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Justizmord in der Kolonialzeit

Rudolf, der gute Deutsche

Justizmord in der Kolonialzeit: Rudolf, der gute Deutsche
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Der Königssohn Rudolf Duala Manga Bell wurde im August 1914 von den deutschen Kolonialherren in Kamerun ermordet. Jahre zuvor war er bei der Familie Oesterle in Aalen zu Gast. Die Stuttgarter Künstlerin Astrid S. Klein ging dem Fall nach – und traf dabei auf Nachkommen von Gast und Gastgeber.

"Das Familienfoto hing bei uns im Wohnzimmer", sagt Platino. Der Stuttgarter Künstler bezieht sich auf das Gruppenporträt der Aalener Familie Oesterle mit ihren Gästen Rudolf Duala Manga Bell und Tube Meetom. Das Foto ist Teil der Ausstellung "Hey, Hamburg, kennst du Duala Manga Bell?", die derzeit im Hamburger Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) läuft. Außerdem ist es in allen Publikationen zum Thema zu sehen wie kürzlich in der Ausstellung "Schwieriges Erbe" im Stuttgarter Linden-Museum.

Platino, der ab 1979 durch seine "Red Spaces" bekannt wurde – Räume, in denen alles rot ist –, und sein älterer Bruder Rolf-Dieter Röger sind Urenkel des Schulrektors Gottlob Oesterle, der neben seiner Frau Karoline im Zentrum des alten Fotos steht. An ihre Schulter gelehnt, neben dem kleinen Tube Meetom links, ist Platinos Großmutter zu sehen, die 1946, eine Woche vor der Geburt des älteren Bruders, verstarb. Aber die beiden Großtanten, Helene und Klara, rechts zwischen ihrem Vater und Rudolf, die haben sie gekannt. Schon in ihrer Kindheit erzählten sie ihnen von ihren afrikanischen Gästen.

Ein schwieriges Erbe fürwahr: Rudolf Duala Manga Bell, seit 1910 König des Volks der Duala, wurde 1914 von den Deutschen in Kamerun hingerichtet: ein Justizmord. Dabei hatten sein Vater und er versucht, sich gut zu stellen mit den deutschen Kolonialherren. "Der gute Deutsche" heißt ein 2014 erschienenes Buch des Juristen und Journalisten Christian Bommarius über den Fall. Damit er ein guter Deutscher würde, hatte August Manga Ndumbe seinen Sohn Rudolf Duala Manga 1891 nach Aalen zur Schule geschickt.

Fünf Jahre blieb er in Deutschland

"Kein regierender Fürst hätte einen größeren und herzlicheren Empfang hier erwarten können", berichtet die "Kocher-Zeitung" am 25. Juni 1891. "Die Umgebung des Bahnhofs und die zunächst gelegenen Straßen wimmelten von Menschen, die Stadtmusik hatte sich vor dem Bahnhof postiert, um dem Ankommenden ein herzlich Willkomm entgegentönen zu lassen ... und die Menge ließ es sich nicht nehmen, begeisterte Hochs auszubringen." Daran konnten sich auch Platinos Großtanten erinnern.

Der Empfang galt dem aus Kamerun zurückgekehrten kaiserlichen Finanzrat Gustav Pahl, der in seiner Heimatstadt Aalen Urlaub nehmen wollte und dessen Begleitung. In dieser befand sich, so die Kocher-Zeitung, "der 10jährige Sohn des Kaiserlichen Dolmetschers in Kamerun": Tube Meetom, Sohn von David Meetom, der eigentlich Mwange Ngando hieß. "Derselbe wird mehrjährigen Aufenthalt in Deutschland nehmen und fand Unterkunft bei Herrn Schullehrer Oesterle." Rudolf kam erst später dazu, denn der "16jähr. Enkel des Königs Bell erkrankte auf der Reise und befindet sich zur Kur in Tübingen; auch er gedenkt mehrere Jahre in Deutschland zu bleiben", vermeldete die Zeitung.

"König Bell": So nannten die Kolonisatoren Ndumb'a Lobe, den Herrscher der Duala (französische Transkription: Douala). Dieser hatte 1884 einen "Schutzvertrag" mit den Deutschen unterzeichnet, der ihre angestammten Rechte respektierte. Die Duala selbst bezeichneten sich mit dem Eigennamen und dem Namen des Vaters. Dwal'a Manga, mit Taufnamen Rudolf, war also der Sohn von Mang'a Ndumbe, Taufname August, und der wiederum von Ndumb'a Lobe. Den Familiennamen "Bell" hatten die Europäer hinzugefügt.

