Bild 1 von 11: Innenhof der Moschee in der Mauserstraße in Stuttgart-Feuerbach. Oben hängen die Entwürfe für den Neubau. Foto: Ulrich Knufinke

An der Ecke Mauser-/Albrechtstraße befindet sich heute die Stuttgarter Ditib-Zentralmoschee, nebst Bestattungsinstitut, Reisebüro, Versicherung und Juwelier. Foto: Ulrich Knufinke

Die Zentralmoschee in Stuttgart-Feuerbach innen. Foto: Ulrich Knufinke

Im Gebäude der Ulmer Zentrum-Moschee befand sich einmal ein Autohaus. Foto: Ulrich Knufinke

Die Gebetsteppiche sind auf die Qibla-Wand in Richtung Mekka ausgerichtet. Foto: Ulrich Knufinke

Der 2012 eröffneten Aalener Moschee ist kaum noch anzusehen, dass sie sich ebenfalls in einem früheren Autohaus befindet. Foto: Katharina Philana Rindtorff

Wandbild in einem Nebenraum der Aalener Moschee Foto: Katharina Philana Rindtorff

Direkt neben dem Minarett: ein kleiner Spielplatz. Foto: Katharina Philana Rindtorff

Das erste Minarett der Stadt steht in Stuttgart-Wangen. Foto: Ulrich Knufinke

Der Bereich für Frauen ist durch Holzgitter abgetrennt. Foto: Ulrich Knufinke

Der Gewinnerentwurf von Mustafa Rasch für die neue Moschee in Stuttgart-Feuerbach. Noch ist nicht ganz klar, ob das Geld reicht. Foto: Ulrich Knufinke

Ausgabe 349
Schaubühne

Raus aus dem Hinterhof

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 06.12.2017
Zehn Prozent aller Stuttgarter sind Muslime. Doch wo sind ihre Gotteshäuser? Ein Seminar des Instituts für Architekturgeschichte hat sich auf die Suche gemacht und präsentiert nun in einer sehenswerten Ausstellung "Schwäbische Moscheen".

Stuttgart, Ulm und Biberach: Das sind nicht nur Städte an der Schwäbischen Eisenbahn, sondern auch solche, in denen es Moscheen gibt – wie in insgesamt 180 Ortschaften im Land. In Stuttgart sind es mehr als zwanzig, keine davon bisher in einem eigens für diesen Zweck gebauten und nach außen auf den ersten Blick als Moschee identifizierbarem Gebäude. Die Fatih Camii des türkisch-islamischen Kulturvereins Ditib in Biberach ist in einem verputzten und hellgelb gestrichenen barocken Gebäude am Rand der Altstadt untergebracht. Die Ulmer Zentrum-Moschee befindet sich dagegen in einem Gewerbegebiet zwischen Autohäusern und anderen Zweckbauten, ist aber an einem ungewöhnlichen, blau-gläsernen Minarett weithin als islamisches Gotteshaus erkennbar.

Ein Seminar am Institut für Architekturgeschichte der Universität Stuttgart hat sich im Wintersemester 2016/17 den Moscheen der Region Stuttgart gewidmet. Unter Anleitung von Ulrich Knufinke, eigentlich ein Experte des jüdischen Sakralbaus, mit Unterstützung von Levent Güneş von der Abteilung Integrationspolitik der Stadt Stuttgart und dem Islam- und Religionswissenschaftler Hussein Hamdan von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, arbeiteten sie sich in das Thema ein. Die Ergebnisse ihrer Recherchen sind nun ab Donnerstag, 7. Dezember in der Universitätsbibliothek zu sehen.

Für Katharina Philana Rindtorff, die demnächst den Entwurf einer Moschee in Stuttgart als Masterarbeit abgeben wird, stellt sich die Frage nicht, ob Muslime zu Deutschland gehören, schreibt sie im Katalog, der zu der Ausstellung erscheint. "Für heutige Studierende der Architektur und Stadtplanung", so Rindtorff weiter, stelle sich eine ganz andere Frage: "Der Islam gehört zu Deutschland, doch wo sind die Moscheen?"

