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Stuttgarter OB-Wahl im Netz

Schlimmer als Weißrussland

Stuttgarter OB-Wahl im Netz: Schlimmer als Weißrussland
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Corona hatte den Stuttgarter OB-Wahlkampf fast vollständig ins Netz gedrängt. Was passierte in der Wahlnacht und kurz davor? Wie nutzten die Kandidaten die sozialen Medien? Ein paar Beobachtungssplitter.

Die US-Wahl hatte ihre Spuren hinterlassen. Die Twitter-Aktivitäten des noch amtierenden US-Präsidenten und seiner Anhänger hatten für eine gut gefüllte Referenzenkiste gesorgt, aus der ausgiebig geschöpft wurde. Nicht erst, als Stadtsprecher Sven Matis am Wahlsonntag Punkt 18 Uhr "Start the Count!" twitterte. Schon in den Stunden davor mutmaßten einige Scherzkekse, ob sich Stuttgart etwas einfallen lasse, um die Wahl hier ähnlich spannend wie in den USA zu machen, dass Fritz Kuhn das Rathaus niemals verlassen und ewig Paternoster fahren werde, oder dass AfD-Kandidat Malte Kaufmann und/oder "Querdenker" Michael Ballweg Wahlbetrug wittern und ein Ende der Auszählung fordern würden.

Letzteres waren allerdings nicht nur humoristische Erwägungen. Etwas Kreativität und Erfindungsreichtum reichten aus, um – schwupps – die Parallelen zur US-Wahl ganz ernsthaft zu ziehen. So riefen die querdenkenden Zeitgenossen in der Landesstaubstadt einige Tage vor dem Wahlsonntag zur Beobachtung des Urnengangs auf. In ein Formular mussten präferierter Bezirk, Uhrzeit und persönliche Daten eingetragen werden. Am Schluss noch die kurze Bestätigung, ob der geneigte Nutzende mit der Weitergabe seiner Daten "durch das Wahlsiegteam Michael Ballweg" einverstanden sei.

Crazy Content zielgruppengerecht serviert

Vergangenen Donnerstag gab "Querdenken"-Rechtsanwalt Ralf Ludwig, der nach eigener Aussage gerade auf Mallorca residiert, noch wertvolle Tipps und einen Vergleich mit Weißrussland zum besten. Er korrigiert sich jedoch umgehend: Denn so viele demokratische Rechtsverstöße wie in Deutschland derzeit könne es in Belarus gar nicht geben.

Während sich die einen über das antidemokratische Terrorregime Merkels den Kopf zerbrechen, fixiert Frank Nopper die Kameralinsen mit seinem patentierten Grinsen. Der OB-Anwärter mit CDU-Parteibuch hat eine Unterstützer-Gruppe auf Facebook mit etwa 850 Mitgliedern. Er schafft es auch am besten, der Jugend ihren crazy Content zielgruppengerecht zu servieren: Über 40 Schnitte zählt sein Wahlwerbespot bei einer Länge von einer Minute und sieben Sekunden. Nopper bietet politische Kalendersprüche auf schönem Bilderteppich, Kandidat Michael Ballweg geht gleich aufs Ganze. Man sieht ein kleines Mädchen, eben noch fröhlich am Frühstückstisch. Dann geschieht es – Maske auf, und direkt ist das Trauma da. In den Kommentarspalten halten sich harsche Kritik und Zustimmung für "unseren Michi" etwa die Waage.

Was zum Fick?

