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Comic über Migration und ein Lied

Bella ciao ciao ciao

Comic über Migration und ein Lied: Bella ciao ciao ciao
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Ja, es geht auch um das berühmte, titelgebende Protestlied in dem neuen Comic des französischen Ausnahmezeichners Baru. Aber längst nicht nur. Kunstvoll erzählt Baru am Beispiel der nach Frankreich ausgewanderten Italiener über Migration und Assimilation – und über die Fehlbarkeit der eigenen Erinnerung. "Bella Ciao" ist der grandiose Auftakt einer Trilogie.

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­Wer auf Demonstrationen geht, kennt dieses Lied. Mit der Melodie von "Bella Ciao" beginnen die Video–Aufzeichnungen der Montagsdemos gegen Stuttgart 21, nicht nur in Italien ist es oft die Begleitmusik von Protesten gegen rechts, auf Gewerkschaftsdemos kann man ihm schwer entgehen, der DGB hat zum diesjährigen 1. Mai sogar einen virtuellen Chor mit dem Lied initiiert, aber auch auf "Querdenker"-Demos war es schon zu hören. Es gibt unzählige Versionen, berühmte SängerInnen wie Milva oder Yves Montand haben es interpretiert, aber auch kleine Indie-Acts wie die schottische Postpunk-Band Dog Faced Hermans, und 2014 kursierte im Netz ein Video, das zu "Bella Ciao" kurdische YPG-Kämpferinnen im syrischen Kobane zeigte, die sich dem IS entgegen stellen.

Kürzlich haben in Italien linke Parteien und die Cinque Stelle vorgeschlagen, das Lied zur offiziellen Hymne des 25. April zu machen, des Gedenktags für die Befreiung vom Faschismus und von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Und wäre das nicht passend? Es handelt sich bei dem so eingängigen wie eindringlichen Lied schließlich um das Lied der italienischen Partisanen. Das Lied, das sie sangen, bevor sie die Feinde angriffen, die Bereitschaft zum Sterben bekundend ("Che mi sento di morir"), doch nicht in militärischem Marsch-Rhythmus und dumpf-heroischer Sich-Opfern-fürs-Vaterland-Rhetorik, sondern mit Sinn für die Schönheit und dem Wunsch, das auf dem eigenen Grab eine Blume wachsen möge, erinnernd an den für die Freiheit gestorbenen Kämpfer ("E questo il fiore del partigiano / Morto per la liberta"). Hach.

Und nun müssen all jene, die "Bella Ciao" auch wegen dieser Geschichte lieben, stark sein. Denn das ist alles nur ein Mythos.

Mythen in Versen

Wobei, "alles" stimmt nun auch wieder nicht. Aber das heutige, tausendfach gesungene "Bella Ciao" existiert erst seit Beginn der 1960er Jahre. Davor war es, mit einem vermutlich sehr ähnlichen Text, nur einem sehr kleinen Kreis bekannt, und das mit dem Partisanenbezug ist auch nicht ganz falsch. "Forscher berichten, dass kleine Gruppen von Partisanen es vielleicht 44 oder 45 in der Gegend um Modena und Bologna gesungen haben, aber das ist alles", schreibt Hervé Barulea alias Baru in "Bella Ciao". Doch die Forscher seien sich auch einig, dass dieses Lied nie die Hymne der Partisanen war, zumal die gar keine hatten. "Die wenigen Male, als ihnen nach Singen zumute war, war es 'Bandiera rossa' oder 'Fischia il vento', auf die Melodie von 'Katjuscha' und mit derart eindeutigem Text, dass man die Hand Moskaus mehr als klar erkannte."

