KONTEXT:Wochenzeitung
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"Wir nehmen ihn"

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Alle streiten um Edward Snowden. Ob der Ex-Geheimdienstmann nun Asyl in Venezuela, Bolivien oder Nicaragua bekommt oder nicht. Kneipiers in Oberschwaben haben eine bessere Lösung: "Sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck, in einer Mitgliederversammlung des Vereins 'Freunde der Räuberhöhle 2012' wurde einstimmig beschlossen, dem Flüchtling Edward Snowden sofort ein zeitlich unbeschränktes Aufenthaltsrecht in der Gaststätte Räuberhöhle in Ravensburg, beim Bodensee, zu gewähren."

Made Höld, fast fünfzig, ein stattlicher Kerl mit zerzauster grauer Matte und Nickelbrille, sitzt zwischen Fenstern mit Zimmerpalmen und einem Sammelsurium aus Konzertplakaten und Aufklebern an den Wänden vor seinem Pils. Um ihn herum wabert eine süße Wolke aus Zigarillo-Rauch. "Unser Bundespräsident spricht immer von Zivilcourage. Und wo ist seine?", fragt er.

Made heißt eigentlich Martin. Made haben sie ihn im Kindergarten genannt, weil es da drei Martins gab und irgendwann eben der Made eingebürgert war. Er ist ein gemütlicher Typ, Vater von fünf Kindern, der in der Druckerei im Zentrum für Psychiatrie Weissenau arbeitet. Und einer, der die Welt verdammt ungerecht findet. Zu Recht! Aber er nimmt's mit Humor und ändert nach Kräften, was er innerhalb seines kleinen Kosmos so tun kann. "Leute, die Steuern hinterziehen, tragen wir auf Händen, und so einen, der die Welt aufklärt, lassen wir fallen wie eine heiße Kartoffel", sagt er. Und wenn sich die Politik schon nicht an bestehende Gesetze hält, warum sollen es dann alle anderen tun? "Lachnummer, immer wieder. Und alle ducken sich weg."

Seine Heimat sind Wunsiedel (Protest gegen Nazi-Aufmärsche), Wackersdorf (Protest gegen Wiederaufarbeitungsanlage), Occupy und Blockupy (Protest gegen Finanzspekulation). Kürzlich hatten ein Arbeitskollegen und er die Idee für einen zusätzlichen Urlaubstag in der Psychiatrie. Jetzt bekommen die Angestellten 31 Tage frei, einen mehr als zuvor. Zur Bundestagswahl 2005 kandidierte er parteilos, weil er fand, eine Regierung müsse für das Volk da sein, kein Interesse an Macht haben und Minderheiten berücksichtigen. Er bekam 2879 Stimmen, immerhin. Sozial, ökologisch, regional, das sind seine Themen. Er habe sogar mal ein PC-Programm entwickelt, Anti-Stasi 2.0. Es soll beim Surfen im Internet so viele Daten anhäufen, dass kein Mensch mehr durchblickt. "Das Programm ist heute aktueller denn je", sagt er und kichert, wie ein kleiner Junge.

Momentan bastelt er mit anderen an einer digitalen Menschenkette gegen rechts, weil er normale Menschenketten zwar gut findet, "aber irgendwie auch scheiße, weil da Leute von weiß der Geier woher angekarrt werden, um sich an den Händen zu halten. Ökologisch totaler Mist", meint Made. Dann kichert er wieder. Made kichert eigentlich ziemlich oft, und wenn man ihn so reden hört, hat man das Gefühl, dass dieser Mann eigentlich verdammt gut gelaunt ist, dafür, dass es der Welt so beschissen geht.

Snowden-Asyl kostet den deutschen Steuerzahler nichts

Made ist der Erste Vorsitzende des Vereins der Freunde der Räuberhöhle und er ist derjenige, der vergangene Woche ans Bundespräsidialamt geschrieben hat mit dem Angebot, Snowden aufzunehmen. Für die Unterbringung des Whistleblowers in der Räuberhöhle würden der Verein und seine Mitglieder finanziell aufkommen. "Für den Deutschen Staat fallen keinerlei Kosten an."

