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Stuttgart 21

"Bei uns ist zwei plus zwei noch vier"

Stuttgart 21: "Bei uns ist zwei plus zwei noch vier"
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Sechzehn Jahre nach der Schlichtung zu Stuttgart 21 verlangen renommierte Kritiker:innen einen weiteren "professionellen Faktencheck". Ein Anlass ist die Neubewertung des Stresstests durch den Schweizer Verkehrsplaner Werner Stohler. Doch auch ohne die ist der Problemstau bei dem Milliardenprojekt enorm.

Cem Özdemir steht im Wort. Jedenfalls gemessen an seinen früheren Äußerungen, denn Baden-Württembergs Ministerpräsident hat immer eindeutig Position bezogen für den Kopfbahnhof. Zwei Mal in seiner Zeit als Grünen-Bundesvorsitzender war er Redner bei einer Montagsdemo gegen Stuttgart 21, im Februar und im August 2010. Er war Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestags, vor einen Jahr im beginnenden Landtagswahlkampf rüffelte er "die ewige Salamitaktik" der Deutschen Bahn, nannte Stuttgart 21 ein "Fass ohne Boden". Und er verlangte als Regierungschef erst unlängst von der neuen DB-Chefin Evelyn Palla, "alle Karten auf den Tisch zu legen". Durchsetzen konnte er sich damit bisher nicht. Die DB will nicht liefern – der interne Revisionsbericht zu S 21, dessen Ergebnisse Palla Ende Juni nur sehr kursorisch referierte, bleibt weiterhin unveröffentlicht.

Andere dagegen liefern bereitwillig und traditionell faktenbasiert. "Bei uns ist zwei plus zwei noch vier", sagt Christoph Engelhardt. Der Physiker, Initiator des Faktencheckportals WikiReal.org, zeigt seit Schlichtung und Stresstest jene Mängel des Großprojekts auf, die selbst eineinhalb Jahrzehnte später und trotz teurer Nachbesserungen nicht behoben sind. In mühevoller Kleinarbeit haben die Faktenchecker um Engelhardt nun noch einmal alles Problematische aufgelistet – nicht zuletzt für die Nachwachsenden, denen Detailwissen über das 1994 (!) öffentlich vorgestellte und heute noch immer weit von der Inbetriebnahme entfernte Unterfangen fehlt. Nico Gunzelmann beispielsweise, der jüngste CDU-Abgeordnete im neuen Südwest-Landtag, ist geboren im Dezember 2002, als für Tiefbahnhof und Schnellbahnstrecke offiziell noch läppische zweieinhalb Milliarden Euro veranschlagt waren. Aber auch in der Grünen-Fraktion sind fünf Abgeordnete unter 30.

Befassen sie sich mit nacheilender Lektüre, begegnen sie im geltenden grün-schwarzen Koalitionsvertrag für Baden-Württemberg Wattebauschsätzen wie diesem: "Stuttgart 21 wird als leistungsfähiger, digitaler Verkehrsknoten vollendet, um Kapazität, Pünktlichkeit und verlässliche Anschlüsse zwischen Fern-, Regional- und S-Bahnverkehr sowie weiteren Verkehrsträgern zu gewährleisten." Ausgerüstet mit derart flockigen Prognosen, aber ohne eigene Erfahrungen mit der leidvollen Geschichte dieses Bahnhofs werden sie demnächst darüber befinden müssen, was passieren soll, wenn die erwähnten Kapazitätsversprechen doch nicht eingehalten werden. Wenn es um die Auswirkungen auf den Bahnverkehr im ganzen Land geht, wenn es darum geht, dem angestrebten Deutschlandtakt auf die Schiene zu helfen mit einer unbedingt notwendigen Attraktivitätssteigerung. Oder um den ungedeckten Wechsel auf die Zukunft, wonach irgendwann in ferner Zukunft dank Digitalisierung alle Hürden genommen sein sollen. Da hilft es, die aktuelle Engelhardtsche Bestandsaufnahme zu lesen.

Ungelöste Fragen von Gefälle bis Entrauchung

Aufschlussreich ist dieses Dokument für alle Fachleute erst recht, weil das Sammelwerk Probleme und Risiken des Tiefbahnhofs eindrucksvoll in Erinnerung ruft: vom unzulänglichen Starkregenschutz bis zur seit so vielen Jahren ungelösten Frage der Entrauchung, vom kühnen Leistungsversprechen bis zum so oft problematisierten Gefälle im Tiefbahnhof. "Wir können behaupten, Stuttgart ist das Schilda der Neuzeit, es baut sich mit Stuttgart 21 ein Denkmal des Unverstands, dieses Projekt stellt den größten Schildbürgerstreich aller Zeiten dar", schreckt Engelhardt selbst vor verwegenen Superlativen nicht zurück. 