In Deutschland blieb Rudolf gut fünf Jahre lang, ging erst in die Lateinschule in Aalen, dann ans Gymnasium in Ulm. 1897 kehrte er zurück nach Kamerun. Mit seiner Aalener Gastfamilie blieb er auch danach in Kontakt. "Am 9.4.06 bekamen wir noch einen zweiten Stammhalter", schrieb er etwa 1906 an die Oesterles, "er heißt Eitel. Seine Taufe ist am 3.6.06, wir laden euch freundlich ein." Da schon das Postschiff zwei Wochen brauchte, war dies kaum zu schaffen. Es zeigt aber die Verbundenheit Rudolfs mit seinen Gastgebern.

Den Auswirkungen der Kolonialzeit auf der Spur

Von Rudolf erstmals gehört hat Astrid S. Klein in Douala/Duala, wie auch die größte Stadt Kameruns heißt. Die Stuttgarter Künstlerin hat seit 2005 mehrere afrikanische Länder bereist. Sie interessiert sich für die Kolonialgeschichte: weniger für das, was in den Geschichtsquellen steht, als für die Auswirkungen im täglichen Leben heute, vor allem bei den Nachfahren der Kolonisierten. Um herauszufinden, was die Kolonialgeschichte für sie bedeutet, arbeitet sie gerne mit Künstlern zusammen, in ihren Heimatländern und in Europa.

Der Kunstverein Doual'art war daher für sie eine obligatorische Adresse, als sie 2011 zum ersten Mal nach Kamerun kam. Diese wegweisende Institution haben Rudolfs Urenkelin Marilyn Douala Manga Bell und ihr 2014 verstorbener Ehemann, der französische Kunsthistoriker Didier Schaub, 1991 gegründet. Damals gab es in der Vier-Millionen-Stadt Douala, so Schaub 2012 auf einer Konferenz in Berlin, kein einziges Museum, keinen Konzertsaal, kein Kino und keine Bibliothek, keine Universität und keine Kunstausbildung.

Macht, Reichtum, Bildungschancen und Reisefreiheit sind zwischen afrikanischen und europäischen Ländern höchst ungleich verteilt. Das gehört zu den bis heute spürbaren Auswirkungen der Kolonialgeschichte. Als Künstlerin, die sich in Deutschland unter Verzicht auf alle Sicherheiten von Projektantrag zu Projektantrag hangelt, wurde Astrid S. Klein dort wie jedeR EuropäerIn, als reich angesehen. Kameruner müssen, um Kunst zu studieren oder eine europäischen Ländern vergleichbare Bildung zu erhalten, bis heute ihr Land verlassen. Wie schon Rudolf Duala Manga.

Geplant: ein Projekt mit den Urenkeln

Zurück in Deutschland traf sich Klein mit Platinos Frau Melanie. Sie stellten fest, dass sie ein gemeinsames Thema hatten. Mit Gästen aus Kamerun recherchierte die Künstlerin im Stadtarchiv Aalen und brachte Platino und seinen Bruder mit Marilyn Douala Manga zusammen. Mit den UrenkelInnen Rudolfs und seiner Gastgeber plante sie ein Projekt zu entwickeln, das sie im Jahr 2014, 100 Jahre nach dem Justizmord, in Douala vorstellen wollte.

Dazu kam es nicht, der Kunstverein Doual'art sagte ab. Astrid Klein weiß nicht, warum. In Kamerun gibt es innenpolitische Spannungen, die auch viel mit der Kolonialgeschichte zu tun haben, zum Beispiel zwischen dem größeren, französischsprachigen Süden und dem englischsprachigen Norden. Vorgestellt hat Astrid S. Klein ihre Recherchen dann nur im Württembergischen Kunstverein.

Für Platino und seinen Bruder war dies der Anlass, sich wieder intensiver mit Rudolf zu beschäftigen. "Das Thema war immer präsent", sagt der Künstler. 2005 hatte Jean-Pierre Félix Eyoum, ein Großneffe des Königs der Duala, der in Deutschland als Lehrer arbeitet, mit zwei deutschen HistorikerInnen in der Zeitschrift "Mont Cameroun" erstmals sehr kompetent die Geschichte aufgearbeitet. Später war er auch zu einer Veranstaltung nach Aalen gekommen, wo Rolf-Dieter Röger und seine Mutter ihn kennenlernten. Es wurde ein "sehr herzlicher Kontakt", sagt Platino. Sein Bruder hat seither viel zur Kolonialgeschichte recherchiert und im Hohenlohischen andere Menschen kennengelernt, die dazu familiäre Bezüge hatten. Seine Mutter, betont Platino, "wusste schon noch das eine oder andere vom Tod Rudolfs, ihr war durchaus bewusst, wie schrecklich das war".

