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Endlich Ampel

Endlich Ampel
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Jetzt ist es wahr geworden: Stuttgarts achtspurige Schneise, die B 14, hat einen neuen Ampelübergang bekommen. Stolze 650 000 Euro hat das gekostet. Das ist allemal eine saubere Einweihung wert.

Von Weitem sieht man bereits den kleinen Haufen Politiker und Presse und die beiden großen schwarzen Lautsprecher, die neben diesem Wunderwerk der modernen Ampeltechnik aufgestellt sind. Damit man bei all dem Autolärm an der B 14 auch hört, was  der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn zu dieser Feierlichkeit zu sagen hat. "... dass auch die Fußgänger hier zu ihrem Recht kommen", sagt er gerade, und dass da auf der anderen Straßenseite, "am anderen Ufer sozusagen, interessante Gebäude ..." ... WRRROOMMMM ... der Fahrtwind von 20 Tonnen LKW bei 60 Stundenkilometern wuschelt Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte, durchs Haar.

Dann geht das Mikrofon auch schon an Dirk Thürnau über, den Technischen Bürgermeister. 2005, erzählt er, seien die Überlegungen zu dieser Ampel gestartet. Also in einer ganz anderen Epoche dieses Landes. Damals stellte die SPD (!) den Kanzler, der gerade Hartz IV einführte, das Alter hatte Johannes Paul den II. soeben dahingerafft und in den deutschen Single-Charts stand ernsthaft "Schnappi", das absolut grauenhafte "kleine Krokodil", zeitweise ganz oben.

Thürnau ist der Mann der Zahlen: 33 Meter ist der Übergang lang, 43 Sekunden "im Mittel" wartet der durchschnittliche Fußgänger nach dem Drücken auf Grün, das Ganze bei nur 13 Sekunden zusätzlicher Fahrtzeit für die AutofahrerInnen, die an der neuen Ampel warten müssen. Das ist eine echte Erfolgsmeldung, war doch der vermutete Rückstau (bis Bad Cannstatt) bisher der Grund für die Ampelfreiheit zwischen Landtag und anderer Straßenseite. Diese paar Sekunden Verzögerung vertrügen sich noch dazu ganz ausgezeichnet mit dem X-1, der maximal innovativen, minimal Schadstoff ausstoßenden, und absolut supergefloppten "für mehr Lebensqualität in Stuttgart"-Schnellbuslinie, die kein Mensch nutzt. HUPHUUUP WRUMMMM ... ein Müllauto saust vorbei ... Hach, das seien seine Mitarbeiter von der AWS, sagt Thürnau lächelnd, "die hupen immer, wenn sie mich sehen". AWS steht für Abfallwirtschaft Stuttgart.

650 000 Euro hat die Ampelanlage gekostet – da seien allerdings bereits miteingerechnet die verkehrstechnischen Voruntersuchungen, die Sanierung der Fahrspur, ein Schutzwall für den Landtag, und – BÄM! – vier Schutzpoller, super Innovation, das sei nämlich das erste Mal in Stuttgart, dass die Ampel auf einem Poller stünde. Ja, ist es denn zu fassen.

Auch Baubürgermeister Peter Pätzold darf etwas sagen: Es sei erfreulich, dass es nun einen weiteren Überweg gebe, denn "überall da, wo wir Überwege gemacht haben, werden sie genutzt." Ja sowas. "Gut, dass die Fußgänger oben bleiben", zitiert Pätzold den Gruß und Leitspruch aller Stuttgart-21-GegnerInnen.

Oben bleiben ist ein gutes Stichwort. Bisher nämlich mussten die Fußgänger immer unten durch, wenn sie aus Richtung Bahnhof und Landtag beispielsweise in die Staatsgalerie oder die Landesbibliothek wollten. Wir wenden also den Blick nach links und kucken etwa 100 Meter weit, da nämlich ist die liebevoll grüngekachelte Unterführung, eine mit Humor sogar, empfängt sie doch den Gehenden bereits mit Erich Kästner: "Ob Sonnenschein, ob Sterngefunkel: Im Tunnel bleibt es immer dunkel." Wohl wahr.

