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Bundesprogramm "Menschen stärken Menschen"

Ein Vorzeigeprojekt vor dem Aus

Bundesprogramm "Menschen stärken Menschen": Ein Vorzeigeprojekt vor dem Aus
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Bundesweit unterstützen Mentoring-Projekte Geflüchtete bei der Ankunft in Deutschland. Nun will Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) die Mittel für das Förderprogramm streichen. In Ostfildern bei Stuttgart kämpft der Freundeskreis Asyl um sein erfolgreichstes Integrationsprojekt.

In den hellen Räumen des Treffpunkt Ruit in Ostfildern geht es am Mittwochabend fröhlich zu. Schon von außen hört man das Gelächter, innen wird freudig gegrüßt. Alle zwei Wochen findet hier, knapp elf Kilometer südöstlich von Stuttgart, der Deutschstammtisch des Freundeskreises Asyl Ostfildern statt. Doch im Laufe des Gesprächs wird die Stimmung ernster, denn die Anwesenden fürchten das Aus ihres erfolgreichen Integrationsprojekts.

Das Mentoring-Projekt des Freundeskreises gibt es bereits seit 2016. Erst am 20. Juni feierte er mit rund 100 Gästen das zehnjährige Jubiläum. Kurz darauf kam die böse Überraschung: Die staatliche Förderung, mit der das Projekt seit Beginn finanziert wird, soll nun wegfallen. Im Entwurf des Bundeshaushalts für 2027 sieht das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter Karin Prien (CDU) nur noch 700.000 Euro für das Programm "Menschen stärken Menschen" vor. Für das laufende Jahr wurden noch 18 Millionen Euro eingeplant. Der Bundesverband Soziales Mentoring kritisiert in einem öffentlichen Statement, dass dieser Etat nur noch zur Abwicklung, nicht aber zur Fortführung des Programms gedacht sein kann.

An diesem Mittwoch sind knapp 20 Personen im Ruiter Treffpunkt. In der Mitte des Raumes sitzt eine große, fröhliche Runde beisammen. Abseits davon, an den Fenstern mit Blick auf einen Park, hat sich eine kleinere Gruppe gebildet. Vier Frauen sitzen an dem Tisch, alle engagieren sich seit Jahren für das Mentoring-Projekt. Über 700 Patenschaften zwischen Geflüchteten und Mentor:innen sind im Rahmen des Projekts bereits vermittelt worden, bilanziert Ursula Zitzler, Vorsitzende des Freundeskreises Asyl. Damit alles zuverlässig funktioniert, wird das Projekt von einem Zusammenschluss aus dem Freundeskreis, der Stadt und der Bürgerstiftung Ostfildern getragen.

Unterstützung im neuen Land

Auch Daad Lorenz sitzt mit am Tisch. Die Projektkoordinatorin ist als einzige Hauptamtliche bei der Bürgerstiftung angestellt. Sie begleitet die Patenschaften vom Kennenlernen bis zum Ende der maximal zweijährigen Laufzeit. Die gebürtige Iranerin weiß selbst, was es bedeutet, in einem neuen Land Fuß zu fassen. Neben dem Organisatorischen kümmert sie sich auch um den zwischenmenschlichen Kontakt. Während die kleine Runde beisammen sitzt, begrüßt Daad Lorenz immer wieder einzelne Gäste und erzählt, wie diese damals zu ihr kamen und wo sie heute sind: bei Bosch, am Forschungszentrum KIT in Karlsruhe oder im Grünflächenamt in Esslingen.

Damit die Patenschaft gelingt, orientiert sie sich an dem, was die sogenannten Mentees sich wünschen. Manche von ihnen brauchen Hilfe, sich im neuen Land zu orientieren. Dann helfen die Mentor:innen beim Einkaufen im Supermarkt, schauen gemeinsam die Post durch oder begleiten ihre Mentees zu Arzt- und Amtsbesuchen. Andere wünschen sich Unterstützung, während sie einen deutschen Schulabschluss nachholen oder in das Berufsleben einsteigen. Die meisten aber wollen ihr Deutsch verbessern.