Wo Michael Ballweg noch versuchte, eine OB-Wahl ohne Mund-Nasen-Schutz vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht einzuklagen (nicht erfolgreich), versuchte auch Marco Völker, "Der neue Rommel", das "Superspreading-Event" einer "Massenwahl" per Eilantrag ans Regierungspräsidium (RP) verschieben zu lassen. Das RP lehnte ab und Völker beschwerte sich per Schreiben beim Verwaltungsgericht. Vor allem auch darüber, dass die Stuttgarter Zeitungsnachrichten einfach nicht über seinen "folgenschweren Antrag" berichten wollten. "Ich habe die Behauptungen der irren Verschwörungstheoretiker und Rechten über die angebliche 'Lügenpresse' stets zurückgewiesen", schreibt er. Jetzt allerdings hat er ja eigene Erfahrungen sammeln können und kommt zu dem Schluss: "'Alternative Fakten' werden auch geschaffen, indem man andere, objektive Fakten in einer 'Lückenpresse' unterdrückt oder unterschlägt." Dennoch: Mit 734 Stimmen hat Völker immerhin fast 200 Stimmen mehr bekommen, als Leute seine Facebook-Seite abonniert haben (558).

Mit 722 Stimmen nur knapp hinter "Wirtschaftsfuchs" Völker gelandet ist bei ihrer 112. Kandidatur für alle möglichen Ämter Fridi Miller aus Sindelfingen. "Profitgeilen Politikern ihre Grenzen aufzeigen" wollte die Dauerkandidatin bei der Stuttgarter OB-Wahl, denn in Deutschland sei der "organisierte Kinderhandel" ganz groß. "Trump wird heute Nacht in USA gewinnen und ich im 2. Wahlgang in Stuttgart und 2021 werden wir gemeinsam für Weltfrieden sorgen", hatte sie noch vor wenigen Tagen auf Facebook geschrieben. War nix, so oder so. Eines bleibt aber sicher vorherzusehen: Fridi wird nicht aufgeben und es wieder probieren, zu irgendeiner anderen Wahl.

Derweil setzte Marian Schreier noch im Endspurt auf maximale Verbreitung und präsentierte sich kurz vor der Wahl den 625.000 You-Tube-Abonnenten von Fitness-Coach Tim Gabel ("Hol das absolute Maximum aus Dir raus! Ich habe meine Topform schon mit 18 erreicht!"). "Wir werden heute über Politik sprechen", leitet der Muskel-Mann ein, "und bevor der ein oder andere fragt, ey, Tim, was zum Fick, wieso machst du hier eine Wahlkampfveranstaltung für jemanden in Stuttgart und warum zum Henker soll mich Stuttgarter Politik interessieren?" Ja, genau das hat er sich bis vor kurzem auch gedacht, der Tim, vor allem bei dieser "undurchsichtigen, intransparenten, bürokratisch aufgeladenen Kommunalpolitik, wo ich nicht mal wusste, wofür zum Teufel die verantwortlich ist". Und dann kandidiert da auch noch der Marian, der aussieht wie ein CDUler, jedenfalls wie ein "typischer Alman" (Biodeutscher im schlechtesten Sinne, d.Red.). Aber er selbst habe nun gelernt, dass man, um "vor allem für diese ganz großen globalen Probleme, die auf uns zurollen" – Klimaerwärmung bis Digitalisierung – in den Griff zu kriegen, nicht nur große Lösungen braucht wie das Pariser Klimaabkommen, sondern auch kleine Lösungen vor Ort. Sein Apell: "An jeden einzelnen von euch, der in Stuttgart sitzt: Holt euch 'nen Scheiß-Zettel und wählt!" Bevor da wieder einer rumheult, Politik würde nur von oben herab gemacht.

