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"Pfffestival" in Stuttgart

Eintauchen in die Kunst

"Pfffestival" in Stuttgart: Eintauchen in die Kunst
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Große Gemälde zieren bereits 20 Fassaden in Stuttgart, vier weitere kommen nun hinzu. Zum fünften Mal findet derzeit das Pfffestival statt. Zusätzlich haben dieses Jahr 37 Künstler:innen ein Haus im Stuttgarter Westen vollständig umgekrempelt.

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"Still better than walking up all those stairs", sagt die Figur aus wenigen schwarzen Linien im Treppenhaus des Gebäudes Johannesstraße 47b im Stuttgarter Westen: immer noch besser als die ganzen Treppen zu Fuß raufgehen. Das Männchen steckt in einer Kanone: Hinaufgeschossen zu werden in die fünfte Etage, mag wohl an diesem heißen Tag manchen der vielen Besucher:innen erträglicher scheinen als das schweißtreibende Treppensteigen. Ganz nebenbei: Es gibt auch einen Aufzug. Aber es dauert manchmal, bis er kommt.

Das Haus gehört der BB Stiftung, und die hat das Gebäude, bevor sie es einer gründlichen Renovierung unterzieht, der Kunst zur Verfügung gestellt. Genauer gesagt: dem Studio Vierkant, das zum fünften Mal das Pfffestival veranstaltet, so benannt nach dem Geräusch der Sprühdose. 20 großformatige Wandbilder, sogenannte Murals, sind dabei bisher in der baden-württembergischen Landeshauptstadt entstanden und prägen nun das Stadtbild: beispielsweise die sich stapelnden Autos, die an einer Hausfront des Berliner Platzes zu sehen sind, oder die zwei Frauen in der Schwabstraße im Stuttgarter Westen. 

Letzteres ist ein Mural von Eloise Gillow und entstand im Zuge des zweiten Pfffestivals 2023. Das Haus gehört der Gründerin der BB-Stiftung: Tochter eines mittelständischen Unternehmers, die ihr Erbe für gemeinnützige Zwecke einsetzt. "Wir ermöglichen Menschen Wachstum und persönliche Entwicklung", so beschreibt die Stiftung ihr Anliegen, die bisher neben dem Mural zwei Ausstellungen im eigenen Haus gefördert hat, in dem sich einmal die kosovarische Botschaft befand. "Die Kunst soll dabei im Mittelpunkt stehen."

Vier Murals und eine Ausstellung

El Bebbe Grande nennt sich der Sprayer, von dem die Figur im Treppenhaus stammt, die den Aufstieg bis in die fünfte Etage begleitet. Warum er das Treppenhaus verziert hat, lässt er seine Figur im nächsten Cartoon erklären: "Ich musste diesen Job annehmen, um meinen Kaufrausch zu befriedigen." Der Stuttgarter Zeichner, mit bürgerlichem Namen Ben El Halawany, arbeitet auch für das Zeit-Magazin, das Kunstmuseum und die Staatstheater.

Die Arbeit von El Bebbe Grande gehört zur Ausstellung "Vollformat" im Haus der BB Stiftung, die dieses Jahr das Pfffestival ergänzt. An elf Tagen haben die 37 Künstler:innen in dem Haus zwar noch jeden Stein auf dem anderen gelassen, sonst ist aber nicht viel wie zuvor. Sie hatten freie Hand, konnten die Fensterscheiben übermalen, den Putz von den Wänden klopfen, den Fußboden aufreißen. Eine ungewöhnliche Kunstausstellung: Die Arbeiten hängen nicht fein säuberlich gerahmt an der weißen Wand. Vielmehr sind Wände, Decken und Fußböden zu raumfüllenden Kunstwerken geworden. Abstand nehmen ist kaum möglich.

Ein "immersives Erlebnis" nennt das Georg Waibel vom Studio Vierkant. Die Räume zu betreten heißt: eintauchen in die Kunst. Das beginnt schon im Flur, den im ersten Stock die Malermeisterin Christine Schönherr in einen dunklen Aubergineton und ein helles Gelbgrün getaucht hat – allerdings nicht entlang der bestehenden Grenzen von Fußboden und Wänden. Hände, gemalt von Anna Ingerfurth, ragen daraus hervor. 

