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Betty

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Ich bin unterwegs Richtung Liederhalle, Ziel Breitscheidstraße. Vorbei an einer Werbesäule: "Happiness ist: Die Türkei aufs Neue entdecken … Günstig und flexibel ins Abenteuer … ab 79,99 €." Weiß nicht, was mit der fröhlichen Neuentdeckung gemeint ist. Die Verurteilung des türkischen Kulturmäzens Osman Kavala zu lebenslanger Haft oder die Bomben von Erdogans Armee auf Kurden im Nordirak.

Es macht nicht viel Freude, in diesem Frühjahr 2022 durch die Straßen zu gehen. Überall erkennst du Zeichen des Unheils, womöglich die Vorstufe einer Kriegsparanoia, während die Happiness-Fraktion auf Postern kalauert: "Stuttgart feiert nachtsam. Und du?"

Achtung, sie feiern ihre Umnachtung.

Ich streife die Liederhalle, sehe die Aufschrift "Herzlich willkommen", übersetzt in 21 Sprachen, darunter auch Russisch. Hätte mich vor ein paar Wochen nicht interessiert. Ein paar Meter weiter das Literaturhaus, die Breitscheidstraße. Der sozialdemokratische Politiker Rudolf Breitscheid emigrierte 1933 in die Schweiz, dann nach Frankreich. 1940 wurde er von der Vichy-Regierung an die Gestapo ausgeliefert. 1944 kam er bei einem Luftangriff auf das KZ Buchenwald ums Leben.

Betty war eigentlich schon in Sicherheit

Bis 1946 hieß die Breitscheidstraße Militärstraße. Das Gebäude mit der Hausnummer 35 ist eingerüstet, wird gerade modernisiert. Ich bin nicht zum ersten Mal hier, diesmal allerdings scheinen die Stolpersteine vor dem Haus verschwunden. Irrtum, der Baustaub verdeckt sie. Mit einem Papiertaschentuch poliere ich sie, bis ich die Namen lesen kann: Charlotte Rosenfeld, Theresia Rosenfeld, Charlotte Behr, Betty Rosenfeld. Sie alle wurden im KZ ermordet.

Vor Kurzem ist ein 672 Seiten dickes Buch über diese jüdische Familie erschienen, der promovierte Historiker Michael Uhl hat es nach Recherchen geschrieben, die er 1994 mit der Erforschung des Spanischen Bürgerkriegs begonnen hatte: "Betty Rosenfeld. Zwischen Davidstern und roter Fahne" (Schmetterling Verlag, Stuttgart). Die "Frankfurter Rundschau" nennt es eine "der bemerkenswertesten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs". Betty, die Protagonistin des Werks, war nach ihrer Flucht vor den Nazis aus Stuttgart nach Palästina eigentlich schon in Sicherheit. Ihre Schwester Ilse emigrierte später in die USA, ihre andere Schwester, Charlotte, schaffte es nicht mehr nach Amerika. 1937, im Jahr als ihr Vater Benjamin stirbt, erwacht in Betty der Wille, etwas zu tun. Sie reist über Frankreich nach Spanien und schließt sich im Bürgerkrieg den Internationalen Brigaden im Kampf gegen Francos Faschisten an. Sie ist ausgebildete Krankenschwester, vom Kommunismus inspirierte Antifaschistin und will den Genossen helfen. Im Sanitätsdienst der Brigaden kümmert sie sich um Schwerverletzte.

Auf dem Deckel des Buchs findet sich der schlichte Hinweis "Biographie". Doch es geht um viel mehr in dieser fast übermenschlichen Forschungs- und Schreibarbeit des Autors Michael Uhl, geboren 1971 in Stuttgart. Zum ersten Mal habe ich ihn im Sommer 2017 getroffen, jetzt, fast fünf Jahre später, begegne ich ihm wieder, eher zufällig. Er wohnt in Tübingen, ist aber gerade in Stuttgart, als ich ihn anrufe, um mich nach der Buchpräsentation zu erkundigen. Da muss doch endlich was passieren, dachte ich, nachdem ich mir das gewichtige Stück in meiner Buchhandlung besorgt hatte. Am 23. März dieses Jahr jährte sich Betty Rosenfelds Geburtstag zum 125. Mal. Vor 80 Jahren, sehr wahrscheinlich am 9. September 1942, wurde sie kurz nach ihrer Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wie auch ihr Ehemann Sally Wittelson aus Leipzig.