Jeder zehnte Stuttgarter ist muslimisch

Fast zwei Drittel der unter Achtzehnjährigen in Stuttgart stammen aus Familien, in denen mindestens ein Eltern- oder Großelternteil aus einem anderen Land eingewandert ist, auch wenn sie selbst überwiegend in Stuttgart geboren sind. Die größte Gruppe unter den Migranten sind die Türken. Doch ebenso viele Muslime – oder ihre Vorfahren – stammen aus anderen Ländern. Insgesamt bekennt sich jeder zehnte Stuttgarter zum Islam.

Doch die wenigsten Stuttgarter Moscheen sind auf den ersten Blick als solche erkennbar. Sie liegen zudem häufig in Industriegebieten, wo sie kaum ein Mensch wahrnimmt. Lange Zeit war das in Deutschland und den Nachbarländern normal. Anfangs mussten Kellerräume genügen, bevor die Migranten es sich leisten konnten, ehemalige Autohäuser oder Fabrikgebäude anzumieten und die sogenannten Hinterhofmoscheen entstanden.

Aber natürlich ist das auf Dauer unbefriedigend. Eine Moschee muss in erster Linie schön sein, ein Ort, an dem man sich gern aufhält, sagen viele der Gesprächspartner der Studenten im Katalog. Mannheim war eine der ersten Städte, wo Mitte der Neunzigerjahre im Stadtteil Jungbusch, als eine von vierzehn Moscheen der Stadt, der repräsentative Neubau der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee entstand. Seither sind unter anderem in Aalen, Esslingen oder Weil der Stadt weitere Neubauten dazu gekommen.

Es ist zumeist ein langer und steiniger Weg: Erst kürzlich hat die Stadt Stuttgart einer Gemeinde im Stadtteil Stammheim den Betrieb einer Moschee untersagt: weil sie in einem Gewerbegebiet liegt, wo andere Nutzungen nicht zulässig seien. Anderswo können sich die Vereine aber oft die Räume nicht leisten. In Esslingen war das Minarett einen Meter höher als erlaubt. Nicht dass eine Moschee heute unbedingt ein Minarett bräuchte: Einen Muezzin, dessen Stimme über den Verkehrslärm hinweg bis zu den fernen Wohngebieten der Gläubigen durchdringt, gibt es nicht. Aber das Minarett dient, wie der Kirchturm, auch dazu, die Moschee zu finden.

Das Minarett als Wegweiser

Das erste Stuttgarter Minarett, ein schlanker, quadratischer Turm aus Beton, aus dessen vier Seiten jeweils zeichenhaft die typische Minarettform herausgeschält ist, dient daher auch als Titelmotiv der Ausstellung. Der ursprünglich bosnischen Gemeinde im Industriegebiet Wangen war es wichtig, ein weithin erkennbares Zeichen zu setzen, damit Gläubige die Moschee überhaupt finden. Aber sobald eine Moschee an einem Minarett oder einer Kuppel auf den ersten Blick als solche erkennbar ist deutlich, warnen Rechtsnationale reflexhaft vor einer "Überfremdung des Abendlands".

Genau deshalb sind Moscheegemeinden sehr um Aufklärung bemüht. Seit 1997 laden sie jährlich am 3. Oktober zum Tag der offenen Moschee. Auch die Studierenden der Uni Stuttgart fanden ein offenes Ohr. Die Ausstellung bietet auch denjenigen Einblicke in eine unbekannte Welt, die sich scheuen, eine Moschee zu besuchen. Dazu gehört etwa, dass die vorgestellten Bauten allesamt nicht nur aus Gebets- und Andachtsräumen bestehen, sondern als Gemeindezentren viele wichtige Aufgaben übernehmen: von der Schulbildung über Suchtprävention bis zur kostenlosen Essensausgabe an Bedürftige an den Abenden des Ramadan. Mit Sprachkursen und weiteren Angeboten leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Integration muslimischer Flüchtlinge.

