Betont den industriellen Charme: Kippenschachtel auf Schottergarten. Mehr weißgraue Wüsten mit Klick aufs Bild. Fotos: Joachim E. Röttgers

Betont den industriellen Charme: Kippenschachtel auf Schottergarten. Mehr weißgraue Wüsten mit Klick aufs Bild. Fotos: Joachim E. Röttgers

Flutlicht light: Halogen-Lampe nebst sich durchkämpfendem Grüngewächs.

Flutlicht light: Halogen-Lampe nebst sich durchkämpfendem Grüngewächs.

Ein Garten wie ein Gefängnis.

Ein Garten wie ein Gefängnis.

Ein Vorzeigeexemplar in Marnheim bei Rheinland-Pfalz. Foto: Wikimedia Commons, CC-SA 4.0, Autor: Immanuel Giel

Ein Vorzeigeexemplar in Marnheim bei Rheinland-Pfalz. Foto: Wikimedia Commons, CC-SA 4.0, Autor: Immanuel Giel

Ausgabe 436
Schaubühne

Schluss mit Schotter

Von Jürgen Lessat
Datum: 07.08.2019
Dort, wo sonst fleißige Lieschen unermüdlich neue Knospen produzieren, wo Lilien und Hortensien blühen, wo Rosen duften und Nelken sprießen – ist grauer Schotter auf dem Vormarsch. Der Schottergarten, er boomt und transformiert einst insektenumschwirrte Vorgärten in tote Gärten des Grauens. Natur- und Umweltschützer fordern nun ein Verbot.

Ihr Name ist Remsi und sie ist das Maskottchen der Remstal Gartenschau 2019. Warum sie als Biene ausgewählt wurde, erklärt das lustige Summsumm gerne: "Na, weil unser Lebensraum immer mehr bedroht ist!" Und die Gartenschau vor den Toren Stuttgarts will darauf aufmerksam und – vor allem – etwas dagegen machen. Zusammen mit Imkern legten die beteiligten 16 Gartenschaugemeinden und drei Landkreise fast 200 neue Blühflächen für Remsi und ihre Artgenossen an. An den vielen neuen Blumen und Sträuchern sollen Insekten im dicht bebauten Flusstal wieder ausreichend Nahrung finden.

Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Ausgerechnet ein Vorzeigeprojekt der Veranstaltung, das Architekturprojekt "16 Stationen", konterkariert die gute Absicht: Etwa die Station drei in Böbingen an der Rems, wo das Berliner Büro Staab Architekten ein "Weißes Fenster" als "kontrastreiches Raumerlebnis" in den Wald setzte. Unter die Installation, die an Baumstämmen hängt, schütteten die Macher weiße Steinchen, so dass dort kein (blühendes) Kraut mehr wächst. "Zusammen mit der Dachscheibe und dem Kiesboden entsteht so ein irritierendes und poetisches Bild", beschreiben Staab Architekten ihre insektenfeindliche Konstruktion.

Mit knurrendem Magen davonfliegen wird Biene Remsi auch von Station 14 in Waiblingen, wo der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. auf einer kleinen Flussinsel eine begehbare Gebäudeskulptur in einen Schottergarten einbettete. Nur vereinzelt sprießt neben dem "Haus im Fluss" etwas Grün. Was schon vor der Gartenschaueröffnung für politische Aufregung sorgte.

"Wir sind fassungslos", kommentierte Gemeinderätin Iris Förster von der Alternative Liste (Ali) bei einem Vorort-Termin im vergangenen Herbst die Skulpturenwüste. Womöglich sei dies nur ein Vorgeschmack auf das, was Waiblingen dann bei der Internationalen Bauausstellung im Jahr 2027 drohen könnte. Das Waiblinger Rathaus reagierte mit einem Dementi auf die Vorwürfe der grün-alternativen Ratsfraktion. Von wegen Schottergärten, stellte die damalige Baubürgermeisterin Birgit Priebe klar: Auf der Insel sei ein ganz spezielles Substrat auf eine Humusschicht aufgebracht worden, wie es bestimmte Stauden und Blühpflanzen als mageren Boden benötigten. "Das hat überhaupt nichts mit versiegelten Vorgärten zu tun", betonte Priebe, die inzwischen in gleicher Funktion in die Nachbargemeinde Remseck wechselte.

