Erst vor zehn Monaten, im Mai 2025, wurde ein Landeselternbeirat Kindertagesbetreuung (LEBK) gewählt. In reichlich später Anerkennung des Umstands, dass elementarpädagogische Einrichtungen längst für viel mehr zuständig sind und sein müssen als für Spielen und Betreuung. Gleich beim ersten Auftritt in der Öffentlichkeit erfüllte das demokratisch legitimierte Beratungsgremium des Kultusministeriums seinen Auftrag. Ein gebührenfreies letztes Kita-Jahr "wird nicht ausreichen, um Defizite auszugleichen", sagte die LEBK-Vorsitzende Heike Kempe Ende Februar in Stuttgart vor Journalist:innen. Vielmehr müsse die ganze Kita-Zeit in den Blick genommen werden.
Zu diesem Zeitpunkt lief der Landtagswahlkampf schon auf Hochtouren, und alle demokratischen Parteien hatten sich dem beitragsfreien Pflichtjahr in der Kindertagesstätte verschrieben. CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel ging sogar einen Schritt weiter und sprach davon, "faktisch zu einer fünfjährigen Grundschule" kommen zu wollen, um endlich den vielfach festgestellten Zusammenhang zwischen familiärer Herkunft und Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen aufzulösen". Schon im Sondierungspapier mit den Grünen hatte die CDU 2021 fest zugesagt, diese Entkoppelung "ins Zentrum" der Bildungspolitik zu rücken und "unter anderem auf eine sozialindexbasierte Ressourcenzuweisung als echte Innovation für mehr Bildungsgerechtigkeit zu setzen. Sogar die Begründung wurde mitgeliefert: “So wollen wir den Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund an höheren Bildungsabschlüssen entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung erhöhen."
Trotz immer neuer Appelle der Wirtschaft, den Fachkräftemangel ernsthaft anzugehen, ist in den seither vergangenen fünf Jahren nur wenig geschehen. Neueste Berechnungen bestätigen frühere Prognosen, wonach der Fachkräftemangel von rund 380.000 unbesetzten Stellen bis 2035 auf rund 580.000 ansteigt. In ihrem "Fachkräftemonitor" hat die IHK im Land einen sich daraus ergebenden Wertschöpfungsverlust von rund 220 Milliarden Euro ermittelt. Im bundesweiten Vergleich ist der Südwesten danach sogar überdurchschnittlich betroffen.
Die Rechnung liegt auf der Hand: Heutige Vorschulkinder erreichen 2035 und danach die Ausbildungsreife, die Weichen müssten also schnellstens gestellt werden. Dass ausreichende Deutschkenntnisse die Schlüssel zu vielem sind, ist mittlerweile Allgemeingut. Nicht durchgesetzt hat sich bei vielen politischen Entscheider:innen – siehe die "faktisch fünfjährige Grundschule" –, welche Wege zielführend sind. "Eigentlich müssen wir die Kinder, die Sprachförderung brauchen, so lange wie möglich in den Kitas haben", weiß Waltraud Weegmann, die Vorsitzende des Deutschen Kitaverbands und Geschäftsführerin des in Stuttgart beheimateten Konzept-e Netzwerks, das bundesweit 48 Kinderhäuser betreibt.
Das letzte Kita-Jahr ist zu spät
"Reden, Reden, Reden ist das wichtigste", sagt die Stuttgarterin, die nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim 1981 die erste Kita mitbegründete. Gerade Kindern aus Familien mit nichtdeutschen Wurzeln müssten so viele Sprachanlässe "wie irgend möglich geboten werden". Damit erst im letzten Kindergartenjahr zu beginnen, sei zu spät. Außerdem weist der neue Landeselternbereit darauf hin, dass die pädagogische Wirkung schon allein deshalb nicht sehr durchschlagend sein kann, weil ohnehin bereits mehr als 95 Prozent der Fünfjährigen im Land eine Kita besuchen.
Versorgungsgrad und finanzielle Aufwendungen für Kinder unter drei Jahren, die mit dem Ziel der Sprachförderung also dringend verstärkt erreicht werden müssten, hängen von der Postleitzahl des Wohnorts ab. Nach den LEBK-Zahlen müssen Eltern gegenwärtig mit 614 Euro Gebühren pro Monat in Reutlingen kalkulieren, mit 936 Euro in Sachsenheim im Landkreis Ludwigsburg und mit 966 Euro in Baden-Baden. In der Landeshauptstadt werden 219 Euro genannt. Seit 2020 wurden diese vergleichsweise niedrigen Gebühren nicht mehr erhöht. Gegenwärtig ist angesichts der knappen Kassen eine Steigerung je nach Alter und Angebot zwischen 7,5 Prozent und 11 Prozent geplant, aber noch nicht endgültig beschlossen. Auch die für die frühkindliche Bildung Verantwortlichen in der Stadt bestätigen, dass mit der Sprachförderung deutlich früher begonnen werden müsste als im letzten Kita-Jahr.