Augen wieder geradeaus, wir sind noch immer bei der Ampel – jetzt ist Veronika Kienzle dran. "Nach 60 Jahren Trennung zwischen Mitte und Ost ist das hier ein Stück Wiedervereinigung", jubiliert sie. "Wir sind sehr dankbar und wünschen diesem Übergang alles Gute."

Dieser Satz wird erst dann so richtig erfahrbar, wenn man weiß, wer bei diesem Überweg alles mitreden durfte. Abgesehen von diversen Verkehrsplanern ist da zum einen die Landesregierung wegen des Landtags diesseits, ebenfalls die Staatstheater und die Oper, jenseits ist es die Staatsgalerie und die Landesbibliothek, von Amts wegen das Amt für Öffentliche Ordnung, das Tiefbauamt, das Amt für Stadtplanung, die Verkehrsbehörde, die Polizei, natürlich Bürger und Bürgerinnen, Behindertenverbände, Blindenverbände, der Stadtseniorenrat. Wobei Behindertenverbände und Radfahrverbände grundsätzlich gerne immer abgeschrägte Bordsteinkanten auch bei Überwegen hätten, der Blindenverband aber nicht, weil Menschen, die nicht sehen können, sonst die Kanten nicht fänden. Es ist, wie so oft, kompliziert.

Dann kommt Polizei, schwarze Limousine, langsam rollt das Auto den Radweg entlang, eine Beamtin steigt aus, fragt grimmig: "Was machen Sie da?" Subtextuell schwingt da Unmut mit, zumindest kurz, denn Oberbürgermeister Fritz Kuhn ist per Hechtsprung schon da, streckt die Hand aus: "Kuhn, hallo, wir weihen eine Ampel ein."

Nach diesem aufmerksamen Intermezzo der Freunde und Helfer kommt, was allen schon in den Füßen juckt: die Straßenüberquerung. "Machen wir einfach mal rüber", sagt Thürnau gut gelaunt. Grade isses noch grün, also schnell auf das Inselchen zwischen Fahrspur eins-zwei und drei-vier gehüpft bevor’s rot wird. Vorne und hinten donnern Autos und Laster vorbei, man fühlt sich ein bisschen wie im Film, wenn der Action-Held fast von einem Zug überfahren wird, sich aber in allerletzter Sekunde auf die Beine kämpft, um sich dann, stehend und gegen immense Fliehkräfte ankämpfend, zwischen zwei in gegensätzlicher Richtung fahrende Bahnen zu retten. Dann ist auch Ampel zwei wieder grün und die ganze Bagage schafft es unbeschadet auf die andere Straßenseite.

Der Fotograf von "Bild" schießt ein Foto vom Oberbürgermeister, während der lächelnd den Ampelknopf drückt. Und zurück geht's, frisch und fröhlich über die B 14. Thürnau sagt: "43 Sekunden Wartezeit im Mittel ist nicht viel. Das kommt einem immer viel länger vor, wenn man wartet." Ob man nicht auch finde, dass es auf dem Verkehrsinselchen bisschen bedrängend sei?, fragt der "Bild"-Mann.

Wieder auf der anderen Seite angekommen, sind alle froh. Auch, dass es vorbei ist. Nur Veronika Kienzle steht noch, beobachtet entzückt eine Gruppe Schülerinnen und Schüler, die sich – quasi in freier Wildbahn – der Ampel nähern. "Großartig", freut sich Kienzle und lächelt, "sie wird sofort angenommen."


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7 Kommentare verfügbar

  • Lowandorder
    am 02.12.2019
    Antworten
    Ach was!

    Fritze Kuhn - theres no man - like this Showman.
    Remember - als ein Flacheisen aus “Letzter Halt Brilon Wald.“
    Nach Bierdeckeln - waberte dieser andere - der Tuning-Fritze.
    Gegen Kündigungsschutz “Es könne ja nicht sein.
    Daß Mann aus ner Ehe leichter rauskomme.
    Als - oh Schreck -…
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