KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

OB-Wahl in Stuttgart

In Tengen ist alles etwas einfacher

OB-Wahl in Stuttgart: In Tengen ist alles etwas einfacher
|

 Fotos: Joachim E. Röttgers 

|

Datum:

In Stuttgart ist er ein umstrittener OB-Kandidat: Marian Schreier, eigentlich SPD, aber als Kandidat parteilos und derzeit Bürgermeister in Tengen. Tengen? Warum will Marian Schreier da weg? Und was sagen die TengenerInnen dazu, dass ihr Bürgermeister, erst vor fünf Jahren gewählt, sich woanders bewirbt?

ZurückWeiter

Sanfte Hügel, weiter Himmel – sehr viel weiter als über Stuttgart –, dazu gepflasterte Sträßchen vor gepflegten zweistöckigen Häusern mit hölzernen, blau gestrichenen Fensterläden: Tengen im Hegau. 4.600 Menschen leben in Tengen und den acht eingemeindeten Teilorten, aus historischen Gründen ist der offizielle Luftkurort "Stadt". Touristen kommen wegen der Wanderwege, Wasserfälle und der Nähe zum Bodensee, zur Schweiz sowie zum Schwarzwald. Hier wurde der Stuttgarter Marian Schreier 2015 mit 70 Prozent zum Bürgermeister gewählt. Gegen drei Gegenkandidaten, zwei davon unbedeutend, einer ein 50-jähriger Politikberater aus der Nähe von Bonn. Die Tengener wollten jemand Neuen für ihre mehr als 700 Jahre alte Kleinststadt. Schreiers Vorgänger war 40 Jahre im Amt gewesen, da ist am Ende nicht mehr viel passiert.

"Wie der hier aufgetaucht ist, hat mich wirklich beeindruckt", erzählt Holger Rohmeyer. Der 70-Jährige führt im Tengener Zentrum das Gasthaus "Zum Schützen", beliebt bei Motorradfahrern und Montagearbeitern und in einer normalen Sommersaison auch bei Italienern, Franzosen, Holländern und Italienern. Denn: "Wir liegen am Rande einer der Haupttouristenrouten Richtung Schweiz", sagt Rohmeyer. Bei ihm im Restaurant habe Schreier vor fünf Jahren Wahlkampfveranstaltungen gemacht. "Mit 25 Leuten hat er gerechnet und dann waren das 120. Vor allem junge. Am Ende haben wir hier zweieinhalb Stunden politisch diskutiert." Der gebürtige Hamburger lebt und arbeitet seit acht Jahren in Tengen, vorher hatte er lange ein Hotel in Niedersachsen, kennt sich aus mit dörflichen Strukturen. Er grinst hinter seiner Corona-Trennscheibe. "Nach der Veranstaltung haben die Honoratioren an ihrem Stammtisch gesagt: 'Ich glaub', ich werde das erste Mal in meinem Leben einen SPDler wählen.'" Der junge Mann könne sehr gut reden, findet der Hotelier. "Und dann sieht er noch so aus, dass jede Mutter sagen würde: Dem gebe ich meine Tochter zur Frau. Das hilft ja auch."

Harmonie im Gemeinderat

Dass der Schwiegermutter-Liebling unter Umständen vor Ablauf der Bürgermeister-Amtszeit in die Landeshauptstadt wechseln würde, stört Rohmeyer nicht. "Ich will ja nicht sagen, dass er hier unterfordert wäre, aber Tengen ist für den auf Dauer zu wenig." Sehr viel mehr als die Zukunftspläne des Bürgermeisters bewegt ihn Corona. Denn trotz Lockdown hatte er bis vor drei Wochen ein noch fast volles Haus. Vor allem wegen der Großbaustelle in Singen, wo ein neues Einkaufszentrum errichtet wird. 2.000 Bauarbeiter seien da beschäftigt gewesen. Bis Corona kam. "Mehr als hundert Infizierte hatten die da. Da war natürlich Schluss mit Bauen." Und mit den Übernachtungen von Arbeitern.

