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IBA'27: Neckarufer

Am Wasser gebaut

IBA'27: Neckarufer: Am Wasser gebaut
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Sehr lange schon doktert die Stadt Stuttgart am Neckarufer herum und ist bisher noch auf keinen grünen Zweig gekommen. Nun hat sich die Internationale Bauausstellung IBA'27 des Themas angenommen. Bis 2027 soll etwas Vorzeigbares entstehen.

Einen gewissen Sarkasmus kann sich Andreas Hofer, der Intendant der Internationalen Bauausstellung Stuttgart und Region IBA’27, nicht verkneifen, wenn er feststellt, am Stuttgarter Neckarufer seien die besten Plätze für parkende Autos reserviert. Gemeint ist das Parkhaus des Daimler-Werks gegenüber dem Inselbad, wo der schmale, kombinierte Rad- und Fußweg außen an das Gebäude angebaut ist: für Radler ein Hindernisparcours mit rechtwinkligen Zufahrten und Ausweichbuchten.

Aber der Neckar, so Hofer, sei ein "Herzens-Thema für viele Menschen". Deshalb hat die IBA den Fluss zu ihrem Projekt gemacht. Und zwar von sich aus, anders als alle anderen Projekte, die aus einem Aufruf an die Region hervorgegangen sind. Dabei gehe es "weder um einen nostalgischen Blick zurück in eine vermeintlich unberührte Landschaft, noch darum, einzelne Funktionen zu verdrängen", heißt es in der Pressemitteilung. Denn "Industriekultur und Infrastrukturen gehören heute zum Genius Loci des Stuttgarter Neckartals."

Zur Presse-Radtour hat Hofer auch Hannah Pinell mitgebracht, zuständig für Partizipation. Denn, wie sie selbst sagt: "Der Neckar ist als gesamtgesellschaftliches Projekt zu begreifen." Frieder Hartung, ehemals Stadtplanungsamt, und Dan Teodorovici vom Städtebau-Institut der Uni Stuttgart haben eine "Integrierte Konzeptstudie für eine nachhaltige urbane Transformation des Stuttgarter Neckartals" mitgebracht. Titel: "Stuttgart am Neckar. Entwicklungsräume für die Stadt am Fluss".

"Die Stuttgarterinnen und Stuttgarter wünschen sich seit vielen Jahren, dass ihr Fluss, der Neckar, erlebbarer und zugänglicher gemacht wird", schreibt Baubürgermeister Peter Pätzold in seinem Grußwort. "Aus dem ehemals reinen Industriegewässer soll ein Erlebnisraum werden." Durch Veränderungen in der Industrie und Energieversorgung ergäben sich Chancen für neue Entwicklungen. "Diese wurden mit Studierenden der Universität Stuttgart untersucht und entwickelt, um so zu zeigen, was hier machbar wäre."

Studien gibt es viele, umgesetzt wurde wenig

Ebenfalls seit vielen Jahren beschäftigt sich auch das Stadtplanungsamt mit dem Thema. Von 1989 datiert eine erste "Gesamtschau möglicher Freiraumprojekte entlang des Neckars". 1998 entstanden unter dem Titel "Stuttgart – Stadt am Fluss" "landschaftsarchitektonische und stadtplanerische Visionen", gefolgt von einer Ideensammlung.

Das IBA-Netz

16 Projekte listet die IBA'27 derzeit auf ihrer Website: Das sind größere, vorbildliche Bauvorhaben, die 2027 fertiggestellt sein müssen. Vorhaben, die von der IBA ebenfalls als wegweisend angesehen werden, die aber entweder schon vorher fertiggestellt oder bis 2027 noch nicht so weit sind oder deren Realisation noch nicht geklärt ist, gehören dagegen zum IBA-Netz. Das sind derzeit 77 Bauprojekte. Daneben soll es noch IBA-Quartiere geben, das sind "besonders anspruchsvolle großflächige Stadtentwicklungsprojekte", die aber noch nicht feststehen.

"Vor mehr als 10 Jahren", so steht 2015 in einer Studie des Bundesverkehrsministeriums, "startete das Projekt ‚Grünzug Neckartal‘ (GN) als Initiative im Rahmen der Modellvorhaben der Raumordnung (MORO)." Diese Initiative "verfolgte die Idee, den mittleren Neckar bei Stuttgart und seine Anwohner wieder näher zusammenzubringen, indem die urbane, stark industrialisierte Flusslandschaft als Arbeits- und Wohnstandort, als Naherholungsgebiet und als Naturraum aufgewertet wird".