Das Buch wird, das steht inzwischen fest, am 1. Juni im Hotel Silber vorgestellt. Ich habe noch nicht alles gelesen, aber genug, um sagen zu können: Uhls präzise Erzählweise in einfacher Sprache lässt nicht nur Betty Rosenfeld vor meinen Augen auferstehen, auch die Vergangenheit einer ganzen Stadt erwacht wie in einem Spielfilm. Die Zwanzigerjahre, der Nazi-Terror. Das Buch im Kopf komme ich mir vor dem ehemaligen Haus der Rosenfelds vor wie einer, der beim Herumgehen aus der Zeit fällt. Hier waren die Wohnung der Familie und die Firma des Maschinenöl- und Putzmittelhändlers Benjamin Rosenfeld. Szenen der Vergangenheit und Gegenwart treffen für mich aufeinander.

Das Buch mit seinen zwölf chronologisch geordneten Kapiteln und zahlreichen Abbildungen löst etwas aus, das mich, wenn auch auf andere Art, an die Stuttgarter Miniaturwelten erinnert, an die Modellanlage des begnadeten Workaholics Wolfgang Frey. Seit einiger Zeit ist sie am Arnulf-Klett-Platz 1 - 3 zu sehen. Wie ein Besessener hat ihr Erbauer dreißig Jahre gearbeitet, eine eigene Welt erschaffen. In seinem Fall eine Welt namens Stuttgart, die symbolisch für sein Leben steht.

Michael Uhl hat eine ganze Welt ausgegraben

Michael Uhl wiederum hat wie ein Getriebener in jahrzehntelanger aufopferungsvoller Forschungs- und unermüdlicher Schreibarbeit eine Welt ausgegraben, unterschiedliche Perspektiven eröffnet und verbunden. Seine Geschichte ist nicht nur eine Hommage an eine vergessene junge Frau, die ihr Leben dem Kampf um Freiheit opferte. Er beleuchtet auch die politische Epoche einer Stadt, das jüdische Leben und den Spanischen Bürgerkrieg. Das Ergebnis dieser Spurensuche ist ein bewegendes Leseabenteuer. Seine Arbeit vermittelt eine ähnliche Kraft, wie sie der Autor in seiner Leidenschaft als Rockabilly-Gitarrist auslebt. Der Name Betty Rosenfeld erschien ihm anfangs wie eine geheimnisvolle, ergreifende Songzeile. In den vergangenen Jahren hat er sich regelrecht verausgabt, viele Länder bereist, um Dokumente und Zeugen zu finden. Er war in Frankreich, Russland, Israel, den USA, lange in Spanien. Die Stuttgarter Initiative Die Anstifter hat ihn dabei finanziell unterstützt. Er ist ein Neugieriger, ein Rastloser, der sich nicht schont, nicht aufgibt. 

Breitscheidstraße. Das Nachbarhaus der Rosenfelds, das Gebäude 39, steht noch, und beim Blick auf die alte, bunte Fassade kommt wieder mal die Einsicht, dass nicht vorbei ist, was war. Was nicht vergessen wird, lebt. Der Autor erzählt mit so viel Hingabe zum Detail, macht seine Figuren so lebendig, dass ich mir vor dem Haus der Rosenfelds einbilde: Gleich wird Betty aus dem Fenster schauen und mich fragen, wie es denn sein kann, dass die Geschichten so vieler ungewöhnlicher Menschen vergessen, verdrängt oder vertuscht wurden. Geschichten, die uns erzählen, wo wir herkommen und wo es heute für uns langgehen müsste.

Im Haus Nummer 39 ist das Geschäft Dieringer: "Sport – Orthopädie – Schuhtechnik". Hier wohnten damals der mit den Rosenfelds befreundete Schuhmachers Josef Dieringer und seine Frau Emma. Der kommunistische Handwerker war Laienschauspieler im Ensemble des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf. Er verkehrte in den Stuttgarter Waldheimen, den Treffpunkten der sozialistischen Arbeiterbewegung, und wurde Bettys Mentor. Das Ehepaar Dieringer selbst wurde im Hotel Silber, der Stuttgarter Gestapo-Zentrale, eingekerkert und gefoltert. Emma war schwanger und verlor in der Zelle ihr Kind.

Nachdem die republikanischen Kräfte von den Faschisten geschlagen sind, flüchtet Betty über die Pyrenäen nach Frankreich. Sie landet in erbärmlichen Lagern und wird 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ihr Schicksal ähnelt dem des Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid, dessen Name die Straße trägt. Diese Straße führt mich, das Buch über Betty im Rucksack, weit hinein in die Stadt und noch weiter aus ihr heraus. Auf dem Heimweg geht mir ein Songtitel durch den Kopf: Happiness Is A Warm Gun.


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5 Kommentare verfügbar

  • Joe Bauer
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Ach ja, dIe berühmten Song-Interpretationen …
    „Happiness Is A Warm Gun is NOT about heroin. A gun magazine was there with a smoking gun on the cover and an article that I never read inside called 'Happiness Is a Warm Gun.' I took it right from there.“ (John Lennon)
    Meine Assoziation bezieht sich…
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