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Kommunen als Minigolfbahnen

"Ab hier bitte lächeln"

Kommunen als Minigolfbahnen: "Ab hier bitte lächeln"
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

"Kulturregionale" nennt sich neuerdings das Festival der Kulturregion Stuttgart, und dieses Jahr dreht sich alles ums Spiel. Zwölf Kommunen aus der Region haben Minigolfbahnen gebastelt – eine spaßige Angelegenheit für alle Beteiligten.

Es ist nochmal sommerlich warm geworden am Samstag, die Stadt platzt aus allen Nähten. Dumpfes Gewummer tönt vom "Tag der Schiene" auf den Kleinen Schlossplatz herauf, wo sich im Vergleich zu den Menschenmassen, die sich unten über die Königstraße wälzen, eine kleine Schar zur Eröffnung eingefunden hat. Kulturregionale – so nennt sich nun das Festival der Kulturregion Stuttgart. Und die Kunst spricht Englisch: "Beyond Fun" lautet der Titel, was immer das sein mag, was da jenseits der Bespaßung lauert.

Elf der 45 Kommunen und die Wirtschaftsförderung der Region haben Minigolfbahnen gebaut. Denn wie schon Friedrich Schiller wusste: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." Beim Spielen herrsche "eine angenehm kreative Atmosphäre", findet Regionaldirektor Alexander Lahl, fügt aber hinzu, Spielen sei auch "eine gute Voraussetzung, um die Transformation, den Strukturwandel zu bewältigen."

Um das Spiel einzuläuten, spielt Daniel Kartmann auf dem Glockenspiel. Noch sind die zwölf Bahnen – zwei weitere Kommunen haben sich krank gemeldet – in blaue Folie gehüllt, lediglich die Herrenberger Stiftskirche streckt schon ihre Turmspitze heraus. Die Deutschbrasilianerin Hanna Araujo Ulmer performt eine Art Work-out, spricht das Publikum auf Englisch an und wackelt mit dem Hintern. Dann geht es ans Auspacken. Es ist wie Weihnachten, nur sehr viel wärmer.

Wenn das Spiel auch ein Wettstreit ist – Preise werden am Ende vergeben –, dann spielen nicht alle in derselben Liga. Die Stuttgarter Golfbahn hat Peter Weigand vom Studio Umschichten alleine gebaut, der das Ganze auch technisch betreut hat. An der aus Marbach haben dagegen 150 Kinder in einem Sommerferienprogramm mitgewirkt, wie der Leiter der Workshops nicht müde wird zu erzählen. Dafür hat Weigand die schwierigste Bahn gebaut. Kaum jemand schafft es, den Ball durch die zwei Schlaufen eines gelben Plastikschlauchs zu bugsieren.

Weigand setzt auf die Farben des Stuttgarter Stadtwappens, Schwarz und Gelb. Ebenso Esslingen: Rote, geometrische Elemente lassen sich auf grünem Grund variabel aufstellen.

Das toppen die Kinder aus Marbach, deren bunte Bauklötze nicht nur dazu einladen, die Bahn immer wieder neu zusammenzustellen, sondern auch Botschaften der Kinder an die Welt enthalten. "Mich macht es glücklich, mit Freunden zu spielen", steht auf einem Klotz. Auf einem anderen: "Krieg ist" – und es folgt ein gezeichneter Kackhaufen. "Hört auf damit!"

Wahrzeichen über Wahrzeichen

Groß war offenbar das Bedürfnis, die jeweils eigene Kommune auf der Minigolfbahn zu repräsentieren. In Gerlingen muss der Ball durch ein Tor im Alten Rathaus und dann in den Trog des Rösslebrunnens befördert werden.

Die Schorndorfer Bahn zeigt am Ende die Stadtsilhouette. Die Kunst besteht hier darin, den Ball so durch die Windungen zu bugsieren, dass er nicht wieder am Ausgangspunkt landet, sondern in einem seitlich versteckten Loch. Tut er das, ertönt ein Glockenspiel. Blaue Fähnchen zeigen es an: Junge und alte Musiker:innen des Blasorchesters haben zwischen den Proben die Bahn gebaut.

Ein "Amt für angewandte Kursabweichung" zeichnet für Ludwigsburg verantwortlich. Zu sehen ist der Marktplatz, schön symmetrisch mit der evangelischen Stadtkirche links und der katholischen Kirche rechts. "Das Amt empfiehlt ausdrücklich, gelegentlich vom geraden Weg abzuweichen."

Sindelfingen scheint dagegen aus Martinskirche, Wasserturm und vor allem Mercedes zu bestehen. Die Minigolfbahn erinnert an eine Rennstrecke, mit Fahnen an der Bande und drei Sportwagenmodellen auf dem Feld.

Herrenberg ist schon von Weitem an der Stiftskirche zu erkennen. Der Ball muss hinauf ins Hauptportal und kommt dann zum Seitenportal wieder heraus. Manchmal bleibt er auch einfach drin, dann muss ihn jemand wieder herausholen. Der örtliche Kunstverein war hier zugange, wie vor allem aus feinsinnigen Figurenzeichnungen rund um den Startpunkt ersichtlich ist. 