Im nächsten Stock ist der Flurbereich poppig rot. "Listen", also "höre", steht über einem gemalten, grauen Tastentelefon, das mit seinem hohen Sockel verschwimmt, darüber ein Ohr. Auf Ebene 3 blickt einem die schwarze Silhouette eines Mannes entgegen, eine Zielscheibe auf dem Körper. Irgendwo liegt ein Scharfschütze am Boden, gegenüber suchen zwei Hasen das Weite, ebenfalls mit Zielscheibe – wie in einem Computerspiel. Dunkel wie eine Höhle ist der Flur der vierten Etage. "Jakob, der Bruder" nennt sich der Künstler, dessen braune Formen Wände, Decke, Fußboden überwuchern bis hin zu einer gläsernen Trennwand, die von einer früheren Zahnarztpraxis hier stehengeblieben ist. 

Verwirrende Vielfalt

Viele der beteiligten Künstler:innen kommen wie Studio Vierkant aus dem Streetart-Bereich. Doch die Grenzen sind fließend. Sebastian Mueh etwa, ein Sprayer, hat soeben seine Diplomarbeit an der Stuttgarter Kunstakademie mit Bestnote bestanden. Mit grauen, verwischten Farbflächen will er auf den Genozid in Gaza hinweisen. Eine politische Arbeit, der man dies freilich nicht auf den ersten Blick ansieht, da sie das Nicht-Darstellbare, das Verschwinden und Verschweigen thematisiert.

Themen, Techniken und Anspielungen sind von einer verwirrenden Vielfalt. Der Berliner Fotograf "OLF" rekonstruiert seine Erlebnisse in einer verlassenen amerikanischen Radarstation, die er auf einer 600 Kilometer langen Skiwanderung durch Grönland erreicht hat. Dingo Babusch zeigt fotorealistisch genau, plastisch aus der Wand hervortretend, die überdimensionalen Köpfe zweier Hollywood-Schauspielerinnen der 1920er-Jahre. "Warum spielen Chinesen immer die Bösen", fragt die eine, Anna May Wong.

Vieles ist aber eher ein Spiel mit Farben und Formen, Techniken und Effekten: vom gemalten Lichtkegel, der seltsamerweise keinen Schatten wirft, bis zum Stroboskoplicht, in dem Schriftzüge wie "We Never Finish!" hervortreten und wieder verschwinden. Marc Allgaier staffelt graue Alpenlandschaften auf Wellpappe in den Raum. Renate Liebel lässt künstliche Blumen dreidimensional aus den Wänden herauswachsen. Einige haben spontan vor Ort gearbeitet wie der Künstler "Ruin", der sich von den Räumlichkeiten leiten ließ: teils abstrakt, teils figürlich, die organischen Formen am Boden gesäumt von faustgroßen Kieseln.

An der Ausstellung sind viele Stuttgarter Künstler:innen beteiligt, auch die vier Mitglieder des Studios Vierkant selbst. "Sprühfarbe in Schichten, abgeklebte Bereiche treffen freihändige Linien", so beschreibt Jan Ducks seine Herangehensweise. "Drips als Stilmittel, Farbflächen und Wandarchitektur verschmelzen zur räumlichen Komposition. Das alles als Ergebnis eines Freestyle-Prozesses." Die Künstler:innen des Festivals kommen dagegen aus aller Welt. Die Idee entstand in der Corona-Zeit. Studio Vierkant war aufgefallen, dass es in Stuttgart, anders als in vielen anderen Städten, fast keine Murals gab. Ihr Antrag bei der neuen Förderabteilung "Kunst im öffentlichen Raum" des Kulturamts wurde bewilligt. Der Etat lag bisher bei 120.000 Euro, nach den Kürzungen im Stuttgarter Haushalt sind noch 96.000 übrig. Das reicht nur noch für vier große Murals statt fünf wie bisher. 