Alles halb so schottrig für Remsi & Co.? Mitnichten, sagen Natur- und Umweltschützer. Nicht nur in Neubaugebieten dehnen sich die "Gärten des Grauens" aus, beklagen sie. "Mittlerweile werden auch grüne Bestandsgärten immer häufiger zu derartigen Steinwüsten umgewandelt", sagt Gerhard Bronner, Vorsitzender des Landesnaturschutzverbands Baden-Württemberg (LNV). Zahlen zur Verschotterung der Hausgärten gibt es zwar keine. Aber selbst in Öko-Hochburgen wie Tübingen und Freiburg bedeckt zunehmend gebrochener Basalt, Granit oder Marmor Hausgärten.

Im Gegensatz zu echten Steingärten, die natürliche Lebensräume nachbilden und Wildpflanzen, Eidechsen, Insekten und Spinnen beherbergen, sind moderne Schottergärten in aller Regel biologisch tot. Üblicherweise wird der Boden abgetragen und mit einem halben Meter Schotter befüllt, in dem keine Pflanzen wurzeln können. Um die Gärten noch steriler zu machen und unerwünschtes Grünzeug am Sprießen zu hindern, wird eine Abdeckung unter dem Schotter eingebracht und die Fläche somit quasi versiegelt. Auch vereinzelte Pflanzen wie Thuja oder Kirschlorbeer werten solche Gärten nicht auf, da heimische Tiere mit diesen nicht heimischen Pflanzen eher wenig anfangen können.

"Für Tiere und Pflanzen ist ein Schottergarten in etwa so attraktiv wie ein asphaltierter Aldi-Parkplatz", sagt Naturschützer Bronner. Mit diesem hätten Schottergärten einen weiteren Nachteil gemeinsam: Die Stein- und Kiesflächen speichern die Sonnenwärme und tragen so zur Aufheizung der Städte bei. Während naturnahe Gärten temperaturausgleichend wirken.

Den Schotter in Steinbrüchen zu gewinnen, ihn manchmal um die halbe Welt zu transportieren, all das verursacht Klimagase, die weiter zur Welterwärmung beitragen. Zudem verhindern abgedichtete Schotterbeete bei starkem Regen die Wasseraufnahme des Bodens, was die Kanalisation belastet und die Gefahr von Überschwemmungen erhöht. "Angesichts der vielerorts nach wie vor großen Baugrundstücke ist es unverantwortlich, zusätzlich zur Bebauung auch noch die verbleibenden Freiflächen dazwischen zu versiegeln", sagt Bronner. "Schottergärten sind ein Angriff auf die Lebensqualität – für uns Menschen genauso wie für Pflanzen und Tiere."

Warum die Verwüstung voranschreitet, kann Bronner nur vermuten: "Schotter ist bei manchen Architekten und Landschaftsplanern gerade en vogue, in Baumärkten billig zu haben, und Hausbesitzer erhoffen sich mit ihm weniger Arbeit." Doch in puncto Pflegeaufwand schneiden die Steinwüsten nur auf den ersten Blick gut ab: Statt Rasenmähen, Gießen und Unkrautjäten müssen Blätter abgesammelt werden, sonst siedeln sich auch auf dem steinigen Untergrund Gräser und Pflanzen an. Wer das nicht regelmäßig tut, muss am Ende den Schotter auswechseln oder gar mit der Giftspritze ran. Das könne keine Lösung sein. "Wer sein Fitnessstudio durch einen naturnahen Garten und Gartenarbeit an der frischen Luft ersetzt, spart Geld und leistet einen Beitrag zum Artenschutz", schlägt Bronner vor.