Diese Erkenntnis ist übrigens Jahrzehnte alt. Bereits 1961 hatte die UNESCO zu Beratungen über die Stellung der Vorschule als "Fundament des gesamten Bildungsgefüges" eingeladen. Die Erfüllung "wertvoller Erziehungsaufgaben" wurde schon damals den Jahren vor der ersten Schulklasse zugeschrieben, weil sie "zur Persönlichkeitsentfaltung des Kindes in psychischer, geistiger und sozialer Hinsicht beitragen". Störungen in der Entwicklung könnten diagnostiziert oder negative Milieu- und Erziehungseinflüsse neutralisiert werden. Skandinavien oder Frankreich haben sich damals auf den Weg gemacht.
Für Baden-Württemberg anerkannte der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) erst in seiner ersten Regierungserklärung 1991 die Wahlfreiheit für Frauen zwischen Beruf und Familie und die daraus resultierende Notwendigkeit des Ausbaus von Kindergärten, wie es im Land seinerzeit noch immer hieß. Selbst im Landtagswahlkampf 2021 warb die Südwest-CDU ("Dein Kind, Deine Entscheidung") gegen verpflichtende Standards sogar in Ganztagsgrundschulen. Ohne weitere Erläuterungen wurde versprochen, die frühkindliche Bildung "weiter zu stärken".
Jetzt sind die Wahlsieger am Zug. Bemerkenswert ist, dass zuverlässige Daten kaum vorliegen. In Zuge der Entscheidung des Innenministeriums, das Kita-Volksbegehren der Südwest-SPD nicht zuzulassen, hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) angekündigt, zunächst Informationen sammeln zu lassen und vorzulegen. Unter anderem sollte ermittelt werden, warum die Gebühren in den Kommunen im Land derart weit auseinanderliegen. Der Plan verlief im Sande.
Rechercheschwaches Kultusministerium
Eine Reihe von parlamentarischen Anfragen sozialdemokratischer Bildungsfachleute in der Landtagsfraktion konnte keine Details zutage fördern, weil das zuständige Kultusministerium auf die Kommunen als Träger der Einrichtungen verweist. Reichlich ahnungslos war auch dessen Antwort auf den SPD-Vorschlag eines Vergleichs mit anderen Ländern. "Das Land hat zudem keine Kenntnis, in welchem Bundesland es bislang gebührenfreie Kitas gibt", so die zuständige Ministerin Theresa Schopper (Grüne). Zudem lägen ihm keine Studien vor, wonach "die aktuellen Betreuungsbeiträge in Kindertageseinrichtungen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beeinträchtigen".
Errechnet dagegen ist, wie allein die Beitragsfreiheit des letzten Kitajahres beim Land zu Buche schlagen wird: rund 200 Millionen Euro pro Jahr laut Finanzministerium. CDU-Parteichef Manuel Hagel hat zumindest indirekt auch schon eine Idee entwickelt, woher das Geld kommen könnte. Wie frühere CDU-Ministerpräsidenten will er den Länderfinanzausgleich reformieren, um Baden-Württemberg als Geberland von Anfang an zu entlasten. Es könne nämlich nicht sein, dass mit dem Geld aus dem Südwesten die Beitragsfreiheit in Bremen oder Berlin bezahlt werde. Allerdings ist das eine tendenziöse Zuspitzung: Denn die Nehmerländer können völlig frei entscheiden, was sie mit dem Geld der Geberländer finanzieren wollen.
Selbst Cem Özdemir mit seiner Bildungsbiographie und den schmerzlichen Erfahrungen zum Hochdeutschen-Spracherweb meint, für die nächsten Jahre keine größeren Hoffnungen machen zu können über die Finanzierung des letzten Kita-Jahres hinaus. Er wolle nichts versprechen, sagt der voraussichtlich künftige Ministerpräsident, was angesichts der finanzielle Lage nicht umzusetzen sei. Also sind Kinder mit nicht-deutschen Wurzeln weiterhin auf glückliche Fügungen angewiesen, auf engagierte (Nachhilfe-)Lehrkräfte und aufs gegebenenfalls vorhandene eigene Sprachtalent. Und wenn sich nichts davon einstellt oder entwickelt, schlummern Fähigkeiten unentdeckt, die so dringend für Baden-Württembergs Prosperität gebraucht werden.




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