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Auf der Straße

Mit Stöcken und Steinen

Auf der Straße: Mit Stöcken und Steinen
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Es gibt Tage, da startest du am Morgen mit dicker Jacke in die Winterkälte und landest am Mittag ohne Hemd in der Sommerhitze. Solche Klimakapriolen führen mich immer an den Neckar, wo ich mir einbilde, es sei noch was im Fluss.

Spazierengehen ist nicht nur eine Möglichkeit, seinen Arsch zu bewegen. Die Beinarbeit gibt einem das erhebend-trügerische Gefühl zu leben. "Leben", habe ich bei dem russischen Schriftsteller Viktor Jerofejew gelesen, "besteht aus Ablenkungen vom Tod."

Diese These leuchtet mir ein, nicht nur mit Blick auf mein Alter. Es herrscht Krieg in der Ukraine, und vom Dritten Weltkrieg ist die Rede, was in einer Stadt wie unserer die Ablenkungen vom Tod mitunter erschwert. Im westlichen Bezirk Vaihingen, nahe der Universität, stehen die Patch Barracks, das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa (Eucom). Im Süden der Stadt, in Möhringen, haben wir die Kelley Barracks, das US-Hauptquartier des Afrika-Kommandos (Africom). Und im nördlichen Zuffenhausen sind die Robinson Barracks mit dem US-Wohnquartier Raiser, der US-Standortverwaltung und den AFN-Studios. 

In Fachkreisen gilt Stuttgart als "first target".

Ich schlage den mir vergleichsweise unschuldig erscheinenden Weg zum Neckar nach Cannstatt ein und schlendre durch den historischen Kern dieses weithin unterschätzten Stadtquartiers mit seiner internationalen Energie. Auf einer Tafel über dem Fluss neben einem skulpturhaften Mauerrest lese ich: Hier stand das Brückentor, bis 1812 eines der Cannstatter Stadttore, 1706 bei der "Schlacht zu Kannstatt auf der Brucken" hart umkämpft …

Wo Einsteins Mutter geboren wurde, ist ein Motel One

Krieg ist immer und überall. Vom Brückentor gehe ich hinein in die Brückenstraße, ein heimeliger Pfad mit alten Kneipen und der St.-Martins-Kirche. An der Nummer 44, über einem Glaskasten im Erdgeschoss, ist noch die Neo-Barock-Fassade des sogenannten Einstein-Hauses erhalten. Die Eltern von Pauline Einstein haben hier gewohnt, ihr Vater war der Getreidehändler und Hoflieferant Julius Koch, gelernter Bäcker aus Jebenhausen; ihre Mutter Jette Bernheimer stammte aus Cannstatt.

Ich ziehe meinen neuen Sommerhut und gehe weiter zur Badstraße. Eine Gedenktafel erinnert daran: In der Nummer 20, wo heute das Motel One steht, wurde nach dem Umzug der Familie 1858 Pauline geboren: Albert Einsteins Mutter, die 1876 in der Israelitischen Betstätte zu Cannstatt Hermann Einstein heiratet; ihr Mann ist Teilhaber der Ulmer Bettenfabrik Israel & Levi.

Am 14. März 1879 kommt in Ulm Albert Einstein zur Welt. Pauline, die als Unternehmergattin keinen Beruf ausüben darf, fördert ihren Sohn Albert in allen Belangen. Sie ist künstlerisch begabt und bringt ihn dazu, Geige zu lernen und sie am Klavier zu begleiten. Diese Hinwendung zur Musik war wichtig für seine Entwicklung, nicht nur als Ablenkung von der Tödlichkeit des Lebens.

Nicht zufällig spaziere ich auf den Spuren der Einsteins herum. In sozialen Medien und auf Mauern der Stadt liest man immer öfter Albert Eisteins legendären Satz: "Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg geführt wird, aber im Vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."

Millionen Facebook-Feldwebel rufen: "schwere Waffen"

Dieser Mann, dessen Mutter aus Cannstatt den Weg zum Nobelpreisträger und Superstar-Genie geöffnet hat, sagte auch: "Ich bin Pazifist – aber nicht Pazifist um jeden Preis. Meine Anschauungen decken sich nahezu mit denen Gandhis. Aber gegen einen Mordversuch an mir oder gegen den Versuch, mir oder meinem Volke die Existenzmittel zu entziehen, würde ich mich, allein oder mit anderen zusammen, zur Wehr setzen. Darum war ich überzeugt, dass der Kampf gegen Hitler berechtigt und notwendig war. Denn hier handelte es sich um einen beispiellosen Versuch der Ausrottung ganzer Völker."

