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Ulrich Bernhardt im ZKM

Das ewige Jetzt

Ulrich Bernhardt im ZKM: Das ewige Jetzt
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In Karlsruhe ist ein kleiner Querschnitt durch das Lebenswerk des Stuttgarter Medienkunst-Pioniers und Künstlerhaus-Gründers Ulrich Bernhardt zu sehen. Der heute 84-Jährige wollte nie den Markt bedienen, sondern Denkanreize geben.

Seine erste Ausstellung stürmte die amerikanische Militärpolizei. "Liquidationen" nannte Ulrich Bernhardt eine Serie von Zeitschriftenausschnitten aus dem Life-Magazin, die er im Club Voltaire Stuttgart zusammengetragen hatte. Mit Aceton behandelt, lösten sich die Bilder, darunter Vietnamkriegssoldaten, von den Rändern her auf. Die damit verbundene Kritik an dem Krieg ging der Militärpolizei gegen den Strich. Sie verwüstete den Club und zerstörte einen Teil der Arbeiten. Die erhaltenen Blätter tragen nun die Spuren einer dreifachen Gewalt: die des Kriegs auf den Magazinbildern, die von Bernhardts Lösungsmittel-Attacken und die des Vandalismus der GIs.

Bernhardts "Liquidationen", die 1966 entstanden, sind nun im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe zu sehen. Sechs Jahrzehnte künstlerischer Arbeit liegen hinter dem Medienkunst-Pionier, Gründer des Stuttgarter Künstlerhauses und heutigen Mitglied der Gruppe SOUP (Stuttgarter Observatorium urbaner Phänomene). Eine Retrospektive war eigentlich längst überfällig. Im ZKM, dem der 84-Jährige einen Teil seines Nachlasses übergeben hat, ist sie am richtigen Platz. 

Zurück in die Zukunft

Unter dem Titel "The Story That Never Ends" gibt das ZKM seit einem Jahr Einblicke in die eigene Sammlung, von der frühen Computerkunst der 1960er-Jahre bis zu heutigen Arbeiten auf der Blockchain und mit Künstlicher Intelligenz. Für Alistair Hudson, seit drei Jahren Direktor, ein guter Weg, sein großes Haus besser kennenzulernen. Aber auch aus der Not geboren: Kürzungen der Stadt um neun Prozent bedeuten bei hohen Fixkosten, dass der Ausstellungsetat um die Hälfte sinkt. Für Transport und Versicherung von Leihgaben bleibt kaum noch etwas übrig. Gleichzeitig unterstreicht das Medienkunstzentrum so aber auch seine Kompetenz und Notwendigkeit. Eine vergleichbare Sammlung von rund 12.000 Medienkunstwerken gibt es wohl kein zweites Mal.  (dh)

Nicht ewig, sondern im Fluss

Denn das ZKM hat wie kaum ein anderes Ausstellungshaus die Kompetenz, Technik von gestern wieder zum Laufen zu bringen. Zumal die "neuen Medien" immer nur für kurze Zeit neu sind. Um Bernhardts erste Videoinstallation "Der Fluss" aus dem Jahr 1978, damals ausgestellt in der Galerie Max Hetzler in Stuttgart, wieder in Betrieb zu setzen, mussten Fernsehbildschirme, Kamera und ein selbst konzipierter Schaltkreis wieder funktionsfähig gemacht werden. 

Zwei alte Röhrenfernseher stehen hochkant übereinander, an eine Sanduhr oder, in diesem Fall treffender, an eine antike Wasseruhr erinnernd, die ganz ähnlich funktionierte. Das Wasser versinnbildlicht die Zeit. Der Fluss ist hier eine Folie auf dem Boden, die aus einem dritten Monitor kommt, der vor dem Eingang eines Zelts steht. Stellt sich der Betrachter oder die Betrachterin auf die Folie vor den beiden hochkant gestellten Fernsehapparaten, so läuft die Tagesschau vom 25. August 1978, als die Installation erstmals gezeigt wurde, im oberen Bildschirm langsam aus. Währenddessen baut sich im unteren Zeile für Zeile das Bild des oder der Betrachtenden auf, eingefangen von der Kamera. 

Alles fließt, stellt schon der antike Philosoph Heraklit fest. Im Bereich der neueren Kunst gelangte die in den 1960er-Jahren entstandene Fluxus-Bewegung zu ähnlichen Erkenntnissen. Von wegen ewig, wie dies manche aus einem anderen antiken Zitat, "ars longa vita brevis" – die Kunst dauert lang, das Leben kurz –, meinten ableiten zu können: Alles bleibt im Fluss. Die Installation verbildlicht und ironisiert zugleich die verschiedenen Zeitvorstellungen: Drei Wanduhren zeigen die aktuelle Zeit in Athen, dem Ort der Antike, in Stuttgart und New York, während auf einem Tisch davor Wasser in Flaschen abgefüllt ist.

Postkarten-Kunst übers Fernsehen

"Jetzt", lautet der Titel der Ausstellung: "Es war, wird und ist." Bernhardt hat mit seinen Arbeiten immer auf die jeweilige Gegenwart reagiert. Er wollte keine Objekte für den Markt herstellen, sagt er im Videointerview, das in der Ausstellung zu sehen ist, sondern zum Denken anregen.

Das Jetzt war in den 1970er-Jahren geprägt vom Fernsehen. Die Tagesschau lieferte den Zugang zur Welt. Dieses Jetzt hinterfragt Bernhardts Installation: Was hat dieses Fernsehbild mit uns selbst zu tun?

