Herrenchor mit Dame (v.l.): Winfried Kretschmann, Thomas Strobl, Dieter Zetsche, Oliver Blume, Volkmar Denner, Roman Zitzelsberger, Frank Mastiaux, Brigitte Dahlbender und Rudi Hoogvliet. Foto: Joachim E. Röttgers. Vier Protestbilder gibt's per Klick

Ein bisschen einsam war sie schon, die BUND-Kleintruppe auf der Messe, aber wortstark. Foto: Joachim E. Röttgers

Hier handelt es sich um die Demonstranten vom Bündnis "Verkehrswende jetzt!", das sich vor der Villa Reitzenstein einfand. Foto: Martin Storz

Zum Picknick auf der B 14 hat das Bündnis SÖS-Linke-Plus geladen und dafür ein Plätzchen vor der Oper gekriegt. Foto: Joachim E. Röttgers

So schön kann es auf der Bundesstraße 14 sein. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 382
Schaubühne

Mobil auf höchstem Niveau

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 25.07.2018
Die Macht der Bilder ist enorm. Das PR-Volk weiß das und inszeniert Ereignisse nur für die Kameras. Wie Kretschmanns Strategiedialog der Automobilwirtschaft, bei dem sich alle lieb hatten. Ungeachtet der Demonstrationen draußen. Ein Glück, dass es die Bilder von dort auch gibt.

Weil Bilder bleiben, ist es wichtig, sich vorher zu überlegen, wie sie am besten aussehen. Das spukte gewiss auch den Innenausstattern des Strategiedialogs im Kopf herum, als sie die Wunderautos von Mercedes, Porsche und Audi auf der Stuttgarter Messe präsentierten. Wer herein kam in die Halle C 2, lief direkt auf sie zu, staunte, was sie alles konnten, zum Beispiel elektrisch in 3,5 Sekunden von null auf hundert brausen, und dachte bei sich, dass die deutschen Autobauer und ihre Zulieferer doch nicht so verpennt sind, wie immer gesagt wird. (Seltsam war nur, dass keiner verraten wollte, wie schwer die eingebauten Batterien sind).

Nun weiß man auch, dass es wichtig ist, die Gesichter dazu zu haben. Also waren Dieter Zetsche (Daimler) und Oliver Blume (Porsche) da, Rupert Stadler (Audi) wäre sicher auch gerne gekommen, war aber unabkömmlich. Als mittelbar Beteiligte zeigten sich Volkmar Denner (Bosch), Frank Mastiaux (EnBW) sowie Roman Zitzelsberger von der IG Metall. Von der Politik waren Winfried Kretschmann (Ministerpräsident) und sein Stellvertreter Thomas Strobl erschienen, von dem es hieß, er sei zunächst nicht eingeplant gewesen, weil es schon so viele waren, er habe sich aber rein gedrückt. Zumal auch noch Brigitte Dahlbender vom BUND untergebracht werden musste, die als Vertreterin der Zivilgesellschaft und einzige Frau in die Männerreihe stehen durfte, was nicht so geschickt war. Große Männer, (kl)eine Frau ganz außen – das muss Kretschmanns PR-Stratege Rudi Hoogvliet das nächste Mal besser machen.

Mit dem Gesagten wird er zufrieden gewesen sein. Kretschmann, der bekennende Dieselfahrer, betonte, man müsse jetzt weg kommen von der "ewigen Diskussion über die Altlasten", wobei er offen ließ, was er damit meinte. Den Stadler im Knast, die Fahrverbote, die Manipulationen an der Software, die illegalen Abschalteinrichtungen oder die Rückrufaktionen? Nicht gemeint haben konnte der grüne Regierungschef den Verdacht, dass die Autobosse gemeinsam beschlossen haben, keine Partikelfilter bei Benzinern einzubauen. Diese Meldung sandte der "Spiegel" erst eine Stunde nach seinem leidenschaftlichen Resümee aus. "Die neue Mobilität ist sexy", befand der 70-jährige MP, jetzt gelte es, die "PS auf die Straße" zu bringen.

Diese Beweglichkeit hat der Autoindustrie gefallen, wie uns einer ihrer Vertreter, voll vertraulich versteht sich, verraten hat. Endlich mal nicht geprügelt, endlich mal nicht im Sumpf gewühlt, endlich mal einfach nett zu einander gewesen, das wäre zwar ein wenig langweilig, aber auch erfrischend singulär. Alle sind's zufrieden, wenn Zetsche die "guten Gespräche" lobt, Blume die "konstruktive Diskussion", und Denner berichtet, seine Boschler könnten jetzt mit Fahrrädern zu sehr günstigen Leasingkonditionen fahren. Als Letzte in der Reihe sagt Brigitte Dahlbender, man müsse die Ziele des Strategiedialogs erweitern, in Richtung Nachhaltigkeit.