Es gibt viele verschiedene Moscheevereine, in Stuttgart zum Beispiel neben der erwähnten ursprünglich bosnischen auch eine albanische Moschee sowie Vereine arabischer Studenten, von Menschen aus Pakistan, Bangladesch, Afghanistan, Tunesien und weiteren Ländern. Der größte und wichtigste Träger ist aber der Dachverband Ditib, ausgeschrieben Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, mit dem angeschlossenen Moscheevereinen. Er betreibt seit 1993 im Feuerbacher Industriegebiet an der Mauserstraße, wegen der vielen türkischen Geschäfte in der Umgebung auch Klein-Istanbul genannt, in einer früheren Fabrikhalle die Zentralmoschee und will nun einen Neubau erstellen. Ursprünglich wollte der Verein ins Stadtzentrum, doch die Grundstückspreise waren unbezahlbar. So kam es zu der Entscheidung, am bisherigen Standort weiterzumachen.

Stuttgart könnte eine Vorzeigemoschee bekommen

Den Architekturwettbewerb gewann das Büro SL Rasch aus Leinfelden-Echterdingen. Ursprünglich gegründet von Mahmoud Bodo Rasch, hat das Büro mit seinen riesigen und doch grazilen Schirmen vor der Großen Moschee von Medina und zahlreichen weiteren Projekten in der islamischen Welt für Aufmerksamkeit gesorgt. Inzwischen leitet sein Sohn Mustafa das Büro. Dessen Entwurf übersetzt eine klassische Anordnung in eine moderne Architektursprache: Ein dreigeschossiger, rechteckiger Block um einen Innenhof dient als Gemeindezentrum mit Teehaus, Schulräumen, Buchladen, Räumen für die Verwaltung und weitere Funktionen. Ein hoher Durchgang lenkt den Weg durch den Hof zur quadratischen Moschee mit einer modernen Leichtbaukuppel.

Mustafa Rasch betont, dass es sich bisher lediglich um den Wettbewerbsentwurf handelt. Da noch nicht feststehe, ob er auch so umgesetzt wird, möchte er keine falschen Erwartungen wecken. Ismail Cakir, der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, erklärt, die Gemeinde stehe zu Raschs Entwurf, kleine Änderungen könne es jedoch geben. Es geht um das Budget. Der Neubau finanziert sich aus Spenden und Krediten. Der Verein hofft auf weitere Spenden. Derweil laufen die Ausschreibungen, auch von den Angeboten hängt es ab, was die Gemeinde sich leisten kann. Es besteht aber offenbar die Befürchtung, dass Kostensteigerungen das Budget sprengen könnten.

 

Info:

Die Ausstellung im Foyer der Universitätsbibliothek in der Holzgartenstraße 16 ist bis 18. Januar 2018 zu sehen und montags bis freitags von 8 bis 22 Uhr, samstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet; zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Michael Imhof Verlag, 9,95 Euro.


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5 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 08.12.2017
    ....bei allem Verständnis zur Völkervielfalt und deren Religionen sollte sich nicht nur Herr Heißenbüttel fragen, ob sich mit den Moscheen der Ditip Organisationen eher die Verselbständigung des politischen Auftrags der Türkei gesteuert wird. Natürlich kann die Ästhetik eines „Religions“Gebäudes in zentraler Lage das Auge mehr erfreuen, als eine Kaschemme im Hinterhof eines Gewerbeareals. Ich denke z. B. an die „Böhmsche“Moschee in Köln, ein Wahrzeichen.
    Allerdings wäre ich gespannt, wie die Reaktion der türkischen Obrigkeit zum „Neu“Bau einer christlichen Kirche im Herzen muselmanischer Quartiere aufgefaßt würde. Von der Genehmigung eines Gebäudes der Ungläubigen ganz zu schweigen. Eine Moschee ja, unter Voraussetzung -wie bei den Rasch‘s oder Gutbrod‘s -und wie sie alle hießen man paßt sich ihrem Glauben an.
    Doch wie soll das im umkehrten Falle funktionieren?
    Das ist die Knux
    • Dietrich Heißenbüttel
      am 11.12.2017
      Die Situation ist nicht symmetrisch. In der Türkei gibt es nicht wenige alte christliche Kirchen, aufgrund der (laizistischen) nationalistischen Ausrichtung bei der Gründung der Republik wurde jedoch das Staatsvolk als türkisch definiert. Der Genozid an den Armeniern hat die christliche Bevölkerung auf ein Minimum dezimiert. Im vorigen Jahr ist nach längerem Hin und Her seither zum ersten Mal wieder ein Kirchenneubau genehmigt worden. Die wahrscheinlich einzige nennenswerte christliche Migrantengemeinschaft sind die orthodoxen Syrer. Der Anteil der Christen an der Gesamtgesellschaft liegt bei 0,2 bis 0,3 Prozent
    • Michael Schenk
      am 12.12.2017
      Zitat HR: "Allerdings wäre ich gespannt, wie die Reaktion der türkischen Obrigkeit zum „Neu“Bau einer christlichen Kirche im Herzen muselmanischer Quartiere aufgefaßt würde."