"Im Sommer 2015", so wiederum die Stadt Stuttgart, "hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn die Initiative ergriffen und seine Projektideen und Visionen von Stuttgart als Stadt am Fluss erläutert." Nachzulesen in einer Broschüre "Erlebnisraum Neckar. Ein Masterplan für Stuttgart als Stadt am Fluss". Sieben Jahre zuvor hatte schon der Verband Region Stuttgart (VRS) einen Masterplan "Landschaftspark Neckar" in Auftrag gegeben.

An Ideen, Chancen, Visionen, Wünschen, Plänen, Studien und Entwürfen mangelt es also nicht. Auch ArchitekturstudentInnen bearbeiten das Thema seit mindestens dreißig Jahren. Aktuell berichtet das VRS-Infomagazin: "Die Erlebbarkeit des Neckars zu verbessern, ist Entwurfsaufgabe im diesjährigen Sommersemester an der Hochschule für Technik in Stuttgart und der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen."

Baden im Fluss: von der Stadt verboten

Aber das Neckarufer sieht immer noch aus wie eh und je. Eher noch schlimmer, jedenfalls am Neckarknie bei Bad Cannstatt, wo der Ausgang des Rosensteintunnels und eine graue Bahnbrücke für das Projekt Stuttgart 21 die früheren Fußgängerstege beseitigt haben. Für Fußgänger und Radfahrer wurde stattdessen kostengünstig ein Steg unter die Bahnbrücke gehängt. Der endet nun in einer steilen, provisorischen Treppe.

Station eins der Tour ist die Neckarinsel: eigentlich die Mittelmole neben der Schleuse, trotzdem eine kleine grüne Oase, auf der sogar ein paar Bäume stehen. Rundum rauscht der Verkehr: überall Autos, oben Züge und in der Schleuse ein Binnenschiff, das einen markanten Dieselgeruch verbreitet. Christine von Raven möchte den Neckar von hier aus erlebbar machen. Ein weiteres Projekt ihrer Agency Apéro heißt "Wir wollen baden". Baden im Fluss wäre heute wieder möglich, ist aber in Stuttgart verboten.

Die Agency ist ein Ableger des Vereins Stadtlücken, die sich nach dem Ende des Projekts Österreichischer Platz die Neckarinsel vorgenommen haben. Zuerst war es ein Spießrutenlauf, von einer Stelle zur anderen. Die Idee drohte zu scheitern. Doch nun fördert die Initiative Nationale Stadtentwicklungspolitik das Projekt mit Personal- und Sachmitteln. Die Initiative tritt für eine kooperative Stadtentwicklung ein: Kommunen sollen die Initiativen der BürgerInnen unterstützen. Am mehrfach ausgezeichneten Österreichischen Platz blieben die Stadtlücken am Ende auf Kosten und komplizierten Haftungsfragen sitzen. Hier ist die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) des Bundes zuständig, die einen Teil der Mittelmole kostenlos zur Verfügung stellt, aber keine Haftung übernimmt. Daher ist die Neckarinsel nur bei Veranstaltungen zugänglich. Die IBA will sie in zwei Festivals 2023 und 2025 bespielen. Für Hofer ist entscheidend, dass hier ein Anfang gemacht wurde und etwas zu sehen ist.

Die nächste Station ist der Berger Steg: eine 1958 erbaute, schön breite Fußgängerbrücke, aber mit ihren steilen Treppen für Radfahrer ungeeignet. Auf der Cannstatter Seite tobt das Frühlingsfest, am anderen Ufer landet der Steg im Niemandsland neben der Bundesstraße 10: Kein direkter Weg führt zum nahe gelegenen Park der Villa Berg. Und das Mineralbad Leuze schottet sich, wie vom Steg aus zu sehen, vom Neckar geradezu ab.

Die meisten Grundstücke gehören Unternehmen

Die B14 ist das Haupthindernis, das in Stuttgart-Ost den Zugang zum Ufer verhindert. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, ob sie überdeckelt oder im Boden versenkt werden soll. Teodorovici könnte sich vorstellen, sie landeinwärts zu verschwenken und von einer autobahnähnlichen Straße in einen Raum für alle Verkehrsteilnehmer zu verwandeln: Voraussetzung wäre allerdings, dass der Verkehr deutlich abnimmt.