"Naja", sagt Made nachdenklich, "die Chancen stehen zugegebenermaßen nicht so toll." Er drückt seinen Zigarillo in den Aschenbecher und zündet sich einen neuen an. Auf alle Fälle würde ein Asyl für Snowden doppelt segensreich wirken. Erstens: Er wäre vor russischen Folterknechten und rachegeilen US-Amerikanern sicher. Und zweitens: Die Räuberhöhle wäre vor dem drohenden Aus gerettet. Denn die Aufnahme des Aufklärungshelden wäre an die Bedingung gekoppelt, die Räuberhöhle zum exterritorialen Gebiet zu erklären. Und dann müsse natürlich die Besitzfrage neu geklärt werden. Denn momentan gehört die Räuberhöhle noch Lorenz Schlechter und seiner Inselbrauerei-Vermögensverwaltung. Der einstige Brauereichef will aus dem Gebäude, das sich in die Straßenecke unter der Burg quetscht, ein Hotel machen. Oder ein paar Penthouse-Wohnungen, so genau weiß das keiner. Profit gegen Kultur eben. Wieder mal. Der Pachtvertrag der Räuber läuft noch bis Ende Dezember 2013.

Hinterm Haus, dort wo mal der Biergarten war, hat der Eigentümer schon zwei Linden fällen lassen für eine Tiefgarage. Seitdem ist da ein umzäuntes Loch, in dem meterhohes Unkraut wuchert.

Die Räuber haben zum Erhalt ihrer Höhle einen Verein gegründet, der mittlerweile mehr als 100 Mitglieder zählt und innerhalb eines Jahres zahlenmäßig unter die Top Ten der Ravensburger Vereine gerückt ist. Da gibt es Professoren, Hartz-IV-Empfänger, Lehrer, Ingenieure. Der Verein hat sogar eine halbe Million für die denkmalgeschützte Kneipe samt renovierungsbedürftigem Hinterhaus geboten, damit die Höhle so bleibt, wie sie ist. Aber das entlockte Schlechter nur ein müdes Lächeln. "Räuberhöhle voll renoviert, wär keine Räuberhöhle", sagt Made Höld. Eine ähnliche Meinung vertritt mittlerweile sogar Oberbürgermeister Daniel Rapp (CDU), natürlich viel diplomatischer.

Das Asyl für Informant Snowden ist demnach eigentlich so etwas wie ein PR-Gag. Bloß ohne richtigen Gag. Denn die Räuberhöhle steht für Zivilcourage, Haltung und Mut. Eben für solche Menschen wie den Ex-Geheimdienstmitarbeter, der alleine gegen Prism und Tempora, NSA und GCHQ dieser Welt antritt.

Die Höhle gibt es seit 1863 als Schankbetrieb mit wechselnden Pächtern. Gegründet in ihrer jetzigen Form 1979, als Kollektiv linker Aktivisten, die für Weltverbesserung, Marx und Hesse ein bisschen Platz brauchten. Eine "Haschkneipe" damals, als Männer mit Haarlängen übers Ohrläppchen als stinkfaule Gammler galten. Als in den Neunzigern eine Nazikneipe in derselben Straße ein Stückchen weiter unten aufmachte, gab es schon mal Krawall. Die Räuberhöhle, sie war früher durchaus berüchtigt.

Heute zählt sie zum Kulturgut der Stadt. Sie steht für Bier und Wein, für eine gewachsene alternative Gemeinschaft in einer Touristenstadt voll mit blitzsauberem Fachwerk und neumodischen Cocktail-Lounges. Berühmt ist sie für ihre Konzerte, für die Anti-Fasnet-Fasnets-Veranstaltungen, für Seelen mit Käse und Schinken und für LSD: Linsen, Spätzel und Doigwara (Teigwaren). "Die Alternativen von gestern, denen man Extremismus vorgeworfen hat, sind die Demokraten von heute", sagt Made.