      Mich würde in diesem Zusammenhang überhaupt nicht interessieren, was die türkische Obrigkeit zu einem 'symmetrischen' christlichen Vorhaben sagt.
      Glücklicherweise haben wir hier in D keine vergleichbare Obrigkeit, und das begreife ich als großen Vorteil. Ich möchte meine Entscheidungen nicht von denen Dritter abhängig machen, sondern davon, was ich selbst für vernünftig und angemessen halte.
  • Sholem Sholem
    am 06.12.2017
    Ach, die DITIB ist jetzt ein "türkisch-islamische[r] Kulturverein" - nicht mehr die Auslandsorganisation des Muslimbruders und Möchtegern-Osmanen-Sultans Tayyip Erdogan? Sweet, KONTEXT. (Sprecht doch mal mit Aslı Erdoğan oder Filiz Koçali darüber.)
    Anstatt Hilfe und Unterstützung für Modernisierungsverweigerer bei der eigenständigen Gestaltung ihres Lebens einzufordern, werden riesige heterogene Gruppen in den essentialisierenden Identitätszoo "Moslems" gesperrt und hier kulturell ausgestellt und angesehen. "Was für ein interessantes Haus - eigentlich ganz hübsch. Ach - eine Moschee? Stimmt, da sind Moslems drin." (Ob sie aus Marokko, Bosnien, der Türkei, dem Irak oder Indonesien kommen - egal. Kulturell sind's halt alle Moslems.)
    Wo Religiöses nach aussen gekehrt und betont wird, sollen die Errungenschaften der Moderne und die säkular-liberale Gesellschaft zurückgedrängt werden - egal, welcher Art diese Religion auch sein mag und als wie "liberal" oder "modern" sie sich proklamiert. Dies kann nicht Aufgabe des Gemeinswesens (Staates) sein. Der hiesige Staat hat durch die einseitige und durch nichts gerechtfertigte Bevorzugung der "christlichen" Religionsart dabei hier natürlich schlechte Karten und unterstützt lieber die gesellschaftlich einflussreichsten Religionsgruppen in ihrem Kampf gegen ihren gemeinsameN FeindIn: die/den rationaleN AtheistIn.
    • Dietrich Heißenbüttel
      am 07.12.2017
      Ditib ist der Dachverband, in dem in ganz Deutschland die größten Moscheevereine zusammengeschlossen sind: die größten, weil Türken bei uns die größte muslimische Gruppe sind. Die Moscheen sind zunächst ein Treffpunkt für diese Menschen, die aus einem anderen Land hierher gekommen sind, darüber hinaus leisten sie auch Sozialarbeit z.B. bei der Integration muslimischer Flüchtlinge. Der Architekt des Feuerbacher Moscheeneubaus sagt, was ihm wichtig war, ist (natürlich auch, dass man sieht, dass es eine Moschee ist, aber v.a.) dass es etwas mit der Stuttgarter Architekturtradition zu tun hat, damit es ein Ort der Begegnung wird und nicht der Abgrenzung. Wer immer schon weiß, dass die alle von Erdogan ferngesteuert sind, ohne da gewesen zu sein und mit jemand geredet zu haben, verkennt solche Feinheiten und v.a. gibt es dann gar keine Chance, sich auszutauschen und näher zu kommen. Ich finde, dass das wichtig ist. Sonst haben wir nur noch Trumps und Erdogans, und zwar auf beiden Seiten.
      Kleine Nebenfrage: Sholem Shollem ist sicher nicht Ihr richtiger Name. Aber sind Sie Israeli? oder Jude? oder warum wählen Sie dieses Pseudonym, wenn Sie so anti-religiös eingestellt sind?

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