Das zweite Hindernis sind die Industrieareale. Bis zum Gaskessel gehört hier das meiste der EnBW, die allerdings nicht mehr alles selbst nutzt. Dies eröffnet Chancen, ein "Kulturquartier am Wasserwerk" ist anvisiert, die Verhandlungen laufen. Anders sieht es am anderen Ufer beim Daimler-Werk aus. Das 300 Hektar große Areal ist extraterritoriales Gebiet. Hartung und Teodorovici würden gern die strikte Trennung zwischen dem ehemaligen Weinbauerndorf Untertürkheim und dem Neckar aufheben und Wege durch das Industriegelände öffnen.

Aber Daimler ist nicht gewohnt, sich etwas sagen zu lassen. Die Kommunikation gestalte sich schwierig, gesteht Pinell. Über eine lange Strecke führt der Rad- und Fußweg entlang an einem undurchsichtig gemachten Zaun. Dahinter befindet sich die Daimler-Einfahrbahn für neue Autos: ein Staatsgeheimnis. Das führt zu der kuriosen Situation, dass es eine Ausflugsdampfer-Anlegestelle "Mercedes-Benz-Welt" gibt, aber das Museum, gerade mal 100 Meter weit weg, ist nicht zu sehen. Wer dort hin will, muss durch einen engen Tunnel.

Aber gegenüber ist etwas zu sehen: ein wildes Lattengerüst und ein Flussschiff am Kai. Es handelt sich um "Friedas Pier" und das für den Clubbetrieb umgebaute Frachtschiff "Wilhelm Knipscheer". Über zwei Millionen Euro hat der Besitzer investiert und konnte dann zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns doch nicht eröffnen. Eine Landes-Förderung sicherte das Überleben. Im vergangenen Jahr hat schon einiges stattgefunden, unter anderem das IBA-Plenum 5 mit einer Diskussion. "Vom Abzäunen, Aufmachen und Erlauben".

Das Neckarufer Stuttgart-Ost gehört zum IBA-Netz, wird aber bis 2027 nicht abgeschlossen sein: Auf der Seite "Stuttgart - meine Stadt" steht "vsl. Umsetzung: bis 2035". Um etwas zu sehen, das früher fertig wird, muss man bis zum Untertürkheimer Lindenschulviertel durchradeln. Etwas abgelegen, durch die Bahnlinie und den Karl-Benz-Platz vom eigentlichen Stadtteil getrennt, befindet sich hier um das 1909 erbaute Schulgebäude und die Sängerhalle ein schöner, ruhiger Stadtteil mit einem ausnahmsweise mal nicht verbauten Neckarufer und einem alten Neckararm, der zu einem denkmalgeschützten Wasserkraftwerk gehört.

Die Stadt Stuttgart hat nun vier Büros eingeladen, sich zu dem Areal zwischen S-Bahnhof, Daimler Hauptpforte, Inselbad und Lindenschulviertel einschließlich des gegenüberliegenden Ufers bei Wangen innovative Lösungen einfallen zu lassen. Die vier Teams arbeiten dann miteinander weiter. Bereits stattgefunden, ebenfalls im Rahmen der IBA, hat ein Wettbewerb zu einem Industriebau an der Inselstraße, der bezahlbarem Wohnraum Platz machen soll. Der Siegerentwurf eines Amsterdamer Büros sieht den Umbau des Bestandsgebäudes vor ein Projekt, das tatsächlich 2027 fertig sein soll.

Als eine "Folge von Staubecken" bezeichnet Hofer den Neckar und den Stuttgarter Talkessel lieber als "große Bucht". Wasser sei Lebenselixir für die Biologie, aber auch zur Kühlung der Stadt. Dazu komme das bisher noch etwas stiefmütterlich behandelte Mineralwasser. Die Industriegeschichte soll nicht verschwinden, eine neue "produktive Stadt" soll entstehen, die auch Freizeitaktivitäten Raum bietet. Der Neckar ist das Band, das die Region verbindet: ein "Riesen-Thema", so Hofer. Die IBA kann hier bis 2027 nur erste Anstöße geben.

Mehr zur IBA und dem Neckar hier.


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