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Wohnen am Rotweg

"Der Mietsprung ist gering"

Wohnen am Rotweg: "Der Mietsprung ist gering"
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Stuttgart-Rot: Eine Genossenschaftssiedlung der Nachkriegszeit wird abgerissen. Hier wird bezahlbarer Wohnraum vernichtet, kritisieren die Mieterinitiativen. Hier soll ein beispielhaftes Quartier entstehen, widerspricht IBA-Intendant Andreas Hofer.

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"Es ist nichts mehr, wie es mal war", seufzt Margitta Horn, die als letzte Mieterin in ihrer Hauszeile in Stuttgart-Rot geblieben ist. Auch gegenüber lebt noch eine Familie, man sieht es am reich bepflanzten Balkon. Es sind unspektakuläre, dreigeschossige Nachkriegsbauten, die abgerissen werden sollen, um dem "Quartier am Rotweg" Platz zu machen, einem Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA'27.

Horn ist mit ihrem Mann 1989, kurz vor der Wende, aus der DDR gekommen. Nach einem halben Jahr fanden sie endlich ihre Wohnung bei der Baugenossenschaft Neues Heim. Sie hat sich hier wohlgefühlt. "Es war eine richtige Hausgemeinschaft", schwärmt sie. Mit ihrer Nachbarin, einer aus Kroatien stammenden Krankenpflegerin, verband sie eine "innige Freundschaft". Nun ist die Kroatin weg wie alle anderen, wenn auch nicht weit. Alle haben Ersatzwohnungen bezogen, fast alle konnten im Viertel bleiben.

Was Margitta Horn erzürnt: Nach dem Tod ihres Mannes habe sie 10.000 Euro in die Renovierung ihrer Wohnung gesteckt, Küche und Bad rundum erneuert. Kurz zuvor habe man ihr noch gesagt: "Hier können Sie bis an Ihr Lebensende bleiben." Dann sollten die Häuser plötzlich weg. Inzwischen hat auch sie eine Ersatzwohnung akzeptiert: betreutes Wohnen in einem Haus, das noch nicht fertiggestellt ist. Nur eines wollte sie nicht: ein Fenster mit Blick auf das Areal, auf dem sie gelebt hat.

Begegnungen auf Augenhöhe? Manche Mieter zweifeln

Vor dem Haus hängen Wäschestücke auf der Leine, bedruckt mit Schwarzweißfotos vom Baracken-Notlager "Schlotwiese": Niedrige, strohgedeckte Hütten, in denen in der frühen Nachkriegszeit die Geflüchteten aus der Batschka, einer Region zwischen Serbien und Ungarn, untergekommen sind. Sie haben 1948 die Genossenschaft Neues Heim gegründet, die dann die Siedlung gebaut hat, zusammen mit der Baugenossenschaft Zuffenhausen, die etwa 100 der 172 Wohnungen besitzt. 250 bis 280 sollen es in Zukunft werden.

"Die Not schmiedete uns Schlotwieser zu einer einzigen großen Familie zusammen" steht an einer Hauswand. "Hier fanden die Ersten von uns ihr neues Heim" an einer anderen. Zitate der Erstbewohner. Rote Briefkästen stehen vor den Häusern. Die Bewohner haben Karten bekommen, auf denen sie ihre Erinnerungen und Gedanken eintragen konnten. Karten, Briefkästen und Sprüche stammen aus dem Reallabor Stuttgart Rot, das Wohnungsbauministerin Nicole Razavi am 8. Juli auf einer hölzernen Laborbühne im Zentrum des Quartiers eröffnet hat.

Reallabor Stuttgart Rot

Ein Reallabor ist nach Uwe Schneidewind, dem früheren Präsidenten des Wuppertal Instituts und heutigen Oberbürgermeister von Wuppertal, der dieses Format entwickelt hat, ein Forschungsprojekt, bei dem Wissenschaftler mit Akteuren der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um Nachhaltigkeit und Transformationsprozesse voranzutreiben. Die Forschungseinrichtung ist hier die Hochschule für Technik (HfT), Studiengang Architektur und Gestaltung.