Nach dem Tod Stalins wurden diese Kampf-Lieder für die komunistische Partei Italiens PCI aber zur Bürde, sie wollte sich (anders etwa als die deutsche KPD) vom sowjetischen Gängelband befreien. Da half ihr das Festival "Dei Due Mondi" im umbrischen Spoleto, das 1964 Volksliedern gewidmet war. Und dort wurde nicht nur das heute bekannte "Bella Ciao" vorgestellt, sondern auch eine Vorgängerversion, die, so hieß es, schon lange davor von den Reisfeldarbeiterinnen der Po-Ebene, den Mondine, gesungen worden sein soll. Kein Lied über einen militärischen, sondern über den Klassenkampf, gesungen von ausgebeuteten Arbeiterinnen, endend mit den Zeilen "Ma verrà un giorno che tutte quante / Lavoremo in libertà" ­– eines Tages werden wir alle in Freiheit arbeiten. Und da auch die Partisanenversion nur einen vagen, ideologisch nicht definierten Eindringling ("invasore") nannte, stürzte sich die PCI mit Freude auf beide Versionen. Aber was ist von dem jiddischen, zur Klezmer-Folklore gehörenden Lied "Dus zekele mit koilen" zu halten, das der aus Odessa stammende Roma Mishka Ziganoff zwischen 1910 und 1920 mehrfach in New York aufnahm? Seine Melodie erinnert teilweise stark an die vermeintliche Partisanen-Hymne.

Die Geschichte und die Mythen um das berühmte Lied macht nur ein Kapitel von Barus neuem Comic "Bella Ciao" aus – wobei Comic als Bezeichnung für das neue Werk des französischen Zeichners und Autors im Grunde etwas zu eng wirkt. Vielmehr ist es eine Collage aus historischen Dokumentationen und Fiktionen, immer wieder nahe an Barus eigener Geschichte: Er ist Sohn eines italienischen Emigranten, der in Frankreich Arbeit suchte und sie in den Stahlwerken Lothringens fand. Die Passage über "Bella Ciao" sei für ihn eine Metapher über die persönliche Erinnerung, denn die lüge nun mal "wie gedruckt". Das eigene Erinnerungsvermögen stellt Fallen, ergänzt fehlende Stellen falsch, ordnet Erinnerungsfetzen falsch zu. Und daher sei die Beschäftigung mit dem Lied für ihn auch eine Art, den Leser zu unterrichten, "dass Bella Ciao keinesfalls eine Autobiografie ist", auch wenn das Buch autobiografische Elemente enthält.

Ein Ken Loach des Comics

Baru hat erst mit 37 mit dem Zeichnen angefangen. Als er 1984 sein erstes Comicalbum "Quéquette Blues, Part Ouane" veröffentlichte, bekam er dafür den "Prix Alfred" für das beste Debüt, heute gilt er als einer der wichtigsten und bekanntesten französischen Zeichner. Trotz der Comicbegeisterung in unserem Nachbarland kann man darüber auch staunen, ist Baru doch mit seiner Vorliebe für Stoffe über sozial Ausgegrenzte, Immigranten und Außenseiter jeglicher Couleur so etwas wie das zeichnende Gegenstück zum nicht gerade für Mainstream stehenden britischen Filmemacher Ken Loach – plus einer kleinen Prise Tarantino und etwas mehr Humor. Was weit besser passt, als es auf den ersten Blick klingen mag.

Stilistisch finden sich schon weniger Referenzpunkte. Zwar bewegt sich Baru mit seinen mal mehr, mal weniger abstrakten Figuren vor realistisch gezeichneten Hintergründen durchaus in den Traditionen des frankobelgischen Comic. Doch die extrem dynamische Art, wie er seine Figuren mal grotesk karikaturistisch verzerrt, mal expressionistisch verformt, sucht im europäischen Comic ihresgleichen. Ebenso Barus Meisterschaft darin, mit verschiedensten zeichnerischen Mitteln – durch Bilderfolgen, Ausschnitte oder Perspektiven – Dramatik zu erzeugen.

In einem Interview vom Juli 2013 sagte Baru unter anderem, er sei ein politischer Zeichner, "weil ich mich dafür interessiere, wie Gesellschaft funktioniert". Vor allem interessiere ihn dabei die "Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Folgen der sozialen Wanderungen", die Gefahren des Rechtsextremismus – und "die Frage, wie man all dem entkommen kann." Und Versuche zu entkommen unternehmen seine Protagonisten tatsächlich oft. Ob vor politischen Vereinnahmungen zur Zeit des Algerienkrieges wie der Boxer Said in "Der Champion" (1990) oder vor rechtsextremen Häschern und einem perspektivlosen Leben wie die beiden jugendlichen Hauptfiguren in seinem Meisterwerk "Autoroute du Soleil" (1995), vielleicht einem der besten europäischen Comics überhaupt – ein 500-seitiger Roadmovie in Buchform, der sich in einem Rutsch wegliest und voller präziser Randnotizen über die soziale und politische Situation Frankreichs ist.

