KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Angela Merkel in Karikaturen

Am Bein von George W.

Angela Merkel in Karikaturen: Am Bein von George W.
|

Datum:

Jetzt ist sie weg: Angela Merkel hat das Kanzleramt für Olaf Scholz geräumt. In wie vielen Karikaturen sie in ihrer Zeit als Politikerin auftauchte, ist zwar noch nicht erforscht, der Zeichner Klaus Stuttmann hat aber sein Archiv durchforscht – und rund 800 ausgewählt und in ein Buch gepackt. (Fast) ohne Worte, aber mit viel Zwerchfellanimation.

ZurückWeiter

Das soll unsere Angie sein? Weil Anfang der 1990er zwar manche schon mitbekommen haben, dass eine Angela Merkel aus den neuen Ländern im dritten Kabinett von Kanzler Helmut Kohl ab 1991 Ministerin für Frauen und Jugend ist, aber kaum jemand weiß, wie sie aussieht, hat Klaus Stuttmann ihr in seiner ersten Karikatur ein Namensschildchen beigegeben. Im Grunde etwas, was Karikaturisten tunlichst zu vermeiden suchen, weil Bildsatire ja eigentlich über die Bekanntheit und  Wiedererkennung des gezeichneten Personals funktioniert, aber manchmal geht’s halt nicht anders. "Die ersten Zeichnungen hatten noch keine große Ähnlichkeit", sagt Stuttmann selbst. Und seine frühe Merkel hat noch – relativ – weit aufgerissene Augen und einen recht geraden Mund, was sich aber bald ändern wird. Die hängenden Mundwinkel und Augenlider auf Halbmast gehören schon damals zu Merkels Markenzeichen, und Stuttmann hat sie dann auch schnell und gekonnt aufgegriffen ­– und siehe da, so ab Mitte der 1990er, ist sie's eindeutig, selbst wenn Frisur und Kleidungsstil noch einige Transformationen durchleben werden.

1.500 Mal hat der 1949 geborene Berliner Zeichner mit schwäbischen Wurzeln Merkel in den vergangenen rund 30 Jahren gezeichnet, 800 Karikaturen hat er nun ausgewählt und zu einem dicken "Merkelbilderbuch" kompliliert – ganz ohne Worte, sämtliche Sprechblasen und Bildtitel fehlen. Warum das? "Die Mannigfaltigkeit von Merkels Mimik und Gestus erschließt sich am besten, wenn man ihr sozusagen den Ton abschaltet", sagt Stuttmann. Hätte er die Sprechblasen belassen, dann hätte er bei jeder Zeichnung den Kontext erklären müssen, "dann wäre es ein historisches Buch geworden." Und soll es nicht sein, sondern eher eine Sammlung von Porträts Merkels und ihrer Zeitgenossen.

Ein bisschen zum historischen Buch ist es aber dann doch geworden, denn ganz ohne Kontext werden die Schmökernden nicht gelassen: Der Inhalt ist nach Jahren gegliedert, und bei jedem neuen stehen zu Beginn die wichtigsten Merkel betreffenden politischen Ereignisse im Telegrammstil – das reicht oft, in Kombination mit den Bildern, um (je nach Alter) dem eigenen Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen und schnell das eine oder andere zu ergänzen. Wer sich partout nicht mit der Textlosigkeit abfinden will, kann in Stuttmanns Archiv auf dessen Homepage die getilgten Worte nachlesen: Per Suchfunktion nach Jahr, Person oder Thema wird man hier sehr schnell fündig.

Und was gibt es da alles wiederzuentdecken! Zum Beispiel, dass Merkel, als sie unter Kohl Umweltministerin war, sich ziemlich lässig im Umgang mit der Atomkraft, den Energieunternehmen und der Sicherheit der Castor-Transporte gab. Und dass sie mit der Autoindustrie schon damals eher milde umging. Richtig interessant wird's dann um 2000 mit all den innerparteilichen Machtkämpfen: Kohl hinterlässt mit dem Spendenskandal einen großen Haufen Dreck, den es wegzuputzen gilt; Friedrich Merz taucht als Rivale auf, aber auch Roland Koch, Jürgen Rüttgers und – im Rennen um die Kanzlerkandidatur 2003 – CSU-Chef Edmund Stoiber. Die Hakeleien der beiden finden sich ausgiebig in Stuttmanns Buch, ebenso die teils ziemlich ähnlich dargestellten mit Stoibers Parteigenosse Horst Seehofer rund 15 Jahre später. Und trotz einiger Beulen und blauen Augen auf beiden Seiten ist ja bekannt, wer die Oberhand behielt.