Was aber ist das Forschungsthema? Wolfgang Grillitsch, der als federführender Professor genannt ist, ist mittlerweile an der Hochschule Kärnten. Seine Nachfolgerin ist über Wochen hinweg nicht zu erreichen. Auf der Seite der HfT ist nur zu erfahren, dass Studierende des internationalen Masterstudiengangs IMIAD aus Indien, der Türkei und den USA in die geräumten Wohnungen eingezogen sind. Und dass sie Entwürfe zu "neuen Wohn- und Lebensformen in den Zeilenbauten des Quartiers" angefertigt haben, in denen sie die bestehenden Häuser um verschiedene Anbauten erweitern.

Eine von den Genossenschaften herausgegebene Broschüre über das Reallabor stellt Fragen wie: "Wie kann jede und jeder Wohnraum finden, der die Bedürfnisse abdeckt und finanziell tragbar ist?" Das wird die Hochschule nicht beantworten können. Aber sie soll ein Schwarzbuch führen, das Prozesse und Aktionen dokumentiert, die nicht zum Ziel führen. Eines weiß die Broschüre aber jetzt schon: "Das Reallabor Wohnen im Quartier 'Am Rotweg' ist ein Leuchtturmprojekt."  (dh)

Nach einer Woche und mehreren Anrufen bei beiden Genossenschaften kann Rüdiger Maier, Vorstandsvorsitzender der Baugenossenschaft Neues Heim, endlich einen Telefontermin anbieten – das IBA-Büro weiß bereits davon. "Ich bin in Stuttgart-Rot aufgewachsen", betont er. Beide Genossenschaften zusammen besitzen dort insgesamt rund 1.200 Wohnungen. Er kenne die Anliegen der Bewohner, seiner Mieter: zu 80 Prozent PolizistInnen, KrankenpflegerInnen und so weiter. "Sozial ist uns wichtig", so Maier.

"Zentrales Anliegen bei der genossenschaftlich getragenen Quartiersentwicklung ist es, den MieterInnen und Mitgliedern auf Augenhöhe zu begegnen", so Maiers Antwort auf die Frage, wie das Vorhaben zustande kam. Allerdings: "Die Entscheidung zur Quartiersentwicklung traf der Vorstand." Zuerst der Beschluss, dann die Beteiligung. Maier erklärt, ein "starker Impuls" käme auch aus der Mieterschaft. Es gab lange noch Nachtspeicheröfen. Das Treppensteigen wird älteren Menschen beschwerlich.

"Im Rahmen des städtebaulichen Wettbewerbs wurden auch Konzepte zur Erhaltung des Bestands in Erwägung gezogen", antwortet Maier. Allerdings nicht weiterverfolgt. Auf den Einwand, anderswo würden Häuser gedämmt und in Holzbauweise aufgestockt, antwortet er, sechs Zentimeter Styropor auf die Wände zu kleben, sei auch keine Lösung. Tatsächlich sind die Bestandswohnungen klein, wenn auch dem Augenschein nach nicht baufällig. Die Genossenschaft will auch neue Wohnformen, eine Kita, Einrichtungen zur Altersversorgung und Gewerbe unterbringen.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur: Wollten das auch die MieterInnen, die ja zugleich auch Genossenschaftsmitglieder, also MitbesitzerInnen der Gebäude sind? Oder wären sie, wie Margitta Horn, lieber in ihren kleinen Wohnungen geblieben?

"Im April 2022 werden alle unsere Mieter umgesetzt sein", erklärt Maier: die allermeisten in Rot, in einem preisgleichen Altbau. "Der Großteil des Gebäudebestands aus den 1950er und 1960er Jahren", so Maier, "bleibt bestehen und ist oder wird energetisch modernisiert." Auf die Frage nach der künftigen Miethöhe möchte er sich nicht festlegen. Nur soviel: "Der Mietsprung ist gering." Die Miete liege derzeit bei sechs bis sieben, künftig bei acht bis neun Euro pro Quadratmeter. Immerhin 25 Prozent mehr.