Der 61-Jährige ist unverbesserlichen Projektfans bestens bekannt, spätestens seit er den jetzt wieder diskutierten Stresstest schon vor 15 Jahren aus mehreren Perspektiven zerlegte. Weil die Verkehrsberater:innen des Schweizer Unternehmens SMA seinerzeit gar nicht Regie führten, sondern nur "in einem vollkommen intransparenten Verfahren" das Ergebnis abnickten. Und dann tat der promovierte frühere Siemens-Mitarbeiter Engelhardt, "was eigentlich jeder machen kann, wenn er sich den elektronischen Fahrplan herunterlädt und einfach die Züge zählt". Die daraus gezogenen Schlüsse gelten bis heute und wurden jüngst durch die Äußerungen des SMA-Mitgründers Werner Stohler sowie kurz darauf des Ex-SMA-Geschäftsführers Giuliano Montanaro eindrucksvoll bestätigt. 

Zwischen den Stühlen

Im Juni 2018 fand auf Antrag der Partei Die Linke sogar eine Bundestagsanhörung zu den "Chancen von Aus- oder Umstieg bei Stuttgart 21" im Verkehrsausschuss statt. Schon damals übrigens entblätterte Thilo Sarazzin (SPD) seine jetzt in der im SWR ausgestrahlten Dokumentation "Stuttgart 21 – Die Jahrhundertbaustelle" wiederholte Kritik an der Wirtschaftlichkeit des Projekts. Der Vorsitzende im Verkehrsausschuss hieß Cem Özdemir und fasste die Ergebnisse auf eine Weise zusammen, die die Kopfbahnhofbefürworter:innen zu Recht nicht akzeptieren mochten. "In der Kritik bin ich bei den Kritikern", sagte er einerseits. Und andererseits, dass er in der Schlussfolgerung aber zu dem Ergebnis komme, "dass ich sage: 'Jetzt ist die Katz' den Baum nauf', wie man bei uns sagt. Jetzt muss man eben das Beste draus machen". Wie die Grünen so oft bei S 21, saß Özdemir auch damals zwischen den Stühlen. Denn ebenfalls groß war der Ärger unter den S-21-Befürwortern, weil er in einem Interview aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht und zu Protokoll gegeben hatte, dass "es den Projekttreibern von damals gut zu Gesicht stehen würde, wenn von ihnen jetzt ein 'mea culpa' käme, denn die Kritiker hatten bisher in fast allen Punkten recht". Unverzüglich sah er sich dem Vorwurf aus CDU und FDP ausgesetzt, er habe seine Neutralitätspflichten verletzt. Das Protokoll dieser Anhörung wäre einer jener Grundlagen, mit denen sich die eingefleischten S-21-Unterstützer:innen angesichts der Entwicklung seither so dringend auseinandersetzen müssten. Und alle Nachgeborenen erst recht. (jhw)

"Pinocchiade" nennt Engelhardt einmal mehr die Versprechungen der Bahn bei einer Online-Pressekonferenz in der vergangenen Woche und führt als einen von vielen Belegen die vorgesehenen Haltezeiten an: Nur zwei bis drei Minuten sollten sie dauern, was schon Heiner Geißler 2010 "nach meiner unmaßgeblichen praktischen Erfahrung" als deutlich zu kurz und deshalb unrealistisch bewertete.

Viele Punkte für einen neuen Faktencheck

Nicht nur Züge zählen in Fahrplänen macht schlauer. Jeder Bahnfahrende kann jeden Tag per Handy und Stoppuhr im Stuttgarter Hauptbahnhof die Zeitangaben auf ihre Tauglichkeit überprüfen. Ähnlich lohnend ist eine Betrachtung der vorhandenen Bahnsteige vor Ort. Mit gut acht Metern sind sie knapp zwei Meter schmaler als die im künftigen Tiefbahnhof – allerdings nicht wie in diesem durch breite Treppenaufgänge verengt. Vor zehn Jahren hatte die Grünen-Bundestagsfraktion per parlamentarischem Antrag, mitunterzeichnet von Özdemir, Details dazu wissen wollen: Was passiert, wenn unter der Erde ein Feuer ausbricht, und ob der Brandschutz mit der logischerweise notwendigen Treppenlösung gegeben ist.