Dafür gibt es Mentor:innen wie Annefried Auffarth. Seit 2015 betreut sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene und übt mit ihnen die deutsche Sprache. Immer montagabends treffen sich ihre aktuellen Mentees bei ihr im Wohnzimmer. Über verschiedene Texte kommen sie miteinander ins Gespräch. Was gelesen wird, ist ganz unterschiedlich. "Das können kurze Texte sein, aus dem Alltag oder Zeitschriften. Immer wieder lesen wir auch Bücher oder mal den Erlkönig", erzählt die Rentnerin. Am wichtigsten sei es, dass alle Spaß haben, denn so lerne man am besten. "Bei mir werden aus den 90 Minuten auch schnell mal zwei Stunden", sagt die Mentorin. "Oder auch zweieinhalb!", fügt Özlem Cavusoglu hinzu.

Ein Beispiel gelungener Teilhabe

Cavusoglu war selbst einmal Mentee von Auffarth. Die Physiklehrerin aus der Türkei ist seit acht Jahren in Deutschland und erzählt in der Runde, wie viel sie aus der Patenschaft mitgenommen hat. "Das Projekt und seine Beteiligten haben mir geholfen, mich in der neuen Gesellschaft und ihrer Kultur zu orientieren, und sie haben mir den Mut gegeben, mich den Herausforderungen beim Wiederaufbau meines Lebens in einem neuen Land zu stellen", sagt die 47-Jährige.

Mit ihrer Mentorin ist Özlem Cavusoglu bis heute in Kontakt. Die Gemeinschaft, die sie über das Mentoring-Projekt und den Freundeskreis erfahren habe, sei wie eine Familie für sie. Deswegen möchte sie etwas zurückgeben und engagiert sich heute selbst als Mentorin. Kindern von der ersten bis zur zehnten Klasse bringt sie die deutsche Grammatik bei und begleitet Familien bei Behördengängen, Arztbesuchen und Elternabenden, um dort zu dolmetschen und zu unterstützen.

Freundschaften wie die zwischen Auffarth und Cavusoglu sind seit 2016 einige entstanden. Für Ursula Zitzler zeigt sich daran der Erfolg des Mentoring-Projektes: "Mittlerweile hat sich ein Netzwerk unter den Beteiligten etabliert." Auch in der Stadtgemeinschaft ist das Projekt heute fest verankert. Für den Gemeinderat der Stadt Ostfildern sei das Projekt deshalb fraktionsübergreifend ein "vorbildliches Beispiel für gelungenen gesellschaftlichen Zusammenhalt", wie Kontext auf Anfrage von der städtischen Pressesprecherin erfährt. Ursula Zitzler sieht das im städtischen Zusammenhalt bestätigt. Der Freundeskreis sei sich der ausländerfeindlichen Stimmung in der Bundesrepublik bewusst, doch in Ostfildern erfahre das Projekt große Zustimmung und viel Engagement, selbst von Menschen außerhalb des Freundeskreises. Anfeindungen habe es bislang noch keine gegeben.

Auch die Nachfrage sei weiterhin hoch, wie Daad Lorenz betont. Nur kommen die meisten Anfragen heute direkt von Schulen oder Familien, nicht mehr von Sozialarbeiter:innen. Passende Mentor:innen werden über gezielte Online-Ausschreibungen gesucht. "Wenn sich jemand meldet, der das Mentoring wirklich machen möchte, dann klappt es auch", versichert sie.

Abwicklung trotz bundesweitem Erfolg

Doch wenn die Finanzierung wegfällt, klappt bald gar nichts mehr. Nach Angaben des Familienministeriums würde das mehr als 260.000 entstandene Patenschaften in ganz Deutschland betreffen. Dabei hat eine Wirkungsanalyse des Ministeriums erst 2021 den Erfolg von Mentoring-Projekten bestätigt. Sie helfen den Mentees in Deutschland gut anzukommen und auch die Mentor:innen nehmen viel aus der interkulturellen Begegnung mit. Gefördert wurden die Patenschaften bisher für maximal zwei Jahre mit 200 Euro pro Tandem im Jahr. Daraus wird beispielsweise Daad Lorenz’ Stelle als Projektkoordinatorin mitfinanziert.

Eine Begründung für die Kürzung lieferte das Familienministerium bislang nicht. Auf Kontext-Anfrage wird auf das Programm "Demokratie leben!" und dessen Sondervorhaben "Integration und Teilhabe" verwiesen. Dies soll künftig die Projekte von "Menschen stärken Menschen" mitfinanzieren. Da aber auch der Etat für "Demokratie leben!" gekürzt wird, kann das die wegfallende Förderung nicht auffangen.

