KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Ausstellung in Ammerbuch-Reusten

Kunstpelz schlägt Krise

Ausstellung in Ammerbuch-Reusten: Kunstpelz schlägt Krise
|

 Fotos: Joachim E. Röttgers 

|

Datum:

Eine internationale Künstlerschar hat der Kälte den Kampf angesagt. In Ammerbuch-Reusten bei Tübingen wärmt sie passend zu Beginn der kalten Jahreszeit mit Rauchwaren und Schall.

Zurück Weiter

Wie war das noch, als man die große Kälte fürchtete in Deutschland? Als das Bundesamt für Umwelt empfahl, die Raumtemperatur zu senken ("Die beste Energie ist die, die gar nicht verbraucht wird"), als man sich schon im Winter mit klappernden Zähnen im Wollpullover im Wohnzimmer sitzen sah? Schuld war Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, waren die wirtschaftlichen Sanktionen. Der Winter kam – und kein bundesdeutscher Bürger wurde erfroren aufgefunden. Der Krieg dauert an, die Sanktionen bleiben fruchtlos, nun kehrt der Winter wieder und mit ihm auch die Sorgen. Doch Halt: Ein internationales Team höchst kreativer Menschen hat vorgesorgt. Im Süddeutschen Kunstverein in Reusten, dort wo im Sommer 2022 die Kittelschürzen wehten, ist derzeit die Ausstellung "Schall und Rauchwaren" zu sehen. Sie will Wärme spenden.

Die Idee stammt von Werner Lorke, der auch Kurator der Ausstellung ist. Lorke betreibt in Frankfurt am Main das Institute for Recycling, Economy and Design (IRED). "Ausgelöst durch die Ankündigungen der Bundesregierung, die Raumtemperatur in öffentlichen Räumen, Theatern, Veranstaltungsorten zu senken", sagt er, "habe ich mich gefragt, wie die Kunst hier einen aktiven Beitrag leisten könnte." Lorkes Antwort lautet: Pelze.

Lange ehe die Menschen begannen, mit dem Tragen von Pelzen schlechten Geschmack und sozialen Status zur Schau zu stellen, wärmten sie sich an und in ihnen. Menschen der Jungsteinzeit trugen pelzgefütterte Kleidung. "Der Kunstpelz", sagt Werner Lorke, "ist heute zeitgemäßer. Das ist ein bisschen wie bei der veganen Wurst."

Der Süddeutsche Kunstverein in Ammerbuch-Reusten wird geleitet von Daniel Schürer, der auch Wirt ist im Bergcafé Reusten. Die Ausstellungsräume des Vereins bestehen aus ehemaligen Viehställen im Reustener Ortskern. Dort wurde alles der ursprünglichen Nutzung entsprechend belassen: Kunst, die nicht selten sehr hintersinnig Gesellschaft und Geschichte befragt, ist zu sehen zwischen alten Tränken und Schweinekoben, strohgefüllten Mulden, Kacheln, groben Bretterwänden. Die neue Ausstellung dort ist bunt. Der Kunstpelz schillert gern: in Blau, Orange, Grün und Rot.

Krise mal nicht bierernst

Ein Jahr lang wuchs Werner Lorkes Idee heran, verzweigte sich. Lorke ist bekannt mit dem Stuttgarter Architekten, Stadtplaner und Verleger Jörg Esefeld. Esefeld trug die Idee weiter. Sie erreichte Daniel Schürer, erreichte Menschen in Stuttgart, Singapur, Miami, München und anderen Weltgegenden. Nicht jede:r der 22 Beteiligten, die nun in Reusten ausstellen, ist notwendigerweise Künstler:in. Alle haben sie jedoch einen Bezug zu Kunst und Kulturbetrieb. Und alle griffen sie zum Kunstpelz und ließen ihre Fantasie spielen. Entstanden ist ein Projekt, dessen Netzwerkcharakter nicht weniger bedeutsam ist als das Material, mit dem die Aussteller:innen arbeiteten. Der subversive Witz der Ausstellung, die Zusammenarbeit von vielen, die humorvolle Krisenbewältigung spenden Wärme auf ganz eigene Weise.

"Schall und Rauchwaren" erweist sich als vieldeutiger Ausstellungstitel. Werner Lorke denkt bei ihm natürlich gerne auch an Goethe, an Faust und an den Pudel, ein Tier im Fell. Aber als Rauchwaren bezeichnet der Kürschner Tierfelle, die bereits gegerbt, jedoch noch nicht zu Pelzen verarbeitet wurden. Mit dem Schall meint der Kurator die Sprache, den Gebrauch derselben, das Sprechen über Probleme von gesellschaftlicher Bedeutung, aber auch einige Werke der Ausstellung, die Klangliches miteinbeziehen.