Draußen vor der Tür ist die Sprache klarer. "Kretschmann und Zetsche würgen die Verkehrswende ab", steht auf einem Plakat. "Wir wollen nicht verrecken wie die Lemminge" auf einem anderen. Vorgezeigt werden sie von einer Kleintruppe von BUND-Aktivisten, die vor der Halle in der Sonne schwitzen, ohne Chance, in den klimatisierten Saal zu gelangen. Zutritt haben nur geladene Gäste, wer es nicht ist, muss draußen bleiben.

Professor Grottian gibt sich als Abgesandter der Kanzlerin aus

Das betrifft auch Peter Grottian. Der ist Professor und Protestler, den man in Stuttgart als S-21-Gegner und bundesweit als Aufrührer (gegen Autos, Banken, Glyphosat und für Schwarzfahren) kennt. Er ist auch führendes Mitglied im Bündnis "Verkehrswende jetzt!" und in dieser Eigenschaft persönlich vor Ort. Im schwarzen Anzug, mit Zylinder und schwarzrotgoldener Schärpe um den Bauch, gibt er sich als "Abgesandter der Kanzlerin" aus, was natürlich gelogen ist, weil Merkel solche Leute nicht ausschickt. Im Gepäck hat er eine Kretschmann-Büste, die eine Art preußischen Dreispitz auf dem Kopf trägt und vorgibt, dem Ministerpräsidenten für sein "weitsichtiges Engagement" für eine "grüne Automobilindustrie" in Kombination mit einer "Demokratie des Gehört-Werdens" zu danken.

Damit agitiert der 76-Jährige zuerst vor der Villa Reitzenstein, wo er sagt, was er wirklich denkt ("Kretschmann liebt Porsche mehr als seine Bürger"), dann vor der Messehalle am Flughafen, wo er nachdenklich auf die meist jungen Menschen vom BUND blickt. Grün-kritisch sei "ganz schwierig", sagt der linke Professor, vor allem für die Vorsitzende im Saal, Brigitte Dahlbender, die sich der Illusion hingebe, "dort etwas bewirken" zu können. Er murmelt etwas von Hofnarren und Feigenblättern und Symbolpolitik. Er wäre gerne zur Pressekonferenz gegangen, hätte gerne eine Frage gestellt, doch bereits an der ersten Security-Hürde ist er gescheitert. Aber, seien wir ehrlich, das hätte auch den zeitlichen Rahmen gesprengt. Eine halbe Stunde für acht Menschen aus dem "Top-Level-Management" (Hoogvliet), das macht selbst der Regierungssprecher nicht zu einer Stunde des Gehörtwerdens.

So hat sich Grottians Bündnis, also die "Verkehrswende jetzt!", eine andere Bühne suchen müssen. Sichtlich verärgert, vielleicht auch enttäuscht, aber in "ungewöhnlich scharfer Form", wie die Autoren finden, hat es den Ministerpräsidenten in einer Pressemitteilung kritisiert. Kretschmann habe die Autoindustrie "angehündelt", sprich sich ihr zu Füßen geworfen, ihre "Betrügereien in Watte gepackt" und nicht einmal einen "Hauch von Distanz" walten lassen, den Hannah Arendt von ihm eingefordert hätte, hieß es dort. Unterzeichnet von Peter Grottian, Peter Erben (BI Neckartor), Julia von Staden (Anstifter) und Manfred Niess (Klima- und Umweltbündnis Stuttgart). Fehlt eigentlich nur noch Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe, den ebenfalls keine Einladung ereilt hat. Im Staatsministerium wird er wegen "Querulantentums" nicht geschätzt, außerdem sagt der Plochinger böse Sachen über Kretschmann, den er laut FAZ duzt und eine "Marionette der Autoindustrie" nennt.

Frau Dahlbender vom BUND soll die Bürger mitnehmen

Brigitte Dahlbender ist diplomatischer. Die Sozialdemokratin sagt, es hülfe nichts, "wenn sich die Herren heilig sprechen". Wenn sie hier im Saale und draußen vergäßen, was sie mit ihren Boliden anrichteten. Offensichtlich müssten sie noch das "Downsizing" lernen, auch angesichts der 650-PS-Protze, die in der Halle herumstehen wie Dinosaurier aus einer vergangenen Zeit. Aber elektrisch. Der Rundgang des "Top-Level-Managements" aus Politik und Wirtschaft beginnt hier. Die BUND-Vorsitzende geht nicht mit, die Bilder wären nicht gut, neben Zetsche und diesen Autos.

