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Ute Meta Bauer und die Diriyah-Biennale

Artwashing auf Arabisch?

Ute Meta Bauer und die Diriyah-Biennale: Artwashing auf Arabisch?
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Ute Meta Bauer begann ihre Laufbahn 1990 am Stuttgarter Künstlerhaus. Zuletzt hat sie in Saudi-Arabien die Diriyah-Biennale kuratiert. Manche sprechen von Artwashing. Bauer meint dagegen, das Land befinde sich in einem Erneuerungsprozess.

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In ihrer Karriere als Kuratorin hatte Ute Meta Bauer schon viele Stationen. Die Diriyah-Biennale, die vom 20. Februar bis 24. Mai dieses Jahres ging, ist die bislang letzte – und vielleicht kontroverseste. Denn eine Biennale zeitgenössischer Kunst in einem Land wie Saudi-Arabien, das wirft Fragen auf: Was erhofft sich die Kuratorin davon? Wen will sie mit dieser Ausstellung erreichen? Wie erlebt sie die Frauen im Land? Ingo Arend hat in der taz 2021, zum Start der ersten Biennale dort, allen ausstellenden Künstler:innen vorgeworfen, "ein Land reinzuwaschen", in dem Menschenrechte nichts gälten. Den Mord am Journalisten Jamal Khashoggi, den Krieg gegen Jemen und anderes mehr lastet er Kronprinz Mohammed bin Salman an, dem starken Mann im Land. Allerdings nicht nur er. Der US-Geheimdienst CIA stellte im November 2018 in einer Erklärung fest, er gehe davon aus, dass die Aktion durch Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman angeordnet worden sei.

"Wie kann es sein, dass sich diese Frau nun in Saudi-Arabien verdingt?", fragt Arend erneut im vergangenen November, bezogen auf Ute Meta Bauer. Saudi-Arabien sei dabei, sich erheblich zu verändern, betont wiederum Bauer gegenüber Kontext. "After Rain", nach dem Regen, ist ihre Biennale überschrieben. Das evoziert ein Wüstental wie das Wadi Hanifa unmittelbar vor den Ausstellungshallen, das grünt und blüht. Ein Land, das zu neuem Leben erwacht.

Auf Stuttgart folgte ein kometenhafter Aufstieg

Ute Meta Bauer hat ihre sprunghafte Kuratorinnen-Karriere am Künstlerhaus Stuttgart begonnen. Als Bauer 1990 dort anfing, war sie als Frau oft allein unter Männern. Künstler wurden nur mit Nachnamen angesprochen: Dass es Männer waren, war sowieso klar. Kuratoren kontrollierten die Qualität ihrer Werke, die für sich sprechen sollten. Ute Meta Bauer versuchte, daran etwas zu ändern – nicht nur indem sie Künstlerinnen einlud, sondern indem sie das System hinterfragte. Statt Werke auszustellen, lud sie Kurator:innen ein, das Ausstellen zu thematisieren.

Eine Metaebene. Ausstellungen über das Ausstellen – "meta", griechisch, heißt über. "Meta" war der Titel einer Zeitschrift, die sie in vier Ausgaben herausgab, um ihre Aktivitäten überregional bekannt zu machen, denn für Stuttgart interessierte sich niemand. "Die Kunst und ihr Ort" hieß das erste Heft. "Meta" war Programm und Markenzeichen. Es wurde ihr Beiname – geboren ist sie 1958 in Stuttgart als Ute Bauer. Das zweite Heft, "A New Spirit in Curating", ist längst vergriffen: Der "neue Geist" machte Furore und trug nicht wenig zu der Legende bei, das Künstlerhaus sei in New York bekannter als in Stuttgart.

Ein kometenhafter Aufstieg folgte: 1996 Professorin der Akademie der bildenden Künste Wien; 2002 Ko-Kuratorin der Documenta 11 von Okwui Enwezor; Leiterin der Berlin-Biennale 2004; 2005 Leiterin des Kunstprogramms des Massachusetts Institute of Technology (MIT); zwei Länderpavillons auf der Biennale von Venedig. Seit 2013 lehrt sie an der Technischen Universität von Nanyang, Singapur, und leitet einen dazu gehörigen Kunstraum.