Da ist zum Beispiel Gerhard Polacek, als österreichischer Schauspieler zu Hause in Esslingen. Er hat einen tiefdunkelblauen Kunstpelz mit einem schweren goldenen Zierrahmen versehen. Wer auf den Pelz drückt, der wird des Schauspielers Stimme hören: Polacek liest Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz, Dichter, die ihm am Herzen liegen, die mit spitzer Feder schrieben. Fünf Gedichte hält der blaue Pelz parat: "Es war einmal ein Lattenzaun / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun." Wer oft genug den blauen Pelz drückt, der hört zuletzt das Knistern eines heißen Feuers.

Inklusive Venus im Pelz

Alexander Steig aus München begnügte sich damit, ein handliches Fernsehgerät auf dunkles Kunstfell zu stellen. "Kamin-TV", so heißt das Werk – leider fiel der Bildschirm aus, kein Flimmern huscht nun über den Pelz, aber das Knistern blieb. Nicht fern vom Fernseher hängt eine Kunstpelzhandtasche in der Luft, in die Jörg Esefeld einen Heizlüfter gelegt hat.

Naomi Hanakata lebt in Singapur. Dort gelten Vogelnester als gesundheitsfördernde Spezialität. Deshalb schuf sie wärmende Pelze für die Eier, denen das Nest abhanden kam. Ken Sean Carson ist zuhause in Hollywood und hüllte eine goldene Hantel in rosa Pelz – "A Dumbbell for Barbie" heißt das Stück. Alexandra Pfaff und Wolfgang Kiefer aus Mainz überzogen Borsellino-Hüte mit Pelz. Das Stuttgarter Künstlerkollektiv Bathuan Gugeler, Maria Veronika Maier und Matthias Mayer arrangierte japanische Holzsandalen mit schwarzem Pelz und rätselhaften Kubrick-Zitat auf einem Spiegel. M.G. Peter aus Köln packte, im Gedenken an Joseph Beuys, eine Fellecke auf einen Stuhl und umwickelte ein Messer. Nicola Rubinstein aus Berlin trug ein Gemälde bei, Collage und Mischtechnik, tiefblaue Farbgemenge mit Spuren von Rostrot – es heißt, natürlich, "Venus im Pelz". Und Eduard Schmutz, Architekt aus Stuttgart, baute ein kleines Lagerfeuer, aus dem pelzige Flammen schlagen. "Das Kunstfeuer ist Kunst und künstlich", kommentiert er, "es wärmt (psychisch) nachhaltig, ohne Energieverbrauch und zeitlich unbegrenzt."

Müllkreislauf und Oligarchen-Diamanten

Werner Lorke selbst stellt ein Werk aus, das er "Alrosa" genannt hat – den gleichen Namen trägt eine russische Unternehmensgruppe, die zu den bedeutendsten Diamantenherstellern der Welt gehört, eng mit der russischen Regierung verbunden ist und von Sanktionen kaum berührt wird. Lorke hat rosa Sand in eine russische Kunstpelzmütze gefüllt, Glasschmuck darauf gelegt und fragt, ob die Menschheit einstmals mit Diamanten heizen werde.

Justyna Koecke, Performancekünstlerin aus Ludwigsburg, reiste indes nach Chile. Die Atacama-Wüste an der Pazifikküste Südamerikas ist heute die Müllhalde einer Industrie, die Billigkleidung produziert. Täglich werden viele Tonnen Textil, hergestellt in China, konsumiert in Europa, in diese Wüste geworfen. Justyna Koecke schmückte die Sträucher der Atacama-Wüste mit bunten Pelzblumen, sandte Fotos.

"Schall und Rauchwaren" ist eine Ausstellung, die zuerst virtuell existierte – auf der Seite "Webpelze halten warm" unter schall-und-rauchwaren.de werden alle Exponate vorgestellt. In Ammerbuch-Reusten ist nun alles in echt zu sehen. Die Schau ist nicht abgeschlossen, kann durch inspirierte Kunstwerke ergänzt werden. Was mit diesen Werken geschehen soll, wenn die Ausstellung endet, ist noch offen. Hausherr Daniel Schürer denkt daran, sie zu versteigern und den Erlös einem Wärmebus zukommen zu lassen, einer Einrichtung der Obdachlosenhilfe – Menschen also, die im Winter wirklich frieren.


Die Ausstellung "Schall und Rauchwaren" ist noch bis 14. Dezember im Süddeutschen Kunstverein zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. Adresse: Jesingerstraße 8, 72119 Ammerbuch-Reusten.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


2 Kommentare verfügbar

  • Peter Nowak
    am 16.10.2023
    Antworten
    "Der Winter kam – und kein bundesdeutscher Bürger wurde erfroren aufgefunden.“ Diese Aussage in dem Artikel ist schlicht falsch und politisch gefährlich, weil sie ob- und wohnungslose Menschen damit aus dem Kreis der bundesdeutschen Bürger*innen ausschließt.

    Zwischen November 22 und März 23…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:





Ausgabe 681 / Sechs Jahre Leerstand / Uwe Bachmann / vor 22 Stunden 40 Minuten
Da hilft nur Enteignung

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!