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Filmkritik "Die Zähmung der Bäume"

Flucht in die Kunst

Filmkritik "Die Zähmung der Bäume": Flucht in die Kunst
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In ihrer Doku "Die Zähmung der Bäume" zeigt die georgische Regisseurin Salomé Jashi, wie ein reicher Mann große Bäume kauft. Wer er ist und wo das passiert, erfährt man nicht. Deshalb: Spoiler frei!

Lasst uns über Bäume sprechen! Die Zeiten, in denen nach Bertolt Brecht "ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt", diese Zeiten sind doch längst vorbei. Jetzt ist nicht nur der Hambacher Forst ein Hort des Widerstands gegen die Klimakatastrophe geworden, jetzt wird mit Wohl und Wehe der Bäume das Schicksal der ganzen Erde verknüpft. In Sachbüchern wie "Das geheime Leben der Bäume" und in Romanen wie "Die Wurzeln des Lebens" wird der Baum zu einem fast mythischen Geschöpf, das mit seinesgleichen mittels biochemischer Netzwerke kommuniziert. Und was machen diese buchstäblich höheren Wesen in Salomé Jashis Dokumentarfilm "Die Zähmung der Bäume"? Sie fahren übers Meer.

Es sind keine kleinen Gewächse. Es sind grüne Riesen, so dass es aus der Entfernung aussieht, als stünden sie auf einer Insel. Tatsächlich sind diese Bäume mit Stahlseilen auf einem Floß fixiert und werden von einem Schlepper Richtung Horizont geschoben. Wohin genau? Na, das kriegen wir wohl später!? Bevor die Regisseurin uns aber ausgiebig über dieses surreal wirkende Bild staunen lässt, hat sie beobachtet, wie die Wurzeln dieser Bäume mit Baggern und Bohrern freigelegt und danach umwickelt und verschalt wurden; wie Schneisen in den Wald geschlagen wurden, um eine Straße für den Transport zu bauen; wie aus dem Meer ein Taucher watete, der eine nicht zu seichte Landungsstelle ausgesucht hat.

"Dieser Mann ist echt verrückt nach Bäumen", sagt einer der Arbeiter. Welcher Mann? Na, das kommt wohl noch?! Der Arbeiter jedenfalls und seine Kumpel tragen fast alle dreckige T-Shirts und zerschlissene Jogginghosen, sie hacken, sägen, schaufeln und hocken abends auch mal wortkarg am Feuer. Sie wissen eben auch nichts Genaues über das, was hier passiert, genauso wenig wie die ärmlichen Dörfler, die ihre Bäume verkaufen. An wen? Wie gesagt, den Auftraggeber kriegen wir wohl später. Hm. Nein, den kriegen wir gar nicht. Denn die Regisseurin will nichts erklären, nur schauen. Sie verzichtet auf Inserts, Interviews oder Voice-Over-Kommentare, legt also keine Informationen über die Bilder. Sollen die für sich selbst sprechen?

Um noch einmal Brecht zu zitieren: 1931 hat der Autor konstatiert, dass "weniger denn je eine einfache 'Wiedergabe der Realität' etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute." Das war zwar in Bezug auf die Fotografie formuliert, trifft aber auch auf Salomé Jashis Film zu. Wobei das in ihrem Fall nichts mit der Unzulänglichkeit ihres Mediums zu tun hat. Es ist Absicht. Was die Regisseurin mit starrer Kamera und manchmal minutenlangen Einstellungen aufnimmt, will ja gar keine sozialen, politischen oder ökonomischen Bedingungen herausarbeiten, es benutzt die Realität vielmehr, um diese in Kunst aufzulösen. "Die Zähmung der Bäume" will vage bleiben, will Geheimnis sein und Poesie.

Choräle statt Aufklärung

Es steckt eine große Geschichte in diesem Film, aber sie kann nicht raus, sie wird absichtlich (und feige?) zugeschüttet. So ist dies bloß ein ins große Allgemeine hinein inszenierter und vielleicht auch deshalb viel geförderter Festivalfilm geworden. Er nennt keine Namen, keine Orte, keine Historie, er hat, auch wenn in ihm ein paar Menschen lamentieren dürfen, kein wirkliches Interesse an menschlichen Interessen. Die Film- und Medienstiftung NRW behauptet zwar, der Film beschreibe "Dynamiken zwischen Arm und Reich, Mächtig und Schwach" und erzähle "von politischer Willkür und gesellschaftlichem Widerstand." Genau davor aber drückt sich Salomé Jashi. Angesichts der journalistischen Krise wird der Dokumentarfilm als Genre oft gelobt, weil er in die Lücke springe, die aufklärerische Reportagen hinterlassen haben. Für "Die Zähmung der Bäume" gilt dies nicht. Viel aufklärungsferner kann ein Film gar nicht sein.

Deshalb wird nun gespoilert! Es werden also ein paar Informationen nachgeliefert, die der Film den ZuschauerInnen verweigert: "Die Zähmung der Bäume" ist das Werk einer georgischen Regisseurin. Der Mann, der den Auftrag zur Baumentwurzelung und -verschickung gab, ist ebenfalls Georgier. Er heißt Bidsina Iwanischwili, ist mehrfacher Milliardär, hat seinen Reichtum im Räuberkapitalismus der russischen Jelzin-Jahre erworben, hat später in seinem Heimatland den irrlichternden Politabenteurer und Staatspräsidenten Micheil Saakaschwili finanziert, sich dann mit diesem überworfen und eine eigene "Bürger"-Partei namens "Georgischer Traum" gegründet, für die er selbst Staatspräsident wurde. Inzwischen lässt er regieren und konkurriert weiter mit Saakaschwili in einem Staat, der sich als Demokratie bezeichnet und vom Westen hofiert wird.

Die Bäume, für welche die Dörfler Geld bekommen haben und manchmal vielleicht auch nicht – der Film lässt dies im Unklaren –, hat sich der Oligarch Iwanischwili für einen Park am Schwarzen Meer holen lassen, von dem der Film, natürlich wieder ohne Orts- und Namensnennung, am Ende elegisch-schöne Bilder zeigt. Dazu Kunstmusik und Choräle. Iwanischwili selbst residiert in einem protzig-scheußlichen Glas-, Stahl- und Marmorpalast über Tiflis, der nicht im Film vorkommt, aber als Fotostrecke in Magazinen wie "Forbes" gezeigt und vom "Daily Telegraph" als James-Bond-Villa beschrieben wird. Iwanischwili hat sich auch einen Zoo zusammengekauft und sehr viel Kunst. Wer ihn googelt, sieht einen hageren kleinen Mann, der gern lächelt und vor Werken von Roy Liechtenstein, Jeff Koons oder Lucian Freud posiert. Im Jahr 2006 hat Iwanischwili sich für 95 Millionen Dollar einen Picasso gekauft. Man kann sich auch gut vorstellen, wie er stolz in seinem Heimkino sitzt und einen Kunstfilm wie "Die Zähmung der Bäume" anschaut.

P.S. Das Presseheft formuliert die Absicht des Films als Achtsamkeits- und Fleißaufgabe: "So ist 'Die Zähmung der Bäume' ein Plädoyer dafür geworden, Bäume zu bemerken und in seiner jeweiligen Umgebung über die Geschichte eines Baums nachzudenken." Na, dann denken wir mal schön nach.


Salomé Jashis Doku "Die Zähmung der Bäume" ist ab Donnerstag, 2. Dezember in deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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