Singapur war bis dahin kein Ort, der in der zeitgenössischen Kunst etwas galt. Es ist eine Technische Universität, an der sie unterrichtet. Nur langsam hat sich die Gegenwartskunst, seit sie am Künstlerhaus war, über die ganze Welt verbreitet: Angefangen in den 1990er-Jahren, wuchs die Zahl der Biennalen. Eine der frühesten, in Johannesburg, hatte Enwezor kuratiert, bevor er als erster außereuropäischer Kurator die Documenta leitete.

In Diriyah stellten mehr Künstlerinnen als Künstler aus

Heute geben Europa und die USA längst nicht mehr alleine den Ton in der Kunstwelt an. In Diriyah kam rund ein Drittel der 92 beteiligten Künstler:innen aus dem asiatischen Raum, die arabischen Länder nicht mitgerechnet: sieben allein aus Singapur, weitere sieben aus den Nachbarländern, zusammen mehr als aus Europa. Und mehr Frauen als Männer. Zu Bauers Team gehörten vier Ko-Kuratorinnen. Und ein Mann.

Das alles in einem Land, das im Bericht über die Gleichstellung der Geschlechter 2023 auf Platz 132 von 146 steht. Zwar hat Mohammed bin Salman in den vergangenen Jahren einige Verbote aufgehoben – Frauen dürfen Auto fahren, können verreisen, wie sie wollen, und müssen auf der Straße nicht mehr vollverschleiert sein –, aber allzu vehement sollten sie nicht auf ihren Rechten bestehen. Vor einem Monat wurde bekannt, dass die 27-jährige Fitnesstrainerin Manahil al-Utaibi bereits im Januar zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden war – sie hatte ohne den traditionellen weiten Umhang Bilder von sich gepostet und mehr Frauenrechte eingefordert.

In der Biennale sollten jedoch vor allem die eingeräumten Rechte sichtbar werden. 17 Auftragsarbeiten nahmen Bezug auf die Situation im Land. Die Münchner Fotografin Christine Fenzl porträtierte Frauen der Hauptstadt Riad, die wie die Hälfte der Bewohner:innen des Landes nicht über 35 Jahre alt sind. Der saudische Fotograf Ahmed Mater und der deutsche Armin Linke beschäftigten sich in ihrer Serie "Saudi Futurism" mit dem Wandel in der vergleichsweise weltoffenen Küstenstadt Jeddah (Dschidda).

Der Fokus richtet sich nach außen und nach innen

Eine Biennale der Gegenwartskunst in einem solchen, auf dem Gebiet zeitgenössischer Kunst noch unerfahrenen Land hat immer zwei Richtungen: Sie dient einerseits dazu, kunstinteressierten Menschen im Land zu zeigen, was sich anderswo auf der Welt ereignet. Um dies nicht zu belehrend, vielmehr einladend zu gestalten, war auch für das leibliche Wohl gesorgt, gerade im Fastenmonat Ramadan: Eine Künstlergruppe aus Bangladesch verköstigte nach Sonnenuntergang die Besucher, ein senegalesisch-slowenisches Duo aus Oslo bot Säfte und Kräutertee an.

Umgekehrt richtet sich der Fokus einer Biennale aber auch auf das Land selbst und seine Kunst. Zehn Künstler:innen aus Saudi-Arabien waren vertreten, dazu weitere aus Ländern wie Kuweit, Bahrain, Libanon und Jordanien. Zwei ihrer Ko-Kuratorinnen (Anca Rujoiu, Ana Salazar) hat Ute Meta Bauer aus Singapur mitgebracht. Eine dritte (Rose Lejeune) hat zweimal Ausstellungen der Kunstmesse Abu Dhabi Art Fair kuratiert und berät den British Council zum Bereich Naher Osten und Nordafrika.