Die offiziellen Angaben tendierten stark zum Nein, was den Brandschutz angeht. Und zeigten, wie sehr sich die damalige Bundesregierung aus Union und SPD auf die Deutsche Bahn verließ. Alle 15 Antworten auf die 15 Fragen beginnen mit der Formulierung "nach Auskunft der DB AG", auch wenn sie noch so unbefriedigend ausfielen wie diese Mitteilung: "Nach Auskunft der DB AG ist die maximale Fluchtweglänge für Rollstuhlfahrer vom Brandort abhängig." Einer von Dutzenden Punkten, die in einem professionellen Faktencheck dringend behandelt werden müssten. 

Engelhardt hat die Personenangaben im Brandschutzkonzept mit denen zum Thema Leistungsfähigkeit verglichen und festgestellt: Die geringen Zahlen der zu evakuierenden Personen passen nicht zu den deutlich höheren, die – angesichts der Kapazitätsversprechen zu Spitzenstunden – vor Ort sein müssten. Sie passen eher dazu, dass die Kapazität des Tiefbahnhofs – nun wird es absurd – selbst in dessen Planfeststellungsbeschluss nur mit 32 bis 35 Zügen angegeben ist und nicht mit 49, wie der Stresstest 2011 bescheinigen sollte.

Razavi müsste die Klärung dringend interessieren

Vorrangig müsste Baden-Württembergs Verkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) dringend interessieren, was dran ist an all den Einwänden. Und sie muss ihr Wissen zur Projekthistorie insgesamt aufpolieren. Denn erst kürzlich in einem Südkurier-Interview bekannte sie, dass sie sich in ihren "dunkelsten Träumen nicht hätte vorstellen können, welche Fehler die Bahn bei der Umsetzung gemacht hat". Wer über Jahre hinweg Razavis öffentliche Auftritte unter anderem im Landtag erleben durfte, wo sie im Dienste des Tiefbahnhofs Gift und Galle spie gegen grüne und sonstige Widersacher:innen, den beschleichen allerdings erhebliche Zweifel, ob die Schuld an all dem Ärger so ganz allein bei der Bahn abgeladen werden kann. 

Künftigen Alpdruck zumindest könnte ein neuer Faktencheck von Razavi nehmen, wenn sich Land, Stadt, Region und die DB dazu entschließen könnten, Heiner Geißlers Motto von 2010 zu befolgen: "Alle an den Tisch, alles auf den Tisch." Und den Koalitionspartner müsste die Ministerin von solch einem Vorgehen nicht erst überzeugen. Auf Kontext-Anfrage erinnert eine Sprecherin der Grünen-Fraktion an die Verantwortung der DB, "dafür zu sorgen, dass der neue Stuttgarter Hauptbahnhof zuverlässig, stabil und leistungsfähig funktioniert", und dass diese "in der Pflicht steht, alles Notwendige dafür zu tun, dass der Bahnknoten Stuttgart den Anforderungen des täglichen Bahnverkehrs dauerhaft gerecht wird". Wenn sie das "mit einem Faktencheck überprüfen möchte, ist sie auf der sicheren Seite". 

Neuer Name, bleibende Ziele

Im Frühjahr 2007 gründete sich das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, gut 19 Jahre später ändert es nun seinen Namen: "Wir heißen jetzt 'Aktionsbündnis Kopfbahnhof Stuttgart'", erklärte Werner Sauerborn, einer der drei Bündnissprecher, in einer Pressekonferenz am vergangenen Montag. Dem Missverständnis, man ignoriere die Fakten – denn der Tiefbahnhof ist ja im Rohbau fertig –, wolle man damit Rechnung tragen. Zentrale Ziele des Bündnisses blieben bestehen: "Wir sind für den Erhalt des Kopfbahnhofs und den Erhalt der Gäubahnanbindung an den Kopfbahnhof", sagte Sauerborn, "und das impliziert, dass wir gegen die Bebauung des Gleisvorfelds und gegen den Bau des Pfaffensteigtunnels sind". Die Namensänderung bedeute keineswegs, die Probleme des Tiefbahnhofs auszublenden. "Wir werden ungeklärte Fragen wie die des Brandschutzes und der Überschwemmungsrisiken auch in Zukunft weiter thematisieren", betonte Sauerborn. Und natürlich werde auch auf die jüngsten Hiobsbotschaften zu S 21 reagiert. "Wir sehen für den Widerstand gegen das Projekt gerade eine qualitativ neue Lage", sagte Bündnissprecher Martin Poguntke. Einen ersten Schub habe es durch Bahnchefin Evelyn Pallas Ankündigungen gegeben, dass sich die Inbetriebnahme von S 21 um weitere fünf Jahre verzögern und das Projekt nochmals drei Milliarden Euro teurer werde. Dann kamen die Bekenntnisse der früheren SMA-Leute Werner Stohler und Giuliano Montanaro, der S-21-Stresstest sei "wertlos". "Damit fiel die Kapazitätsbehauptung zusammen. Wie wäre die Volksabstimmung 2011 ausgegangen, wenn diese Fakten bekannt gewesen wären?", fragte Poguntke und forderte "ein Moratorium, bis wirklich alle Fragen geklärt sind."