Dieser typische Corona-Ausbruch unter Menschen, die eng beieinander wohnen, traf Tengen auch ganz direkt. Im Teilort Blumenfeld stellte der Bürgermeister ein Wohnheim mit osteuropäischen Bauarbeitern unter Quarantäne. Die sei mittlerweile ausgelaufen, berichtet Marian Schreier auf der Gemeinderatssitzung am vergangenen Donnerstagabend. Wegen Corona finden die Sitzungen in der Randenhalle statt, der örtlichen Sporthalle. Auf dem blassblauen Turnhallenboden steht für jede und jeden der 22 GemeinderätInnen ein eigener Tisch, für zusätzliche Sicherheit sorgen FFP2-Masken. Im Rat sind die Fraktionen CDU/Unabhängige Wähler (6 Sitze), Freie Wählervereinigung (FWV) Randen e.V. (10 Sitze) und SPD/Freie Bürger (6 Sitze) vertreten.

Vor Beginn des offiziellen Teils drängt es das Gremium Stellung zu nehmen zum ersten Wahlgang in Stuttgart, in dem Schreier 15 Prozent holte. "Es fällt uns nicht leicht, Ihnen zum Erfolg in einer anderen Stadt zu gratulieren", sagt Adelbert Zeller, FWV. Doch er tut es und zwar "im Namen des gesamten Gemeinderats". Zeller hat das Ergebnis des ersten Wahlgangs bereits genauer angeschaut: "Sie haben in Stadtteilen mit Himmelsrichtungsangaben höher abgeschnitten als in Stadtteilen ohne, zum Beispiel in Cannstatt und Zuffenhausen." Dass er in Mühlhausen nur elf Prozent erhalten habe, könne er ändern: "Da müssten Sie mal die guten Kontakte unseres Musikvereins dorthin anzapfen." Schreier, in blauem Anzug, weißen Hemd und ohne Krawatte, zeigt sich laut eigenen Worten "gerührt" und bedankt sich für die guten Wünsche.

Zügig arbeitet der Gemeinderat die kurze Tagesordnung ab: Jahresabschluss der Kommune 2018 (nicht herausragend aber ordentlich), Wirtschaftsabschluss 2018 des Eigenbetriebs Schoss Blumenfeld (ein Altenheim, das wegen seiner desaströsen Zahlen mittlerweile geschlossen und teilweise verkauft ist). Beides geht einstimmig durch. Auf Anfrage erläutert der Bürgermeister, dass nach dem Coronajahr wohl kaum eine Gemeinde ausgeglichene Haushalte für 2021 vorlegen werden könne. "Wahrscheinlich werden die Rechtsaufsichten ausnahmsweise die Haushalte dennoch genehmigen dürfen." Das halte er auch für richtig, "denn es hat ja keinen Sinn, hier formalistisch vorzugehen". Im Januar soll der Haushaltsentwurf dem Gemeinderat vorgelegt werden.

Die Fördermittel fließen

Im Frage- und Informationsteil will ein Gemeinderat wissen, ob die neue (und erste) Ladesäule für E-Autos genutzt werde. "Gelegentlich", so Schreier. Er werde sich nach den genauen Zahlen erkundigen. Außerdem geht es um den begonnenen Breitbandausbau, der zurzeit stockt, weil die beauftragte Firma recht langsam arbeite. Wenn die Firma ihre aktuelle Datenerfassung in drei bis vier Wochen abgeschlossen habe, werde man ein anderes Ingenieurbüro beauftragen, sagt der Bürgermeister. "Vorher macht's keinen Sinn." Für den Breitbandausbau bekommt die Gemeinde vom Land 27.350 Euro. Weiteres Fördergeld erhält Tengen, weil es seit 2018 Schwerpunktgemeinde im Entwicklungsprogramm ländlicher Raum (ELR) ist.

Den Rang gibt's nur, wenn Kommunen sich konkrete Strategien und Entwicklungsprograme geben. Der Ort hat im Rahmen eines Bürgerbeteiligungsprozesses das Leitbild "Stadt Tengen 2030" auf die Beine gestellt, das diverse Grundsätze und Vorhaben aufzeigt. Zum Beispiel den Bau eines Ärztehauses mit Tagespflege, finanziert über eine neue Genossenschaft, an der auch TengenerInnen Anteile zeichnen konnten. Mittlerweile steht mehr als der Rohbau in der Ortsmitte.