Schottergärten sind nicht nur ökologisch unsinnig. "Sie widersprechen geltendem Recht und sind somit illegal", betont der LNV-Vorsitzende. So schreibe die baden-württembergische Landesbauordnung (LBO) vor, dass "unbebaute Flächen als 'Grünflächen' anzulegen oder anderweitig zu begrünen sind". "Graue Schotterwüsten erfüllen diese Vorgabe nicht", sagt Bronner. "Die Behörden dürfen hier nicht länger wegschauen." In Zeiten des Insektensterbens sei es unverantwortlich, auch noch die Flächen zwischen den Gebäuden ökologisch zu entwerten.

Das CDU-geführte Wirtschafts- und Bauministerium in Stuttgart interpretiert die Bauordnung anders. Durch die LBO soll dem Eigentümer nicht die Möglichkeit genommen werden, seinen Garten grundsätzlich nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen individuell zu gestalten, betont eine Sprecherin von Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Demnach dürften sich Eigentümerinnen und Eigentümer auch für eine andere zulässige Nutzung unbebauter Flächen entscheiden, statt sie begrünen zu müssen. "Schotter-/Steingärten sind daher nach § 9 Abs. 1 LBO nicht per se unzulässig", so die Sprecherin. Letztlich hänge es vom konkreten Einzelfall ab. "Es geht lediglich darum, eine Versiegelung in unangemessenem und unnötigem Umfang zu verhindern." Den schwarzen Verbotspeter gibt Hoffmeister-Kraut lieber an Städte und Gemeinden weiter. So könnten Kommunen etwa in Bebauungsplänen Einfluss auf die Gartengestaltung nehmen, auch durch Vorgaben, die Schotter- und Steingärten entgegenstehen.

Doch das genügt den Naturschutzverbänden nicht. "Trotz der breiten gesellschaftlichen Diskussionen um den Klimawandel und den Rückgang der Insekten fehlt in vielen Kommunen noch der Handlungswille, ganz konkret gegen die Verschotterung der Vorgärten vorzugehen", sagt NABU-Landeschef Johannes Enssle. Ein Verbot von Schottergärten müsse künftig explizit in allen kommunalen Bebauungsplänen stehen. Das schaffe ein Bewusstsein für die Rechtslage und stelle sicher, dass Bauherren über die Regelung informiert sind. "Über das Insekten- und Vogelsterben nur zu klagen, hilft keiner einzigen Wildbiene auf der Suche nach Nektar und keiner Amsel, die nach einem Wurm sucht."

Zu den Kommunen im Südwesten, die bereits gegen Gärten des Grauens vorgehen, zählt Stuttgart. "Eine begrünte und bepflanzte Fläche ist gut für das Stadtklima und damit auch für alle in der Stadt. Gerade bei immer heißer werdenden Sommern sind Flächen, die auch zur Abkühlung beitragen, noch wichtiger", betont eine Sprecherin von Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Allerdings erstreckt sich das Stuttgarter Schotterverbot bisher nur auf Neubaugebiete. Die Stadtverwaltung prüfe derzeit, wie dies für bestehende Gärten eingefordert werden kann, so die Sprecherin. Zugleich wäre es schön, das Land würde solche Schotterwüsten und Versiegelungen in der Bauordnung auch klar ausschließen, ergänzt sie. "Es könnte die rechtliche Unsicherheit, was man alles unter ‚zulässiger Nutzung’ in der LBO verstehen kann, präzisieren und klar stellen, ob Schottergärten juristisch zulässig oder nicht zulässig sind."

Derweil appellieren NABU und LNV auch direkt an alle Garten- und Vorgartenbesitzer, Architekten und Stadtplaner: "Schottergärten sind Artenkiller, weil sie Lebensräume zerstören. Jede und jeder im Land kann direkt oder indirekt dem erschreckend rasanten Artenschwund entgegenwirken, indem er mehr Natur in seinem Garten zulässt und auf Steinwüsten verzichtet", sagt NABU-Landeschef Enssle. "Sterile Schottergärten speichern wie der Straßenasphalt die Sonnenwärme und tragen so völlig unnötig zur Überhitzung im Siedlungsbereich bei. Sonnenenergie speichern sollten lieber Solaranlagen", ergänzt der LNV-Vorsitzende Bronner. "Das ist gut fürs Klima".


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