Schon in früheren Werken hat Baru immer wieder seine italienische Herkunft thematisiert und die zur Identitätsstütze gewordene neue Arbeit seines Vaters in den lothringischen Stahlwerken, deren Hochöfen regelmäßig als Chiffren auftauchen – in "Bella Ciao" auch, schon auf dem Titelbild, danach aber nur noch kurz in einem Erzähltext. Was sich aber noch ändern kann. Denn es handelt sich um den ersten Teil einer Trilogie über Barus italienische Wurzeln und das Wesen von Migration.

Es beginnt blutig

Jener erste Teil beginnt Ende des 19. Jahrhunderts in Südfrankreich, und es ist ein ziemlich furchtbarer, blutiger Beginn: das Massaker von Aigues-Mortes im Jahr 1893. Zwischen italienischen Wanderarbeitern, die auf den Salinen der Stadt an der Rhône-Mündung arbeiteten, und Ortsansässigen kommt es zu Auseinandersetzungen. Es ist die alte, immer gleiche Geschichte: Die ausländischen Wanderarbeiter werden bezichtigt, den einheimischen Franzosen die Arbeit wegzunehmen. Ein Mob stürzt sich auf die Italiener, tötet zehn von ihnen und verletzt noch viel mehr. Es gibt ein Gerichtsverfahren, das mit lauter Freisprüchen endet.

Erzählt wird das auf eine Art und Weise, die sich in dem Band noch mehrmals wiederholt: Erst werden die dramatischen Ereignisse und ihre Vorgeschichte in den für Baru typischen, atemlos-dynamischen Panel-Folgen erzählt, dann schließt sich ein einordnender historisches Textteil an, angereichert mit historischen Dokumenten. "Ich habe mit diesem Blutbad angefangen, um meine Leser dazu anzuregen, alles, was ich ihnen erzählen würde, an diese Tragödie anzulehnen", sagt Baru. Das Massaker sei zwar fast 130 Jahre her, "aber es bleibt das Muster der Gewalt, die Fremden angetan wird."

Nach dem blutigen Auftakt geht es – größtenteils – etwas friedlicher weiter, mehrere Episoden aus dem Umfeld der Familie Martini, die aus Camerino stammt, einer Kleinstadt in der italienischen Provinz Marken. Erzähler ist der schon in Frankreich nach dem Krieg geborene Teo Martini, dem der 1947 geborene Baru vermutlich Teile seiner eigenen Biografie – oder der Erinnerung daran – mitgibt.  Am Ende bringt sich Baru auch selbst noch kurz ins Bild, in einer Diskussion, wie man richtige Cappeletti zubereitet, inklusive Rezept. Aber selbst bei diesem lockeren Kapitel geht es um Fragen, die der Comic, oft en passant, immer wieder stellt: Was von der eigenen Kultur bewahre ich, wenn ich auswandere, was gebe ich auf? Was betrachte ich als zentralen Bestandteil der eigenen Identität, was darf der Assimilation anheim fallen? Und hat es überhaupt einen Sinn, sich gegen den Verlust kultureller Besonderheiten zu wehren, die die Vorfahren aus ihren Herkunftsländern mitgebracht haben?

Nicht immer ist das einfach zu lesen – besonders, wenn bisweilen der Erzähltext unter den Bildern nichts mit den Bildern zu tun zu haben scheint und sich der Zusammenhang erst nach und nach erschließt. Visuell und erzählerisch ist das jedoch wie immer bei Baru ungeheuer kunstvoll und komplex kombiniert – auch wenn man am Ende, nicht nur wegen des Cappeletti–Rezepts, etwas hungrig zurückbleibt: Denn viele dramaturgische Fäden werden etabliert, manche Fragen nur aufgeworfen. Der ein oder andere Erzählbogen mag sich in den zwei noch folgenden "Bella Ciao"-Bänden vollenden. Der großartige Auftakt lässt jedenfalls schon mal hoffen.

 

Baru: Bella Ciao, Band 1. Aus dem Französischen von Uwe Löhmann. Edition 52, Wuppertal 2021, 136 Seiten, 20 Euro.


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