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Saugstarkes Karlsruhe

Die Stadt als Schwamm

Saugstarkes Karlsruhe: Die Stadt als Schwamm
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Regenwasser läuft in Karlsruhe nicht einfach in die Kanalisation, es wird mehrzweckmäßig wiederverwertet – aus ökologischer Sicht ist das vorbildlich. Öko ist in der einstigen Hauptstadt Badens nicht nur der Umgang mit dem Nass.

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Nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands hat sich Andreas Löffler über manch eine Debatte gewundert. Zum Beispiel als in Talkshows plötzlich das Konzept der Schwammstadt als revolutionäres Rezept gegen Starkregenereignisse gehandelt wurde. "Das ist doch schon ein alter Hut", meint der Karlsruher Architekt und Stadtplaner. Damit habe er sich schon im Studium befasst. "Und das ist schon eine Weile her", sagt der 67-Jährige.

Die Schwammstadt bezeichnet ein Prinzip der Stadtplanung, wonach Regenwasser lokal aufgenommen und gespeichert wird, anstatt es durch die Kanalisation abfließen zu lassen. Dadurch sollen Sturzfluten und Überflutungen bei Starkregen vermieden werden. Nötig sind für diesen Zweck versickerungsfähige Flächen und Pflaster, Mulden, Rigolen, begrünte Dächer und Fassaden. Ein Projekt nach diesem Vorbild hat Löffler schon vor 27 Jahren in Karlsruhe realisiert: die ökologische Siedlung Geroldsäcker mit rund 40 Wohneinheiten. Dazu gehören vier Reihenhauszeilen, ein Wohnhaus und ein Gebäude mit Gemeinschaftsräumen und Büro. Heute wirken die mit Holz verkleideten und von üppigem Grün überwucherten Gebäude gegenüber der modernen Einheitsarchitektur in der unmittelbaren Nachbarschaft wie eine lebendige Oase.

Das gefällt auch den EigentümerInnen. Neben der ökologischen Bauweise bezeichnet der Bewohner Wolfgang Fuchs das gute Zusammenleben als äußert wichtigen Part. "Die Siedlung war von Anfang an so konzipiert, dass zu den Wohnungen und Häusern auch Gemeinschaftseigentum gehört, das ehrenamtlich verwaltet wird", betont er. Neben den technischen Anlagen gebe es das Gemeinschaftshaus, das mit einem großen Saal und den zugehörigen Wirtschaftsräumen die Möglichkeit biete, Feste zu feiern.

Ohne Freiwillige ginge nichts

Löffler erzählt stolz, wie auch schon Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) die 1993 fertiggestellte Anlage bestaunt habe. Bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen sei er beeindruckt gewesen, was Karlsruhe in ökologischer Hinsicht zu bieten hat. Die Häuser hier sind nicht nur nach Niedrigenergiestandard gebaut, mit passiver Solarenergienutzung, Brennwerttechnik und Solarkollektoren. Das gesamte Niederschlagswasser wird in Zisternen mit einem Fassungsvermögen von 80.000 Litern gesammelt und für die WC-Spülung sowie die Gartenbewässerung genutzt.

Schon damals habe er darauf Wert gelegt, dass das Regenwasser nicht in die Kanalisation fließt, sondern vor Ort genutzt werden kann, erklärt Löffler. So hat das Regenwasser-Management im Sinne der Schwammstadt schon früh Einzug gehalten in Karlsruhe. Und heute nicht mehr nur im Geroldsäcker, wie ein weiteres von Löffler entworfenes und preisgekröntes, aber etwas abseits gelegenes Projekt zeigt. Es ist das vor knapp zehn Jahren entstandene Gebäude der Baptisten-Gemeinde in der Karlsruher Nordstadt.

Ein Besuch lohnt sich schon allein wegen des eindrucksvollen Kirchenraums, der über die Lehmwände eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlt. Wände aus Lehm, das Dach aus Holz und der Boden aus Gussasphalt bilden eine einmalige Kombination. Es sei damals die größte Stampflehmbaustelle Deutschlands gewesen, erinnert sich Löffler. Wenn nicht Freiwillige aus der rund 200 Mitglieder starken Baptisten-Gemeinde mitgemacht hätten, wäre das Projekt nicht finanzierbar gewesen.

Das Besondere ist nicht nur, dass der acht Meter hohe Kirchenraum in Lehmbauweise nach ökologischen Kriterien errichtet wurde, sondern dass rund um den Gebäudekomplex der freien evangelischen Gemeinde das Prinzip der Schwammstadt in offener Bauweise umgesetzt worden ist. Hieran wird exemplarisch deutlich, wie in der gesamten Wohnsiedlung mit Regenwasser umgegangen wird – jedoch zumeist unsichtbar, unter der Erde.

Kühlung inklusive

Zu dem Entwässerungskonzept gehören neben dem begrünten Dach sogenannte Rigolen. Gemeint sind damit Rinnen sowie Mulden, die ins Außengelände integriert sind, damit das Niederschlagswasser auf dem Grundstück versickern kann. Laut Löffler bietet Karlsruhe ideale Voraussetzungen dafür. In vielen Gebieten sei die Stadt im wörtlichen Sinn auf Sand gebaut: ein Untergrund, der das Wasser wie ein Schwamm aufsaugt. In anderen Stadtteilen – wie zum Beispiel in den Höhenlogen mit schweren Lehm-Löss-Böden – sei diese Form der Versickerung nicht möglich. Dann wird das Niederschlagswasser zunächst meist in Regenrückhaltebecken gesammelt, um es danach in dem dichten Untergrund langsam versickern zu lassen.