Waibel zählt auf, was alles dazu gehört: geeignete Wände ausfindig machen, mit Hilfe von Kultur- und Grundbuchamt die Eigentümer ausfindig machen und kontaktieren, jeweils geeignete Künstler:innen auswählen und einladen, Flüge und Übernachtungen buchen, Gerüste aufbauen, Hubsteiger mieten, benötigte Farbmengen berechnen und einkaufen und vieles mehr. Das Festival ist wie die Ausstellung eine logistische Großtat. Und bisher scheint alles wie am Schnürchen geklappt zu haben. 

Kürzung killt Journal

Das erste diesjährige Mural hat Julia Benz in der vergangenen Woche schneller fertiggestellt als geplant: abstrakt, nicht sehr groß, an der viel befahrenen Talstraße im Stuttgarter Osten. Am heutigen Mittwoch beginnt Claude Horstmann mit einer ukrainischen Assistentin ihr Wandgemälde am Hallschlag. Horstmann hat nichts mit Graffiti zu tun, sie ist Konzeptkünstlerin. Doch im vergangenen Jahr half ihr Studio Vierkant bei der Suche nach einem Standort für ein anderes Werk. So kamen sie in Kontakt.

Dabei stand auch schon das Haus am Hallschlag zur Debatte, gleich gegenüber der früheren Reiterkaserne "Am Römerkastell". Sie befand: Für diesen Stadtteil, hervorgegangen aus einer Sozialsiedlung, kam nur etwas Zugängliches, leicht Verständliches in Frage. Ein im Drogeriemarkt gekaufter Sticker aus kleinen, roten Kunststoffperlen brachte sie auf einen Gedanken: Er schien sich wie von selbst an die richtige Stelle der Brandmauer des alten Hauses zu schieben. Sie erzählte Georg Waibel von ihrer Idee. Der reagierte prompt: "Wir machen das im Rahmen unseres Festivals." 

Studio Vierkant hat lange Listen von Streetart-Künstler:innen weltweit. Und ein Inventar geeigneter Wände im ganzen Stadtraum. Seit die ersten Arbeiten fertig sind, zeigen sich die Eigentümer:innen in aller Regel zugänglich. Nur bei Eigentümergemeinschaften halten sich die Organisatoren zurück: Wenn zu viele mitreden, werden die Entscheidungsprozesse schwierig. Hausbesitzer:innen, die mitmachen, wissen nicht, was sie erwartet. Doch bei den fertiggestellten Arbeiten liege die Zufriedenheitsrate bei 100 Prozent, sagt Waibel. 

Nach dem Ende der Ausstellung "Vollformat" am 17. Oktober werden die Arbeiten im Zuge der Renovierung des Hauses verschwinden. Deshalb haben vier Fotografinnen den Entstehungsprozess festgehalten. Ihre Aufnahmen sind in der fünften Etage, direkt unter dem Dach zu sehen und in einer Publikation, die im "Mini Mart" erhältlich ist, einer Art Museumsshop gleich am Eingang der Ausstellung, gestaltet von dem Versandgeschäft "Stuttgart Souvenirs".

Qualitativ besser und substanzieller sind die vier Publikationen, die im Zuge der bisherigen Pfffestivals erschienen sind. Jedes dieser vier "Pfff Journale", die ebenfalls im Mini Mart angeboten werden, enthält fundierte Texte über Geschichte und Spielarten von Graffiti und Streetart, sie behandeln aber auch Klimawandel und Nachhaltigkeit, Solidarität angesichts rechter Umtriebe bis zu den Gefahren und Chancen der Künstlichen Intelligenz. Dieses sehr zu empfehlende Journal ist leider den Kulturkürzungen zum Opfer gefallen.


Die Ausstellung "Vollformat" im Haus Johannesstraße 47b läuft bis zum 17. Oktober und ist donnerstags bis samstags von 15 bis 19 Uhr geöffnet. Fürs Pfffestival arbeitet Claude Horstmann ab dem heutigen Mittwoch an einem Mural am Haus Hallschlag 19, weitere Termine hier.

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