Im Sinne Einsteins differenziert mit dem Begriff "Pazifismus" umzugehen oder ihn realistisch als Haltung einer bedeutungslosen Minderheit zu sehen, ist in diesen Tagen nur noch schwer möglich. Bei der herrschenden Politik und den Rufen von Millionen Facebook-Feldwebeln nach "schweren Waffen" für die Ukraine steht bei uns schon jeder als durchgeknallter Pazifist am Pranger, der mal, wie Einstein, Zweifel am Militarismus hatte. Ach, diese Träumer, Hippies, Idioten. So dumm und naiv, dass sie Leopard und Marder der Arche Noah zuordnen.

Rationale Betrachtungen sind angesichts einer neuen Version der Dolchstoßlegende unerwünscht wie der Bundespräsident in der Ukraine. Die Gut-und-Böse-Geschichte ist zementiert, unantastbar wie eine Mine, von der Würde des Menschen ganz zu schweigen. Gebrandmarkt werden Sündenböcke für ihr falsches Leben, in dem es kein richtiges gibt. Sie sind dem Russen auf den Leim gegangen. Auf einmal ist auch jeder ein Putin-Versteher, der ihn ums Verrecken nicht versteht. Und wie gedankenlos muss ich sein, diesen Putin zum Teufel zu wünschen, wo er doch selber der Teufel ist.

In dieses Klima der Ratlosigkeit passt, dass der tapfere Schwabe Kretschmann mit aufrechter Mainstream-Haltung bedauert, nicht schon im vergangenen Jahr Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützt zu haben – und ohne jede Not ergänzt: "... obwohl ich nie Pazifist war". Ein lustiges Bekenntnis. Wer schon würde Pazifismus-Anklage gegen einen Politiker erheben, der einst im Kommunistischen Bund Westdeutschland die Weltrevolution vorbereitete – und heute Mitglied im Schützenverein Laiz in Sigmaringen ist? Dieser Klub empfiehlt auf seiner Homepage übrigens Schießanlagen für Großkaliber, womit sich politisch schon was machen ließe, wenn man weiß, dass Attentäter sich ihre schweren Waffen nicht selten als Mitglieder von Schützenvereinen legal besorgen.

Als Landei kanonenmäßig im Vorteil

Allerdings nimmt Kretschmanns Schützenverein eine womöglich doch leicht pazifistische Strömung in der Partei seines Promis ins Visier: "Leider gehört er der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen an, die die Sportschützen im Ländle eng kontrollieren." Kanonenmäßig fühle ich mich da moralisch im Vorteil, weil ich als Landei mit eindeutig positionierten Lehrfilmen wie "Winnetou", "Rauchende Colts" und "Leichen pflastern seinen Weg" sozialisiert wurde.

Parteipolitisch Appeasement-bewusst möchte ich mit Blick auf die Grünen noch klarstellen, dass der brandaktuell klingende Schlachtruf "Green has gone to war" nicht vom Geschwader Kretschmann, Baerbock & Co. stammt. Er zählt zur Zigaretten-Propaganda von Lucky Strike, hat mit unserer militanten Nichtraucher-Partei also nichts zu tun. 1942 wurden die grün-gold-roten Lucky-Packungen in Rot-weiß umgestaltet, weil in den vorherigen Farben Chrom und Kupfer enthalten waren. Beide Metalle brauchten die US-Streitkräfte dringend im Zweiten Weltkrieg. So entstand, umhüllt von patriotischen Rauchwolken, der berühmte Slogan "Green has gone to war". Heute wäre er hierzulande ein Wahlkampfknaller und eine fantastische Hookline.

Wenn das Leben wirklich aus Ablenkungen vom Tod besteht, sollte ich im Angesicht des Krieges aufhören, in der Gegend herumzustiefeln. Fast immer führen meine Spaziergänge von der Gegenwart in die Vergangenheit und umgekehrt. Das geht aufs Gemüt. An einer Gedenkstätte für die ermordeten Juden habe ich mal gelesen: "Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit". Diese Sicht ist zurzeit nicht so gefragt. Ich rechne damit, dass die Zukunft wesentlich kürzer ist als die Vergangenheit. Nicht nur für mich.


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