Prägnant, böse – und sehr lustig

Ein paar schöne Karikaturen erinnern auch daran, wie sehr Merkel 2003 – im Gegensatz zur rotgrünen Regierung unter Gerhard Schröder – den Irak-Kriegskurs der US-Regierung unterstützte. Stuttmann lässt die damalige CDU-Vorsitzende sich an das Bein von US-Präsident George W. Bush klammern. Fast noch schöner in ihrer liebevollen Boshaftigkeit ist eine Postkarte an den "lieben Georgi" mit Merkel in voller Kampfmontur – eine Episode, die angesichts eines selbst beim großen Zapfenstreich immer ausgeprägt zivil wirkenden Auftretens Merkels nicht ganz vergessen werden sollte. Ebenso wenig die Kluft zwischen Rhetorik, wie dem gelegentlich als Quintessenz der Merkel-Jahre rezipierten "Wir schaffen das"-Zitat angesichts der Flüchtlingskrise 2015, und der praktischen Politik, die bald wieder sehr restriktiv wurde. Was Kontext-Gastautor Seán McGinley in diesem Zusammenhang vor einem Jahr beklagte, hat Stuttmann in eine so prägnante wie bittere Karikatur gepackt.

Oft bitter (und meist trotzdem lustig) ist auch der Blick auf Euro- und Griechenlandkrise. Die verschiedenen Koalitions- und unionsinternen Querelen erinnern dagegen im Vergleich eher an ein andauerndes Comedy-Programm – und nichts anderes waren sie ja bei Lichte betrachtet zum Großteil, selbst wenn es für diese Einsicht manchmal Stuttmanns zeichnerischer Zuspitzung bedarf.

Wie sehr das "Merkelbilderbuch" ein historisches Buch ist, hängt also auch von der Herangehensweise ab. Auf jeden Fall ist es ein Schmöker, der nicht nur die Erinnerung, sondern auch das Zwerchfell ganz gehörig animiert.

Und neben der karikaturistischen Evolution Merkels ist auch interessant zu beobachten, wie sich Stuttmanns Stil über die Jahre entwickelt, immer prägnanter und schärfer wird, und wie das anfängliche Schwarzweiß nach und nach einer sehr lebendigen Computerkolorierung weicht, wie sie nur wenige seiner KollegInnen draufhaben. Dass Stuttmann, der täglich für den Berliner "Tagesspiegel" zeichnet und regelmäßig noch für rund 30 andere Tageszeitungen, bei Wettbewerben regelmäßig Preise absahnt, kommt nicht von ungefähr.

Wem die längere Erzählform des Comics lieber ist als die auf ein Bild und eine Pointe der Karikatur konzentrierte, der findet übrigens auch etwas zu Angela Merkel – allerdings nur noch antiquarisch und nur bis ins Jahr 2009 gehend. In jenem Jahr veröffentlichten die Journalistin Miriam Hollstein und der Karikaturist Heiko Sakurai gemeinsam den Band "Miss Tschörmanie. Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde". Von Merkels Kindheit bis zur Bundestagswahl 2009 reicht die gezeichnete Biografie, alles in allem deutlich wohlwollender mit der Protagonistin umgehend als Stuttmann, aber auch nicht völlig zahnlos – und Sakurais sehr flinker, skizzenhafter Stil gleicht an Boshaftigkeit manches aus, was Hollsteins Erzählung mehr hätte vertragen können.


Klaus Stuttmann: Mein Merkelbilderbuch. Über 800 Zeichnungen aus 30 Jahren. Schaltzeit Verlag, 200 Seiten, 24,90 Euro.

Miriam Hollstein, Heiko Sakurai: Miss Tschörmanie. Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2009. Nur noch antiquarisch.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!