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Der lange Weg zur Gleichberechtigung

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Der Kunst von Frauen widmet sich die Städtische Galerie Böblingen in einer großen Ausstellung. Einer Parallelwelt eher, weil die Anerkennung der Künstlerinnen lange Zeit ausblieb. Dabei bildeten sich Netzwerke, die bis heute ununterbrochen aktiv sind.

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Ein großer S-Bahn-Plan empfängt die BesucherInnen in der Städtischen Galerie Böblingen. Tatsächlich sind Stuttgarter Haltestellen wie Eugensplatz, Staatsgalerie, Hölderlinplatz und Killesberg darauf verzeichnet, aber auch Jahreszahlen, der Name Hölzel und einiges mehr. Ein Zeitstrahl weist von rechts nach links. In der üblichen, umgekehrten Leserichtung geht es von der Jetztzeit zurück in die Vergangenheit. Aber viele Linien führen auch weiter in eine Zukunft, die noch nicht feststeht.

Die Idee hatte Corinna Steimel, die seit sechs Jahren die Galerie in der alten Böblinger Zehntscheuer leitet. Gleich mit ihrer zweiten großen Ausstellung "Die Klasse der Damen" hatte sie für Böblinger Verhältnisse einen Besucherrekord aufgestellt. Der doppeldeutige Titel spielt an auf die Damenmalklassen an der Stuttgarter Kunstakademie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit der aktuellen Ausstellung knüpft Steimel daran an. Sie heißt "Netzwerkerinnen der Moderne" und bezieht sich auf die deutschlandweite Zulassung von Frauen zum Studium vor 100 Jahren. Das "♀-Kunstnetz", in dem sich Raum und Zeit kreuzen, versinnbildlicht die komplizierten Wege zur künstlerischen Gleichberechtigung.

Aus sittlichen Gründen: kein Aktzeichnen für Frauen

In der Vorgängerausstellung hatte Steimel das Thema von Grund auf bearbeitet. In Stuttgart waren Frauen bereits in den 1860er-Jahren zum Kunststudium zugelassen, später jedoch nur noch als außerordentliche Studierende zu erhöhten Studiengebühren. Zwei Malerinnen, Anna Peters und Sally Wiest, gründeten 1893 den Württembergischen Malerinnen-Verein, heute Bund Bildender Künstlerinnen (BBK). Damals war es Frauen aus sittlichen Gründen verboten, am Aktzeichnen teilzunehmen, deshalb gab es dann eine eigene Damenklasse. Neue Wege ging Adolf Hölzel, der schon in der Künstlerkolonie Dachau, dann ab 1905 an der Stuttgarter Kunstakademie und auch nach seiner Emeritierung privat zahlreiche Schülerinnen anzog.

Die Städtische Galerie Böblingen kümmert sich seit etwas mehr als dreißig Jahren wie kein anderer Ort um die Kunst der frühen Moderne aus der Region Stuttgart. Daher lag nahe, auch einmal die Künstlerinnen in den Blick zu nehmen. Sechs heutige Positionen sollten die Verbindung zur Gegenwart herstellen. Allerdings schien zwischen alten und neuen Arbeiten ein Abgrund zu klaffen. Neue Techniken, neue Themen, neue Kunstformen ließen kaum eine Beziehung zu den historischen Werken erkennen.

Die neue Ausstellung verfährt anders. Von vorwiegend heute lebenden Künstlerinnen wirft sie den Blick weiter zurück in die Vergangenheit. Dabei wird eine Kontinuität erkennbar: Die Bildhauerin Hanne Schorp-Pflumm, die mit Porträt-Köpfen unter anderem von Arnulf Klett, Thaddäus Troll oder Ida Kerkovius vertreten ist, und die vielseitige Malerin Mares Schulz sind 1921 geboren. Anna Hafner, die älteste noch lebende, nur neun Jahre später. Sie hat bei Otto Baum studiert, dem bedeutenden modernen Bildhauer, wie auch die 1940 geborene Rotraud Hofmann. Die wiederum war, wie Hanne Schorp-Pflumm, auch Schülerin von Peter Otto Heim.

"Macht es überhaupt Sinn, heute noch eine Ausstellung nur mit Künstlerinnen zu machen?" fragt Corinna Steimel. Bis in die 1990er-Jahre waren Frauen in Kunstausstellungen immer nur eine Zehn-Prozent-Minderheit. Dies begann sich zu ändern, als immer mehr Frauen Leitungspositionen im Kunstbetrieb einnahmen. Heute sind Künstlerinnen zu annähernd gleichen Teilen an allen Ausstellungen beteiligt. Andererseits gibt es in Stuttgart gleich zwei Vereine, die von Frauen für Frauen gemacht sind und ihnen zum Beispiel Ateliers anbieten können: den BBK und die Gedok, gegründet 1926 in Hamburg als "Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen", in Stuttgart seit 1937.

Eine blutrote Krawatte züngelt aus einem Jackett

Viele der ausstellenden Künstlerinnen sind Mitglied in einem der beiden Vereine. Von Sally Wiest, der Mitbegründerin des Württembergischen Malerinnen-Vereins, bis zur heutigen Vorsitzenden Birgit Herzberg-Jochum spannt sich der Bogen einer Geschichte, die aber auch Brüche aufweist. Alice Haarburger, zu Beginn der 1930er-Jahre Schriftführerin des Vereins, wurde im Konzentrationslager Riga ermordet, Maria Lemmé, Schülerin und Herausgeberin der Schriften von Adolf Hölzel in Theresienstadt.

Eine eigene, parallele Geschichte also, die noch zu entdecken wäre? In gewisser Weise ja, auch wenn keine der Künstlerinnen außerhalb dessen lebte, was in der männlichen Kunstwelt geschah. Eher schon etablierten sich aus der Not heraus, immer nur die zweite Geige spielen zu dürfen – wie der Kunsthistoriker Hans Hildebrandt in seinem 1928 erschienenen Buch "Die Frau als Künstlerin" schrieb – eigene Netzwerke und Foren, die bis heute Bestand haben. Davon abgesehen arbeiteten und arbeiten die Frauen natürlich in allen Medien und Stilrichtungen – Malerei, abstrakt oder realistisch, Skulptur, Fotografie, Video, Zeichnung, Objekt, Installation – wie die männlichen Kollegen auch.

Dafür geht es nicht selten um weibliche Themen, den weiblichen Körper, Frauenrollen, die manchmal auf höchst originelle Weise thematisiert werden: etwa in den surrealen, leicht bedrohlichen Objekten der 2018 verstorbenen Julia Schrader. Kochlöffel rühren in Töpfen in einer kinetischen Installation von Anja Luithle, die aber auch die Männerwelt in den Blick nimmt: Aus einem Jackett wächst immer länger eine rote Krawatte heraus, bis sie sich auf dem Boden in Falten legt.


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