Löffler verweist darauf, dass bei diesem Projekt die Art des Regenwassermanagements, also die Versickerung vor Ort, schon im Bebauungsplan vorgegeben war. Dies bestätigt Georg Hertweck von der städtischen Pressestelle. Er erläutert, dass das Prinzip der Schwammstadt in Karlsruhe seit 2013 offiziell Teil der Klimaanpassungsstrategie ist. Da werden auf mehr als 200 Seiten Szenarien und Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Klimawandels durchgespielt: von der möglichen Überhitzung der Stadt bis zum Kampf gegen neue Schädlinge.

In der Broschüre heißt es zum Beispiel, dass "insbesondere Flächen für Stellplätze auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren" seien sowie "die komplette Versickerung von unbelastetem Regenwasser schadfrei zu ermöglichen" sei, ohne dabei dauerhafte Wasserflächen zu schaffen. Ferner seien in allen geplanten Siedlungsbereichen Freiräume und Plätze so zu gestalten, dass Treffpunkte, aber auch Rückzugsmöglichkeiten für verschiedene Altersgruppen entstehen.

Als besonders innovativ bezeichnet Stadtsprecher Hertweck die Planungen für den Südeingang des Hauptbahnhofs. Dort soll ein bislang einmaliges Verfahren umgesetzt werden, bei dem das anfallende Regenwasser gespeichert und zur Verdunstung genutzt wird, um den Platz zu kühlen.

Erforscht wird diese technische Variante der bisher durch die Pflanzung von Bäumen genutzten Verdunstungskühlung an der Hochschule Karlsruhe. Die Idee ist nach deren Angaben, das Regenwasser in Verdunstern über innenliegende Oberflächen zu führen. Mit Photovoltaik betriebene Lüfter saugen Umgebungsluft an und führen diese an den feuchten Oberflächen vorbei. Dadurch gibt das Kühlsystem feuchte Luft an die Umgebung ab. "Das System würde sich erst einschalten, wenn eine gewisse Schwellentemperatur überschritten ist und sich ausschalten, sobald eine gewisse relative Luftfeuchtigkeit erreicht ist. Wir möchten ja kein Tropenklima erzeugen", erläutert der für die Forschung verantwortliche Professor Bernhard Lenz.

AktivistInnen fordern CO2-Budget

Schon 2019 hat sich OB Frank Mentrup mit knapp 40 weiteren Rathauschefs in Deutschland verpflichtet, die Prinzipien einer nachhaltigen Stadtentwicklung umzusetzen. "Wir begegnen dem zunehmenden Verkehrsaufkommen, dem Druck auf die Wohnungsmärkte sowie den zunehmenden Hitze- und Starkregenereignissen mit neuen städtebaulichen Strategien", heißt es in dem gemeinsamen Dokument. Vor seiner Wiederwahl im vergangenen Jahr hat sich Mentrup dem nachhaltigen Städtebau verpflichtet. Das Thema Ökologie treibt viele um in der Stadt: Bei der Bundestagswahl am Wochenende konnte mit Zoe Mayer erstmals in der Geschichte des Wahlkreises eine Grüne das Direktmandat gewinnen.

Auch vor dem Karlsruher Schloss sind Umweltbewegte zu finden, genauer: beim Campen. Mehr als 120 Tage machen die Aktivistinnen und Aktivisten im Zeltlager inzwischen für eine bessere Klimapolitik mobil. Eine der zentralen Forderungen der Aktion, an der sich neben dem Klimakollektiv Karlsruhe auch Fridays for Future und Greenpeace beteiligen, ist die Abschaltung des Kohlekraftwerks im Rheinhafen. Doch die Kampagne will weit mehr erreichen beim Thema Klimaschutz – auch mit Blick auf die Klimaanpassungsstrategie der Stadt, in der auch das Regenwassermanagement geregelt ist.

Karlsruhe soll das "Klimaschutzkonzept massiv ausbessern und voll finanzieren", lautet eine zentrale Forderung. Das heißt für den Karlsruher Studenten und Klimaaktivisten Simon Fauk, dass die Stadt ein CO2-Budget aufstellen müsse, das mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel sei. Zu einem klimafreundlichen Karlsruhe gehört für die ihn jedoch auch mehr Stadtbegrünung, eine autofreie Innenstadt, die kostenfreie Nutzung des ÖPNV oder die Entsiegelung von Flächen. An dem Gestaltungsprozess sollten auch die Bürgerinnen und Bürger über einen Klimarat beteiligt werden.

Fauk freut sich, dass der bisherige Einsatz der AktivistInnen wenigstens kleinere Erfolge verbuchen konnte. Zum Beispiel wolle sich nun der Gemeinderat mit ihnen und dem Thema befassen. Fauks Mitstreiterin Luna Däschner hatte einige Tage zuvor in einem Interview berichtet, dass schon Gespräche mit Parteien in Gang gekommen seien. Die Grünen und die Linken seien da gewesen und auch mit einem Vertreter der CDU habe man sich getroffen. Ungewiss sei, ob sich das auch im politischen Alltag auswirke. Grundsätzlich gehe es darum, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass sich Karlsruhe stärker als bisher für den Klimaschutz einsetzen solle.


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2 Kommentare verfügbar

  • Frank Müller
    vor 1 Woche
    Antworten
    Hallo, sehr schöner Artikel, im Stadtteil Waldstadt von Karlsruhe, in den späten 50ern erbaut, wird das Regenwasser nicht zur Kläranlage in der Nähe des Rheins geleitet, sondern getrennt gesammelt und in den Pfinz-Entlastungskanal und damit letztendlich in den Rhein geleitet. Für damalige…
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