Einheitsfront: schwierig

Etwas staatstragendere Unterstützung hatte sich kurz vor der Wahl der im Gegensatz zu Schreier offizielle SPD-Kandidat Martin Körner geholt; am 4. November hatte er live auf Facebook mit Peter Tschentscher, Hamburgs Erstem Bürgermeister und momentan häufigem Talkshow-Gast, über moderne Großstadtpolitik diskutiert. Der hanseatische Genosse warb am Ende noch mit der Aussicht auf eine sozialdemokratische Nord-Süd-Achse – "Es wäre eine großartige Entwicklung, wenn Stuttgart und Hamburg auch über die Bürgermeister in einen sehr engen Austausch kommen könnten" – aber am Wahlabend zeigte sich ja dann recht rasch, dass den Stuttgartern achsentechnisch der Austausch von Weindorf und Fischmarkt zu reichen scheint. Körner gab denn auch schon eine Stunde nach Verkündung des Endergebnisses auf Facebook, Twitter und Instagram bekannt, "dass es mit diesem Ergebnis aus dem ersten Wahlgang wenig sinnvoll ist, auch noch in die zweite Runde zu gehen." Die über 50 Kommentare darunter waren größtenteils Respektbezeugungen, aber es fanden sich auch schon einige Fragen, ob er denn nun für den zweiten Wahlgang sich eine Unterstützung von Marian Schreier vorstellen könne – was ein weiterer Kommentator gleich mit "Verrat sollte man nicht belohnen" quittierte.

Tja, mit (mehr oder weniger) linken Einheitsfronten ist es so eine Sache, schwierig seit jeher. Sie zu formen, erfordert größtmögliches Fingerspitzengefühl.

Ein Umstand, den Veronika Kienzle und ihr grünes Wahlkampfteam offenbar wenig bedacht hatten. Dass sie, trotz enttäuschendem Ergebnis, als Zweitplatzierte zur Stichwahl antreten würde – geschenkt, das war absehbar. Dass sie in ihrer via Facebook und Twitter am Montagmorgen verbreiteten Videobotschaft aber den Eindruck erweckte, die Unterstützung durch die drei Nächstplatzierten schon fast als gegeben zu betrachten ("Der heutige Abend hat gezeigt, dass wir eine starke Öko-Soziale Mehrheit haben. Diese möchte ich gerne hinter mir vereinen"), das kam eher mittelgut an. Die Reaktionen schwankten auf Twitter zwischen leichter Verwunderung ("Was sagt denn Rockenbauch dazu?", "... ich bin etwas überrascht – gab es schon Gespräche mit Hr. Rockenbauch u. Hr. Schreier? Wer zurückzieht?") und offener Ablehnung ("Und warum liebe Grünen sollte man die Öko-Soziale-Mehrheit gerade hinter Frau Kienzle vereinen ?", "Die Entscheidung klingt leider super arrogant ohne mit den anderen Gespräche geführt zu haben. Schade. Ich denke Grüne wollen nicht verstehen, was das Volk mit diesen Ergebnissen signalisiert hat").

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ein anderer Grüner hier schon vorgelegt und das Kienzle-Team womöglich in Zugzwang gebracht hatte: Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir hatte in zwei Tweets kurz nach halb neun am Wahlabend aufgerufen, im zweiten Wahlgang Kienzle zu wählen, und konstatiert: "Nopper holt mit CDU, FDP, Freien Wählern weniger als Turner vor 8 Jahren. Wenn sich die anderen einigen und wir zusammen mobilisieren, kann es reichen. Auf geht's, #Stuttgart!" Die Reaktionen auch hier eher skeptisch ("Interessante Interpretation einer krachenden Niederlage") bis polemisch ("Kienzle holt mit 17,2% sage und schreibe 19,3% weniger Stimmen als Kuhn vor 8 Jahren im ersten Wahlgang und man kritisiert Noppers Wahlergebnis, das nur 2,7% niedriger ist, als das von Turner 2012? Respekt. Wurde der Tweet aus dem Heli abgesetzt und da oben ist die Luft dünn?").

Etwas höflicher äußerte der drittplatzierte Kandidat Hannes Rockenbauch sein Erstaunen: Er sei "schon etwas verwundert, dass sich Veronika Kienzle mit ihren 17% als Sprecherin einer öko-sozialen Mehrheit hinstellt, ohne Gespräche zu führen. Lasst uns miteinander reden und gleich einen Antrag stellen: '#Stuttgart: Klimaneutral bis 2030'".

Wie gesagt, schwierig mit den Einheitsfronten.


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