Die Wirtschaftsförderung hat mit dem bundesweit tätigen Ludwigsburger Kreativlabor Tinkertank Joghurtbecher, Shampooflaschen und CD-Hüllen recycelt. Doch gestalterisch ist noch Luft nach oben. Sebastian Pollak von der Jugendmusik- und -kunstschule Backnang nahm sich dagegen Vincent van Goghs Gemälde "Die Brücke von Langlois bei Arles mit Wäscherinnen" zum Vorbild. Wie die Pferdekutsche auf dem Bild muss der Ball zuerst die hölzerne Klappbrücke überwinden, dann geht es hinab zum Fluss, unter der Brücke hindurch ins Ziel, vor dem allerdings noch ein Boot im Weg liegt.

Wo aber liegt Bad Ditzenbach? Das Tourismus- und Kulturbüro der 3.800-Einwohner:innen-Gemeinde am Albtrauf bringt Beachtliches zuwege. Es beginnt mit Ausschnitten alter Ausgaben des "Kurblättle", unter anderem über den Mathematiker Ulrich Schiegg aus dem benachbarten Gosbach. Wieder muss der Ball eine Brücke überqueren. Aber was machen die Regionalexpresszüge da? Es ist die Filstalbrücke der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm, die drei Kilometer oberhalb des Orts das Tal überquert. Wie die Züge kommt die Kugel nur kurz aus dem Loch, überquert dann das Tal und verschwindet wieder in der Röhre.

Florian Stehle aus Gosbach hat die Bahn gebaut, Raphael Danne aka maske01 hat sie anschließend in Neonfarben und mit Graffiti besprüht. "Beyond Fun" steht da, und "Die Welt ist bunt". Unten, auf der anderen Seite der Brücke, steht eine Ziege. "Goiß" steht darauf, denn die Ditzenbacher nennen das obere Filstal auch Goißatäle. Unter ihrem Bauch hängen vier Glocken, die klingeln, wenn der Ball ankommt.

Mit strickender Gräfin

Aber den Vogel hat Böblingen abgeschossen. Die offene Werkstatt "SchaffBar" besteht aus verschiedenen Werkstätten, unter anderem für Holz, Fahrrad, Metall und Textil. Jede hat einen Abschnitt gestaltet, der zugleich eine Böblinger Sehenswürdigkeit zeigt. So muss der Ball die Schrägseil-Brücke über den langen See am Flugfeld überqueren. Die "Vasen auf Stelzen" des Bildhauers Franz Stähler im Oberen See sind wiederum als Wollknäuel nachgebildet, die auf Stricknadeln stecken, und daneben sitzt die strickende Gräfin Mechthild von der Pfalz, die im 15. Jahrhundert im Böblinger Schloss residierte.

Die Wandelhalle auf Schachbrettmuster, die nun folgt, ist wie Stählers "Vasen auf Stelzen" zur Landesgartenschau 1996 entstanden. Und schon nähert sich der Ball dem letzten Abschnitt auf silbernem Grund. Der Schönbuchturm ist angedeutet, dazu gibt es die Anweisung: "Ab hier bitte lächeln." Die Böblinger Bahn ist eine Entdeckungsreise, die zu Recht den Publikumspreis gewonnen hat und sich zudem – da auch hier Materialien recycelt wurden – mit Marbach den Nachhaltigkeitspreis teilt.

Das Minigolf-Spiel hat Erbauer:innen wie Spielenden offenbar viel Spaß gemacht. Dass sich hinter dem Spaß (Beyond Fun) auch ernsthafte Überlegungen verbergen, ging aus der Ansprache des Ludwigsburger Oberbürgermeisters Matthias Knecht (parteilos) hervor, der der Kulturregion vorsteht. "In der Gemeindeordnung gibt es einen Fehler", bemerkte er. Sie definiere Kultur und Sport als freiwillige Aufgaben. Kultur sei nicht nice to have, sondern der Kitt der Gesellschaft. "Wenn wir hier sparen, müssen wir hinterher für die Schäden, die wir anrichten, doppelt so viel bezahlen", mahnt er.

Das ist die politische Dimension des Festival-Themas. Wenn etwas Kultur und Sport verbindet, dann eine spielerische Herangehensweise. Spielen bringt Menschen zusammen über alle sozialen Grenzen hinweg. Man vergisst zumindest vorübergehend Sorgen und Nöte und kann dann auch die Probleme, die vor einem liegen, besser angehen: spielerisch.


Der Minigolf-Parcours kann am Samstag, 3. Oktober von 12 bis 18 Uhr auf dem Arsenalplatz in Ludwigsburg noch einmal bespielt werden und zum Festival-Abschluss am 10. und 11. Oktober in Sindelfingen. Bis dahin finden in 16 Kommunen Veranstaltungen statt. Programm und alle Infos hier.

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