Protest gegen die Kolonialherren – am Ende tödlich

Im Schutzvertrag von 1884 hatten die Deutschen zwar festgehalten, dass die Duala ihr Land und ihre Handelsrechte behalten sollten. Sie dachten allerdings nicht daran, sich an die Vereinbarungen zu halten. Bereits 1892 reichten die Duala beim damaligen Gouverneur eine Beschwerde wegen beleidigenden Verhaltens der Kolonialbeamten ein. Als dies nichts fruchtete, schickten sie Jahre später eine Delegation nach Berlin, der Rudolf angehörte, und baten um Audienz bei Kaiser Wilhelm II. Zu allem Überfluss erlaubten sie sich auch noch, in der Stadt Duala ein repräsentatives Gebäude, genannt "Pagode", zu errichten, das sogar den Gouverneurspalast in den Schatten zu stellen drohte. Heute ist es der Sitz des Kunstvereins.

Der deutsche Gouverneur Jesko von Puttkamer fand dieses Verhalten "frech". Er meinte, die Duala hätte man besser "bei der Eroberung des Landes wenn nicht ausgerottet, so doch außer Landes verbracht". Die Duala – nicht Rudolf, ein anderer Zweig der Familie – antworteten 1906 mit einer weiteren Petition: "Den Herrn Gouverneur v. Puttkamer [...] wollen wir hier nicht mehr haben." Sie wanderten ins Gefängnis, hatten am Ende aber Erfolg. Puttkamer wurde abgelöst. Sein Nachfolger wurde der gemäßigtere Theodor Seitz.

Die Entspannung währte nicht lange. Als Rudolf Duala Manga 1910 König wurde, betrieb die deutsche Kolonialverwaltung unter dem wiederum neuen Gouverneur Otto Gleim eine Politik der Apartheid: Die Duala sollten ihr Land verlassen. Rudolf protestierte, wollte wieder nach Berlin, wurde aber an der Ausreise gehindert. Also schickte er 1912 seinen Sekretär Ngoso Din. Die von ihm eingereichte Petition hatte vorübergehend sogar Erfolg: Die Enteignungen wurden ausgesetzt. Dann aber tauchte ein mysteriöses Telegramm von König (oder Sultan) Njoyas aus Fumban im Nordosten Kameruns auf: Rudolf habe eine Verschwörung angezettelt. Ein hochgradig unwahrscheinlicher Vorgang, denn die Duala hatten keine intensiven Beziehungen zu Njoya, der sich selbst zwar auch gut mit den Deutschen zu stellen suchte, aber seinerseits seine Probleme mit ihnen hatte. Rudolf und Ngoso Din wurden des Hochverrats angeklagt.

Zwar beabsichtigten führende Anwälte wie der Reichstagsabgeordnete und SPD-Vorstand Hugo Haase und der aus Hechingen stammende Verteidiger Rosa Luxemburgs, Paul Levi, nach Kamerun zu reisen, um den Angeklagten beizustehen. Darauf wartete die Kolonialverwaltung aber nicht. Rudolf und Ngoso Din wurden am 8. August 1914 erhängt, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Ende der deutschen Kolonie ließ sich damit nicht aufhalten. 1916 hatten französische und britische Truppen das ganze Land besetzt.

Unrecht bislang nicht anerkannt

Marilyn Douala Manga Bell, die im September 2020 mit den Röger-Brüdern das Linden-Museum besucht hat, hat an der Hamburger Ausstellung mitgewirkt und ist im vergangenen Jahr mit der Goethe-Medaille des Goethe-Instituts ausgezeichnet worden. Sie verbinde "in herausragender Weise zivilgesellschaftliches Engagement mit internationalem kulturellem Schaffen", heißt es in der Begründung der Jury, und entwickle "viel beachtete Ideen zur Aufarbeitung kolonialen Unrechts".

Offiziell anerkannt hat die Bundesregierung dieses Unrecht bislang jedoch nicht. "Eine Forderung der Vertreter der Douala aus Kamerun zur Rehabilitierung von Rudolf Manga Bell wurde gegenüber der Bundesregierung bislang nicht erhoben", lautete die lapidare Antwort auf eine Anfrage des Autors Bommarius 2014. Diese Forderung reichen nun Marilyn Douala Manga Bell, Eyoum, Bommarius und andere in einer Petition nach. Bald 108 Jahre nach dem Justizmord.


Info:

Im Linden-Museum inszeniert Adelheid Schulz mit ihrem Theater Prekariat am 21. Mai um 20 und 23 Uhr auf Basis von Reichstagsprotokollen das Vorgehen der Deutschen gegen die Duala. Titel: "Die Aneignung".

Zur Ausstellung im Hamburger MARKK hier.

Christian Bommarius: Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914, Berlin 2014.


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1 Kommentar verfügbar

  • Karl P.Schlor
    vor 2 Wochen
    Antworten
    ein erschütternder Bericht, der besonders den Namen v. Puttkamer beschmutzt, aber natürlich zu
    Recht! Auch sein Nachfolger, der es gar sehr eilig hatte, die beiden Schwarzen zum Tode zu ver=
    urteilen, bevor qualifizierte Verteidiger aus dem Deutschen Reich eintreffen konnten, spricht
    Bände! Ein…
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