Sie hat ihren Stand am hinteren Hallenrand. Unter neun Themenfeldern steht sie auf Platz neun, ihre Überschrift lautet "Gesellschaft und Mobilität". Nach dem Willen der grünschwarzen Regierung soll der Strategiedialog Baden-Württemberg ja nicht nur zum ökonomisch erfolgreichen "Mobilitätsland Nr. 1" machen, sondern auch zum ökologisch nachhaltigsten. Auf diese Reise, meint der Ministerpräsident, müssten auch die Bürgerinnen und Bürger mitgenommen werden, weshalb Gisela Erler, die Staatsrätin für Bürgerbeteiligung, eine Aufgabe mehr hat. Bis zum Frühjahr 2019 soll sie erste Bürgerdialoge und runde Tische eingerichtet haben, unterstützt von Dahlbender und der ehemaligen Eon-Managerin Regine Stachelhaus, die als Co-Vorsitzende fungieren.

Das Trio hat dann lange gewartet, bis Kretschmann zu ihrem Stand gekommen ist. Die Autobosse waren nicht mehr dabei, die Fernsehkameras auch nicht, nur noch Thomas Strobl. Nach fünf Minuten waren sie wieder weg. Ihre Arbeit sei "sehr wertvoll" hat der Landesvater zum Abschied gesagt.


Info:

Weil selbst Kontext nicht den Platz hat, komplexe Themen in gebotener Ausführlichkeit zu präsentieren, sei hierauf die Seite des Staatsministeriums zum Strategiedialog hingewiesenHier steht auch, was die Topmanager aus Wirtschaft und Politik sonst noch so gesagt haben.


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3 Kommentare verfügbar

  • Gerd Rathgeb
    am 25.07.2018
    Welch eine lächerliche Inszenierung vieler Männer und einer Frau. Sie reden von Dialog und laden Kritiker gleich gar nicht ein. Sie reden von Strategie und machen einfach weiter mit den Autos im Zentrum der Mobilität. Zukünftig halt elektrisch und selbst-fahrend. Es sind die Antworten von technikverliebten älteren Herren, von denen eigentlich auch niemand erwartet, dass sie wirklich zukunftsorientiert denken und nach „enkelgerechten“ Lösungen suchen. Dazu sind sie viel zu satt, eingebunden ins Profitdenken…. und phantasielos dazu.

    Schon in den 80er Jahren haben wir versucht, den Daimler in die Richtung eines Mobilitätskonzerns zu schieben, in dem nicht das Auto im Zentrum steht, sondern die Bahn und der öffentliche Verkehr. Kleinere und leichtere 3 Liter Autos sollten dann verwendet werden, wenn das Mobilitätsbedürfnis mit Bahn und Bus nicht befriedigt werden kann. Und dies alles mit Mietautos/Stadtmobil um langsam Abschied zu nehmen von der „eigenen“ und 80 % der Zeit nutzlos herumstehenden Blechkiste.

    Damals waren auch noch Grüne dabei, wenn solche Gedanken und Visionen diskutiert wurden. Doch diese Zeiten scheinen vorbei. Die Wende in der Mobilitätspolitik sollten wir nicht mehr von den Grünen erwarten. Ihre Klientel fährt teilweise heute SUVs, träumt von Elektroautos und merkt dabei gar nicht, dass diese genau so viel Platz brauchen wie die alten - und noch mehr Rohstoffe, die wir uns von den Ländern des Südens holen.

    Zusammen genommen stimmt es also schon, wenn Kretschmann und Strobl gemeinsam mit den Betrügern der Autoindustrie in einer Reihe stehen. Sie ziehen am gleichen Strang.

    Gerd Rathgeb
    • Harald Habich
      am 25.07.2018
      Treffender kann man es nicht ausdrücken !!!
    • Waldemar Grytz
      am 25.07.2018
      Lieber Gerd,
      von den Ideen der 80er meilenweit entfernt, im Politbetrieb die Karriere gemacht, für die sie in einem "normalen" Beruf (ob als Handwerker oder Unidozent) größere und weniger intrigante Kompetenzen hätten haben müssen... Nur schade, dass wir solchen Leuten auch noch in den Sattel geholfen haben.

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