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Filmkritik "À la carte"

Und zum Nachtisch die Guillotine?

Filmkritik "À la carte": Und zum Nachtisch die Guillotine?
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In Éric Besnards "À la Carte" wird der Meisterkoch Manceron von seinem fiesen adligen Herrn entlassen. Er lässt sich in der Provinz nieder und eröffnet im vorrevolutionären Frankreich das erste Restaurant. Ein Wohlfühl- und Werbefilm für la douce france und ihre Küche.

Da tafelt sie nun also, diese Gesellschaft rund um den Herzog von Chamfort (Benjamin Lavernhe). Diese blasierten und gepuderten Perückenträger! Diese arroganten Sausäcke mit den "feinen" Manieren! Dieses Hochadel genannte Pack, das sich am wohlsten fühlt, wenn es auf andere herunterschauen kann! Noch ahnen diese Herrschaften nicht, dass ihnen bald eine Revolution bevorsteht, noch können sie befehlen, tadeln und strafen wie es ihnen beliebt.

Jetzt ist gerade der Koch Manceron (Grégory Gadebois) dran, ein in jedem Sinn gewichtiger Mann, der dieser herablassenden Schmarotzerrunde ein opulentes Mahl bereitet hat. Zuerst wird er noch mit rhetorisch-affektierten Lobgirlanden umrankt, dann aber eröffnet des Herzogs Hauspfaffe die Kritikschleuse und ein Schwall von Gemeinheiten ergießt sich über den stoisch-stumm bleibenden Manceron. Wie konnte er es wagen, diesen feinen Leuten so vulgäre Dinge wie Kartoffeln vorzusetzen!? "Das ist für die Schweine!", wütet der Pfaffe und wirft dem Koch zum allgemeinen Adels-Amüsement seinen Teller vor die Füße.

Doch da stellen wir ZuschauerInnen uns schon vor, wie dieser hundsgemeinen Gesellschaft der Nachtisch per Guillotine verabreicht wird! Aber noch ist es nicht soweit, noch muss der Held mit seinem Sohn das Schloss verlassen, muss durch Wind und Wetter hindurch und sich schließlich im verkommenen Bauernhaus des alten Vaters einrichten. So richtig köpferollend will es der Regisseur Éric Besnard ("Birnenkuchen mit Lavendel") ja auch gar nicht haben. Kein Blutgericht soll sein Film werden, sondern eine bildersatte Feier kultivierter Nahrungszubereitung und -zufuhr. "Freiheit geht durch den Magen", so lautet der Untertitel des Films, der die Erfindung der bürgerlichen Gastronomie als Vorbote der Revolution sieht. Und schon fast als diese selbst.

Sehr sinnlich – das Essen, die Liebe, die Rache

Ein Wohlfühlfilm also. Und wenn man das akzeptiert, kann man "À la carte" durchaus genießen. Wie da zunächst in der großen Schlossküche geschnippelt, gebrutztelt, gebacken, gekocht und gegart wird, wie da aus Mehl, Eiern und Milch ein Teig entsteht, wie Hände ihn kneten und formen, wie daraus schließlich Törtchen werden! Sehr sinnlich inszeniert und mit Musik vorangetrieben sind diese Bild-Ton-Montagen. Das sieht alles so appetitlich aus, dass man sofort reinbeißen möchte. Und das geht so weiter in der kleineren und rustikaleren Küche des idyllisch gelegenen Vaterhauses, das Manceron zur wirtschaftlich betreuten Raststätte umrüstet. Schön sieht's aus: atmosphärische Landschaftsmalerei mit der Kamera; Interieurs wie von Rembrandt oder Vermeer; und immer wieder das Essen als vergängliche Kunst, hier jedoch festgehalten in von flämischen Stillleben inspirierten Bildern.

Irgendwann taucht die geheimnisvolle Louise (Isabelle Carré) auf, eine Frau mittleren Alters, attraktiv, aber fern jeder Koketterie. "Ich will Ihr Lehrling werden", sagt sie zu Manceron, diesem schweren Mann mit dem melancholischen Blick, der zunächst ablehnt, dann aber ihrer Beharrlichkeit nachgibt. Eine Rachegeschichte, verknüpft mit dem Herzog von Chamfort, schmort in diesem Film nun mit, und als leichte Zugabe, sozusagen als Soufflé, wird natürlich auch eine Liebesgeschichte serviert. Wobei Erotik und Sex schon im Essen selbst angelegt sind. "Ich kriege einen Steifen!", gesteht Mancerons Vater beim genussvollen Kauen. Das Hauptgewicht aber liegt weiter auf der liebevollen Zubereitung und Präsentation von Nahrung: "À la carte" ist nämlich auch so etwas wie die Verlängerung der TV-Kochsendungen ins Kino.

Mancerons Sohn ist übrigens auch ein Mann des Fortschritts, nicht nur quasi instinktiv wie sein Vater, sondern ganz bewusst. Er hat schon von Flugballons gehört und von der Pariser Aufführung einer aufrührerischen Geschichte, bei der es sich vermutlich um Beaumarchais' Vorlage zu "Figaros Hochzeit" handelt. Dieser Sohn ist zum Vegetarier geworden, er weiß nämlich: "Fleisch macht mürrisch und gewalttätig." Soweit geht Manceron freilich nicht, dieser Film wäre ohne Braten oder Huhn im Teigmantel ja auch optisch ein bisschen ärmer. Immerhin: Der Koch, der hier nebenbei auch die Pommes frites kreiert, bevorzugt Saisonales und Regionales. Auch wenn "À la carte", etwa in der Auswahl der Speisen und Gerätschaften, historisch korrekt sein will, schreibt der Regisseur den alten Zeiten also doch ein paar neuere Themen ein.

Insgesamt ist dieser Film eine Huldigung an das traditionelle Erzählkino, und das wird in Dienst gestellt für eine große Frankreich-Werbung. La douce france! Ein Paradies für den Gaumen, das sich dank Manceron für alle geöffnet hat. Er erfindet hier das Restaurant, stellt Tische bereit, an denen Gäste auf gleicher Höhe speisen können – ein demokratischer Akt, den der Film als revolutionär inszeniert. Es schaut nämlich auch mal der Herzog von Chamfort vorbei, der seinen Koch respektive dessen Küche vermisst. Als der Herzog sich vom gemeinen Volk umgeben sieht, empört er sich: "Gutes Essen ist nichts für den Pöbel!" Der "Pöbel" aber zieht ihm die Perücke vom Kopf. Ob es bei dieser sehr zivilisierten Form der Entadelung bleibt? Im Film schon, aber an dessen Ende verkündet ein Nachsatz: "Einige Tage später wird die Bastille gestürmt."


Éric Besnards "À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen" ist ab Donnerstag, 25. November in deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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