Es sei nur "die bestimmte Negation" erlaubt, also die konkrete Kritik der bestehenden negativen Verhältnisse, denn die niederdrückenden und unmenschlichen Verhältnisse der Gegenwart seien stets eindeutig und klar. Was das aber für eine Abschaffung des Todes heissen könnte, die nicht auf seine wissenschaftliche Überwindung hinauslaufe, liessen beide im letzten Drittel des knapp 60minütigen Gesprächs leider offen. Dabei hatte Adorno doch selbst das Todesproblem vorher zum "neuralgischen Punkt" bzw. zur Schlüsselkategorie der ganzen Utopiefrage erklärt, aus der sich letztlich wiederum doch erst die prinzipielle Möglichkeit zur umfassenden Gesellschaftsveränderung ergäbe!??...
  • Sofie Selig
    am 24.08.2016
    Das Gefälle zwischen Arm und Reich steigt in Deutschland zunehmend. Wie wäre es, wenn wir mehr teilen würden, sowohl Arbeit, Zeit und auch Geld? Denn was am Ende eines jeden Menschseins bleibt, ist doch die innere Zufriedenheit des Einzelnen. Ein Glück, dass es solche Menschen, wie Frau Sandmann gibt, die nicht nur darauf verweisen, sondern die Utopien auch in die Tat umsetzen und damit Positivismus verbreiten. Der Artikel ist sehr schön geschrieben. Gruß an die Verfasser_in! Danke... Sofie Selig, Hamburg
  • Stefan Weinert
    am 24.08.2016
    Sehr guter Artikel. Jede größere Stadt sollte sich über Soziale Utopien Gedanken machen. Wenn du den Mount Everest bezwingen willst, dann peile den Mond an. Die Soziale Utopie ist der gedankliche Quantensprung dessen, was dann schrittweise über einen langen Zeitraum auch erreicht, oder jedenfalls zum Teil (Mount Everest) erreicht wird. Einer Veränderung der gesellschaft ging immer eine Utopie voraus. - Stefan Weinert, Ravensburg

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