Der indischstämmige Kurator Rahul Gudipudi wiederum hat zuvor für Art Jameel gearbeitet, eine der wichtigsten Institutionen der Kunst in Dubai und Jeddah, gegründet von Fady Jameel, einem der beiden Direktoren des großen Familienunternehmens Abdul Latif Jameel (ALJ) aus Jeddah. Der Konzern, 11.000 Mitarbeiter, ist in der Nachkriegszeit als Toyota-Handelspartner groß geworden. In Zeiten des Klimawandels sucht ALJ nach neuen Wegen, ist am Tesla-Konkurrenten Rivian beteiligt und investiert in Solarzellen.

Art Jameel hat 2018 in Dubai das Jameel Arts Centre gegründet, erst Ende 2021 folgte Hayy Jameel im saudi-arabischen Jeddah, wo die Familie herkommt. Das sagt etwas über das Land, in dem Kunst lange Zeit nur ein Schattendasein führte. Bauers junge saudische Ko-Kuratorin Wejdan Reda hat in England studiert und dort gelebt, bevor sie in dem Moment nach Saudi-Arabien zurückkehrte, als Mohammed Bin Salman die strenge, islamistische Gesetzgebung zu lockern begann. Sie war bereits an der ersten Diriyah-Biennale beteiligt.

Die Islamisten bekamen erst ab 1979 die Oberhand

Aber Saudi-Arabien war keinesfalls immer ein kunst- und frauenfeindliches Land. An der Biennale beteiligt war auch Safeya Binzagr, eine der ältesten Künstler:innen des Landes, die, 1940 in Jeddah geboren, in Kairo und London Kunst studiert hat und seit 1995 ihre Arbeiten in ihrer privaten Galerie in ihrer Heimatstadt ausstellt. Das Königreich der 1960er-Jahre war relativ offen, schreibt der bereits erwähnte Fotograf Ahmed Mater in einem Beitrag auf seiner eigenen Website. Kunst wurde an Schulen unterrichtet. Seit 1965 gab es eine Kunstschule in Riad. Kunst galt als Zeichen der Modernität und der nationalen Identität.

Das änderte sich 1979. Als Reaktion auf die iranische Revolution vollzog sich auch in Saudi-Arabien eine reaktionäre Wende. Kinos wurden geschlossen, Musik verboten. Die Islamisten bekamen Oberhand. Die Herrscherfamilie Sa'ūd – Königreich ist das Land erst seit 1932 – verdankt ihre Macht einer alten Allianz mit den radikalislamistischen Wahhabiten, die ihnen die Macht über die Pilgerstätten Mekka und Medina eintrug. Der zweite wichtige Machtpfeiler sind die USA, die seit 1945 das Königreich militärisch ausrüsten, im Tausch gegen Erdöl.

Diriyah, der Ort der Biennale, ist der Stammsitz der Dynastie, am Rande der Hauptstadt Riad. Die Altstadt At-Turaif ist Weltkulturerbe. Die Lagerhallen, in denen die Biennale stattfand, sind allerdings schnöde Zweckbauten. Wer verirrt sich an einen solchen Ort? Immerhin 222.000 Besucher sind in den drei Monaten erschienen. Das entspricht ungefähr der vierten Documenta 1968. Und die BRD hatte damals mehr Einwohner (60 Millionen) als Saudi-Arabien heute (37 Millionen).

Für Kronprinz Mohammed bin Salman ist Kunst wohl kaum mehr als ein Reklameschild. Die Biennale-Stiftung wird vom Kulturministerium finanziert und organisiert im Wechsel alle zwei Jahre auch noch eine Biennale islamischer Kunst in Jeddah. Der zweite wichtige Ort der Kunst ist die Oase Al-Ula, eine historische Stätte der antiken Gewürzstraße, wo jüngst Werke von Andy Warhol ausgestellt waren. Die Museen in New York und Paris sind sich nicht zu fein, den Golfmonarchien zu Diensten zu sein, wenn im eigenen Land die Fördermittel knapp sind. Der Leiter der Kulturstätte Al-Ula wurde allerdings kürzlich wegen Korruption verhaftet.

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