Auf das Fernsehen reagiert der Künstler 1981 auch auf andere Weise: mit einer Mail-Art-Aktion. Mail meint in diesem Fall Postkarten, E-Mails gab es noch nicht. Er verschickte Postkarten mit dem Bild eines Fernsehers und der Aufforderung, den Bildschirm mit dem zu füllen, was der oder die Angeschriebene gern sehen wollte: im Fernsehen oder in der Realität. Die Ergebnisse sind in einer Diashow zu sehen, weit über 100 fantasievolle Antworten von zum Teil namhaften Künstler:innen, dazu reale Exemplare in einer Vitrine. Die Ausstellungsbesucher:innen im ZKM sind ebenfalls aufgefordert mitzumachen.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Arbeit zum "Größten anzunehmenden Unfall" (GAU) im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine. Sie besteht aus einem polygonalen Pavillon, der an den Reaktor erinnern soll, überdeckt von einem Tarnnetz. Wieder geht es um Zeit. 1.440 Wecker sind in 24 rechteckigen Feldern rund um die zeltartige Konstruktion angebracht: für jede Minute des Tages einer. Im Inneren druckt ein Nadeldrucker jede Minute eine Jahreszahl. Wenn die Ausstellung am 26. April endet, genau 40 Jahre nach der Katastrophe, wird er beim Jahr 26.386 angelangt sein. Erst dann wird, von 1986 an gerechnet, die die Halbwertszeit von Plutonium, das in Tschernobyl austrat, erreicht.

Beklemmende Stimmung im "Sarkophag"

Bernhardt, der die Arbeit erstmals 1996, zehn Jahre nach der Havarie realisiert hat, hat viel Mühe und Überlegung darauf verwendet, den Störfall ins Hier und Jetzt zu holen. Luftbilder des zerstörten Atomkraftwerks waren zunächst nicht zu erhalten. Über die damalige Umweltministerin Angela Merkel, die weiterhin gute Kontakte nach Osteuropa hatte, bekam er Filmmaterial. Äußerst beklemmend sind Videointerviews mit den sogenannten Liquidatoren, die damals, völlig unzureichend geschützt, vor Ort aufgeräumt und an dem "Sarkophag" gearbeitet haben, der um den Reaktor erbaut wurde. Sie erleben seltsame Veränderungen an ihrem Körper oder berichten von Kollegen, die bereits gestorben sind.

"Sarkophag" nennt Bernhardt denn auch seine Arbeit. An den Wandplatten innen stehen, zum Teil übersetzt, Sprüche, die die Liquidatoren an die Wände des Reaktors geschrieben haben. Eine Gasmaske, Schutzkleidung, ein Geigerzähler machen die gruselige Situation spürbar. Im Video erzählt Bernhardt zwischen Nachrichtenausschnitten und Politikerinterviews, wie er die Zeit damals erlebt hat. Ein Video-Triptychon zeigt eine seltsame Wolke, die er seinerzeit in Wales fotografiert hat. Sie kam angeblich von Tschernobyl.

Heute, 40 Jahre später, ist die Katastrophe von Tschernobyl fast in Vergessenheit geraten. Dabei ist die Strahlung, die damals freigesetzt wurde, nicht verschwunden. Und die EU überlegt, ob sie weiter Atomenergie fördern will. Die Gefahr ist noch längst nicht gebannt. "1996 war das Thema noch präsent", sagt Bernhardt. "Heute ist es weg." Er erinnert an das größte bestehende Atomkraftwerk der Ukraine in Saporischschja, das von Russland besetzt ist und ständig der Gefahr einer Havarie durch den Krieg ausgesetzt ist. 

Die Themen sind noch immer aktuell

Die Menschen wollen vergessen, sagt Bernhardt. Er aber will aufrütteln: gegen Krieg, gegen die atomare Gefahr, wie er es immer getan hat. 1986, das Jahr des Atomunfalls, bedeutete auch für sein Leben eine Zäsur. In diesem Jahr musste er die Leitung des Stuttgarter Künstlerhauses abgeben, das er mitgegründet und acht Jahre geleitet hatte. Das kommt in der Ausstellung nicht vor, ebenso wenig wie seine frühen Aktivitäten als Videoaktivist oder die Gruppe SOUP, gegründet im Zuge der Stuttgart-21-Proteste.

Die Ausstellung kann also nur ein Anfang sein. Es gibt noch mehr zu entdecken. Sie bietet aber einen guten Einstieg in die Arbeitsweise des Künstlers. Die neuen Medien der 1970er-Jahre mögen veraltet sein, die Themen, die Bernhardt anspricht, bleiben aktuell. 

Das belegt auch die letzte Arbeit der Ausstellung, ein vielleicht vier Meter breites, doppelt belichtetes Schwarzweißfoto. "Chronografie" nennt Bernhardt das Verfahren, das darin besteht, einen Filmstreifen mehrfach zu belichten. In diesem Fall ist die Innenaufnahme einer Stuttgarter Automobilfabrik überblendet mit Bildern von Sturmschäden durch Orkane im Wald, die um 1990, als das Werk entstand, bereits deutlich zunahmen: Ursache und Wirkung des Klimawandels überlagern sich in einem Bild. Der Titel: "Das Industriezeitalter". Das Werk mag ein Vierteljahrhundert alt sein. Aber das Jetzt, das sie ins Bild setzt, besteht weiter.


Die Ausstellung "Ulrich Bernhardt. JETZT: Es war, wird und ist" läuft bis zum 26. April. Das ZKM ist mittwochs bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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