"Für die Freiheit? Da steht nicht mal einer auf."

Zu den Stammgästen zählen Typen wie Harry, der mit roten Hosenträgern überm Bauch. Er sitzt schon immer hier, meistens an der Theke, erster Knick links. Über ihm kleben zwei Sticker: "No War" in Rot und "Rauchen erlaubt" in Blau. Oder Jürgen, der Buchhändler im schmal gestreiften Hemd mit sauberen Lederslippern, der gewöhnlich mit Martin, Rainer und Elisabeth zusammensitzt und eigentlich findet, was die ganze Welt finden müsste: "Die klauen unsere ganzen Daten. Warum regt sich eigentlich keiner auf?" Rainer arbeitet in der Software-Branche und wird demnächst auf seinem Balkon einen Workshop anbieten: "Verschlüsseln von E-Mails für Anfänger." "Wir regen uns über alles Mögliche auf. Aber für unsere Freiheit? Da steht nicht mal einer auf!", sagt Martin, der Handwerker. "Soll er ruhig kommen, der Snowden, dann geben wir ihm ein Bier aus", sagt Elisabeth, Angestellte im Fair-Trade-Handel. Zur vergangenen Fasnets-Party kam sie als Spiegelei – vorne gelber Dotter aus Filz, hinten auch. Es war der Knaller.

Um kurz vor neun am Abend kommt "Adonis" zur Tür herein, eine Fliege unterm Kinn, eine Aktenmappe unterm Arm. "Gruß und Kuss für alle Frauen!", ruft er und rezitiert ein Gedicht, bevor er wieder geht. "Adonis" habe in fast allen Kneipen in Ravensburg Hausverbot, erklärt Made, "weil er nervt wie die Hölle". Aber hier darf er rein. Hier dürfen alle rein und so sein, wie sie wollen. Das ist das Besondere an der Räuberhöhle. Manchmal kommt "Tatort"-Regisseur Jürgen Bretzinger vorbei. Der prominenteste Räuberhöhle-Liebhaber ist Wolfgang Niedecken von Bap. Und jeden Dienstag steht der Schwerbehinderten-Stammtisch auf dem Programm. Für Gäste mit geistiger Behinderung und für Menschen mit schweren psychischen Problemen. Ein Epileptiker im Rollstuhl ist auch immer dabei. "Der trinkt sein Bier aus dem Röhrchen", erzählt Made.

Die Räuberhöhle ist eine Kneipe, wie sie jede Stadt haben sollte. Gewachsen über Jahrzehnte, mit Gästen, die mit dem Inventar alt geworden sind. Sie ist eine Mischung aus Rock 'n' Roll und Wohlfahrt. Und deshalb, finden die Räuber, würde Edward Snowden hier ganz prima reinpassen.

Platz wäre genug. Im Hinterhaus etwa, das der Besitzer schon leergekündigt hat, gibt es drei Wohnungen, über der Kneipe zwei. Nur einen einzigen Nachbarn hätte der Edward. Auf dessen Balkon hängt eine Free-Tibet-Flagge und drüber eine Menge Socken an einer Wäscheleine. "Bei uns ist es viel schöner als auf dem Moskauer Flughafen", verkündet Made.

Made Höld und seine Kollegen würden auch eine Snowden-Wohlfahrtsbriefmarke herausgeben. Oder noch besser: eine Snowden-Soli-Münze prägen. Jedenfalls irgendwas, das der Welt zeigt, wie wichtig es ist, sich für Freiheit, Demokratie und Menschenwürde einzusetzen. Und zu kämpfen. Auch gegen den Durst und für ein Hefeweizen. Halleluja.


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5 Kommentare verfügbar

  • Ravensburger
    am 27.11.2013
    Antworten
    äh, die Spätzle sind doch die Doigware, das S müsste wohl für "Saiten" stehen
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