Mieter-Inis fordern ein Recht auf Wohnenbleiben

Die Mieterinitiativen sind nicht überzeugt. "Wer wenig Geld hat, ist auch über eine kleine Wohnung froh", schreiben Susanne Bödecker und Bettina Oeding in einem Statement an die Genossenschaft, "wer jahrelang eine Wohnung gesucht hat, ist dankbar, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben." Sie plädieren für den Erhalt des Bestands, auch aus Klimaschutzgründen, und fordern ein "Recht auf das Wohnenbleiben in der vertrauten Wohnung".

Dahinter stehen schlechte Erfahrungen – auch mit der Baugenossenschaft Zuffenhausen, die kürzlich ihren ältesten Bestand, den sogenannten "Kommunistenblock" aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, abgebrochen hat – Kontext hat berichtet. An die Stelle von 65 Wohnungen zu Mieten unter sieben Euro soll der "Zuffenhäuser Garten" mit nur 61 Wohnungen treten. Die Linken im Bezirksbeirat hatten 100 Prozent Sozialwohnungen gefordert, doch mehr als 30 Prozent konnten sie nicht durchsetzen. So gibt es dort künftig nur noch 18 kostengünstige Wohnungen – statt 65.

"Wichtig ist uns", so IBA-Sprecher Tobias Schiller auf Kontext-Nachfrage: "Die IBA'27 setzt sich für eine sozialverträgliche Weiterentwicklung von Wohnungsbeständen ein und stellt sich dezidiert gegen renditegetriebene Ersatzneubauten." Die IBA wolle Kriterien entwickeln, wie bei den schwierigen Entscheidungen der Quartierserneuerung zu verfahren sei, und dazu ein Positionspapier verfassen.

Drei-Drittel-Strategie

Andreas Hofer betont, um dauerhaft kostengünstige Wohnungen anbieten zu können, müssten die Genossenschaften ihre Bestände erneuern. In der Schweiz habe sich eine Drittel-Strategie bewährt: ein Drittel durch größere Neubauten zu ersetzen, ein weiteres Drittel energetisch zu sanieren und den Rest als "extrem günstigen Wohnraum" weiter zu bewirtschaften.  (dh)

"Das Projekt am Rotweg", verteidigt Hofer das Vorhaben, "betrifft nur einen kleinen Teil des Bestands in einem homogenen Nachkriegsquartier, allen Haushalten wurden günstige Ersatzwohnungen angeboten und die Neubauwohnungen ergänzen den Wohnungsbestand mit bisher fehlenden Typologien und leisten mit anspruchsvollen energetischen Zielen einen Beitrag zur Energiewende."

Den städtebaulichen Wettbewerb, ausgeschrieben vor einem Jahr, gewann das Berliner Büro ISSS Research Architecture Urbanism, das sind Ingrid Sabatier und Stephan Schwarz. Ein junges Büro, vor zwölf Jahren in Paris gegründet, wo beide damals ihr Studium abgeschlossen haben. "In interdisziplinären Teams entwerfen wir radikale Zukunftsbilder und beschäftigen uns mit Fragen des menschlichen Maßstabs, zukünftiger Mobilität, hybrider Typologien, kooperativem Grundbesitz, urbanem Metabolismus und resilienten urbanen Landschaften", steht auf ihrer Website. Stephan Schwarz promoviert derzeit über "Selbstorganisierte Wohnprojekte in alternativen Eigentumsstrukturen am Beispiel Berlins".

Ihre Entwürfe trapezförmiger Holzbauten zeigen, was derzeit gefragt ist: kurze Wege, grüne Dachterrassen, Co-Working-Spaces, neue Formen des Zusammenlebens, Schwammstadt, Nahwärme, CO2-neutrale Mobilität. Es klingt vielversprechend.


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1 Kommentar verfügbar

  • Magdalena Schrade
    am 01.12.2021
    Antworten
    80% der dort Wohnenden sind „PolizistInnen, KrankenpflegerInnen und so weiter.“ Was immer man unter „und so weiter“ zu verstehen hat. Es hat auf jeden Fall etwas mit „das Soziale“ zu tun.
    Die freuen sich bestimmt wie Bolle auf die kurzen Wege zu ihren Co-Working-Spaces.
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