Die nächste größere Aktion gibt es schon am kommenden Montag, 12. Oktober: Die DB will den "symbolischen Baustart" des Pfaffensteigtunnels feiern, dabei sein sollen neben Palla auch Bundesverkehrsminister Steffen Bilger und seine baden-württembergische Amtskollegin Nicole Razavi (beide CDU). Gegen ein "Weiterso gegen Fakten und Vernunft" will das Aktionsbündnis gemeinsam mit der Schutzgemeinschaft Filder und dem Bündnis Pro Gäubahn demonstrieren; los geht's um 9.30 Uhr an der Endhaltestelle der U6 (Messe), von 10 bis 11 Uhr findet eine Kundgebung an der Rettungszufahrt an der L 1192 statt.  (os)

Matthias Gastel, langjähriger Verkehrsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, wird noch deutlicher und sieht "vor allem diejenigen in der Verantwortung, die Stuttgart 21 wider besseres Wissen und gegen die schon damals deutlichen Bedenken durchgedrückt haben". Die Projektpartner sollten sich "schnellstens beraten, ob eine seriöse, transparente und wissenschaftlich haltbare Simulation in Auftrag gegeben wird, um die tatsächliche Kapazität zu ermitteln".

Das Stami schiebt der DB den Schwarzen Peter zu

Im baden-württembergischen Staatsministerium wird die Forderung immerhin auch gewälzt. Der Ministerpräsident hält sich in Sinne der Koalitionsfriedens zurück. Ein Sprecher schiebt auf Kontext-Anfrage den Schwarzen Peter allein der DB zu, denn die sei als Bauherrin verantwortlich. Das Land leiste einen vertraglich festgelegten Finanzierungsbeitrag, der nicht überschritten werde. Diese Rechtslage sei gerichtlich in letzter Instanz bestätigt. "Für die Menschen kommt es vor allem darauf an, dass der neue Hauptbahnhof im Alltag zuverlässig funktioniert und der Bahnverkehr stabil läuft", heißt es weiter, "und wir erwarten, dass die Deutsche Bahn dafür alle notwendigen Schritte unternimmt." Ebenfalls in ihrer Verantwortung liege, "ob sie dies zusätzlich durch einen Faktencheck absichern möchte".

Früher, zu seiner Zeit als Parteichef, war Özdemir weniger diplomatisch und ein Freund klarer Ansagen. Nicht wenige davon sind heute so aktuell wie am ersten Tag. Zum Beispiel der schöne Satz, Stuttgart 21 sei noch lange nicht in trockenen Tüchern, ganz egal wie viel Geld aus den Propagandakassen ausgegeben werde, um vom Gegenteil zu überzeugen. Oder sein Hinweis schon im Februar 2010 darauf, dass in der Landeshauptstadt Geld verbuddelt werde, das anderswo dringend fehle. Und seine Frage, warum es ausgerechnet bei diesem Projekt nicht zu einer Kostenexplosion kommen sollte, müsste im Faktencheck nur marginal abgewandelt werden – und zwar in: Warum es zur Kostenexplosion gekommen ist? 

Christoph Engelhardt hat mit der Auflistung all der Kritikpunkte in seiner Pressekonferenz jedenfalls in Erinnerung gerufen, dass die Gegner:innen von S 21 argumentativ jederzeit in einer neuerlichen Anhörung bestehen können und bestehen wollen. Nur müssten dem auch die Befürworter:innen zustimmen und damit signalisieren, dass sie dem Austausch der Positionen und Erkenntnisse im Herbst 2026 ernsthaft gewachsen wären. So oder so können sich die Verantwortlichen in der Landeshauptstadt langsam, aber sicher darauf einstellen, dass am Ende einige Gleise weiterhin im Kopfbahnhof gebraucht werden und dementsprechend oben bleiben.

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