All dies ist es wohl, was nicht nur Tengener GemeinderätInnen zu wahren Lobeshymnen auf ihren jungen Bürgermeister hinreißt. "Wir geben den nicht gerne her", sagt Gabi Leichenauer, SPD und Ortsvorsteherin von Wiechs am Randen. "Aber wir sind nicht sauer, wenn er geht. Er hat hier so viel bewegt." Kathrin Nutz, seit vorigem Jahr für die FWV im Gemeinderat, gehört zu den neuen Jungen in dem Gremium. "Es hat auch mit ihm zu tun, dass sich mehr junge Leute für Kommunalpolitik interessieren", sagt sie und Josef Ritzi von der Fraktion FB/SPD ergänzt: "Der hat hier neuen Schwung reingebracht. Früher haben manche Gemeinderäte ihre Unterlagen erst in der Sitzung aufgeschlagen. Das traut sich heute keiner mehr." Marian Schreier sei Politiker "durch und durch", befindet die CDU-Gemeinderätin Renate Hönsche. Ja, im Wahlkampf vor fünf Jahren habe er gesagt, er bleibe mindestens eine Legislaturperiode, also acht Jahre. "Aber ich verstehe, dass er als gebürtiger Stuttgarter die Gelegenheit jetzt ergreift." Und sollte er tatsächlich gewählt werden, "dann liegt's ja an uns, dem Gemeinderat, dass wir alles, was auf den Weg gebracht wurde, umsetzen".

TengenerInnen sehen's gelassen

Die Stadtstraße ist der Weg in die Altstadt, die aus ungefähr vier Sträßchen besteht und wo vor nahezu jedem Haus gepflasterte Stellplätze oder Garagenzufahrten die Vorgärten verdrängt haben. In einem älteren Gebäude sind der örtliche Bäcker und die Wirtschaft "Zum tiefen Keller" zu Hause, hier kann man sich am Wochenende nach Vorbestellung Schlachtplatte abholen. Wirkt der Ort ansonsten nahezu menschenleer, weil die arbeitende Bevölkerung vor allem in Singen und in der Schweiz schafft, lassen sich hier Menschen treffen.

Das Ehepaar Tina Elsäßer und Jürgen Huchler sind mit ihrem alten Traktor auf dem Weg zum Holzmachen. Beide sind gut informiert über die Stuttgarter Vorgänge rund um die OB-Wahl. "Was die SPD da macht – die machen sich selbst kaputt", sagt sie. Er hat mit dem jungen Bürgermeister schon einige Male zu tun gehabt: "Ich war in der Vorbereitungsgruppe zur Digitalisierung, also was man in der Verwaltung machen kann. Das waren gute Debatten. Klare Konzepte, klare Arbeitsverteilung. Jetzt kann man zum Beispiel eine neue Mülltonne einfach im Internet bestellen. Vorher …" Huchler schüttelt den Kopf und winkt ab. Dass nach Bürgerbeteiligung der Bürgerentscheid über vier Windräder für den Bau ausgegangen ist, findet das Ehepaar zwar nicht gut – "Wir gucken dann vom Balkon aus drauf", sagt sie – aber beide bleiben gelassen. "Irgendwo muss die Energie ja herkommen", sagt er. Und überhaupt: "Es isch wie es isch." So sehen sie auch die Kandidatur von Schreier in Stuttgart. "Aber Stuttgart ist schon eine andere Liga", meint Huchler. "Ich denke, dass es nicht ganz reichen wird." Was ihn nicht besonders ärgern würde. "Wäre schön, wenn er länger bei uns bleibt."

Auch Schreier selbst würde eine Niederlage in Stuttgart offenbar nicht allzu sehr schmerzen. Nach der Gemeinderatssitzung betont er, er habe sich mit seiner Stuttgarter Kandidatur nicht gegen Tengen, sondern für seine Heimatstadt entschieden. Und wenn es nicht klappt in der Landeshauptstadt, sucht er sich dann eine andere Stadt? Er schüttelt den Kopf. "Dann bleibe ich Bürgermeister in Tengen."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


2 Kommentare verfügbar

  • Schwob vo dr Alb
    vor 1 Woche
    Antworten
    Wenn die Bürger von Tengen mit der Arbeit ihres "jungen" Bürgermeisters zufrieden sind, ist dies doch eine Bestätigung für dessen bisherige Arbeit. Hat die Kontext-Mitarbeiterin erwartet, dass die Tengener wegen der Kandidatur von Marian Schreier in Stuttgart sauer sein würden? Wenn es in seiner…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!