Seitdem der Haushaltsentwurf bekannt ist, weisen verschiedene Organisationen auf massive Verluste hin, sollten die Pläne tatsächlich umgesetzt werden. Gerade die professionelle Koordination hinter den Patenschaften sei laut dem Bundesverband Soziales Mentoring enorm wichtig. Er warnt, dass sich die verlorene Infrastruktur aus "Vertrauen, Erfahrung und lokalen Kooperationspartnern" nicht mehr einfach wiederherstellen lasse, wenn sie erstmal weg ist. Auch die Arbeiterwohlfahrt kritisiert, dass Familienministerin Karin Prien (CDU) ausgerechnet im Bereich Migration und Engagement spare.

Doch noch ist der Bundeshaushalt nicht beschlossen. Die drei Projektpartner in Ostfildern versuchen nun, lokal etwas zu bewegen. In einem offenen Brief wandten sie sich an die Esslinger Bundestagsabgeordneten Sebastian Schäfer (Bündnis 90/Die Grünen) und David Preisendanz (CDU). In Kontext vorliegenden Antwortschreiben weisen beide Politiker auf die schwere Haushaltslage hin, versichern aber, sich für eine Fortführung des Programms einsetzen zu wollen. Wie das konkret aussehen soll, verraten sie jedoch nicht. Auch die Stadt Ostfildern betont auf Anfrage die Wichtigkeit des Programms: "Es sind gewachsene Strukturen und Netzwerke des bürgerschaftlichen Engagements gefährdet."

Weiterführung um jeden Preis

Vielfach wurde belegt, dass Mentoring ein sinnvolles Konzept für gesellschaftliche Teilhabe ist. Auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen, einer der 24 Programmträger von "Menschen stärken Menschen", ist von den Kürzungen betroffen. Auf Kontext-Anfrage schreibt er: "In Zeiten von Polarisierung, Vereinzelung und Digitalisierung sind diese Begegnungen zwischen Menschen, unmittelbar und vor Ort, eine enorme Bereicherung. Sie stärken über die beteiligten Organisationen die lokale Engagementinfrastruktur und helfen, Vorurteile abzubauen, Kompetenzen weiterzugeben und andere Perspektiven einzunehmen."

Ursula Zitzler sieht in der geplanten Kürzung eine generelle Tendenz der aktuellen CDU-SPD-Bundesregierung bestätigt. Abschottung und Sparmaßnahmen seien jedoch der falsche Weg. Mit einer vergleichsweise geringen staatlichen Förderung von insgesamt 18 Millionen Euro erziele das Programm "Menschen stärken Menschen" auch bundesweit große Wirkung. "Oftmals brauchen die Menschen nur einen kleinen Schubser und für eine gewisse Zeit Begleitung, um weit zu kommen", sagt Ursula Zitzler. Das Ostfilderner Projekt zeige vorbildlichen und gelebten gesellschaftlichen Zusammenhalt und stehe gegen Ausgrenzung und Bildungsungleichheit.

Egal, was kommt: Die Projektpartner in Ostfildern wollen versuchen, zumindest bestehende Patenschaften weiterzuführen. So bestätigt die Stadt: "Die beteiligten Partner haben ausdrücklich deutlich gemacht, dass sie ihre eigenen Mittel nicht kürzen wollen." Doch die fehlende Summe auffangen, können sie langfristig nicht. 2023 hat die Stadt Ostfildern ihren jährlichen Beitrag auf 10.000 Euro erhöht. Mehr sei aufgrund der angespannten kommunalen Haushaltslage nicht möglich. Kann die Finanzierung nicht anders kompensiert werden, steht das Mentoring-Projekt in seiner jetzigen Form vor dem Aus.

Am vergangenen Dienstag, 8. September begannen in Berlin die Haushaltsdebatten, die Verabschiedung ist für den 27. November 2026 geplant. Bis dahin wollen die Aktiven des Mentoring-Projekts aus Ruit für eine Weiterfinanzierung kämpfen. Immerhin bleiben einige Verbindungen erhalten, wie Annefried Auffarth versichert: "Ich werde meine Treffen auf jeden Fall fortsetzen." Auch Özlem Cavusoglu ist zuversichtlich, dass das Projekt irgendwie weitergeführt werden könne. Doch ohne die Finanzierung fällt die pädagogische und soziale Betreuung durch Menschen wie Daad Lorenz und Ursula Zitzler weg – und Menschen, die neu nach Ostfildern kommen, werden es deutlich schwerer haben, in ihrer Stadt Fuß zu fassen.
 

Das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE), eines der Trägerorganisationen des Programms, hat  eine Petition für den Erhalt von "Menschen stärken Menschen" gestartet. Mehr Infos dazu gibt es hier.

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